Niedergeschlagen betrachtete Charlie die Zahlen. Doch wie sie das Blatt auch wendete, wie oft sie auch die dicken Gläser ihrer Brille putzte, die Zahlen blieben rot.

Bereits seit Monaten waren die Verkaufszahlen rückläufig. Natürlich hatte sie nie erwartet, mit der kleinen Buchhandlung reich zu werden. Doch ganz romantisch waren ihre Vorstellungen gewesen, als sie vor 8 Jahren das kleine Geschäft von ihrer Tante übernahm. Antike Regale zierten die weinroten Wände, gefüllt mit wahrhaften Schätzen aus Belletristik, Lyrik und ihren Lieblingen - fantastischen Märchen. Sie hatte geträumt von interessierten Kunden mit viel Zeit und der gleichen Liebe für Bücher, die in den Regalen stöberten um sich sorgfältig den nächsten Lesestoff auszusuchen, sich von Charlie dabei beraten zu lassen und dabei das ein oder andere Tässchen Kaffee mit ihr zu trinken.

Romantisch und gleichermaßen naiv. Wer hatte heute schon genug Zeit, stöbernd einen kleinen Buchladen in einer winzig engen Seitengasse aufzusuchen um dort eventuell ein Buch zu kaufen? Nein, Zeit hatten die wenigsten. Sie bestellten über Onlinebuchhändler oder rannten in die nächste große Buchhandlung, die ihnen mit großer bunter Reklame aufzeigte, für was sie sich zu interessieren hatten. Sicher, am Anfang hatte Charlie noch ganz gut von den geringen Verkäufen leben können. Doch seit die große Buchhandlung zwei Ecken weiter eröffnet hatte, waren kaum noch Kunden in ihr Geschäft gekommen...

Charlie schlug ihre Monatsbilanz zu, voller Wut. Sie sollte das Geschäft schließen und in ihren früheren Beruf als Rechtsanwaltsfachangestellte zurückkehren. Dann hätte sie wenigstens ein geregeltes Einkommen; ein langweiliges Leben zwar, in dem sie wieder anderen zu Diensten sein musste, doch wenigstens konnte sie am Ende des Monats ihre Miete zahlen und Lebensmittel einkaufen.

 

Nein. Sie wollte nicht aufgeben. Das Geschäft war schon immer im Besitz der Familie gewesen. Vielleicht konnte sie eine Aktion starten? Eine Lesung mit Weinprobe war doch ein nette Idee... Das mochte die nächste Zeit überbrücken.

Sie erhob sich, zog ihren schwarzen Pulli glatt und schritt in den Verkaufsraum, der schon seit zwei Stunden geschlossen war. Draußen war es dunkel, der Raum nur spärlich beleuchtet mit einer Lampe. Es war Zeit nach Hause zu gehen zu Quasi. Ihr Kater wartete bestimmt schon sehnlichst auf sie. Und sie sehnte sich nach einer heißen Dusche und ihrem kuscheligen Flanellpyjama.

Noch einmal kontrollierte sie, ob sie auch wirklich die Eingangstür abgeschlossen hatte. Im winzigen Büro hinter dem Verkaufsraum nahm sie ihre Jacke und ihre Tasche und verließ das Geschäft durch die Hintertür.

Sie schloss auch diese Tür sorgfältig ab und trat in eine weitere kleine Gasse der Altstadt. Hatte sie auch wirklich gut abgeschlossen? Aber was machte sie sich Gedanken? Niemand wollte in ein altes Buchgeschäft einbrechen. Dort war nichts zu holen. Das wussten selbst die Einbrecher.

Kriiirgs.

Erschrocken drehte Charlie sich um. War da jemand? "Hallooo?"

Kriiiiergs.

Sie nahm ihre Handtasche enger an sich. Wo hatte sie noch gleich das Pfefferspray? Oder war das in der anderen Tasche?

"Halloohooo?" rief sie tapfer in die Dunkelheit der Gasse.

Eine hochgewachsene Gestalt zeichnete sich dort ab.

„Verschwinden Sie oder ich rufe die Polizei!“ rief sie einige Oktaven höher als ihr lieb war. Gleichzeitig fiel ihr ein, dass ihr Handy genau dort lag, wo sie eben noch über trübsinnigen Zahlen gesessen hatte. Improvisierend hielt sie sich ihren Taschenrechner ans Ohr, den sie stattdessen eingesteckt hatte.

„Nein.“ Die Gestalt kam näher. Ein großer Mann, der einen eher ruhigen Eindruck machte. Bestimmt hatte er schon viel Erfahrung im Überfallen alleinstehender Frauen. „Sorry, ich wollte sie nicht erschrecken.“ Langsam kam er näher, die Hände offen nach oben haltend. „Ich wollte eigentlich die Vordertür benutzen, aber dort war bereits abgeschlossen. Da wollte ich nachsehen, ob vielleicht doch noch jemand da ist.“

„Ja hier ist jemand. Aber wir haben geschlossen.“ Sie hielt den Taschenrechner fester. Er eignete sich sicher auch gut als Wurfgeschoss. Misstrauisch musterte sie ihn von oben bis unten, als er nun im Licht der Hinterbeleuchtung stand. Er hatte dunkles, lockiges Haar, ein ernstes Gesicht mit dunklen Augen – Farbe in diesem Licht nicht erkennbar – sanft geschwungene Lippen; er machte in der dunkelbraunen Lederjacke und den Jeans einen recht legeren Eindruck. Gut, die passende Täterbeschreibung würde sie nun bei der Polizei abgeben können.

„Es tut mir leid, ich mache Ihnen Umstände. Allerdings brauche ich ganz dringend ein bestimmtes Buch.“

Wie gestelzt er sich ausdrückte. Kam er aus einem anderen Jahrhundert? Ihr fiel ein recht dämlicher Liebesroman ein, den sie vor langer Zeit verschlungen hatte. Da war einer schielenden Bibliothekarin ein Mann aus dem vorletzten Jahrhundert über den Weg gelaufen. Natürlich hatten sie sich ineinander verliebt.

 

Charlotte hatte nicht vor, sich in irgendwen zu verlieben. Sie war zufrieden mit ihrem Privatleben. Und sie hatte auch nicht vor, den Fremden in ihr Geschäft zu lassen.

 

„Warum gehen sie nicht zum Hägendeppel, der hat bestimmt noch geöffnet? Oder zum Bahnhof? Die Geschäfte dort sind auch rund um die Uhr offen.“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich brauche ein ganz bestimmtes Buch. Und ich glaube, das gibt es nur in Ihrem Laden.“

Eine Rarität? In ihrem kleinen Laden? Sie hatte eine Handvoll antiquarischer Bücher ihrer Tante übernommen. Doch bisher hatte sich niemand dafür interessiert. Einige davon hatte sie im Schaufenster ausgestellt. Der Rest ruhte in einer Kiste im Büro.

Wie auch immer, er sollte morgen wieder kommen, bei Tageslicht. „Wir haben geschlossen“, wiederholte sie langsam.

Er nickte. „Ich weiß. Aber es eilt. Bitte. Fritz sagte mir, Sie könnten mir ganz sicher weiterhelfen.“

Fritz? Opa Friedrich? Charlotte holte tief Luft. „Sie kennen meinen Urgroßvater?!“

Er nickte erneut. „Er hat mir Ihre Adresse gegeben. Charlotte Merger. Das sind Sie doch? Und das ist Mergers Buchladen. Das Geschäft ist seit Gründung vor 143 Jahren in Familienbesitz. Sie haben es von Ihrer Tante übernommen.“

Stille.

Charlie musste sich konzentrieren, ihren Mund wieder zu schließen. Opa Friedrich war ebenfalls vor vielen Jahren Besitzer dieses Ladens gewesen. Er hatte sich schon lange zur Ruhe gesetzt. Er lebte nun in Schottland, in einem kleinen Cottage und schrieb in seinem hohen Alter Kriminalromane, von denen er sehr gut leben konnte.

„Bitte, es ist wirklich wichtig. Vielleicht sagt Ihnen der Buchtitel etwas? Von Drachen und Schätzen, geschrieben von einem gewissen Lorenz Scherpel. Und wie es der Zufall so will, ist das mein Urgroßvater. Fritz und er waren befreundet. In Ihrem Laden befindet sich das einzig erhalten gebliebene Exemplar dieses Buches. Warten Sie, ich zeige Ihnen meinen Ausweis, dann wissen Sie, dass ich die Wahrheit sage.“

 

Er kramte in seiner Jackentasche. Charlie machte instinktiv drei Schritte rückwärts. Dabei war ihre Vorsicht nicht notwendig. Er sprach die Wahrheit. Niemand außerhalb ihrer Familie wusste von diesem Buch. Es lag nicht im Verkaufsraum und war auch nicht in der Kiste mit den antiquarischen Büchern.

Von Drachen und Schätzen. Unglaublich. Es war Charlies Lieblingsbuch, seit sie ein kleines Mädchen war. Sie hatte die Geschichten darin immer gern gelesen. Sie waren spannend und voller magischer Wesen. Opa Friedrich hatte sie darin lesen lassen, wenn sie ihn im Laden besuchte. Doch er erlaubte nie, dass es mit nach Hause nahm. Er sagte, es sei ein ganz besonderes Buch. Es dürfe nie den Laden verlassen und man müsse immer gut darauf achten. Auch jetzt, da es eigentlich ihr gehörte, hatte es seinen angestammten Platz in der Schublade des alten Schreibtisches im Büro.

 

Der Mann hielt ihr seinen Ausweis entgegen. Zögerlich nahm sie ihn entgegen. Tatsächlich. Benedikt Scherpel lautete sein Name. Auf dem Foto war er gut zu erkennen. Sie reichte ihm den Ausweis zurück.

Nervös rückte sie ihre Brille zurecht. „Also gut. Kommen Sie.“ Sie schloss die Tür wieder auf und ließ ihn hinein.

 

Im Hinterzimmer schaltete sie nur ihre Schreibtischlampe ein. Die Schublade war abgeschlossen. Sie schloss sie auf mit dem kleinsten Schlüssel an ihrem Schlüsselbund.
Das Buch entsprach etwa der Größe DinA5. Das Titelbild zeigte die Skizze eines wütenden Drachen mit ausgebreiteten Flügeln auf einem Felsen sitzend. Die Seiten waren bereits vergilbt. Doch weder Eselsohr noch Flecken oder Risse waren auf ihnen zu finden, so sorgsam war in den letzten Jahrzehnten damit umgegangen worden. Beinahe liebevoll hielt Charlotte das Buch in ihren Händen. Das Buch darf den Laden nie verlassen... So lauteten die Worte ihres Urgroßvaters. Aber dieser Benedikt Scherpel war doch der Urenkel des Autors. Sie konnte ihm wohl kaum den Wunsch abschlagen, das Buch einmal in Händen zu halten. Etwas merkwürdig war die Geschichte aber schon. Hatte die Familie denn kein Exemplar aufbewahrt?

Kriiieergs kriiiergs.

Da! Wieder dieses Geräusch. Es kam von draußen.

Benedikt packte sie am Arm.

„Was war das?“ wollte sie wissen.

„Auf dem Weg liegt eine zerbrochene Bierflasche“, flüsterte er und sah misstrauisch zur Hintertür. „Ich bin auch versehentlich hineingetreten. Mist, ich wusste es ist zu spät.“

„Zu spät? Was ist zu spät?“

Er legte ihr seinen Zeigefinger auf den Mund. „Haben Sie die Tür abgeschlossen?“ flüsterte er so leise, dass sie ihn kaum hören konnte.

Sie schüttelte den Kopf. Was ging hier vor sich? Warum diese Heimlichtuerei? Ihr Herz schlug ihr plötzlich bis zum Hals. Beide lauschten nun nach weiteren Geräuschen aus der Richtung des Hintereingangs.

 

Drrriiiing.... driiiiing.

Charlotte zuckte zusammen. Zum Glück: Es war nur das Telefon auf dem Schreibtisch. Sie wollte nach dem Hörer greifen, doch Benedikt hielt sie zurück und schüttelte warnend den Kopf.

Drrriiiing .... driiiing

 

„Was soll das? Warum soll ich nicht rangehen?“ flüsterte sie leicht verärgert.

„Wenn wir still sind, geht er vielleicht wieder.“

„WER denn?!“

„Pssschhht.“

 

Drrriiiing .... driiiiing.

Der Anrufbeantworter schaltete sich ein. Charlies Stimme mit dem üblichen Ansagetext war zu hören. Und dann plötzlich die Stimme ihrer Tante Lisa.

„Charlie? Charlie bist du da? Geh doch ans Telefon, wenn du da bist. Ich habe es auch schon auf dem Handy versucht. Warum gehst du nicht ran?“ Sie klang ziemlich aufgeregt. „Hör zu, Charlie. Es geht um dieses Buch. Du weißt schon, das Buch in der Schublade. Gib es niemandem! Hörst du? Ich bin auf dem Weg zum Laden. Oh Kind, wo steckst du nur?“

Charlie drückte das Buch fest an sich und wich vor Benedikt zurück. Rasch griff sie nach dem Telefon. Zu spät, Tante Lisa hatte bereits aufgelegt.

Im gleichen Moment rüttelte es an der Hintertür. Charlie wich weiter zurück. Viel Raum blieb dafür nicht. Schon stieß sie mit dem Rücken an ein Regal. Das Buch hielt sie fest umklammert.

„Hallo? Charlotte Merger, sind Sie da?“ rief eine Männerstimme von draußen.

Alarmiert sah Benedikt sie an. Das spärliche Licht der Schreibtischlampe verlieh seinem Gesicht gespenstische Schatten. „Schnell, geben Sie mir das Buch.“

Sie schüttelte den Kopf. „Warum? Was ist mit dem Buch?“

Mit nur einem Schritt war er bei ihr und griff nach dem Buch. Gleichzeitig wurde die Hintertür aufgebrochen, sie hörte das Holz des Rahmens springen.

Benedikt packte Charlie an den Schultern. „Geben Sie mir das Buch!“ befahl er wütend. „Nein!“

An alles, was kurz darauf folgte, konnte sie sich später kaum noch erinnern. Benedikt hatte sie grob gegen das Regal gepresst und als sie sich weiterhin wehrte musste er sie gegen das Regal geschubst haben.

Sie erinnerte sich nur noch an die anschließende Dunkelheit. Eine Beule am Hinterkopf war ihr ebenfalls geblieben.

 

Als sie erwachte, blickte sie in das besorgte Gesicht eines fremden Mannes. Erst dachte sie, es sei Benedikt. Doch dann erkannte sie, dass zwar eine gewisse Ähnlichkeit vorhanden war, der Mann jedoch hellere Augen und etwas reifere Gesichtszüge hatte.

Sie sparte sich das profane „Wo bin ich“ oder „Was ist passiert“ und ging gleich über zu „Wer sind sie?!“

Ein weiteres Gesicht tauchte hinter dem Fremden auf. Dieses kannte sie zum Glück.

„Tante Lisa!“

„Charlie! Gott sie Dank! Ich wollte schon den Krankenwagen rufen. Doch David meinte, es sei nicht notwendig.“

Charlie richtete sich halb auf. Sie war noch immer in ihrem Büro. Wie lange sie bewusstlos gewesen war, wusste sie allerdings nicht. Sie spürte die Beule und als sie sich weiter aufrichtete, wurde ihr leicht schwummrig. Tante Lisa reichte ihr ein Glas Wasser, das Charlie dankbar annahm. „Warum habt ihr nicht die Polizei gerufen? Der Kerl hat das Buch geklaut.“

Der Fremde, vermutlich war dies David, stand verärgert auf. „Ich wusste es. Ich hätte schon viel früher etwas gegen ihn unternehmen sollen.“

Lisa sah ihn beruhigend an. „Woher solltest du wissen, dass dein Bruder tatsächlich alle Regeln über Bord wirft?“

„Stopp“, unterbrach Charlie sie. „Erklärt mir doch bitte, was es mit dem Buch auf sich hat. Und warum zum Teufel hat dieser Benedikt es gestohlen?“

Lisa kniete sich neben ihr nieder. „Das Buch ... es enthält wichtige Informationen. Wertvolle Informationen. Sie sollten für immer bewahrt werden. David und Benedikt entstammen einer Familie, die – wie einige unserer Vorfahren übrigens auch – geschworen hat, die Informationen zu bewahren. So wie es aussieht hat Benedikt vor, die Informationen weiterzugeben. Oder für sich selbst zu verwenden...“

„Wir müssen ihn aufhalten“, grummelte David. „Verdammter Mist. Wie sollen wir ihn aufhalten? Er hat das einzige Exemplar des Buches, nur er kennt den Weg.“

Charlie verstand immer noch nichts. Sie trank lieber noch einen Schluck Wasser. „Welche Informationen meinst du und warum weiß ich nichts davon? Was kann an einem Märchenbuch so wichtig sein, dass man es stiehlt?“

Lisa und David wechselten einen langen Blick. Ob sich die beiden schon länger kannten?

 

Ihre Tante nahm Charlie bei den Händen. „Nicht alles, was in diesem Buch steht, ist erfunden.“ Sie atmete tief ein, schien zu überlegen, wie sie es sagen sollte. „Also... Drachen ... gibt ... nein.... Drachen GAB es wirklich. Lebende Drachen gibt es nicht mehr. Sehr wohl sind aber in Teilen der Welt noch einzelne Dracheneier aufbewahrt worden. Einige Menschen konnten sie retten und haben sie versteckt. Sie haben versprochen, sie zu beschützen, bis sie eines Tages zum Leben erwachen.“

Charlie schwirrte der Kopf. Offensichtlich hatte sie sich den Kopf härter angestoßen, als sie es vermutet hatte. „Drachen? Ja klar. Und der Weihnachtsmann wohnt natürlich am Nordpol.“

„Wir haben keine Zeit für lange Erklärungen“, ging David rüde dazwischen. „Mein Bruder hat das Buch und ist auf dem Weg zu dem Versteck.“

„David, Benedikt und ihre Vorfahren sind Drachenwächter“, fuhr Lisa unbeirrt fort. „Sie haben den Eid geschworen, das Geheimnis der Dracheneier für immer zu bewahren. Ich konnte die Geschichte selbst kaum glauben, als Opa Friedrich mir davon erzählte. Ich weiß es ja auch erst seit kurzem. Er hat sich mir anvertraut, als bekannt wurde, dass vermutlich jemand den Eid brechen würde. Doch man wusste nicht, wer es sein würde.“

„Man?“ Charlie traute sich kaum, weitere Fragen zu stellen, aus Angst vor dem, was da noch auf sie zukommen würde.

„Der Rat der Drachenwächter“, erklärte David knapp. Ob er unter weniger Druck wohl mehr Worte übrig hatte?

Misstrauisch sah Charlie sich um. Befand sie sich bei der Versteckten Kamera? Kamen gleich ein lustiger Moderator und eine ganze Filmcrew aus den Regalen gesprungen?

„Wir müssen ihn aufhalten“, wandte sich David an Lisa. „Um jeden Preis. War dies wirklich das einzige Exemplar, das dein Großvater hier versteckt hat?“

„Ich befürchte ja.“

„Was ist nun mit dem Buch; was steht darin, dass es so wichtig ist?“ Charlie blickte von Lisa zu David und wieder zurück.

David sah sie nun mit seinen hellen Augen direkt an. „Das Buch enthält Angaben zu einem der Verstecke, an denen die Dracheneier verwahrt werden.“

Charlie schüttelte den Kopf. Wie sollte man so etwas nur glauben? „Ich kenne das Buch. Ich habe es als Kind oft gelesen. Da gibt es keine Karte und auch keine Wegbeschreibung.“

„Wenn ich Opa Friedrich richtig verstanden habe, ist die Wegbeschreibung in den Geschichten versteckt. In jeder der Geschichten gibt es einen Hinweis. Wenn man die Hinweise zusammenträgt, führen sie direkt zu den Dracheneiern.“

„Genau“, stimmte David zu. „Mein Bruder will die Dracheneier an sich nehmen. Vermutlich will er sie verkaufen. Ich weiß auch nicht. Er war schon immer das schwarze Schaf der Familie, hatte Wettschulden, ging keiner geregelten Arbeit nach und gab sich mit üblen Gestalten ab. Dass er aber seinen Eid brechen würde hätte niemand von uns jemals gedacht. Sonst wäre er niemals in den Kreis der Drachenwächter aufgenommen worden.“

Charlie bekam ein schlechtes Gewissen. Mochte man die Geschichte glauben oder nicht. Sie war es, die den Kerl in das Geschäft gelassen hatte. Wegen ihr war das Buch nun gestohlen worden.

„Wie sollen wir ihn verfolgen, wenn wir überhaupt keine Ahnung haben, wo der Weg hinführt?“ Lisa verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ohne das Buch ist das unmöglich“, stimmte David zu.

„Fast...“ murmelte Charlie.

Beide sahen sie überrascht an.

„Ich kenne die Geschichten fast in- und auswendig.“ Charlie lächelte zum ersten Mal an diesem Abend. „Sagt mir, welche Informationen ihr braucht. Vielleicht kann ich weiterhelfen.“

David nickte. „Ein Versuch ist es wert. Soweit ich weiß, sollte in jeder Geschichte eine Zahl enthalten sein. Kombiniert ergibt dies die Koordinaten des Verstecks.“

Charlie prustete los. „Wie bitte? Das ist alles? Ich nehme an, man kombiniert die Zahlen in der Reihenfolge, wie sie in dem Buch vorkommen?“

„Das entspricht dem, was Opa Friedrich mir erzählt hat“, stimmte Lisa zu.

Charlie reichte David einen Notizblock und einen Kuli von ihrem Schreibtisch.

„Schreiben Sie mit: Also, in der ersten Geschichte geht es um 50 Ritter, die ausziehen auf der Suche nach....“

„Dracheneiern.“ Lisa schmunzelte. „Ich habe das Buch als Kind auch gelesen. Aber nicht oft genug, um mir alles merken zu können.“

Charlie konzentrierte sich, um sich an wirklich alle Zahlen in jeder Geschichte erinnern zu können. Bald hatte David eine Reihe von Zahlen notiert.

„Hast du eine Karte im Verkaufsraum?“ wollte er wissen. Sein Ton war nun freundlicher, die Aussicht, seinen Bruder doch noch zu erwischen, schien ihn milder zu stimmen.

Lisa zückte ihr Handy. „Wer braucht schon Karten im Zeitalter von Smartphones und GPS?“

Charlie grinste ihre Tante an. Lisa war schon immer mit der Zeit gegangen und tat es mit ihren 56 Jahren immer noch.

David runzelte die Stirn. „Okay, also, wenn wir hier ein Komma setzen.... und hier....“
Lisa gab die Koordinaten ein. „Ach du liebe Güte, wo ist das denn?“

Charlie warf ebenfalls einen Blick auf das Handydisplay. „Hmm, kannst du ein wenig herauszoomen? Sieh doch, die Straße: Das ist der alte Friedhof.“

 

Alle drei sahen nun fasziniert auf Lisas Handy.

 

„Das ist nicht weit. 20 Minuten mit dem Auto“, meinte Charlie. „Maximal eine halbe Stunde.“

„Dann los“, schlug David vor. „Benedikt ist bestimmt schon dort.“

„Vielleicht auch nicht. Er ist doch nicht von hier. Aber Lisa und ich kennen uns aus.“

Sie eilten hinaus. Charlie spürte ein Kribbeln im Bauch, das sie schon längst vergessen zu haben glaubte. So hatte es sich als Kind angefühlt, wenn man allein nur mit Freunden den Wald erkundete oder sich beim Versteckspiel ein besonders gutes Versteck ausgesucht hatte. Nur, dass Charlie lange kein Kind mehr war... Sie wollte lieber nicht darüber nachdenken, was es bedeutete, wenn die abenteuerliche Geschichte von Lisa und David stimmte... Nein, zunächst ging es ihr nur darum, das Buch wieder zu bekommen. Und vor allem wollte sie diesem Benedikt eins auswischen. Wie konnte er es wagen, sie zu bestehlen?!

 

Sie fuhren mit Lisas rotem Mini Cooper. Lisa setzte sich ans Steuer, Charlie nahm freiwillig auf dem Rücksitz Platz, während sich David ziemlich klein machen musste, um in den Wagen einsteigen zu können. Während der Fahrt versuchte Charlie noch mehr über diese Geheimorganisation namens Drachenwächter herauszufinden.

 

David gab ihr bereitwillig Auskunft, schließlich gehörte sie nun quasi „dazu“. Er wies sie ebenfalls darauf hin, dass sie vermutlich vor den Rat der Wächter treten müsse, um ewiges Schweigen und Treue zu schwören. Selbstverständlich mussten sie es zunächst einmal schaffen, Benedikt vom Diebstahl der Dracheneier abzuhalten.

Lisa telefonierte per Headset mit Opa Friedrich. Er versprach, dem Rat der Drachenwächter bescheid zu geben. Sie würden ihnen Verstärkung schicken so schnell es ging.

Auf den Parkplätzen vor dem alten Friedhof war es stockfinster. Die Scheinwerfer des Mini Cooper zeigten nur ein einzelnes Auto, das dort parkte.

„Das ist Benedikts Wagen“, bestätigte David finster.

Hatte sich Charlie bisher in abenteuerlicher Aufregung befunden, so sackte ihr nun das Herz in die Hose. Was würden sie tun, wenn sie ihn fanden? War er womöglich bewaffnet?

David untersuchte mit einer Taschenlampe den Boden um das Auto herum. „Hier entlang, wir folgen einfach seinen Spuren.“

Außer Davids Taschenlampe gab es keine Lichtquelle weit und breit. Eiskalt lief es Charlie den Rücken hinunter. Sie konnte sich schöneres vorstellen, als in finsterster Nacht auf einem uralten Friedhof nach einem Dieb zu suchen.

 

Falls es Drachen wirklich gab... Gab es dann auch Geister? Vampire? Werwölfe? Zombies?

 

Eine Eule rief ihren üblichen Ruf durch die Nacht.

Charlie griff instinktiv nach Lisas Hand. Ihre Tante nahm sie fest in die ihre. Die Situation schien auch ihr nicht wirklich geheuer. Gemeinsam folgten sie David und seiner Taschenlampe.

Dunkel erhoben sich die alten, von Moos und anderem bewachsenen Grabsteine rechts und links des Weges. Charlie blickte starr geradeaus. Sie wollte sie nicht sehen. Die Toten waren tot. Keine Geister.

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sie endlich vor sich ein anderes Licht ausmachen konnten. David ging nun langsamer.

„Wir müssen vorsichtig sein. Ich weiß nicht, was er mit den Dracheneiern vorhat. Und ob er bewaffnet ist. Bleibt in jedem Fall hinter mir.“

Das Licht stammte aus einer kleinen Hütte, wie es Charlie schien. Erst beim Näherkommen erkannte sie, dass es sich um eine Gruft handelte. Ein weiterer Schauer lief ihr über den Rücken.

Sie kommunizierten nun nur noch über Blicke und Gesten. Sie wollten den Übeltäter überraschen. David schaltete nun auch die Taschenlampe aus. Charlie widerstand dem Drang, die nähere Umgebung nach sich bewegenden Schatten abzusuchen. Nein, die Situation war schon schaurig genug. Sie hielt Lisas Hand weiterhin fest umklammert. Leise schlichen sie voran.

Kurz vor dem Eingang hob David die Hand und deutete ihnen, stehen zu bleiben. Er näherte sich seitlich dem Eingang der Gruft und spähte hinein. Dann winkte er Lisa und Charlie herbei

Hintereinander betraten sie die Gruft. Was sich ihnen offenbarte, ließ Charlie bittere Galle schmecken. Ihre Knie wurden weich. Sie zitterte.

 

Die Gruft war ausgestattet mit mehreren aufgereihten steinernen Särgen an den Wänden. Von einem jeden Sarg war der Deckel hinuntergestoßen worden. Charlie konnte nur erahnen, welch grimmiger Entschlossenheit es benötigte, die schweren Deckel von den Särgen zu stemmen. Staub und Dreck zeigten, wie sie durchwühlt worden waren.

Inmitten des ganzen Chaos saß Benedikt vor einem kleinen Sarg.

Charlie schnappte nach Luft. Sie musste den Würgereiz in ihrer Kehle unterdrücken. Doch nicht die modrige Luft oder der Gestank ließen sie die Übelkeit verspüren. Es war der kleine steinerne Kasten. Ein Kindersarg.

„Benedikt.“ Davids Stimme klang nun ruhig. Sehr ruhig.

Der Dieb blickte auf. Selbst Charlie konnte den Wahnsinn in seinen Augen glänzen sehen.

„David! Sieh doch. Hier sind sie! Ich habe sie gefunden.“

 

In seinen Armen hielt Benedikt zwei ovale, graue Steine... Nein, keine Steine. Es waren die Dracheneier. Das eine der beiden Eier glänzte leicht golden, das andere wie Silber durch die Spuren seiner Finger, die er auf der dicken Staubschicht hinterlassen hatte.

„Bruder, leg sie zurück“, bat David und näherte sich ihm ganz langsam.

„Warum? Benedikt, überleg doch mal. Die Dinger sind ein Vermögen wert! Wir sind reich! Nie wieder müssen wir uns um irgendetwas sorgen!“

„Wir haben geschworen sie zu schützen.“

„Wozu? Sie vergammeln hier doch nur. Sieh dir an, wie schön sie sind. Jeder sollte sie sehen und bewundern können. Wir versteigern sie bei Christie’s. Oder verkaufen sie direkt an ein Museum. Die Welt kann sie bewundern und wir haben für den Rest unserer Tage keine Sorgen mehr.“

„Wir haben es geschworen.“ David stand nun direkt vor seinem jüngeren Bruder und kniete sich zu ihm nieder. „Man würde sie nicht bewundern. Man würde sie untersuchen, sie auseinandernehmen. Man würde Experimente mit ihnen machen. Vielleicht würden sie versuchen, die Eier zu bebrüten, damit die Drachen vor ihrer Zeit schlüpfen. Benedikt, bring nicht das Schicksal der Zeit durcheinander.“

Der Mann, der dort auf dem Boden saß und die Dracheneier in seinen Armen wiegte, war eindeutig dem Wahnsinn verfallen. „Nein! Sie gehören mir! Geh weg! Du willst sie mir nehmen. Wie du mir alles genommen hast. Immer! Du warst immer der Bessere, der Stärkere, der Mutigere.... Niemals konnte ich gegen dich ankommen. Jetzt ... ja, jetzt habe ich die Eier und du hast.... NICHTS.“

Bevor das ganze in eine Vorstellung nach den Regeln jeder billigen Soap ablief, nahm Charlie ihren Mut zusammen und trat vor, sodass Benedikt sie sehen konnte.

„Kein Geschwalle mehr. Legen Sie die Eier vorsichtig hin. Ich bitte Sie. Sie wissen, dass David Recht hat. Also, machen Sie, was er sagt, oder wir rufen die Polizei.“

Benedikt legte ganz sanft eines der beiden Eier auf den Boden. Doch nur, um hinter sich zu greifen. Er hatte tatsächlich eine Waffe. Eine Pistole. Charlie wusste nicht, welches Modell, sie kannte sich mit Schusswaffen nicht aus. Aber sie konnte sich vorstellen, dass dieses Ding echt war.

David warf ihr einen tadelnden Blick zu. Aber hatte er wirklich geglaubt, seinen Bruder überreden zu können?

Benedikt richtete die Waffe auf Charlie. „Ach, du schon wieder? Ich dachte, du wärest erst einmal ausgeschaltet. Egal, das kann ich ja nun nachholen.“

„Wollen Sie nun nach Diebstahl auch noch Mord auf ihr Strafkonto laden?“ fragte Charlie und hoffte inständig, er möge ihr die Angst nicht ansehen. „Sie haben mein Buch. Sie haben die Eier. Wo wollen sie denn hingehen? Mit den Dracheneiern kommen sie doch nicht weit.“

„Das geht dich nichts an. Ich kenne genug Leute, mit denen ich das schon regeln kann.“

Charlie schluckte. Benedikt hielt die Waffe noch immer auf sie gerichtet. Seinen Bruder schien er vergessen zu haben. Charlie traute sich kaum, ihm einen Blick zuzuwerfen. Er musste selbst merken, dass Charlie den Kerl nur ablenkte, damit David ihn überwinden konnte.

„So, Sie kennen also Leute? Was sind das für Leute? Bestimmt kaum vertrauenserweckende Personen. Und was ist, wenn die Typen Ihnen die Dracheneier auch stehlen? Oder Sie töten? Niemand wird Ihnen die Dracheneier lassen, Benedikt. Egal, was Sie tun, man wird sie Ihnen nehmen.“

Benedikt legte nun auch das andere Ei vorsichtig zur Seite. Er erhob sich, musterte Charlie voller Verachtung.

„Was soll das? Hältst du mich für blöd? Keiner wird sie mir wegnehmen, darauf werde ich schon aufpassen.“

Sein Zorn galt nun allein Charlie und das war genau das, was sie beabsichtigt hatte. Benedikt bemerkte so nicht, wie schnell David bei ihm war. Ein geübter Schlag auf den Arm und ihm fiel die Waffe aus der Hand.

 

Tut mir leid“, murmelte David und verpasste seinem Bruder einen Kinnhaken. Benedikt fiel ohnmächtig um.

 

Endlich wagte es Charlie, tief einzuatmen. Der Gestank nach Staub und Moder in der Luft machten ihr kaum noch etwas aus.

Nun wagte auch Lisa, sich wieder zu bewegen. „David, gib mir deine Taschenlampe. Ich suche im Auto etwas, womit wir ihn fesseln können.“

David überprüfte, ob Benedikts Puls noch schlug. „Gut, er wird k.o. sein, bis er gefesselt ist. Vielleicht sogar, bis die Verstärkung eintrifft.“

 

Er musterte Charlie zum ersten Mal richtig und lächelte schließlich. „Das haben Sie gut gemacht.“

„Danke.“ Nervös rückte Charlie einmal mehr ihre Brille zurecht. Dann fiel ihr Blick auf die ovalen Steine am Boden. „Sind das wirklich....?“

Er nickte. „Kommen Sie nur näher. Sie sind sehr stabil und fast unzerstörbar.“

Ehrfürchtig kniete Charlie nieder und berührte das Ei aus Silber. Vorsichtig wischte sie den Staub fort. Ihre Finger glitten langsam über die glänzende Oberfläche. Das Ei fühlte sich warm an. „Oh.“

David lächelte. „Ja, sie leben. Seit tausenden von Jahren. Eines Tages werden die Wesen darin schlüpfen. Doch keinem Menschen auf dieser Welt ist es gegeben, über sie zu bestimmen. Niemand darf sie besitzen. Sie sollen frei sein. Sonst werden auch sie ausgerottet, wie ihre Vorfahren.“

Charlie verstand, was er meinte. Sie legte das Ei aus Silber vorsichtig neben das Ei aus Gold. Sie fühlte Stolz und Ehrfurcht gleichermaßen. Sie hatte Teil daran gehabt, diese wunderbaren Dracheneier zu beschützen.

Und sie spürte einen tiefen Instinkt, sie weiter beschützen zu wollen.

„Drachenwächter“, sagte David leise, der jede ihrer Bewegungen genau beobachtet hatte.

Im Morgengrauen schloss Charlie ihre Wohnungstür auf. Sofort miaute es empört zu ihren Füßen.

Müde und doch zufrieden und glücklich bückte sie sich nach ihrem Kater, um ihn auf dem Arm zu nehmen. „Guten Morgen mein kleiner Quasimodo. Du fragst dich sicher, wo ich mich die ganze Nacht herumgetrieben habe. Ich sage dir, du wirst es mir kaum glauben.“

Doch bevor sie es sich in Pyjama und mit ihrem schwarzen Kater in ihrem Bett gemütlich machen konnte, brauchte sie eine heiße Dusche. Den Staub der Gruft konnte sie abwaschen. Die Erinnerung an diese Nacht würde für immer bleiben.

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    Ich würde deinen Buchladen sofort besuchen! :) Eine wunderschöne, äußerst mitreißend geschriebene Geschichte.

beta
Fairy Dust

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