Peélius stand auf einer der vielen Klippen, welche die Steilküste, im Norden der Insel Ustrit bei dem kleinen Dorfe Usekatt, bildeten. Der Wind pfiff ihm mit ungeheurer Stärke um die Ohren, er musste sich regelrecht dagegen stemmen, um nicht umgeweht zu werden. Regen prasselte hernieder und fiel mit schweren Tropfen auf seinen grünen Gehrock, welcher bereits völlig durchnässt war. Dennoch hob er unbeeindruckt sein Fernglas vor sein rechtes Auge und blickte auf das Meer hinaus, auf dem sich die Wellen zu hohen Bergen auftürmten und mit Macht gegen den Strand am Fuße der sandigen Küste drückten. Unablässig wiederholte er dieselben Worte und suchte auf den Wellengipfeln nach dem Wesen, das er seit Wochen, wenn nicht gar Monaten hier oben suchte. „Zeig dich endlich, worauf wartest du!“, schrie er gegen den Wind.

Da endlich schoss aus einem Wellental ein gewaltiger, spindelförmiger Körper, ganz in schwarz gehüllt empor, drehte sich und posierte geradezu mit seiner Rückenflosse, woraufhin er wieder schwer und langsam in die Wellen zurückfiel. Dem Magister blieb der Mund offen stehen: „Na endlich! Du Missgeburt! Da bist du ja! Und immer bei Sturm, Mistkrücke! Gibt es nicht einmal ein sagenumwobenes Wesen, dass sich bei eitlem Wetter und Sonnenschein zeigt!“

Mit Schwung warf der Gelehrte seine lederne Expeditionstasche über die Schulter, die mit einem saftigen Klatschen an seine Seite fiel und ihm beinahe das Gleichgewicht genommen hätte. „Nun zum spannenden Teil.“, sprach er und spuckte aus, als er sein Fernglas verstaute und einen seichten Abhang hinab glitt,„Einer von uns beiden wird heute ins Gras beißen müssen, aber beide gehen wir in die Geschichte ein, das versprech ich dir!“ Triumphierend, übermütig und, im Nachhinein betrachtet, auch zu voreilig, zog er sein Schwert. Es war ein schlanker und langer Anderthalbhänder mit einer mehrfach gewundenen Parierstange und einer abgerundeten, rasierklingenscharfen Spitze. „Eine Angel. Warum hat man nie eine Angel wenn man eine braucht.“, knurrte der Wissenschaftler und rannte auf das offene Meer zu, das Mordeisen mit beiden Händen fest umklammert.

Eine Woche zuvor:

Es war der Abend des 13. Middsommers, als der Unbekannte mit dem Victor-Emmanuel im Gesicht und in einem grünem Gehrock, durch das kleine hölzerne Tor, des noch kleineren und ebenfalls hölzernen Dorfes Us’statt ritt. Es war ein schöner, ruhiger Tag, die Sonne lies den Himmel rot erglühen und spielte auf den Wellen mit den letzten Strahlen, die sie über den Horizont schickte. Ein paar der Kinder spielten auf der einzigen Straße, besser gesagt dem einzigen matschigen Weg, der Ortschaft Abklatschen, Hascher oder Murmeln. Einige Frauen hatten sich am Brunnen zusammengefunden und redeten über dies und das und den Alltag am Meer. Das rege Treiben brach nicht etwa ab, als er sein Pferd langsam zwischen den Blumenrabatten hindurch manövrierte und auf das Gasthaus zu ritt, dennoch wurde er zum Zentrum der Aufmerksamkeit. Eines der Kinder streckte ihm die Zunge raus und drehte ihm eine Nase, ein anderes kam angelaufen und fing an das Pferd zu streicheln. Der Rest folgte dem Beispiel.

„Woher seid ihr, Herr?“

„Wie heißt euer Pferdchen! Wie heißt es!“

„Ich wette es heißt Lotte, wie ich“

„Es sieht besser aus als du, da hats auch sicher’n schönren Nam‘. Stimmts Herr?!“

„Ich will drauf reiten! Mama, sag dem Herrn ich will gern drauf reiten!“

Die Frauen vom Brunnen scheuchten die Kinder weg und in die Häuser, während sie dem Reiter misstrauische Blicke hinterher warfen. Einige tuschelten untereinander und sagten Dinge wie: „Fremden darf man nicht, trauen. Hast du gehört, dass in Usrog und Usekatt Kinder verschwunden sind? Nicht, dass das hier auch noch passiert.“ Eine andere erwiderte: „Ja, und das Vieh soll ihnen gestorben sein, massenhaft. Unsrer Alma geht’s schon seit Tagen schlecht.“ Wieder eine andere sprach dem zu: „Ja, das kommt davon, wenn man die ganzen Fremden auf die Insel lässt, das wilde Pack aus dem Osten und Norden. Gestern ist wieder ein Schiff in Usekatt gelandet und hat dreizehn Familien mitgebracht.“, die Erste erbleichte und gab einen Laut von sich, der eine alte Geiß mit Stolz erfüllt hätte, „jaja, dreizehn. Eine Unglückszahl. Ich sags euch. Die stehen sicher mit Dämonen im Bunde.“ Eine Vierte schaltete sich ein und machte damit das politische Quartett vollständig: „Ich habe gehört, dass sie alle vor dem Schnee fliehen. In Rosthus soll immer noch Eis und tiefster Winter sein, dabei war schon vor Monaten Aussaht.“

„Ach, alles Lügen und Märchen!“, schalte die Dritte, eine hässliche Alte, mit winzigen, knorrigen Fingern und einer Kartoffelnase, „von wegen ewiger Schnee, langes Eis, kommender Winter! Alles Lügen der Druiden und Skalden, sag ich! Das ist kein Unglück! Mal wird es warm, dann wieder kalt. Sowas nennt man Wetter!“ So ging es noch eine ganze Weile weiter, doch der Reiter befand das Gespräch für nicht weiter von Interesse und hatte derweil sein Pferd vor der Schänke angebunden und sich drinnen, an einem kleinen Tisch in einer Ecke, beschienen von einer kleinen Talgkerze, niedergelassen.

Ulfgar, seines Zeichens Wirt und Fischer, beides in der achten Generation, hasste es, sich von seinem gemütlichen Schemel hinter dem provisorischen Tresen zu erheben und die Gäste an ihren Tischen zu bedienen. Die meisten Leute im Dorf wussten das und bestellten deshalb direkt bei ihm und gingen dann an ihre Plätze zurück. Nur Idioten oder eben Fremde, was für Ulfgar so ziemlich das Gleiche war, setzten sich irgendwo hin und warteten auf ihn, wobei sie gern mit Fischaugen glubschten. Normalerweise bekam man dafür eine gewaltige Standpauke und in der Regel auch eine mit der flachen Rechten, doch als der Mann mit dem ledernen Dreispitz auf dem Kopf und dem ebenso dreiendigen Bart, ohne ein Wort zu verlieren, eine goldene Münze, mit dem Prägestempel der freien Handelsstadt von Heringshus, auf den Tisch legte und in Ulfgars Richtung schob, hob sich seine Laune. Simultan zu selbiger, senkte sich auch seine erhobene Rechte.

„Was darfs denn sein, Herr? Wir haben heute frisches Bier und einen Gänsebraten, da läuft euch das Wasser im Munde zusammen, ohja. Ganz frisch überm Us’statter Moor geschossen, von meinem Bruder, Ulfhur, ein Meisterschütze, hat den Viechern direkt…“, der Unbekannte blickte dem Wirt direkt aus meergrauen Augen an, in denen sich alle Rauheit und Wildheit des Ozeans widerspiegelten, und hatte den Finger an die Lippen gelegt. Ulfgar, ein gestandener Mann in vielen Kämpfen und Kaperfahrten, blieb das Wort im Halse stecken. „Habt ihr Tinte? Oder Kohle? Irgendwas, damit ich schreiben kann? Und ein Bier…und bloß keine Ente.“

Man hatte Tinte. Und man hatte Bier. Das Bier war besser als die Tinte, ein Umstand, der den Magister Peélius betrübte. Ihm war einfach unklar, wieso immer an Schreibutensilien gespart wurde, jedoch nie an Bier. Sicher, Alkohol bringt Freude, aber Rechnungen, Schuldscheine und Pfandbriefe schreibt man mit Tinte, ein guter Gastronom sollte sich darüber doch im Klaren sein.

Einige Zeit später, die Sonne war bereits untergegangen und keines der vielen Kinder spielte mehr auf den Straßen, betrat ein weiterer Fremder die Schänke, welche sich inzwischen mit Menschen aus Us’statt und Umgebung gefüllt hatte. Es wurde, nunja, nicht totenstill, aber dennoch, spürbar leiser. Ein Fremder, das war ungewöhnlich genug, eine Kuriosität, wie man sie nur einmal im Leben sieht, halt. Zwei Fremde, auch noch am selben Tag, das war ein ausgewachsener Skandal. Eine der Frauen, welche sich einige Stunden zuvor noch über die Auswirkung von Migration auf den hiesigen Vieh- und Kindsbestand unterhalten hatte, spuckte auf den Boden und warf dem zweiten Fremden giftige Blicke zu. Dieser jedoch, in einen langen, schweren Ledermantel gehüllt, schien das nicht nur nicht zu bemerken, viel mehr wirkte es so, als wäre selbst der Schiss eines Marienkäfers für ihn bedeutender gewesen.

Der Ledermantel nickte dem Wirt zu, zog die Kapuze zurück und zeigte einen kahlgeschorenen Schädel, welcher von einer wulstigen Narbe geziert wurde, eindeutig entstanden durch diverses, gut geführtes Kriegsgerät. Langsam schritt er in schweren Reiterstiefeln den Raum ab, öffnete dabei den Mantel und lies den wulstigen Knauf eins langen Schwertes hervorblicken, welches, mehr noch als die Stiefel oder das Gewand, geradezu "Kavallerie" brüllte. Er setzte sich, gegenüber, an den Tisch des Magisters und lächelte breit, wobei er mehrere Zahnlücken und Goldzähne zur Schau stellte.

„Wirklich, Redawend, Unauffälligkeit ist euch kein Begriff.“, der Magister schüttelte dabei den Kopf und seufzte. Der Ledermantel lächelte noch immer: „Verzeiht, Meister. Ich hatte vergessen, dass wir Inkognito reisen. Ich konnte einfach nicht anders. Dieses Fischerpack ist immer so herzlich leicht zu beeindrucken. Seht nur, wie man sich duckt, wie man schielt, weil man sich einen geraden Blick nicht traut.“ Der Magister hieb mit der Faust auf den Tisch: „Verdammt, du Idiot, jetzt provozier hier nicht auch noch! Noch einmal erkläre ich dir nicht, was Inkognito bedeutet. Hat man dich beobachtet? Ist dir jemand gefolgt?“ Der Ledermantel zuckte mit den Schultern: „Nein Herr, nicht das ich wüsste.“ Der Magister seufzte wieder.

„Sprich also, was hast du herausgefunden?“, Peélius rutschte etwas nervös auf seinem Platz hin und her, hielt die Feder und ein Pergament bereit. Redawend setzte den Bierkrug ab, den er mit einem Zug geleert hatte, ohne sich die Ohren nass zu machen. Er winkte dem Wirt zu, der sogleich einen neuen Trunk brachte. Er watschelte an den Tisch und murmelte eine Verwünschung nach der anderen, wagte es aber nicht, dem Vagabunden seine Meinung direkt ins Angesicht zu sagen. Selbiger lächelte noch breiter und zeigte auch die versilberten Backenzähne: „Also, ich war, wie ihr mich geheißen habt Meister, in Usrog.“ Einige der Anwesenden Dörfler blickten sich mit bösartigen Blicken um, wagten es aber ebenfalls nicht, dem vierschrötigen Glatzkopf auch nur den geringsten Grund zur Eskalation zu geben. Nur Peélius hatte in diesem Punkt keine Bedenken und schalt ihn sofort einen hornochsigen Idioten, der gefälligst leise weiter reden solle.

„‘Ntschuldigt, Herr. Ja, also, wie gesagt, war ich da gewesen. Ich hab den alten Kämpen ausfindig gemacht, von dem ihr erzählt hattet. Der hatte Mumm in den Knochen, sah man gleich, wie er da hat gestanden, mit einem Gesicht…Herr, da bin ich eine feine Dame dagegen.“ Der Magister zuckte nicht einmal mit den Mundwinkel. „Redawend, erzähl mir einfach, was er dir gesagt hat.“, Redawend setzte das beinerne Gefäß ab und begann.

Als er geendet hatte, nickte der Magister langsam und blickte auf seine Notizen herab. Die Wirtschaft war so gut wie leer. Nur noch eine Gruppe von drei Fischern drosch Karten und trank, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, flaschenweise Korn. Redawend zählte Kupfermünzen auf dem Tisch ab und spielte ernsthaft mit dem Gedanken, sich auf sein Schwert zu berufen und die Zeche zu prellen. „Also stimmt es.“, brach Peélius das Schweigen, „Der alte Messerstecher, Kattquist, genannt der Seeräuber ohne Hose, ein wirklich beschissener Name für so ein Monster. Aber dennoch, Kattquist wusste von den klimatischen Veränderungen. Er wusste von den sinkenden Temperaturen. Nicht nur Morden, Vergewaltigen und Rauben, sondern ganz offensichtlich auch Meteorologie…Das darf in der Universität niemand erfahren, nicht auszudenken wie dann auf eine abgeschriebene Doktorarbeit reagiert werden würde, wenn bekannt werden würde, wie Wissenschaftler frühen so getickt haben, ganz zu schweigen vom Absolventenball…Und er hat wirklich von einer schwarzen Nix erzählt?“

Redawend quittierte die Feststellung mit einem innigen Rülpsen: „Hat er Meister. Meinte, das Biest zeigte sich nur bei Sturm und das der Kattquist es hat jagen wollen. Das war das Ende für den Kerl. Man munkelt, auf der Insel läge irgendwo ein Schatz…Sagt, Herr, wollen wir nicht lieber darauf jagen?“ Peélius blickte ihn scheel von der Seite an: „Ein Schatz, mein guter Redawend“, begann er, „ein Schatz, glaubt mir, davon hat die Welt genug. Ich wette, ihr müsstet keinen Meter in den Burgen von irgendeinem edlen Herren graben, und ihr fändet Gold und Silber. Aber das“,er zeigte auf eine von ihm angefertigte Zeichnung, „aber das, das bringt mir mehr Ruhm, als irgendwelches Geschmeide von irgendeiner Trine aus Leck-mich-am-Arsch-irgendwo“

Redawend sattelte sein Pferd und prüfte die Schärfe seines Schwertes: „Soll ich euch nicht doch begleiten, Herr?“ Der Magister schüttelte den Kopf und zwirbelte ein Ende seines Bartes: „Sag mal, Redawend, arbeitest du immer noch für diesen Halsabschneider, den man in Bawarut mit Kopfgeld sucht, diesen Andrey?“ Der Ledermantel blickte etwas misstrauisch auf den Gelehrten hinab. Er zögerte kurz, doch dann sprach er: „Ja Herr, Andrey zahlt gut, und ich hab Frau und Kinder, Herr. Ihr zahlt, aber, nunja Herr, das reicht gerade mal für die Kleinen für was zu beißen. Und ich und meine Anna, naja, wir essen ja auch. Und dann das Haus, Herr. Dieses Jahr siehts schlimm aus. Es soll viel regnen…“ Der Magister hob den Finger zum Mund. Nach einem kurzen Moment der Stille sah er den Reiter direkt an: „Wenn ich fertig bin, komm zur Universität, ich zahl dich dann wie versprochen aus“ Der Mann nickte: „‘S is gut Herr…sagt, braucht ihr nicht doch meine helfende Hand?“ „Nein, mein Lieber. Das ist nichts für dich. Wir müssten im Wasser arbeiten.“ Der Ledermantel erzitterte: „‘s is gut, Herr. Ich hab verstanden. Ich reite dann mal.“ Sprachs, gab dem Pferd die Sporen und ritt in die Nacht hinaus, das die Hufe donnerten und die Erde erzitterte. Hunde bellten ihm hinterher und ein Huhn legte vor Schreck ein Ei. 

Eine Woche später…sprich genau an jenem Punkt, an dem sich Magister Peélius, Gelehrter für Archäologie und Biologie, mit dem Schwert in die Wellen stürzt und dem Nix zu Leiben rücken will. :

Er hatte das Meer eindeutig unterschätzt. Das Wasser war zwar flach und der Strand erstreckte sich noch gut hundert Meter ins dunkelgrüne Nass, doch die Kraft, welche dem Element inne ruhte, war stärker als gedacht. Die ersten Wellen konnte er aushalten, sein Lauf wurde gebremst, aber nicht so stark, als das er zum Stehen gekommen wäre. Doch nach gut dreißig Metern stand ihm das Wasser bereits über die Hüften. Er verlagerte das Gleichgewicht auf den rechten Fuß und wollte die nächste Welle abwarten, doch diese kam nicht gerade auf ihn zu, sondern kräuselte sich von links rapide schnell ein und warf ihn um. Er schluckte gefühlt ein Fass voll Salzwasser und hätte sich am liebsten übergeben. Er strampelte mit den Beinen und verlor dabei beinahe sein Schwert als er mit den Händen am Grund halt suchte.

Er wurde von einer weiteren Welle erfasst und mehrfach gedreht. Wieder schluckte er zu viel Wasser. Sein Gleichgewicht war endgültig hinüber und mit einem schier unglaublichen Kraftakt schaffte er es wieder zum Stehen zu kommen. Mit Entsetzen stellte er fest, dass er vor sich die Steilküste, nicht den freien Ozean, erblickte. Eine vierte Welle überspülte ihn, warf ihn landwärts. Nur mit Not konnte er sich aufrecht halten als sich plötzlich und unvermittelt, scharfe, lange Dolche in seine Wade bohrten. Das smaragdene Wasser um ihn färbte sich dunkelrot. Er wurde zum Grund gezogen, gedreht und schlug mit dem Rücken auf dem überraschend harten Meeresboden auf. Er öffnete Unterwasser die Augen, das Salz brannte in ihnen wie Höllenfeuer. Über sich sah er nicht die Sonne durch die Wellen tanzen, sah keine Wolken. Über sich sah er nur Schwarz.

Eine Stimme flüsterte ihm im Kopf, übertönte das Rauschen des stürmenden Ozeans, übertönte das Knacken des ins Ohr dringenden Wassers: „Du wirst hier draußen verrecken, dummer Mann, wie dereinst der Hornhelmige. Die Sirenen werden singen vom grünen Mann, den ein Nix ertrank. Du hast mich gesucht? Suchtest mich, den Tod? Nun, hier bin ich.“ Kiefer klappten auf und senkten sich langsam auf ihn zu. Krallen, so lang wie die eines Tigers, hielten seine Brust fest und drückten ihn auf den Meeresgrund. Er wollte schreien, doch nur Luftblasen stiegen aus seinem Mund nach oben und streiften die ebene, nachtschwarze Haut des Nix. Angst, blanke Furcht und Entsetzen.

Mit letzter Kraft schaffte er es, seinen rechten Arm aus der Lähmung zu befreien, der noch immer das Schwert umklammert hielt. Blut quoll aus dem Leib über ihn, als er es bis zum Heft quer durch den Körper des dunklen Schattens trieb. Es war sehr viel Blut, unendliche Massen an Lebenssaft. Es nahm ihm das letzte bisschen Licht, das zu ihm hinab drang.

Er wusste selbst nicht, woher er die Kraft mobilisierte, mit der er den schweren, großen Leichnam aus dem Wasser, bis an Land zog. Seine Wade war nicht mehr als einige Fetzen aus Fleisch und Haut, vom Stiefel, der sie einst umschmiegte, war nicht mehr viel geblieben. So wie er den rettenden Strand erreicht hatte kippte er einfach um und blieb liegen, zu seiner linken sein Anderthalbhänder, zu seiner Rechten der Leichnam des Nix. Er sah, wie am Horizont die Sonne durch die dicke Wolkendecke brach und das Land in ein goldenes, sanftes Licht tauchte. Dann verlor er das Bewusstsein.

Einige Wochen später:

Peélius lag auf einem Heuwagen, links von ihm ruhte, gut verschnürt in Seide und Leder, ein großes Paket in Spindelform. Seine rechte Wade konnte er immer noch nicht ablegen, ohne das es schmerzte und brannte wie Säure, doch das bedeutete, dass sie heilte. „Sagt Herr, was ist das da, das Ding neben euch.“, der Fuhrmann drehte sich um und spuckte saftig auf die Straße. Sein Gesicht war faltig, von Narben durchzogen und eindeutig nicht das Gesicht eines einfachen Fuhrmannes. Peélius grinste breit und blickte unter seinem Hut zu dem Kerl empor: „Sagt mir, guter Mann, ihr kennt doch sicher die Saga von Kattquist, oder?“ Der Fuhrmann zog eine Grimasse und spuckte erneut auf die Straße: „Ay, Herr, wer kennt’n die nicht. War ja derbe genug, der Bastard, das er‘s sogar in Bawarut getrieben haben soll, bei den Bergziegen…oder mit den Bergziegen, n Seeräuber, aber was für einer.“ Saftiges Spucken. „Nun, wie ist der derbe Bastard denn gestorben?“ Der Fahrer zwinkerte, während er nachdachte, blickte dann mit großen Augen auf das schwarze Bündel, davon zu Peélius und wieder zum Bündel zurück. Saftiges Spucken: „Ay, Herr, und ich hab mir Sorgen gemacht, das wir bei nem Überfall geliefert wärn. Scheiße, wie man sich irren kann. Ich kanns trotzdem nicht so richtig glauben, dass ihrs wisst.“ Mit einem Schnalzen und einem Schwung der Peitsche trieb er die Pferde an, welche bis dahin nur den Kopf hingen ließen und friedlich vor sich hin trabten. Der Waagen schaukelte und setzte seinen Weg über die staubige Landstraße fort.


Comments

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    Hey, richtig stark geschrieben finde ich, vor allem die detailreichen Beschreibungen.^-^ Man konnte sich so gut in die Story reindenken. Bloß am Anfang ist mir aufgefallen, dass du beim Satz "Ein paar der spielten auf der einzigen Straße...", wahrscheinlich mal *Kinder vergessen hast. Ansonsten kann ich nur sagen, dass mir die Geschichte gut gefallen hat! ;o

  • Author Portrait

    Hallo! Auch mir gefällt Dein Text sehr gut. Auffällig ist, dass Deine Sätze oft sehr lang und voller Bindewörter sind. Daher, deshalb, woraufhin.. Ich persönlich habe damit kein Problem, nein, ich mag das gerne. Schachtelsätze faszinieren mich. ;-) Ich will es aber dennoch angesprochen haben, da Du ja um Kritik gebeten hast. :-) Ein guter, gelungener Text. Hat mir gefallen und mich überzeugt! Schönes Wochenende! :-)

  • Author Portrait

    Die Story ist Dir in Stil und Sprache ausgesprochen gut gelungen. Die Idee, einen wilden Nix zu jagen, finde ich spannend umgesetzt. Manches bleibt ein wenig im Dunkeln, so der seltsame Auftritt des Schwertträgers im Ledermantel. Hat er wirklich nur ein paar geheime Informationen gebracht? Richtig gut konnte ich mich in die Dorf- und Kneipenszenen hineinversetzen. Das Volk vom Lande mit seinen Argwöhnen und Aberglauben ist klasse dargestellt, das hat man richtig vor Augen. Auch den Kampf mit dem Nix fand ich gut - dachte zwischendurch fast mal an Charaktertod ... Der Schluss hingegen hat sich mir nicht so ganz zu 100% erschlossen. Wenn Peélius so offensichtlich auf den Tod des Kattquist anspielt, warum glaubt der Fuhrmann nicht, dass er wirklich davon weiß? Hinsichtlich der Schreibweise solltest Du noch mal auf die Zeichensetzung bei wörtlicher Rede schauen. Das passt noch nicht so ganz und es wäre schade, wenn Deine Geschichten davon beeinträchtigt bleiben. Und hier und da springst Du sprachlich in unsere Zeit, v.a. das Wort "Migration" hat mir ein Schmunzeln entlockt. Was aber gar nicht schlimm war ;-) GLG Sophie

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