Corey und die Anderen


   Shane packte den toten Mann an der Schulter und hievte ihn in eine sitzende Position. Corey selbst hatte sich inzwischen an der Ausrüstung des Mädchens bedient und trat nun zu ihm. Shane stabilisierte Jiri mit den eigenen Knien, als Corey sich neben ihn hockte und die Schnallen der Weste öffnete. Sie streifte sie schließlich von Jiris breiten Schultern und hielt sie Shane hin.

„Hier. Wir passen sie später auf deine Größe an."

Shane ergriff die Weste und warf sie sich über, während Corey sämtliche Koppeltaschen vom Gürtel entferne und ihn mit einem kräftigen Ruck aus dem Bund der Hose zog. Sie legte alles neben die Leiche und wand sich zuletzt der Messertasche und ihren Wurfmessern zu. Die einzigen Waffen, mit den bisher alle ausgerüstet worden waren.

„Was hast du jetzt vor?", fragte Shane, während er den Gürtel und seine Taschen anlegte.

„Wir suchen uns ein Versteck.", antwortet Corey knapp.

„Weißt du wirklich nicht, wieso die zwei hinter mir her waren?"

Corey warf ihm einen ungeduldigen Blick zu. Ihre Augen waren leuchten gelb im Licht der sinkenden Sonne.

„Ja. Bist du bald fertig?"

Shane nickte und wartete darauf, dass sie ihm den Holster reichte. Als sie seinen Blick bemerkte lachte sie leise.

„Vergiss es! Nur weil ich dich nicht umbringe, heißt das noch lange nicht, dass ich dir Waffen anvertraue."

Enttäuscht, doch entschlossen es sich nicht anmerken zu lassen, zuckte Shane mit den Schultern und wand sich ab. Corey hängte sich das Holster über die Schulter und ging zurück zu der Stelle im Wald, aus der sie zuvor herausgetreten war. Ohne ein weiteres Wort oder sich nach Shane umzuschauen lief los, immer darauf bedachte auf der Fährte zu gehen, die aus dem Wald führte. Shane folgte ihr und bemühte sich, sich ebenso leise und behutsam auf der Spur zu bewegen.

Er wurde einfach nicht schlau aus ihr. Zuerst schlägt sie ihn bewusstlos, droht ihm an, mit ein Stein seinen Hals aufzuschneiden. Dann verschont sie ihn nicht nur, nachdem sie ihm ganz offensichtlich verfolgt hat, sondern rettet ihm auch noch das Leben. Wo sie doch einfach nur hätte zusehen können, wie zwei andere von ihrem Schlag, ihr die Mühe, sich seiner zu entledigen, abnehmen. Und jetzt gibt sie ihm auch noch die Ausrüstung ihres gefallenen Gegners und nimmt ihn mit. Und er war ihr dankbar.

Das ist doch verrückt.

Die Vorstellung wieder allein in diesem Wald zu sein, hinter einem Zaun, der unter Strom stand, war mehr als beängstigend. Doch dieses Mädchen gab ihm, trotz allem was er von ihr gesehen hatte, ein Gefühl von Sicherheit. Sie verhielt sich abweisend, doch nicht mehr feindselig. Vielleicht hatte sie beschlossen, dass ihre gemeinsamen Feinde sie zu so etwas wie Verbündeten machten. Wenn sie von noch mehr Leuten gesucht wurden, dann würde es sicher auch ihr lieber sein, nicht ganz allein gegen sie zu stehen.


~ ~ ~


„Wie groß ist die Arena eigentlich?"

Yasha zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Groß."

„Riesig!", schaltete sich Filipa in das Gespräch. „Ich hab mal von einem gehört, der nach seiner Niederlage fast einen ganzen Tag gebraucht hat, um zum Südausgang zu kommen. Und selbst wenn er ganz im Norden losgegangen ist, ist das echt verdammt lange."

„Weißt du auch, ob der seiner Schande entgegen gerannt ist oder sich richtig Zeit gelassen hat?", fragte Yasha grinsend und wischte sich mit der Hand den Schweiß aus den Augen.

„Keine Ahnung, Mann-" „Haltet endlich die Klappe! Wenn sie in der Nähe ist, hört sie euch am Ende noch."

Betreten gucken die drei zu Boden.

„Sorry, Gerrit...", murmelte Alex und krempelte sich die Ärmel hoch, nachdem sie schon wieder herunter gerutscht waren.

„Schon gut, Alex.", er lächelte ihr verzeihend zu, während sie nebeneinander auf eine Lichtung zusteuerten, die von hohen, uralten Bäumen umringt war. Aufmerksam, aber nicht wirklich in der Erwartungen in nächster Zeit auf jemanden zu treffen, stapften sie schon seit Stunden durch den Wald. Er hatte Yasha als ersten schon am Vormittag getroffen. Die beiden Mädchen hatten sich ebenfalls gefunden und waren ihn am frühen Nachmittag begegnet, als sie gerade an einem Bach hielten, um ihre Feldflaschen aufzufüllen. Seither waren sie gemeinsam unterwegs. Normalerweise wäre das mehr als unüblich. Sie sollten gegeneinander kämpfen, sehen, wer von ihnen das Zeug hatte, draußen eine Gruppe zu führen und richtige Einsätze zu absolvieren. Doch dieses Jahr gab es zwei spezielle Missionen. Und ihnen war klar, dass mindestens eine davon nicht allein, sondern nur durch ein Team absolviert werden konnte.

„Ich hoffe den anderen geht's gut. Vielleicht haben sich Caro und der Rest auch gefunden.", wisperte Yasha heimlich Filipa zu. Sie nickte, und strich eine Strähne ihres schwarzen Haars zurück hinter ihr Ohr. Sie hatte sich die Harre zu einem lockeren Dutt gebunden, doch es lösten sich immer wieder feine Strähnen. Unsicher heftete sie ihren Blick auf Gerrits breiten Rücken, der mit Alex einige Meter vor ihnen ging. Er schien Yasha nicht gehört zu haben, also wagte sie es zu antworten.

„Ja, bestimmt. Ich meine, wie stehen die Chancen, dass sie einen von uns alleine antrifft? Ich glaube nicht, dass sie jemanden von uns angreift, wenn er oder sie nicht allein ist."

„Ja, sie ist gut, aber gegen zwei von uns hat sie keine Chance.", stimmte Yasha ihr optimistisch zu.

„Shhh!" Gerrit drehte sich genervt zu den beiden um. Beschwörend zog er die dichten dunklen Brauen. Seine kleinen Augen verengten sich zu verärgerten Schlitzen, als Alex plötzlich strauchelte und sich an seinem Unterarm festhielt.

„Ach du scheiße...", stöhnte Alex und blieb so unvermittelt, dass Filipa gegen sie stieß. Alarmiert trat Gerrit trat vor und folgte Alex Blick. Unter einem der dicken Bäume lag ein Mensch. Regungslos und bis auf die Unterhose entkleidet.

„Ihr zwei bleibt hier und haltet Wache. Alex, komm mit!" Sie nickte und folgte ihm.

Es war still und der Ort wirkte verlassen. Die Bäume standen dicht und ihre gewaltigen und blattreichen Kronen ließen kaum noch etwas des letzten spärlichen Lichtes auf die Erde. Die zwei umrundeten langsam und geduckt die Lichtung, um sicher zu gehen, dass ihnen keine Gefahr aus der Nähe drohte, bevor sie sich aus dem Schutz der Bäume trauten. Alex warf immer wieder Blick zu dem Toten und versuchte zu erkennen, wer es war.

„Warte.", flüsterte Gerrit und ließ sich auf ein Knie herab sinken. „Hier ist eine Spur. Aber sie führt von der Lichtung weg. Er folgte der Spur einige Meter in den Wald hinein, kam dann aber enttäuscht zurück. Erwartungsvoll und etwas nervös sah Alex zu ihm auf.

„Sie verliert sich. Und es ist zu dunkel, um noch viel zu erkennen. Komm."

Er trat ins Freie und ging langsam auf die bewegungslose Gestalt zu. Der Junge lag auf den Rücken, die Arme weit vorm Körper gestreckt. Mit leerem Blick starrten seine blinden Augen in die Baumwipfel. In seinem Hals klaffte eine tiefe Wunde. Er trug nur seine Unterwäsche und das durchtränkte Hemd mit den abgetrennten Ärmeln. Alex schlug sich die Hand vor den Mund und schüttelte ungläubig den Kopf.

„Sie hat es tatsächlich getan.", hauchte sie benommen. „Armer Noël." Sie konnte den Blick nicht abwenden, beugte sich über ihn und schloss ihm vorsichtig die Augen.

„Hast du etwa daran gezweifelt? Ares hat uns nicht ohne Grund aufgetragen sie auszuschalten. Er muss schon lange gemerkt haben, dass sie wahnsinnig ist. Und Noël war wirklich kein ebenbürtiger Gegner." Er ging neben der Leiche in die Hocke und fuhr mit dem Zeigefinger über die Blutbesudelte Haut.

„ Sie ist echt ein Monster... Was glaubst du wie lange er schon tot ist?"

„Er ist schon kalt. Und das Blut ist getrocknet. Muss schon eine ganze Weile her sein. Heute Morgen oder Vormittag. Spätestens."

„Sollen wir ihn hier einfach so liegen lassen?" Die Vorstellung widerstrebte ihr. Sie hatte keine Freundschaft mit Noël verbunden, doch die Kameradschaft gebot es ihr.

„Nein. Wenn alles vorbei ist werden wir ihn holen.", bestimmte Gerrit, obwohl auch er es nicht gern sah, einen Kameraden für die Aasfresser im Dreck liegen zu lassen. Doch es gab zuerst Wichtigeres zu erledigen.

Bedrückt gingen sie zurück zu Yasha und Filipa, die bereits ungeduldig durch die Bäume spähten.

„Wer ist es?", fragte Filipa sofort.

„Noël", antwortete Gerrit und schnitt ihr das Wort ab, als die junge Frau sofort den Mund für weitere Fragen öffnete.

„Wir werden ihn dort liegen lassen und die Nacht in der Nähe verbringen. Ich habe eine Spur gefunden, die garantiert von Corey ist. Sie hat Noëls Ausrüstung gestohlen. Sogar seine Klamotten und Stiefel. Keine Ahnung wieso, sie muss noch verrückter sein, als Ares uns gesagt. Sobald es hell ist verfolgen wir die Spur." Die anderen drei nickten.

„Ich übernehme die ersten Wache", bot Alex sich an. „Ich kann jetzt eh noch nicht schlafen."

Gerrit legte ihr eine schwere Hand auf die Schulte und drückte sie mitfühlend, bevor er sich neben die anderen beiden auf weiches Moos niederließ und etwas Proviant aus seiner Koppeltasche fischte.



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