Ein offenes Gespräch

Grinsend lief Hermine in der Menge der anderen Schüler zurück zum Schloss. Auch wenn die Welt eigentlich gerade schlimmere Probleme als ein Quidditch-Match hatte, so konnte sie doch nicht leugnen, dass sie stolz auf ihre Hausmannschaft war. Sie hatten gewonnen, obwohl Harry bei Snape nachsitzen hatte und nicht dabei sein konnte. Innerlich hatte sie Snape zugestimmt, als er mit offensichtlicher Absicht den nächsten Termin zum Nachsitzen auf genau diesen Samstag während des Spiels gelegt hatte. Dass sie nun trotzdem gewonnen hatten, erleichterte sie dennoch: Harry würde ihr den Verrat vielleicht schneller verzeihen, weil es nicht zur totalen Katastrophe gekommen war.

 

Aus den Augenwinkeln beobachtete sie Draco, der mit seinen Freunden ein Stück hinter ihnen auch zum Schloss zurückkehrte. Er wirkte nicht bei der Sache, obwohl er sonst mit extremen Zorn auf jeden Sieg der Gryffindor-Mannschaft reagierte. Sie hatte seit Tagen nicht mit ihm gesprochen, nur aus der Ferne beobachtet, dass seine Anspannung beinahe stündlich stieg. Irgendetwas ging vor sich. Sie sehnte sich danach, ihn in ihre Arme zu schließen, um die steilen Falten zwischen seinen Augenbrauen zu besänftigen. Um Tee zu trinken mit ihm.

 

Kaum waren sie im Gemeinschaftsraum angekommen, verwandelte sich der ganze Gryffindor-Turm in eine ausgelassene Party. Es war das letzte Spiel der Saison gewesen, nicht unbedingt bedeutend, aber dass sie Snapes Plan vereitelt hatten, machte den Sieg doppelt süß. Nur Harry fehlte noch, offenbar wurde er absichtlich länger festgehalten.

 

Schmunzelnd beobachtete Hermine, dass Ginny zunehmend nervös wurde. Ron hatte ja schon zuvor vermutet, dass Harry und Ginny jetzt zusammen waren, doch offiziell war es noch nicht. So, wie Ginny gerade aussah, hatte sie vor, das zu ändern – und zwar mit einem sehr großen Publikum. Ob Harry darüber Bescheid wusste?

 

Als das Portrait aufschwang und der wohlbekannte schwarze Haarschopf eintrat, konnte Hermine gar nicht so schnell aufstehen, wie Ginny an ihr vorbeischoss und einen völlig überrumpelten Harry an sich riss. Sie küsste ihn. Als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt küsste Ginny ihn vor aller Augen, achtete nicht auf Ron, dessen Mund weit offen stand, oder auf irgendeinen der anderen Jungs, mit denen sie mal was hatte. Ewigkeiten küsste sie Harry, der nach einem anfänglichen Schock den Kuss nur zu begierig erwiderte.

 

Endlich lösten die beiden sich voneinander. Es war totenstill im Gemeinschaftsraum geworden, alle Augen lagen auf dem Paar, doch Harrys Blick wanderte direkt zu Ron. Der wiederum schien für einen Moment noch wütend zu sein, doch dann sagte er leise „Wenn’s denn sein muss“, und drehte sich dann um. Während die Menge in Jubel ausbrach, folgte Hermine ihrem Freund aus dem Gemeinschaftsraum hinaus.

 

„Ron, warte!“, rief sie, als sie sah, dass er bereits um die Ecke des Flures gebogen war.

 

Tatsächlich blieb er stehen und wartete auf sie. Sie wusste nicht wirklich, was sie zu ihm sagen sollte, und so ging sie einfach neben ihm her, während er offenbar ziellos durch die Gänge wanderte. Schließlich kamen sie an eine breite Fensterbank, auf der Ron sich niederließ und betrübt aus dem Fenster schaute.

 

„Ich wusste ja schon, dass da was ist zwischen den beiden. Vermutlich haben sie es jetzt einfach offiziell gemacht? Zusammen waren sie doch vorher schon, oder?“, murmelte er.

 

Mitfühlend trat Hermine an ihn heran und legte ihm eine Hand auf die Schulter: „Bist du Harry böse?“

 

„Ja. Nein. Ich weiß auch nicht“, erwiderte Ron langsam, ehe er schließlich seinen Blick zu ihr hochwandern ließ: „Ich weiß nicht, ob du das verstehen kannst, aber … Ginny ist meine kleine Schwester. Wir sind ein Haufen Kerle zu Hause und sie musste ziemlich viel von uns einstecken. Und es gibt halt irgendwie diesen unausgesprochenen Pakt zwischen uns allen, dass wir auf sie aufpassen. Wir wissen halt alle, wie Kerle ticken.“

 

Sanft lächelte Hermine: „Aber du kennst du Harry. Wenn überhaupt muss man ihn vor Ginny schützen.“

 

Ron zog eine Grimasse: „Vielleicht. Ich weiß auch nicht, ob es das besser oder schlimmer macht. Bei den anderen, mit denen sie gegangen ist, da wusste ich einfach, dass es nicht von Dauer ist. Das war zwar trotzdem widerlich, aber ich habe mir nicht ernsthaft Sorgen gemacht.“

 

Hermine trat noch näher an ihn heran, stellte sich zwischen seine Beine und zog seinen Kopf an ihren Bauch, während sie sanft durch sein Haar streichelte: „Keine Angst, Ron. Harry bleibt dein bester Freund.“

 

Mit einem Seufzen, das beinah nach einem Schluchzen klang, schlang Ron seine Arme um ihre Taille und vergrub sein Gesicht in ihrem Pullover. Beruhigend strich Hermine ihm über den Kopf. Sie ahnte entfernt, was in ihm vorging. Sie war ja selbst unsicher, was die Zukunft bereithielt. Sie hatte selbst schon so lange Angst, dass ihre Freundschaft bald auseinander brechen würde.

 

„Es wird alles anders jetzt, oder?“, flüsterte Ron.

 

Hermine schüttelte den Kopf, ehe ihr bewusst wurde, dass er sie gar nicht sehen konnte. So selbstsicher, wie es ihr möglich war, entgegnete sie: „Nein. Zwischen Harry, dir und mir wird sich so schnell nichts ändern. Wir haben zu oft gemeinsam Lebensgefahr ausgehalten. Hab etwas mehr Vertrauen in deinen besten Freund.“

 

Mit einem schiefen Grinsen schaute Ron zu ihr hoch: „Das sagst ausgerechnet du. Ich dachte, du und Harry seid gerade auf dem Kriegspfad?“

 

Missmutig schnippte Hermine einen Finger gegen Rons Stirn: „Harry vielleicht, ich nicht. Ich will nur, dass er das Schuljahr überlebt und nicht aus Dummheit von der Schule geworfen wird.“

 

Gespielt verletzt rieb Ron sich die Stirn: „Kein Grund, gewalttätig zu werden! Ich hab dir gar nichts getan.“

 

Hermine befreite sich aus seiner Umarmung und setzte sich neben ihn. Sie wusste, sie war nicht ganz aufrichtig, doch ebenso war ihr bewusst, dass sie Dumbledore, Snape und Draco nicht betrügen durfte. Sie musste Stillschweigen wahren.

 

„Hermine?“

 

Der Tonfall von Ron ließ sie aufhorchen: „Ron?“

 

„Du weißt, dass ich nie wirklich Interesse an Lavender hatte, oder?“

 

Tief holte sie Luft. Sie wusste, dass dieses Gespräch irgendwann hatte kommen müssen, doch sie war nicht bereit. Sie würde vermutlich niemals bereit dafür sein. Trotzdem wäre es unfair, sich dem erneut zu entziehen: „Ich weiß nicht.“

 

Ron ergriff ihre Hand: „Du bist die klügste Hexe von Hogwarts. Natürlich wusstest du das.“

 

Sie errötete: „Also warum warst du so lange mit ihr zusammen?“

 

Er blickte ihr eindringlich in die Augen: „Musst du das wirklich fragen?“

 

Tief holte sie Luft: „Ron … ich habe so lange auf dich gewartet.“

 

Sein Griff um ihre Hand verkrampfte sich: „Was willst du damit sagen?“

 

Sie kämpfte gegen ihre Tränen an. Es gab keine Möglichkeit, diese Situation zu lösen, ohne Ron zu verletzen. Sanft streichelte sie seine Hand, die auf ihrer lag: „Du bist mein bester Freund. Du wirst immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben.“

 

Ron wurde bleich: „Hab ich es vermasselt?“

 

Entschlossen schüttelte sie den Kopf: „Nein. Ich war wahnsinnig eifersüchtig auf Lavender, das kannst du mir glauben. Aber das reicht nicht, um mich zu vertreiben. Ich … ich habe in den letzten Monaten einfach gemerkt, dass meine Gefühle für dich … nicht romantischer Natur sind. Das hat nichts mit Lavender zu tun.“

 

Mit einem Stöhnen ließ Ron sich gegen das Fenster sinken. Hilflos ließ Hermine seine Hand los. Was sollte sie sagen? Was konnte sie sagen? Nicht nur war Harry jetzt offiziell mit Ginny zusammen, sie musste ihm am selben Tag einen Korb geben.

 

„Hätte ich bloß nichts gesagt“, murmelte Ron, beide Hände vor seinem Gesicht.

 

„Nein!“, widersprach Hermine fest: „Es war gut, dass du das getan hast. Und mutig. So, wie es im Moment aussieht, werden wir nächstes Jahr als vereinte Front in den Krieg ziehen müssen. Je eher wir da alle Missverständnisse zwischen uns aus dem Weg räumen, umso besser.“

 

Schweigen breitete sich aus. Ron wirkte immer noch völlig erschlagen und Hermine wusste nicht, was sie tun konnte. Sie wollte ihn gerne noch einmal in Arm nehmen, um ihn zu trösten, doch das wäre ein falsches Signal gewesen. Nachdenklich ließ sie ihren Blick durch den leeren Gang wandern. Irgendwie waren sie im siebten Stock gelandet, nur wenige Abzweigungen vom Raum der Wünsche entfernt. Unwillkürlich fragte sie sich, ob Draco wohl gerade da war.

 

„Was mach ich jetzt?“

 

Es brach Hermine beinahe das Herz, Ron so verzweifelt zu hören. Langsam sagte sie: „Du bist ein wundervoller Mensch, Ron. Wir konzentrieren uns jetzt darauf, Voldemort endgültig ins Jenseits zu befördern, und dann findest du ein anderes Mädchen. In all dem Chaos im Moment ist doch sowieso keine Zeit für eine anständige Beziehung.“

 

Seufzend beugte Ron sich vor: „Harry scheint das anders zu sehen.“

 

„Das war eher Ginny. So, wie ich Harry kenne, hätte er sich nie offiziell auf irgendetwas mit Ginny eingelassen, ehe der Krieg nicht vorbei ist. Du weißt doch, wie er ist. Der einsame Held, der großmütig alle Last der Welt auf seinen Schultern tragen will, ohne irgendjemanden damit zu belasten.“

 

Das brachte Ron tatsächlich zum Lachen: „Vermutlich hast du Recht. Glaubst du wirklich, dass … naja … dass der Krieg bald offen ausbrechen wird?“

 

Hermine schluckte: „Ja. Ich … ich weiß Dinge. Ich habe Professor Dumbledore versprochen, nichts zu sagen, aber … ich glaube, dass noch vor den Sommerferien etwas passieren wird.“

 

Sein Blick wurde wieder düster: „Warum weiht Dumbledore dich ein? Bei Harry verstehe ich das ja, aber … was ist mit mir?“

 

Hermine erkannte augenblicklich, wie die pechschwarze Eifersucht, geboren aus seinem verzweifelten Minderwertigkeitskomplex, Ron zu verschlingen drohte. Entschlossen nahm sie sein Gesicht in beide Hände und erklärte mit fester Stimme: „Es war nicht die Entscheidung von Professor Dumbledore, irgendetwas mit mir zu besprechen. Im Gegenteil. Ich habe … etwas gesehen und ihm davon berichtet. Er hat mir deutlich zu verstehen gegeben, dass ich es niemandem sagen darf. Er hat offenbar Pläne, aber er sagt mir nicht, welche. Er sagt auch Harry nicht, was die Pläne sind. Er sagt niemandem etwas. Aber die Tatsache, dass ich das, was ich … was ich weiß, niemandem erzählen darf, sagt mir, dass sehr bald etwas geschehen wird. Glaub mir, Ronald. Professor Dumbledore behandelt mich nicht anders als dich. Und selbst Harry lässt er im Dunkeln tappen.“

 

Langsam klärte sich Rons Blick wieder. Hermine ließ ihn los und lehnte sich an das Fenster. Sie wünschte, Professor Dumbledore würde offen mit ihnen umgehen, aber er hatte wohl seine Gründe.

 

„Er redet mit Harry doch ständig über die Horkruxe“, sagte Ron leise: „Was mehr gibt es da zu bereden?“

 

Kurz rang Hermine mit sich, doch dann entschied sie, dass sie zumindest einen Teil der Wahrheit ruhig aussprechen konnte: Leise zählte sie auf „Die Mordversuche. Er weiß, wer dahinter steckt. Aber er tut nichts dagegen. Professor Snape. Er hat handfeste Gründe, Professor Snape zu vertrauen, aber er teilt sie mit niemandem. Die Prophezeiung. Er wusste schon immer davon, warum hat er Harry nie davon erzählt? Letztes Jahr. Er hat Harry vermieden, weil er Angst vor dessen Bindung zu Voldemort hatte. Warum hat er das nicht einfach gesagt? Ehrlich, Ron. Man muss schon blind sein, um nicht zu sehen, dass im Hintergrund irgendetwas los ist, wovon wir nichts wissen.“

 

„Verflucht“, entfuhr es Ron: „Du hast Recht. Natürlich hast du Recht. Warum tut Dumbledore nichts gegen einen wahnsinnigen Mörder in der Schule?“

 

Das war in der Tat eine gute Frage. Im Nachhinein freute Hermine sich, dass Draco nicht öffentlich angeklagt und der Schule verwiesen worden war. Doch es musste einen echten Grund geben, warum der Schulleiter nicht gegen ihn vorgehen wollte. Sie fragte sich, ob es etwas mit Professor Snape zu tun hatte. Vielleicht wollte Professor Dumbledore, dass Draco in Hogwarts blieb, damit Professor Snape noch mehr von ihm über Voldemorts Pläne erfahren konnte? Aber was sollte Draco wissen, was nicht auch auf Todesser-Sitzungen, an denen Professor Snape gewiss teilnahm, besprochen wurde?

 

Oder lag es an dem Unbrechbaren Schwur? Wollte Professor Dumbledore verhindern, dass Professor Snape im Sinne des Schwurs handeln musste, weil Draco nicht länger in der Schule war? Aber warum war er sich so sicher, dass Draco nicht doch am Ende sein Ziel erreichen würde? Hatte er keine Angst um sein Leben?

 

„Wollen wir zurück?“

 

Rons unsichere Stimme riss Hermine aus ihren kreisenden Gedanken. Er hatte Recht, sie sollten vermutlich zur Feier zurückkehren, vor allem er, als einer der Quidditch-Spieler, die das Spiel gewonnen hatten. Doch vorher musste sie Draco um ein weiteres Treffen bitten. Sie sehnte sich nach ihm.

 

„Geh schon mal vor, ich will noch kurz etwas erledigen.“

 

Überrascht schaute Ron sie an, doch als sie aufstand, ohne eine weitere Erklärung zu geben, zuckte er bloß mit den Schultern und erhob sich ebenfalls. Bevor sie sich zum Gehen wenden konnte, hielt Ron sie an einem Arm zurück: „Du … naja, du redest nicht mit anderen … über das hier, oder?“

 

Sie unterdrückte ein breites Grinsen: „Natürlich nicht. Was denkst du von mir?“

 

Errötend ließ er sie los: „Ja, natürlich. Dumme Frage. Okay. Danke.“

 

Hermine sah ihm nach, bis er um die Ecke verschwunden war. Dann eilte sie in die entgegengesetzte Richtung davon, zum Raum der Wünsche, in der Hoffnung, dort vielleicht Draco vorzufinden.

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