Ein wenig unsicher schaute er um die Ecke, als er unbeholfenerweise beinahe über eines der zahlreichen Dokumente stolperte, welche verteilt auf dem Boden lagen, ganz durchtränkt von den Pfützen, die sich gebildet hatten.
Mit der linken Hand hielt er sich noch am Regal fest, während er mit den Beinen schon vorwärts tappte, darauf bedacht nicht auszurutschen, denn wo auch immer er hintrat, und mochte es noch so klein sein, lag ein Hindernis dicht gedrängt an ein anderes und er wollte es tunlichst vermeiden die Aufmerksamkeit der Herren auf den Bänken an der gegenüberliegenden Seite des Flures zu erregen.
Diese Männer, es waren wohl sechs an der Zahl, so genau hatte er nun nicht nachgezählt, da er in seinen verworrenen Gedanken mit etwas ganz anderem beschäftigt war, saßen still, manche schlafend, andere vor sich hingrübelnd vor den zahlreichen Aktenschränken, trugen Anzüge und schienen ganz abwesend auf etwas zu warten.
Das kam ihm ganz gelegen, denn so tollpatschig er durch das Gebäude gelaufen war, so sicher war er sich nun den richtigen Weg zum Saal gefunden zu haben.
Er wunderte sich über die unsortierten Päckchen, die Akten, Ordner und Bücher, welche kreuz und quer aus dem Regal, an dem er sich festhielt, ragten, von denen eines mehr drohte herunterzufallen als das andere, wobei erwähnt werden musste, dass selbst das Regal nicht allzu stabil wirkte.
Allmählich fühlte er sich immer unbehaglicher, je mehr er voran schritt und erst just in diesem Moment bemerkte er die muffigen, nassen Kleider an den Wäscheleinen über ihm und schon der Flur allein hieß ihn nicht viel mehr willkommen als mit einem modrigen Geruch, dem Tropfen der nassen Kleider, die unter sich eine regelrechte Lache erzeugten, dem Räuspern und vereinzelten Husten einiger der Männer in Anzügen auf den Bänken und einer unangenehmen Schwüle, die durch seine Nervosität verstärkt wurde und eine Hitzewallung in ihm auslöste.
Es war fast so, als ob die Wände selbst schwitzten und er überlegte für einen kurzen Augenblick, ob diese ahnten, ja sogar wussten und spürten, dass er sich gequält und verängstigt fühlte, während er sich den Weg zum Gerichtssaal am Regal entlang tastete.
Plötzlich, wie aus dem Nichts, als hätte er ihn zuvor nicht bemerkt, stand mitten auf dem Flur ein Mann in Mantel und Hut, in der rechten Hand ein Gehstock, welcher mit lauten Schritten, vom Quietschen der sich hinter ihm schließenden, schweren Tür begleitet, auf den unsicheren Mann zu zuschreiten schien, doch war sich dieser, man merkte ihm seine stetig ansteigende Unsicherheit an, nicht ganz so sicher, ob er sich nun erwartungsvoll zu jenem unbekannten Mann umdrehen sollte oder stur seinen vorherigen Plan verfolgen sollte, weiterhin wie bisher langsam einen zitternden Fuß vor den anderen zu setzen.
Möglicherweise war es ein Fehler sich zu ihm zu wenden, oder aber es war ein Fehler einfach zu gehen, ohne ihm größere Aufmerksamkeit zu schenken, denn mittlerweile vermutete er, dass sich alles, war er in Erwägung zog zu tun, als Fauxpas herausstellen würde, nun jedenfalls würde es das wohl früher oder später, oder es würde mit jedem Fehler, den er beging immer schlimmer werden, bis es in einer fatalen Katastophen gipfeln würde, wie es ein Schmetterlingseffekt täte.
Jedenfalls drückte der modrige Flur sehr gut seine derzeitige Gemütslage aus, etwas heruntergekommen war es hier sowieso, und bei Gott, dieser Flur musste ihn so sehr zugrunde richten, dass er nun nicht mehr am Regal festhielt, sondern sich viel mehr daran klammerte, im argen Versuch seinen ihn selbst plagenden Gedanken zu entkommen, die durch das laute Klacken der Schuhsohlen des Mannes, der soeben den Flur betreten hatte, unterstrichen wurden.
So musste er sich fragen, ob er überhaupt noch aus eigenem Willen vorwärts ging oder vor den Schritten des Mannes davonlief, weil er fürchtete, dass jener ihn genauso beschuldigen könnte, wie er es selbst bereits tat und auch die ausdruckslosen Gesichter der sechs Männer auf den Bänken schienen jetzt seinen Unmut zu vergrößern.
Er fühlte die Ohnmacht in sich aufsteigen, und vor Hitze und Angst schwitzte er, so wie die Wände, die nur so triften und er erkannte den Schrecken in seinem Gesicht, das sich in der Pfütze auf dem Boden widerspiegelte und, als würde dies nicht genug sein, erkannte er nun die Auswegslosigkeit, der er ausgesetzt war.

Comments

  • Author Portrait

    Ich kann mich nur anschließen! Bemerkenswert!

  • Author Portrait

    Man könnte wirklich meinen das Kafka es schrieb. Ganz große Klasse. :-D

  • Author Portrait

    Der Stil Kafkas ist dir wirklich gut gelungen und auch inhaltlich habe ich mich an den "Prozess" erinnert gefühlt. Super gemacht! :)

  • Author Portrait

    Ha! Das ist "saugut"! Ein richtig dunkler, morbider Albtraum, aus dem man sich nicht befreien kann und der, sollte man nicht von einer fürsorglichen Hand geweckt werden, auch kein Ende findet. Bald werden die dunsttropfenden Wände den Weg aufnehmen und zusammenrücken, werden sich die Wäscheleinen mit den düsteren, verschlissenen Wäschestücken herabbeugen und den Gang versperren, werden sich die sechs Herrn auf den Bänken erheben .... doch halt! Wo ist jener Mann mit dem Gehstock abgeblieben? Steht er nicht dicht hinter dem Protagonisten und flüstert ihm Bekemmendes ins Ohr? Toller Text!

  • Author Portrait

    Ahh Vince. Das ist ein sehr guter Text. Er ist sehr eindrucksvoll und beklemmend, das hast du gut hinbekommen. Der Kafka kommtauf jeden Fall sehr gut durch! :D Pssss. Nur im letzten Absatz hat sich ein Tippfehler eingeschlichen "Schrekcne". :)

  • Author Portrait

    Wird hier ein Mensch beschrieben, dem auf seinem schon beschwerlichen Weg, noch mehr Hindernisse drohen, und er dadurch unsicher und verängstigt ist, was letztendlich zu Willenlosigkeit gleich Ausweglosigkeit führt ? LG. Carmen

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media