Exodus

Es ist sehr kalt. Doch ich fühle nichts von der Kälte. Wir gehen schnelle Schritte und blicken nicht zurück. Ich versuche, mir mit jedem Schritt energischer einzureden, dass wir gerade das Richtige tun. Ich frage mich, ob sich Marie ebenfalls Gedanken macht, doch ihr Gesichtsausdruck ist so eisig wie die Luft um uns herum.

 

Es ist mitten in der Nacht, doch der Mond scheint erschreckend hell, fast wie ein anklagender Scheinwerfer, auf uns herab. Wir lassen die Einfahrt hinter uns und betreten die Straße. Kein Wort durchbricht die Stille zwischen uns, schweigend schleppen wir unser Gepäck weiter.

Dann geht es bergauf. Mein Bauch beginnt, sich zu verkrampfen. Es sind höllische Schmerzen. So schlimm, dass ich mich frage, ob ich den Weg so überhaupt schaffen kann. Ob es nicht besser wäre, wieder umzukehren. Ich schlucke den Schmerz hinunter. Ich will nicht, dass Marie etwas von meiner Unsicherheit bemerkt.

 

Als wir auf halber Höhe sind, fällt mein Blick schließlich doch noch einmal zurück. Aber ich stoppe meine Schritte nicht, denn ich habe Angst. Dass ich, einmal gestoppt, nicht mehr weitergehen werde. Und doch, mein Blick bleibt, wo er ist, und der Anblick schlägt mir noch übler auf den Magen, als meine Situation es ohnehin schon tut. Mein Herz klopft schnell und laut. Mein Körper spielt verrückt, doch ich lasse ihn nicht zu Wort kommen. Ich weiß genau, dass er Recht hat. Ignoriere ihn, ihn und das Schreien in mir.

 

Marie braucht nicht lange, um zu bemerken, wie es um mich steht. Denn plötzlich spüre ich ihre Hand, wie sie sanft die meine umschließt. Ich wende meinen Blick endgültig von der Vergangenheit ab und sehe sie an. Sie lächelt ermutigend.

 

"Keine Angst", sagt sie leise.

Ich erwidere ihr Lächeln, wenn auch unsicher und schwach. Mein Blick ruht wieder ganz auf ihr.

Ihr Lächeln ist wie vernarbt und erinnert mich daran, wie sehr ich sie beschützen will.

 

Ich will sie weit fortbringen, damit sie nie wieder an diesen einen Ort gehen muss, und ihre Narben heilen können.

Will, dass sie wieder lächeln kann. Ich will ihre Gefühle wieder spüren können. Sie nicht nur in ihrem Gesicht sehen und hoffen müssen, dass sie keine Lüge sind.

Das Lachen, das sie hatte, und das früher oft und laut zu hören war… as erhellte mein Leben.

Ich möchte, dass wir uns wieder lieben können, so ehrlich wie damals. Ich halte diese erzwungene Zuneigung nicht mehr aus.

 

Entschlossenheit flammt in mir auf. Ich nehme ihre Hand fester. Ich lächle sie an.

 

"Lass uns verschwinden. Auf in ein neues Leben." sage ich, und mache umso schnellere Schritte.

 

Sie lacht, froh über meine neu geschöpfte Entschlossenheit. Erleichtert und voller Vorfreude, bald "frei" sein zu können. Ich lache ebenfalls, lache ihr direkt ins Gesicht.

 

Marie beschließt zu singen. Ich stimme mit ein. Es ist ein sehr kitschiges Lied, und wir können nur den Refrain und winzige Stücke vom Text, also wiederholen wir immer dieselben Stellen. Wir singen immer und immer wieder, immer von vorne. Lächeln einander beruhigend und ermutigend an. Wir singen aus vollster Überzeugung. Legen Gefühl in unsere Stimmen, oder versuchen es zumindest.

 

Der Moment fühlt sich surreal an. Ich höre mich selbst lachen und singen, doch fühle es nicht.

Es ist, als würde ich uns wie durch einen Fernseher beobachten.

 

Meine Stimme ist krächzend. Wenn ich einen Ton hervorbringe, dann ist dieser alles andere als melodisch. Aber das ist egal, niemand hört uns.


Wir haben aufgehört, daran zu glauben, dass uns jemals jemand gehört hat.

Und wir?

Wir haben schon vor einiger Zeit beschlossen, nur noch einander zu hören.

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