Ein tödlicher Geburtstag

„Ich weiß einfach nicht, was ich ihm schenken soll!“, seufzte Hermine, ohne ihren Blick von der Bücherauslage zu nehmen.

Harry neben ihr zuckte nur hilflos mit den Schultern: „Ich schenke ihm neue Quidditch-Handschuhe. Als Hüter braucht man wirklich gute Handschuhe …“

Frustriert beäugte Hermine die ganzen Quidditch-Ratgeber vor ihr, doch sie wusste schon jetzt, dass nichts davon wirklich ein sinnvolles Geschenk war. Frustriert drehte sie sich zu Harry um: „Ich habe einfach seit Wochen kein richtiges Wort mehr mit ihm gewechselt. Ich weiß gar nicht, ob ich ihn überhaupt noch kenne. Alles ist so anders, seit …“

Sie hätte beinahe gesagt „seit ich mit Draco zusammen bin“, doch erstens wusste sie gar nicht, ob sie wirklich zusammen waren, und zweitens konnte sie das nun wirklich nicht zu Harry sagen. Der jedoch nickte nur mit einem mitleidigen Lächeln und tätschelte ihr die Schulter: „Ich bin mir sicher, Lavender ist nur eine Phase. Er kann das nicht ernst meinen. Außerdem …“

Obwohl sie gar nicht mehr über Lavender und Ron nachgedacht hatte, war sie nun doch unwillkürlich interessiert: „Außerdem?“

Als wäre es ihm unangenehm, zuckte Harry mit den Schultern: „Naja … er meinte letztens mal zu mir, dass er nicht mehr so sicher ist mit Lavender. Er meinte … ugh … dass sie immer nur … knutschen will.“

Er war am Ende so leise geworden, dass Hermine es beinahe nicht gehört hatte. Die Vorstellung, wie Ron und Lavender irgendwo in einer Ecke saßen und sich innig küssten, bereitete ihr ein merkwürdiges Gefühl. Sie sollte nicht eifersüchtig sein, immerhin hatte sie Draco. Es war gar nicht möglich, dass sie eifersüchtig war. Trotzdem spürte sie einen Widerwillen bei dem Gedanken.

„Er kann knutschen, wen er will“, sagte sie fest: „Aber wenn er nicht knutschen will, sollte er ihr das so klar sagen.“

Es war offensichtlich, dass Harry sich bei diesem Thema nicht so wohl fühlte: „Ja. Naja. Du kennst ja Ron. Hier!“, sagte er dann plötzlich munter und hielt ihr ein Buch hin: „Das kam erst dieses Jahr raus, eine Geschichte über die Chudley Cannons, von ihrer Gründung 1753 bis heute. Wäre das nicht ein passendes Geschenk?“

Erleichtert über den Themenwechsel nahm sie ihm das Buch aus der Hand: „Oh, ja, das sieht gut aus. Danke.“

Sie zahlten beide ihre Geschenke und machten sich dann gemeinsam auf den Rückweg zum Schloss. Dort wurden sie bereits von einem sehr aufgebrachten Ron erwartet, der sie mit blumigen Worten darüber informierte, dass sein Geburtstag dieses Jahr jetzt schon völlig ruiniert sei. Auf Nachfrage, was genau er damit meinte, sagte er nichts, sondern zerrte sie zum Schwarzen Brett.

Mit erhobenen Augenbrauen las Hermine die Ankündigung, dass der nächste Hogsmeade-Ausflug gestrichen worden war. Sie konnte das nur gut heißen und auch Harry schien es zu verstehen: „Ist doch keine Überraschung, oder? Nach dem, was Katie passiert ist.“

Etwas schuldbewusst starrte Hermine auf ihre Fußspitzen. Tatsächlich lag Katie noch immer bewusstlos im Krankenflügel, obwohl inzwischen viele Wochen seit dem Unfall vergangen waren. Sie tat ihr bestes, einfach zu verdrängen, dass dieser beinahe tödliche Vorfall auf Dracos Kappe ging, doch in Momenten wie diesen wurde sie schmerzhaft daran erinnert. Sie betete, dass er tatsächlich eine Möglichkeit fand, Voldemort gnädig zu stimmen, ohne noch mehr Menschenleben aufs Spiel zu setzen.

oOoOoOo

„Ich suche Hermine Granger.“

Ein leises Flüstern riss Hermine aus ihrer Konzentration. Sie hatte sich an diesem Morgen früh in die Bibliothek verzogen, um ungestört lesen zu können und vor allem ihre Nerven zu beruhigen. Es war Rons Geburtstag und sie hatte sich geschworen, dass sie heute nett und offen zu ihm sein würde, egal wie nervig Lavender an ihm hing. Um das zu überstehen, brauchte sie einfach ein wenig Zeit für sich. Ihr Geschenk lag neben ihr auf dem Tisch, da sie vorhatte, es später Ron persönlich zu überreichen.

Sie hob den Kopf, um zu Mrs. Pince hinüber zu sehen, die streng auf einen Erstklässler hinabblickte. Sie klappte ihr Buch zu und ging zu den beiden hinüber: „Das wäre ich. Was gibt es denn?“

„Ich soll dir diesen Zettel von Harry Potter geben.“

Überrascht nahm Hermine das kleine Stück Pergament entgegen. Was konnte Harry so früh von ihr wollen? Langsam entfaltete sie den Zettel.

Hermine.
Ron ist im Krankenflügel. Er ist vergiftet worden. Wir waren bei Slughorn und er hat ihm ein Glas Alkohol gegeben und da war offenbar Gift drin. Komm bitte schnell.
Harry

Ihre Hände zitterten. Vergifteter Alkohol aus Slughorns Büro? Das konnte kein Zufall sein. Es war einfach unmöglich, dass zwei Flaschen mit Gift in seinem Büro waren. Es gab keine andere Möglichkeit: Das musste die Flasche gewesen sein, die Draco im Dezember in das Büro geschmuggelt hatte. Mit ihrer Hilfe. Und obwohl sie einen Zauber darüber gelegt hatten, der dazu führte, dass Slughorn vergaß, dass der Alkohol ein Geschenk für Dumbledore sein sollte, schien er nun aus welchem Grund auch immer die Flasche wieder entdeckt zu haben.

Eisige Kälte breitete sich in ihrem Magen aus. Ohne zu zögern, schnappte sie sich das eingepackte Buch und rannte zum Krankenflügel.

Als sie dort ankam, sah sie bereits aus der Entfernung, dass Rons Geschwister offenbar auch schon informiert worden waren. Ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals. Sie hatte kein Recht, hier trauernd und voller Sorge an Rons Bett zu treten. Nicht nur hatte sie ihn die letzten Wochen aus lächerlichen Gründen ignoriert, nein, das hier war indirekt ihre Schuld. Bleich zwang sie sich dazu, zu den anderen zu gehen.

„Wissen Mum und Dad Bescheid?“, fragte Fred gerade, woraufhin Ginny nickte. Harry, der als erster ihr Erscheinen bemerkte, legte Hermine sanft einen Arm um die Hüfte. Betroffen starrte sie auf Ron hinab, der wie leblos im Bett vor ihr lag.

„Ist er … wird er wieder gesund?“, fragte sie mit brüchiger Stimme.

„Madame Pomfrey meinte, dass er durchkommt“, flüsterte Harry zurück: „Sein Körper steht noch unter Schock und muss die Nachwirkungen des Gifts verarbeiten, aber er ist nicht in Lebensgefahr.“

Erleichterung durchströmte sie: „Oh, das ist gut zu hören. Oh, das freut mich. Ach, Harry, du weißt gar nicht …“

„Schschsch, ist schon gut“, beruhigte er sie. Er hatte keine Vorstellung, was sie wirklich plagte, doch sie konnte es ihm auch nicht sagen. Den Tränen nahe vergrub sie ihr Gesicht an seiner Schulter.

Hinter ihnen erklangen die schweren Schritte von Hagrid, der offenbar auch von Harry informiert worden war. Ungeschickt nickte er allen zu, dann ließ er sich auf das Bett neben Rons sinken und murmelte etwas Unverständliches.

„Ich glaub’s einfach nicht …“, sagte er schließlich lauter: „Seht ihn euch an, wie er daliegt … wer würd ihm denn n Haar krümmen wollen?“

Hermine schwieg, während die anderen anfingen, Vermutungen über die Quidditch-Mannschaft aufzustellen. Es war gar nicht so weit hergeholt, immerhin war Katie auch Mitglied, doch sie wusste es besser. Sie schniefte. Es war nicht richtig, länger zu schweigen. Sie musste Verantwortung übernehmen für das, was sie getan hatte. Oder zumindest die anderen auf die richtige Spur bringen. Sie durfte einfach nicht länger schweigen.

„Also, ich glaube nicht, dass es um Quidditch geht“, unterbrach sie das Gespräch: „Aber ich glaube, dass es einen Zusammenhang zwischen den beiden Angriffen gibt.“

Überrascht hielten die anderen inne und schauten sie erwartungsvoll an. Langsam, darauf bedacht, ihre Worte richtig zu wählen, führte sie aus: „Wenn wir uns beide Vorfälle anschauen, dann sehen wir, dass beide tödlich hätten enden können und es nur Glück war, dass das nicht passiert ist. Und sowohl das Gift als auch das Halsband scheinen nicht an die Person geraten zu sein, für die es bestimmt war. Was denjenigen, der dahinter steckt, nur noch gefährlicher macht. Offenbar ist es ihm egal, ob andere Personen hierbei zu Schaden kommen.“

Schniefend brach sie ab. Erst, als sie diese Worte ausgesprochen hatte, war ihr aufgegangen, wie verantwortungslos Draco eigentlich wirklich war. Bei allem Verständnis für seine Todesangst, es war einfach unverzeihlich, wie leichtfertig er mit dem Leben anderer Menschen spielte. Dass er versuchte, Dumbledore zu töten, konnte sie tatsächlich irgendwo verstehen, auch wenn sie es natürlich furchtbar fand. Aber Dumbledore war immerhin eine zentrale Figur in diesem Krieg, er wusste, dass er sein Leben aufs Spiel setzte mit seinem Engagement. Katie hingegen hatte nichts mit alldem zu tun und Ron … Ron war Harrys bester Freund und würde an seiner Seite immer gegen Voldemort kämpfen, aber trotzdem war er nur ein Schüler, der sein Leben noch vor sich hatte.

Zitternd ballte sie die Fäuste. Sie musste mit Draco reden. Sie musste ihm aufzeigen, wie wahnsinnig er und wie blind sie selbst gewesen war. Es durfte so einfach nicht mehr weitergehen.

oOoOoOo

Mit unruhigen Schritten lief Draco im Raum der Wünsche hin und her. In seiner geballten Faust war ein zerknittertes Stück Pergament, der kurze Brief, den er am Mittag von Hermine erhalten hatte. Sie hatte sich kurz gehalten mit ihrer Aufforderung, dass sie sich heute Abend hier treffen sollten. Auffällig kurz. Ihm schwante Furchtbares. Natürlich hatte er mitbekommen, dass Weasley irgendwie einen Liebestrank zu sich genommen hatte, dass Potter ihn zu Slughorn gebracht hatte – und dort ausgerechnet die Flasche mit dem vergifteten Alkohol geöffnet worden war. Er hatte sofort gewusst, dass das nicht gut war. Gar nicht gut.

Die Tür wurde schwungvoll aufgestoßen und eine offensichtlich aufgebrachte Hermine Granger trat ein. Draco versuchte gar nicht erst, sie freundlich anzulächeln.

„Ich muss wahnsinnig gewesen sein!“, fuhr sie ihn ohne Umstände an, während sie sich mit in die Hüfte gestemmten Fäusten vor ihm aufbaute. Es war erstaunlich, wie eine Frau, die so viel kleiner war als er, es trotzdem schaffte, ihn von oben herab anzuschauen.

„Hermine…“, setzte er vorsichtig an, doch sofort wurde er unterbrochen.

„Halt die Klappe, Malfoy“, schnappte sie: „Weißt du eigentlich, was du hier im Schloss anrichtest? Hier geht es nicht mehr um Dumbledore, hier geht es um einfache Schüler, die nichts mit dem Krieg zu tun haben. Deine halbherzigen Versuche, deinen Auftrag auszuführen, bringen uns alle in Gefahr. Merkst du das eigentlich?“

Frustriert ließ sich Draco rückwärts gegen die Wand fallen, die Arme vor der Brust verschränkt: „Was willst du hören? Ich habe dir mehr als einmal erklärt, wie meine Situation aussieht. Du wusstest doch von Anfang an, wo ich stehe und was ich tun muss.“

„Jetzt bin ich selbst schuld, oder was?“, Hermine schrie beinah, als sie dicht vor ihn trat: „Ich habe versucht, dir zu helfen, Malfoy. Ich habe dir die Hand hingehalten, damit du aus deinem Schlamassel rauskommst. Aber du hast sie weggeschlagen. Das warst du ganz alleine.“

„Mir die Hand hingehalten?“, erwiderte Draco verächtlich. Er konnte nicht glauben, dass Hermine ihm einen Strick aus der Sache mit Weasley drehte. Sicher, er hatte es verursacht, aber sie hatte doch von Anfang an gewusst, wo er stand. Was war jetzt das Problem? Bevor er wusste, was er da sagte, fuhr er sie wütend an: „Du hast mit mir geschlafen, mehr nicht. Ich habe nicht viel von irgendeiner Hand gesehen.“

Er bereute seine Worte sofort, doch es war zu spät. Einen Augenblick lang starrte Hermine ihn nur mit offenem Mund an, dann holte sie aus und verpasste ihm eine Ohrfeige, die definitiv einen Abdruck hinterlassen würde.

„Du bist ein Arschloch, Draco Malfoy! Sei froh, dass Ron nicht wirklich was passiert ist, sonst würde ich jetzt direkt zu Dumbledore gehen!“

Langsam senkte Draco seinen Blick. Er wusste nur zu genau, was hier gerade geschah. Hermine Granger war kurz davor, ihm den Rücken zuzukehren, ihn zu verlassen, ihn aufzugeben. Und er wusste genauso, dass er das nicht hinnehmen konnte. Er brauchte sie. Der Gedanke, dass er sie nie wieder sehen würde, zumindest nicht unter vier Augen in diesem vertrauten Kontext, schmerzte beinahe körperlich. Sein Atem beschleunigte sich. Er brauchte sie. Er brauchte ihren unerschütterlichen Glauben an ihn.

„Geh nur zu deinem geliebten Wiesel, den wolltest du doch eh haben, nicht wahr? Oder lieber Potter? Oder beide? Hauptsache, es ist ein Held in strahlender Rüstung, nicht wahr? Ein Gryffindor, der niemals vom Weg der Tugend abweicht. Ich wette, die beiden wären nur zu bereit, dich zu teilen“, ätzte er voller giftiger Verachtung. Wo kamen diese Worte nur her? Das war nicht, was er sagen wollte. Ganz im Gegenteil!

Tränen erschienen in Hermines Gesicht, doch sie verlor nichts von ihrem Zorn: „Werd‘ erwachsen, Malfoy.“

Mit diesen Worten drehte sie sich tatsächlich um und stampfte wütend auf den Ausgang zu. Er musste sie aufhalten, er musste das grade rücken, sonst wäre alles für immer verloren.

„Hermine, warte! Bitte!“

Doch als er aus dem Raum der Wünsche hinausgetreten war, um ihr hinterherzulaufen, war von Hermine bereits nichts mehr zu sehen.

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media