Benjamin Darwin


Sein Name war Benjamin Darwin.

 

Mary’s Sohn teilte uns drei Tage nach der Beerdigung per E-Mail mit, dass er uns im Studio treffen wollte. Um genau zu sein war das heute und am liebsten wäre ich einfach im Bett geblieben. Marc war schon früh auf und um in der Kanzlei zu arbeiten, ich hatte also meine Ruhe. Ich musste mich zwingen mich auf den Weg zu Dresswell zu machen, denn es konnte gut möglich sein, dass Benjamin uns bloß mitteilen wollte das Studio zu schließen. Es würde mir das Herz brechen, nicht weil ich dann arbeitslos wäre, sondern weil ich die Arbeit hier liebte.

Ich hatte keine Ahnung wie es ohne Mary weitgehen sollte, doch dieser Job war das letzte was mich hier hielt.

Mit schweißnassen Händen ergriff ich den Türknopf des Studios und öffnete die Eingangstüre. Es sah alles aus wie immer, ein reines Chaos, aber ein professionelles Chaos. Ich sah mich kurz um doch konnte weder Ally noch John entdecken also ging ich weiter nach hinten.

Ich hörte leises Rascheln aus Mary’s Büro und bekam plötzlich Angst. Was wenn hier jemand eingebrochen war und ich denjenigen auf frischer Tat ertappte?

Eine bekannte Stimme ließ nahm mir jedoch diese Angst.

„Mrs. Stanley, kommen sie bitte rein“, sagte Benjamin mit einer ruhigen tiefen Stimme.

Er trug bloß Jeans und ein hellblaues Hemd welches oben aufgeknöpft war, ein ziemlich starker Kontrast zu dem Mann im Anzug vor wenigen Tagen.

Ich sah auf und ab an ihm, versuchte mich zu konzentrieren, doch es wollte mir einfach nicht gelingen.

„Ehm... wo sind denn Ally und John?“, fragte ich leicht verunsichert.

Benjamin der soeben noch in irgendwelchen Dokumenten stöberte zog die Augenbrauen zusammen und sah zu mir. Sein Blick wirkte ein wenig beunruhig. Oder war es eher zornig? Ich konnte seinen Ausdruck nicht deuten und das machte mir ein wenig Sorgen.

„Ah, entschuldigen sie. Ich wollte mit jedem alleine sprechen, die beiden anderen kommen nach ihnen, aber ich werde sie nicht lange aufhalten, keine Sorge“, erwiderte er ausdruckslos. Ich nickte bloß.

„Um ehrlich zu sein hatte ich keine Ahnung, dass sie hier arbeiten. Ich wusste immer nur von Ally und John. Meine Mutter hat sie nie erwähnt...“, sagte er mit gerunzelter Stirn.

Komisch fand ich es schon, denn Mary war immer begeistert von meiner Leistung sie hätte mich also ruhig auch erwähnen können, doch es gab bestimmte gute Gründe dafür. Vielleicht vergaß sie einfach darauf, vielleicht sprach sie mit ihm auch gar nicht über Dresswell’s.

„...und wenn ich sie mir ansehe, dann weiß ich auch warum“, beendete er seinen Satz. Sein Blick war weiterhin auf mich gerichtet, doch seine Miene ließ mich nicht erahnen was genau er damit meinte.

War das ein Kompliment oder eher das Gegenteil von einem?

Seine Augen machten mich nervös, sie schienen jede einzelne Bewegung von mir zu beobachten. Ich schluckte fest und versucht selbstsicher rüberzukommen, doch ich bezweifelte, dass mir das gelang.

„Emily, ich möchte ehrlich mit ihnen sein. Ich hatte zwar keine Ahnung von ihnen, doch sie scheinen ihre Arbeit sehr gut gemacht zu haben. Ich habe unzählige Notizen über ihre tollen Leistungen gefunden. Kommen wir aber zum springenden Punkt“, sagte er sanft.

Er sah mir so tief in die Augen, dass ich Angst hatte meine Knie würden nachgeben. Es war als würde er meine Zustimmung einholen wollen und so nickte ich. Ich brachte immer noch kein Wort heraus, doch das schien ihn auch nicht weiter zu stören.

„Gut, also ich habe keine Ahnung was ich mit Dresswell machen soll. Ich werde die nächsten Wochen in Crownville verbringen, da ich die Verhandlung... Nicht so wichtig, ich möchte, dass sie alle drei währenddessen weiterarbeiten und ich ihnen dabei zusehen kann. Vielleicht kann ich meine Entscheidung dadurch leichter treffen. Sie werden natürlich weiterhin bezahlt. Ist das in Ordnung für sie?“

Seine Stimme klang nun unsicher, weicher.

Dieses schimmernde Grün flackerte immer wieder in seinen Augen und ich musste mir immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass er mich soeben etwas fragte, ich sollte also antworten.

„Natürlich, wenn sie das so wollen.“

Gut, das war vielleicht nicht die Antwort, die ich mir zu Recht legte, aber immerhin antwortete ich.

„Ich möchte, dass sie hier arbeiten wollen. Sehen sie, ich bin nicht ihr Boss, aber ich muss diese Firma verwalten und ich weiß nicht wie ich das machen soll, wenn ich sie und ihre Arbeitsweise nicht kenne.“

Von mir aus arbeite ich hier, doch was dachte er sich dabei?

Natürlich würden wir immer im Hinterkopf behalten, dass er das Studio sofort schließen könnte und wir auf der Straße sitzen würden. Nicht gerade die besten Voraussetzungen für Meisterleistungen.

„Natürlich möchte ich hier weiterarbeiten, ich weiß nur nicht wie das ohne...“

Ich brach sofort ab und hielt mir beschämt die Hand vor den Mund.

Er verlor seine Mutter und ich war so wahnsinnig unsensibel.

Wie Marc, dachte ich mir. Aber ich wollte nicht wie Marc sein.

 

„Schon okay, ich habe auch keine Ahnung wie wir das ohne ihr schaffen sollen“, antwortete er verlegen, brach den Blickkontakt ab und sah aus dem Fenster.

Durch das Tageslicht konnte ich die Schatten unter seinen Augenringen erkennen. Ein leichter 3-Tages-Bart umschmeichelte sein markantes Kinn.

„Es tut mir leid. Ich kann ihren Schmerz nur erahnen, doch ich möchte, dass sie wissen wir werden ihnen nicht zur Last fallen. Wenn sie also Hilfe benötigen können sie sich jederzeit an uns wenden.“
Ich wollte professionell rüberkommen, doch eigentlich entsprach auch alles der Wahrheit. Wenn er Fragen zu Dresswell hätte, würden wir ihm natürlich helfen. Um ehrlich zu sein wollte ich ihm am liebsten noch viel mehr helfen, doch das würde vermutlich nicht gelingen. Er tat mir unendlich leid, denn auch heute erkannte ich das Leid in seinem Blick, die höllischen Schmerzen durch die er gerade ging.

Er drehte sich wieder in meine Richtung und lächelte mich leicht an.

„Wissen sie was ich hätte tatsächlich einige Fragen. Hätten sie heute Abend Zeit für ein Abendessen während sie mir alles über Dresswell erzählen?“

Ich soll... WAS?

Ein unwiderstehlich süßes Lächeln lag auf seinen Lippen, es war eines dieser Art die mich annehmen ließ, er wollte wirklich nur geschäftlich essen. Irgendwie enttäuschte mich diese Tatsache und trotzdem konnte ich nicht widerstehen.

„Sehr gerne, Mr. Darwin.“

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