Kapitel 2                    Andrew

 

Zumindest habe ich mich vorgestellt. Zwar ein bisschen gestottert – aber was soll's? Naja. Das versuche ich mir die ganze Zeit einzureden, aber richtig überzeugt bin ich selbst davon noch nicht. Das Einzige, was ich wirklich geschafft habe, ist mich vor allen anderen lustig zu machen. Und ich spüre die Blicke auf mir, während ich mich auf dem Tisch zusammensinken lasse. Ich weiß, dass sie mich seltsam finden. Ich weiß, dass der erste Eindruck zählt. Und ich weiß auch, dass ich diesen vermasselt habe.

Was mich aber auch beschäftigt, ist dieses seltsame Mädchen neben mir. Mit dem rotbraunen gelockten Haar. Elisabeth heißt sie, glaube ich. Vorhin hat sie mich angelächelt. Als ob ich hier willkommen wäre. Aber dieses Mal mache ich mir keine Hoffnung. Nein. Diesmal nicht. Deswegen habe ich sie ignoriert.

Die Schulstunde scheint, genau wie die Busfahrt, endlos zu dauern. Mit den Blicken der anderen auf mir und mit dem Getuschel, von welchem sie glauben ich höre es nicht.

Als es schellt, setze ich mich langsam auf und achte darauf, dass ich als letzter den Raum verlasse. Am liebsten würde ich die ganze Pause dortbleiben. Allein. Allein mit meinen Gedanken. Doch das darf ich nicht, denn der Raum wird abgeschlossen. Im Flur stürzt alles wie eine riesige Welle auf mich ein. Die Stimmen. Der Lärm. Die Blicke. Die Menschen. Wieder einmal kommt die altbekannte Panik in mir auf. Schon am ersten Tag? Eine Panikattacke? Ich schaffe es gerade noch in eine einigermaßen leere Ecke des Flurs. Dort breche ich in mich zusammen. Das kenne ich alles schon. Das Herzrasen, die Panik und die leise Gewissheit, dass ich es genau wie auf der letzten Schule nicht schaffen werde. Dass ich enden werde, wie mein Vater. Am Ende würde es wohl oder übel darauf hinauslaufen. Auf Alkohol, Arbeitslosigkeit und vielleicht sogar Drogen. Ich tauge echt zu nichts.
Schluchzend lasse ich meinen Kopf auf die Knie sinken und versuche alles über mich ergehen zu lassen. Ja, jetzt habe ich es endgültig versaut. Endgültig versaut Freunde zu finden. Die ganze Schule hat mich jetzt schon so gesehen. Wer will da noch etwas mit mir zu tun haben? Naja. Etwas Gutes hat es ja. Ich mache mir keine Hoffnung, so wie ich es will.

Plötzlich spüre ich eine Hand auf meiner Schulter. Leise flüstert mir eine Stimme etwas ins Ohr.

„Andrew? Was ist los?“

Es ist eine zarte Stimme. Eine Mädchenstimme. Und ohne aufzuschauen weiß ich, wem sie gehört. Elisabeth. Doch wieso redet sie mit mir? Findet sie mich etwa nicht seltsam?

Stopp! Ich darf mir keine Hoffnung machen. Diesmal nicht. Das habe ich mir geschworen. Ich schiebe ihre Hand von meiner Schulter. Und rücke ein Stück weg von ihr. Weiter in die Ecke hinein.
„L-lass mich in Ruhe!“

Ohne mein Zutun schluchze ich erneut auf und sinke weiter in mich zusammen. Mein Herz rast immer noch ohne Pause. Die Panik ist noch nicht verschwunden. Obwohl ich ihr gesagt habe, dass ich es nicht möchte, bleibt Elisabeth neben mir.

„Aber Andrew. Es muss doch irgendwas passiert sein. Ist es, weil du gestottert hast? Weißt du, ich hatte auch mal meinen ersten Schultag an einer neuen Schule. Ich weiß, wie das ist. Und es ist auch normal, wenn man stottert und sich erstmal unwohl fühlt.“

Ja, klar normal. Und nein, sie weiß nicht, wie es ist. Sie weiß nur, wie es für sie war. Und ich wette, dass ich mich allemal schlimmer zum Affen gemacht habe, als sie.

Und wieso ist sie noch neben mir? Sie soll endlich verschwinden!
„Geh weg, Elisabeth!“

Ich höre sie seufzen.

„Wenn du es unbedingt willst, Andrew. Aber bitte gib mir Bescheid, wenn ich dir irgendwie helfen kann. Ich hasse es andere leiden zu sehen.“
Auf einmal nimmt sie mich in den Arm. Ich spüre ihre Wärme und rieche ihren Geruch. Doch dann lässt die mich los, und als ich zum ersten Mal seit langer Zeit aufblicke, sehe ich sie nur noch um die Ecke gehen.

Verwirrt starre ich ihr hinterher. Ist das gerade wirklich passiert?

Comments

  • Author Portrait

    Du beschreibst die Gefühle des jungen Mannes sehr einfühlsam! Ich bin sicher, daß es sich bei Andrew um einen hochsensiblen Jungen handelt. Ebenso Elisabeth, die es grossartig versteht, Andrew die Distanz zu geben, die er wünscht und gleichzeitig sein Innerstes zu berühren. Ich freue mich auf die Fortsetzung!

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media