"Darf ich?"

Noch am selben Abend brachte Luk mich unter einem Vorwand zu Kai und Ray nach Hause. Ich saß zusammen mit ihnen im Wohnzimmer und hörte zu, als sie mir erzählten, was von dem Tag an passierte, ab dem ich keine Erinnerung mehr hatte.

Ray verabschiedete sich bald, weil ihn die Müdigkeit einholte. Ich folgte ihm zuerst, befand mich dann aber schließlich bei Kai im Zimmer.

Kai, der mir nachkam, erzählte mir von Ian und meiner Beziehung mit ihm, von seiner Akte, Tess Hopkins und von dem plötzlichen Beziehungsaus, der Fast-Hochzeit meiner Mom mit Michael und er erwähnte, dass Alex und Gary weggezogen waren und Ben im Gefängnis saß.

Doch einige Dinge ließ er weg. Nicht nur, dass ich meine Mutter hätte hassen müssen, sondern auch die Fast-Vergewaltigung von Matt ließ er aus. Ich weiß nicht, ob es anders besser gewesen wäre, doch für diesen Augenblick, schien es für Kai das Richtige zu sein. Schließlich endete er mit seinen Erzählungen und hielt mir seine Zimmertüre auf.

„Vielleicht solltest du jetzt nach Hause gehen.“ Er klang kühl.

Das war der Wink mit dem Zaunpfahl. Kai war die ganze Zeit über mehr als angespannt gewesen. Er vermied es, mich direkt anzusehen und ich hatte das Gefühl, dass er mich loswerden wollte. Es verwirrte mich, denn es passte nicht zu dem, was Jess mir über ihn erzählt hatte.

Als wir durch den Flur im ersten Stock liefen, blieb ich stehen.

„Das hört sich jetzt vielleicht komisch an.“ Meine Stimme war leise. „Aber ich habe das Gefühl, dass es falsch für mich ist, nach Hause zu gehen. Es fühlt sich nicht gut an.“

Kai blickte mich verdutzt an, dann wollte er mich voranschieben, doch ich sträubte mich und versuchte, ihn mit der Hand auf seiner Brust zurückzuhalten.

„Ich will mich wirklich an dich erinnern.“ Ich versuchte, ihm in die Augen zu sehen.

„Wieso wünscht du dir etwas, an das du dich nicht erinnern kannst?“ Er vermied den Blickkontakt.

„Weil ich glaube, dass du es dir wünscht.“ Plötzlich trafen sich unsere Blicke und ich sah die Anstrengung in seinen Augen, weiterhin abweisend zu sein. „Ich will mich an dich erinnern, weil ich wissen will, wieso du unbedingt möchtest, dass ich es tue.“

Er reagierte nicht darauf und wich nur erneut meinem Blick aus.

 

Am nächsten Tag war Samstag. Offenbar hielten es die anderen für gut, mich mit in die Disco im Dorf zu nehmen, um zu feiern, dass ich wieder da war. Ich wusste nicht, was mir das bringen sollte, deshalb schnappte ich bereits nach kurzer Zeit frische Luft.

Ich wollte mich krampfhaft daran erinnern, was all diese Menschen mir bedeuteten. Meine kaputten Handgelenke taten weh, mein Kopf pochte und ich hatte keinerlei Erinnerung daran, wie es gewesen war, beinahe vier Wochen nicht zu wissen, was mir passieren würde.

Dann drehte ich mich um und sah in eine dunkle Nische, gleich neben einer Laterne. Diese Ecke lag im Schatten und ganz plötzlich, ohne Vorwarnung, tauchte etwas vor meinem geistigen Auge auf.

„Du bist vor ein paar Tagen angeschossen worden“, sprach ich ihn leise an. „Du hast noch immer Schmerzen. Wieso bist du mitgekommen, wenn es dir nicht gut geht?“

Kai schwieg, doch mein Mitgefühl war geweckt, weil ich ihn leiden sah.

Ich seufzte. „Vielleicht können wir es uns etwas leichter machen, da wir anscheinend in Zukunft mehr aufeinander hocken, als uns lieb ist. Sag mir doch einfach, was dir an mir nicht passt, damit ich weiß, ob es sich ändern lässt.“

In diesem Moment wollte ich das wirklich. Ich wollte irgendwie mit ihm auskommen, damit der Umgang leichter werden würde.

„Es ist deine ganze Art“, erklärte Kai sich unerwartet. Ich hatte nicht mit einer Antwort gerechnet, schon gar nicht mit einer so ruhigen. „Ich will dich ganz einfach nicht ständig in meiner Nähe haben.“

Dieses Gespräch hatte ich vor einer gefühlten Ewigkeit mit Kai geführt. Es fühlte sich zumindest so an, als sei es ewig her. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Es war eine Erinnerung, wenn auch eine, die mir nicht wirklich zeigte, dass mir etwas an Kai lag.

Ich versuchte, mich an meine Gefühle zu erinnern, die ich zu diesem Zeitpunkt gehabt hatte, doch es kam mir nur eine weitere Erinnerung in den Sinn.

Kai lag, eingewickelt in eine Wolldecke, auf der Couch. Er sah schlecht aus und schien starke Schmerzen zu haben. „Ray hat es dir also erzählt.“

Ich warf ihm einen Blick zu. „Er kann mir vertrauen.“

Ich fühlte mich zu unwohl, um mich zu setzen, deshalb stand ich wie angewurzelt mitten im Raum und sah mich um.

„Kann er das?“ Kai musterte mich und in seinen Augen lag pure Kälte. „Was weiß er schon über dich?“

„Mehr als du“, konterte ich abweisend.

Kai griff mich verbal an, zumindest hatte ich das Gefühl, dass er es tat.

„Ich weiß alles, was ich zu diesem Zeitpunkt über dich wissen muss“, erwiderte er. „Dein Freund hat dich verlassen und jetzt hat Ray das Gefühl, dass er dich trösten muss. So ist er, aber vielleicht tust du uns einfach den Gefallen und suchst dir dafür jemand anderen.“

„Das würde dir gut passen, was?“

Er erwartete offenbar, dass ich mich aufregte und ihm klar machte, dass Alex nicht mein Freund war, doch ich stand einfach nur da und sah durch die Terrassentüre, hinaus in den Garten.

Kai schien wirklich kein netter Mensch zu sein und das trug nicht gerade dazu bei, dass ich mich in seiner Nähe und in seinem Haus wohler fühlte.

„Wie ich sehe, vertraust du mir nicht.“ Er starrte mich ausdruckslos an.

Ich bemerkte es nur im Augenwinkel und es regte mich auf, dass er mich so behandelte. Ich verstand nicht, warum er das tat.

„Wie könnte ich?“ Ich schüttelte lachend den Kopf.

„Ich habe dir das Leben gerettet.“

„Ich habe leider gerade keinen Orden für besondere Dienste zu Hand, tut mir leid“, erwiderte ich sarkastisch.

So reagierte ich gerne, wenn ich mir nicht anders zu helfen wusste. Auch bei den Streits mit meiner Mutter war das oft der Fall.

„Du bist mir nur etwas schuldig, das will ich damit sagen“, bemerkte Kai abschätzend. „Vielleicht behältst du es im Hinterkopf, wenn ich dich nochmal darauf hinweise, dass du gehen sollst.“

Ich verstand den Wink mit dem Zaunpfahl durchaus, doch in mir kam bloß die Wut hoch.

„Du solltest aufpassen, wie du mit Menschen umgehst!“ Es platzte aus mir heraus. „Denkst du, dass alles gut ist, weil du mir geholfen hast? Du hast gewusst, was Ben vorhatte und hast mich nicht gewarnt! Ich soll dir jetzt also dafür dankbar sein, dass du durch eine bloße Stimmungsschwankung deine Meinung geändert hast und dich erbarmt hast, mir zu helfen?“

„Leg dich besser nicht mit mir an“, warnte er mich. Auch sein drohender Tonfall riet mir, es besser nicht zu tun. „Ich will, dass du dich aus meinen Angelegenheiten heraushältst! Du bist hier, weil Ray dich hier haben möchte, nicht weil ich Wert darauf lege!“

„Du verdammtes Arschloch“, fuhr ich ihn an. „Lass deinen Frust über deine Probleme nicht an mir aus!“

„Ich habe also Probleme?“ Kai quälte sich mühsam von der Couch und kam langsam auf mich zu. Ich beobachtete ihn dabei, angespannt, bis er vor mir stehen blieb. „Verrätst du mir auch, woher du deine Informationen hast? Oder noch besser, erklär‘ mir doch mal, was zum Teufel dich mein Leben angeht!“

Damals wusste ich noch nicht, dass er in so einer Situation keine Antwort erwartete, sondern dass man besser nur schwieg, bevor er die Kontrolle über sich verlor.

„Du hast diese blauen Flecken, Schürf- und Schnittwunden an den Handgelenken. Was ...“

Plötzlich schlug er mir mit einem heftigen Schlag meine Tasche aus der Hand, mit beiden Fäusten neben meinem Kopf gegen die Wand und drängte mich dann dagegen. Es musste ihn viel Kraft gekostet haben, doch er schaffte es, sich den Schmerz nicht ansehen zu lassen.

„Misch dich nicht in Sachen ein, die dich nichts angehen!“ Er brüllte mich an.

„Du bist in meinem Leben aufgetaucht“, schrie ich zurück, obwohl meine Beine zu zittern begannen. „Wenn du nicht willst, dass Leute sich Gedanken über deine Probleme machen, dann hättest du sie da lassen sollen, wo du hergekommen bist!“

Das waren die wenigen Sekunden, die ich es schaffte, mutig zu sein. Direkt im Anschluss begann beinahe mein ganzer Körper zu zittern, weil mich sein Auftritt wirklich stark einschüchterte.

Kai starrte mich an. Er hatte keinen wütenden Ausdruck mehr in den Augen, den man so gut mit Hass vergleichen konnte. Es wirkte so, als würde er geradewegs durch mich hindurch sehen.

Ich war fertig mit den Nerven. Alex war weg und ich war alleine. Kai hasste mich und brüllte mich an.

Was sollte ich tun? Wo sollte ich hin? Ich fühlte mich einsam, verlassen und ängstlich. So hatte ich mich noch nie gefühlt und es verunsicherte mich.

„Ich will jetzt gehen.“ Ich sprach leise. „Geh mir bitte aus dem Weg. Du machst mir Angst.“ Ich stand, verkrampft und an die Wand gedrängt, vor Kai, dessen Fäuste noch immer auf meiner Kopfhöhe gegen die Wand gedrückt waren.

Langsam ließ er sie sinken und ging einen Schritt zurück.

„Ich werde dich bestimmt nicht aufhalten.“ Es klang kühl, aber nicht mehr aggressiv.

Es erstaunte mich nicht wirklich, dass sich mir nur eine Frage aufdrängte. Was zum Teufel hatte mich dazu gebracht, mich mit so einem Menschen anzufreunden?

 

Zwei weitere Wochen vergingen und am ersten Schultag fühlte ich mich schon fast wieder dazugehörig. Ich sah jede Menge bekannte Gesichter, die sich anscheinend richtig freuten, mich zu sehen. Nicht mal Qurandi, an dessen unfreundliche Art ich mich sehr wohl erinnern konnte, ließ sich dazu herab, mich zu triezen.

Nach der Schule ging ich in das Café. Ich erkannte Luk hinter dem Tresen und setzte mich in seine Nähe.

„Die Routine behältst du anscheinend bei.“ Er lächelte mich an. „Aber wir sitzen immer da vorne in der Ecke, auf der Couch. Geh‘ ruhig schon mal rüber, ich komme gleich nach.“

Ich nickte und tat, was er sagte. Ich ließ mich auf die Couch fallen und mit einem Mal schossen mir Erinnerungen durch den Kopf.

„Cool, darf ich mal?“ Luk hatte sich von der Theke entfernt und ich sah tatsächlich mal Jörn dahinter.

„Nur zu.“

Er nahm mir das Baby aus dem Arm und lief mit ihm durch die Gegend. Als er wieder zu uns kam, strahlte er mich an, denn Prue war endlich eingeschlafen.

„Mutter und Vater, nehme ich an?“ Er sah Kai und mich an.

„Wohl mehr alleinerziehende Mutter“, konterte ich.

Kai warf mir einen verstohlenen Blick zu. „Findest du es etwa toll, Mama zu spielen? Ich meine, wenn du die alleinerziehende Mutter spielen willst, gerne, dann habe ich nichts zu tun.“

„Tu mal nicht so, als hättest du heute auch nur irgendwas getan“, gab ich nur zurück.

„Ich habe eigentlich angenommen, dass du keinen Bock auf so etwas hast. Gerade du weißt doch, wie das läuft und was dabei herauskommt.“

Bevor Kai merkte, dass sein Ton und die Art, wie er es formuliert hatte, nicht treffend waren, entzündete sich in mir bereits ein Feuerwerk.

„Was dabei herauskommt?“ Ich sah ihn ungläubig an. „Ich fasse es nicht.“

Ray beugte sich mit einem ‚Sag mal, hast du den Startschuss mitgekriegt?’ zu Caitlin herüber. Die nickte nur leicht und sah uns an.

„Kai hat das doch nicht so gemeint“, warf Luk schnell ein.

„Du weißt doch, wie ich das meine“, bemerkte Kai, doch er klang noch immer ziemlich abweisend.

„Nein, das weiß ich nicht!“ Ich blieb leise, doch meine Stimme zitterte vor erkennbarer Wut. „Und ich muss es auch nicht erraten können, weil ich ja wohl von dir verlangen kann, dass du nach all der Zeit nicht einfach wieder zum Arsch mutierst und irgendetwas sagst, von dem du genau weißt, dass es mich verletzen wird!“

Kai wollte etwas erwidern, schien dann aber nicht genau zu wissen, was.

„Was dabei herauskommt …“ Ich stand auf, ließ Prue in Luks Armen und verschwand aus dem Café.

„Luk“, rief ich.

Er sah verwirrt zu mir herüber, rief „Jörn, übernimm mal“ und kam sofort zu mir. „Was ist passiert?“

„Ich glaube, es geht schon los.“ Ich freute mich. „Ich erinnere mich an Bruchstücke, wenn ich an gewissen Orten bin.“

„Woran hast du dich erinnert?“ Er strahlte mich an.

„Wir saßen hier“, begann ich und lächelte noch immer. „Mit so komischen Puppen. Es war ein Schulprojekt und ich stritt mich mit Kai. Es ist natürlich keine besonders tolle Erinnerung und das ist auch schon die zweite, in der ich mich mit ihm streite. Hat das eine Bedeutung?“

Luk grinste.

„Eigentlich war das ziemlich normal bei euch beiden.“ Er lachte kurz. „Ihr hattet immer etwas am anderen auszusetzen. Aber ich freue mich unheimlich, dass du dich bereits erinnerst.“ Er saß vor mir, die Arme unsicher in die Höhe gehalten. „Darf ich?“

„Ja, sicher.“ Ich strahlte noch immer.

Er schloss mich sofort in seine Arme und drückte mich.

Nach der Schule gingen wir ins Café und als ich merkte, dass Luk eine freie Minute hatte, setzte ich mich zu ihm an den Tresen und sprach ihn an.

„Sind wir Freunde, Luk?“

In der Hinsicht hatten wir nach wie vor Klärungsbedarf.

Er stützte sich mit den Unterarmen auf der Theke ab und lächelte mich an. „Hat Kai diese Frage nicht bereits beantwortet?“

„Fang du nicht auch noch an“, bat ich ihn und lachte leise.

Er richtete sich wieder auf. „Ich denke schon, oder? Wir sind Freunde.“

Das war ein so vertrautes Gefühl, dass ich mir wünschte, es möge nie wieder verschwinden.

„Gibt es etwas zu feiern, oder warum kuschelt ihr hier?“

Luk und ich blickten in die Runde. Die anderen waren gekommen und vor uns stand Jess.

„Wieso habe ich das Gefühl, dass mir solche Sprüche nicht fremd sein können?“ Ich grinste.

„Weil er immer miese Sprüche reißt“, gluckste Ray.

Ich lächelte weiter. Diese ganze Situation kam mir so alltäglich vor.

„Aber es gibt wirklich etwas, was uns freuen kann, Leute“, berichtete Luk sofort. „Douphne hat sich an etwas erinnert. Die Puppengeschichte, erinnert ihr euch? Der Streit mit Kai.“

Kai, der sich gerade gegenüber von uns auf die Couch fallenließ, meldete sich direkt im ironischen Ton. „Klasse, ich werde wohl gleich ins perfekte Licht gerückt, was?“

„Es ist super, dass du dich erinnern kannst.“ Caitlin strahlte.

„Ich weiß nicht. Ich habe so das dumme Gefühl, dass die Erinnerungen förmlich über mir zusammenbrechen.“

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