Ein nutzloses Wunder

Eigentlich sollte Ben seiner Tante in der Küche zur Hand gehen, ihr dabei helfen die schweren Töpfe von Herd zu Herd zu tragen und mit seinen kleinen Händen den wachsenden Haufen Geschirr säubern, doch immer wieder huschen seine Augen aus dem Fenster. Seine Unaufmerksamkeit hatte ihn bereits den ganzen Morgen über Tadeleien, ja sogar einen Schlag mit dem Kochlöffel gekostete, doch er konnte sich nicht davon abhalten zu dem alten Mann hinaus zu starren. Allein saß er bereits seit Stunden auf der Parkbank der gegenüberliegenden Straßenseite und starrte mit leerem Blick in den grauen Morgen. In den letzten Tagen war der Winter mit unbarmherziger Kälte über das Land gekommen und hatte die Welt unter einer dünnen Eisschicht begraben. Der Boden war gefroren und die heftigen Windböen trieben die Menschen in den Schutz ihrer kleinen Häuser. Lediglich die Ärmsten der Armen und Mittellosen mussten ihre Zeit in der Kälte fristen und suchten die Windstille unter Brücken und Vorsprüngen. Der alte Mann jedoch saß unbeeindruckt in der Kälte, während vereinzelte Flocken auf seine dunklen Schultern fielen, saß dort bis der frische Schnee den schmutzigen Boden blütenweiß gefärbt und die tiefen Rinnen, die die Kutschenräder täglich in den Boden trieben, verborgen hatte.

Ben wischte mit gerunzelter Stirn das beschlagene Fenster klar und legte den Kopf schräg. Er selbst musste auf seinem Heimweg, den Schal über Nase und Mund ziehen, um sich vor der schneidenden Luft zu schützen. Ob der Mann bereits erfroren war? Der Gedanke kam ihm nicht zum ersten Mal an diesem Morgen, doch wann immer er zögernd stehen blieb und überlegte nach draußen zu dem Fremden zu eilen, war es, als ob der Alte seinen Blick spüren und zu ihm hinüber spähen würde. Höchst sonderbar. Hinzu kam, dass Ben ihm noch nie begegnet war, und das, obwohl er bereits sein ganzes Leben zwischen den kargen Hütten hauste. Ob er ein Besucher war? Ben musste allein bei dem Gedanken spöttisch lächeln. Niemand, der noch klar im Kopf war, kam freiwillig nach Fahlbrun. Es war ein langweiliger Ort mit langweiligen Menschen und langweiligen Aktivitäten. Die größte Freude der Dorfgemeinschaft war der tägliche Gang zur Kirche und der darauffolgende Besuch der Bierstube seiner Tante.
Selbst sie warf hin und wieder einen Blick zum Fenster hinaus und tadelte Ben dennoch für seine Verwunderung. Allein ein fremdes Gesicht wäre Grund zum Staunen, aber ein alter Mann, der halb von Schnee bedeckt auf der einzigen Bank des Dorfes an der einzigen Straße saß und nichts anderes tat, als mit leerem Blick vor sich hinzustarren? Verwunderung traf nicht annährend den Grad von Bens Neugier. Und wie konnte seine Tante sich überhaupt ihre heuchlerischen Bemerkungen erlauben? War sie es nicht, die für gewöhnlich mit der Nase an der Scheibe hing und jedes kleinstes Detail mit wunderlichen Ausschmücken verziert ihren Gästen servierte? Wer war der Alte?

Ein unsanfter Schlag auf den Hinterkopf riss Ben aus seinen Gedanken und zurück in das hektische Treiben. Der Koch stand mit verschränken Armen hinter ihm und schüttelte missbilligend den Kopf. Er nickte in Richtung Tür und warf ihm einen warnenden Blick zu, bevor er sich wieder seinen Töpfen zuwandte. Kaum einen Augenblick später schwangen die Türflügel zur Seite und machten dem massigen Körper von Bens Tante Platz, die in jeder Hand fünf Bierkrüge balancierte und mit verbissenem Blick nach ihrem Neffen Ausschau hielt.
„Nimm den Kopf aus den Wolken, draußen warten Gäste“, rief sie ihm mit harter und rauer Stimme zu. Mit einem dumpfen Knall stellte sie die benutzten Humpen ab und wischte sich die klebrigen Hände an der Schürze sauber. „Und du, „Sie zeigte mit drohender Geste auf ihren besten und einzigen Koch, „sparst gefälligst am Brot. Von den Portionen die du servierst könnte eine Familie den ganzen Winter überstehen!“ Sie schüttelte missbilligend den Kopf und fixierte Ben mit wildem Blick. „Wird’s bald?“

Erst nachdem der Andrang vor der Mittagsmesse überstanden war, konnte sich Ben einen weiteren Ausflug an das beschlagende Fenster erlauben. Sein Rücken war nassgeschwitzt und die Arme schmerzten vom Gewicht zahlloser Krüge, während er ungeduldig den Dunst von der Scheibe wischte und stockte. Die Bank war leer und lediglich ein schmaler, trockener Streifen Holz zeugte von der ehemaligen Anwesenheit des alten Mannes. Ben stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte die Nase eng gegen das kalte Glas, aber auch in der Ferne war die dunkle Silhouette nicht zu erkennen.
„Das Geschirr Junge!“, ertönte die herrische Stimme seiner Tante. Ben nickte abwesend und runzelte die Stirn. Die Situation gefiel ihm nicht, irgendetwas störte ihn an der ganzen Geschichte. Was wollte der Fremde in Fahlbrun und weshalb hatte er Stunden vor der Stube seiner Tante verbracht? Fragen über Fragen häuften sich wie der Berg schmutzigen Geschirrs und die Suche nach ihren Antworten wollte Ben nicht in Frieden lassen. Er wollte sich gerade vom Fenster abwenden und zumindest vorgeben das Geschirr zu säubern, als ihm ein leuchtender Farbklecks ins Auge fiel.
Es war mehr ein Gefühl, als ein Gedanke, als er den Spülschwamm sinken ließ und ohne auf die wütende Stimme seiner Tante zu achten, nach draußen rannte. Sie war zu beschäftigt, um ihn an den Ohren zurück zu zerren und der Koch, würde wegen eines kleinen Jungen sicher nicht den warmen Platz am Feuer gegen die eisige Kälte tauschen.

Den schneidenden Wind ignorierend eilte Ben über die Straße zu der schneelosen Stelle hinüber. Das grelle Gelb flatterte im Wind und drohte mit ihm fortgerissen zu werden, als Ben es im letzten Moment aus der Luft erhaschte. Verständnislos starrte er auf die leuchtend gelbe Feder zwischen seinen Fingern, nicht sicher weshalb er sich für das kleine Ding in die Kälte gestürzt hatte. Über sich selbst verärgert wollte er es dem Wind zurückgeben, als ihm erstmals der honiggelbe Schimmer auffiel. Die Feder schien beinahe von innen zu leuchten, wenn das Licht im richtigen Winkel auf ihre seidige Oberfläche fiel. Abermals musste Ben zögern und die Feder gedankenverloren im schwachen Mittagslicht drehen und wenden. Hatte sie einen Nutzen? Sicher nicht. Gab sie Anzeichen auf die Absichten des Fremden? Ebenfalls unwahrscheinlich. Dennoch ließ er sie in seiner Westentasche verschwinden, noch immer unsicher was es mit dem kleinen, nutzlosen Wunder auf sich hatte.

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    Der Einstieg in die Geschichte gefällt mir. Ich bin neugierig, wie sie weiter geht!

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Fairy Dust

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