Morgen.

Die Sonne war gerade erst aufgegangen doch selbst hier, weit hinter dem Schlachtfeld, war das Donnern der Geschütze schon zu hören.

Hier stand die Garde. Lange Kerle mit schneidigen Uniformen, motiviert, ausgeruht und bestens ausgerüstet waren sie bereit in den Kampf zu ziehen.

Und der General sagte „Wartet!“

Und die Garde war verstimmt. Sie waren die Besten der Besten, zu Allem bereit, wieso sollten sie warten?

Doch niemand murrte, niemand verzog das Gesicht. Denn Sie waren die Garde, sie taten immer ihre Pflicht.


Mittag.

Der Kampfeslärm kam näher und näher, es lief nicht gut für die Armeen des Generals.

Und der General sagte „Marschiert!“

Und die Garde machte sich bereit, in Reih und Glied marschierte sie ab. Zehn ordentliche Blöcke, zehntausend Mann.

Ihr Weg war gepflastert mit Zeichen des Versagens, verlassene Kanonen, verletzte Pferde, zerfetzte Soldaten.

Und die Garde war beunruhigt. War der Kampf schon verloren, kam sie zu spät?

Doch niemand verzagte, niemand verzog besorgt das Gesicht. Denn sie waren die Garde, sie taten immer ihre Pflicht.


Nachmittag

Sie erreichten ein weites Feld voller Krater und Leichen, voller Staub und Tod.

Und der General sagt „Haltet stand und siegt!“

Und die Garde stellte sich auf, in dichten, wohlgeordneten Bataillonen. Zehn waffenstarrende Blöcke, zehntausend Mann.

Der Feind kam nicht. Aber seine Artillerie grollte hinab auf die Garde, schlug in die Reihen, Vernichtung bringend.

Doch niemand floh, niemand verzerrte in Angst das Gesicht. Denn sie waren die Garde, sie taten immer ihre Pflicht.


Abend.

Bei den Kanonen des Feindes.

Ein Mann starrte durch den Rauch des Pulvers. Er sah die geordneten Reihen der Garde, seit Stunden unter schrecklichem Feuer-

Und er war erzürnt, voll Wut über sein letztes Hindernis zum Sieg.

Und so sagte der Kaiser „Fallt endlich um und sterbt!“

Und vom Wind getrieben gelangten seine Worte in die Ohren der Garde.

Und die Garde war verwirrt, denn auch dies schien ihnen wie ein Befehl. Doch war er das Gegenteil ihrer letzten Order. Wie sollte sie stand halten und gleichzeitig fallen? Siegen und doch sterben?

Und so entschied sie: Einige standen, einige fielen; viele starben, den Tod im Gesicht. Denn sie waren die Garde und auch dies war ihre Pflicht.


Nacht.

Die Schlacht war geschlagen.

Und der General sagte „Sammelt euch!“

Und die Garde sammelte sich, aus zerstörten Bataillonen wurden heile Kompanien, aus zerfledderten Regimentern heile Bataillone.

Doch neun Löcher lagen dort auf dem Feld voller Krater. Neun große Löcher, Neuntausend Mann.

Und diese Gardisten erhoben sich nicht zum sammeln, sie wischten sich nicht die Erde aus dem Gesicht.

Denn sie waren die Garde, und sie hatten ihre Pflicht getan.



Kutuzov befahl der Garde die Stellung zu halten und genau das tat sie. Alle Geschütze der Franzosen waren nicht genug um sie zu vertreiben. Die kompakten Reihen waren einfache Ziele für die Artillerie, die Soldaten standen dort von vier bis sechs Uhr nachmittags vollkommen bewegungslos im Kanonenfeuer und erlitten gewaltige Verluste. Alles was Napoleon durch den Rauch sehen konnte waren große Massen an Infanterie und so tat er nichts, setzte nicht zu einem entscheidenden Schlag an und bewahrte so die Russen vor einer vollständigen Niederlage.“

Über die Schlacht von Borodino 1812

Comments

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    Ich bin mir gerade nicht sicher, ob die 9000 umsonst gestorben sind oder nicht. Immerhin haben sie dem General geholfen, sein Psychospiel zu gewinnen. Andererseits haben sie rein gar nichts getan. Der Text verdeutlicht eindrucksvoll die Absurdität klassischer Vorstellungen von Krieg und den blinden Gehorsam, der den Soldaten eingebläut wird.. Die Geschichte ist sehr gut geschrieben und dass es sich um eine wahre Begebenheit handelt, hat dem Ganzen noch mehr Gewicht verliehen. Viele Restepke :)

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Fairy Dust

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