Es regnet. Naja, das Wort Regen ist vielleicht etwas übertrieben. Winzige Tropfen fallen ohne Pause vom grauen Himmel und werden dir vom Wind ins Gesicht gepeitscht. Du hast keinen Regenschirm, und selbst wenn du deine Kapuze aufsetzen würdest, würde der Wind sie dir runterreißen und dich trotzdem mit den kleinen Tropfen beschießen. Also versuchst du den Regen zu ignorieren und setzt einfach einen Fuß vor den anderen.
In deinen Ohren dröhnt Musik, darum bekommst du von den anderen Menschen, die mit dir zum Bahnhof strömen nicht viel mit. Vor dem Bahnhof liegt eine Straße, an der Ampel musst du stehen bleiben. Du schaust nach oben und liest noch einmal die Buchstaben, die den Bahnhof als solchen ausweisen. Dein Weg hat dich schnurstracks zum Bahnhof geführt, du konntest die Buchstaben in den letzten Minuten unzählige Male lesen. Doch du liest sie noch einmal. Um dich zu vergewissern, wo du bist. Um dich nicht zu verlieren. In deinen Gedanken oder in der Welt da draußen, außerhalb von dir. Denn auch wenn du ihre Geräusche ausblendest, so musst du sie immer noch sehen und darüber nachdenken.
Die Ampel springt auf grün, du setzt dich mit den anderen in Bewegung. Auf die große Glasfront zu und durch die automatischen Türen. Wärme umfängt dich, du bist froh dem kalten, nassen Wind entkommen zu sein. Dafür triffst du hier auf eine Menschenmenge. Unterschiedlichste Menschen wuseln durcheinander. Da ist eine Schulklasse mit Koffern, kommen sie von einer Klassenfahrt? Oder fahren sie erst los? Schon bist du an ihnen vorbei und sie kümmern dich nicht mehr. Ein Mann drängt sich in schnellem Tempo durch die Menge und passiert dich. Du hast kurz sein angestrengtes Gesicht gesehen, doch beschreiben könntest du es schon nicht mehr. Von rechts kommt jemand auf dich zu, du merkst eure Wege werden sich kreuzen und fragst dich, ob du langsamer werden solltest. Doch dann bist du schon ohne Zusammenstoß weitergekommen.
Ein kurzer Blick, ob dein Zug auch pünktlich ist, dann tauchst du in den Tunnel, der dich zum Gleis führt. Es liegt weit hinten, von den anderen Gleisen kommen dir unzählige Menschen entgegen. Dein Blick huscht von einem zum anderen, doch du willst nicht aufdringlich sein, deswegen schaust du niemandem ins Gesicht.
Da sind zwei Kinder mit größeren Koffern, die Mutter? hat nur eine kleinere Tasche dabei. In der Hand hält sie einen Kaffee und passt auf, während die Kinder versuchen voranzustürmen. Während du darauf achtest, strömen unzählige andere unbemerkt an dir vorbei. Die drei biegen ab zu ihrem Gleis und du schaust wieder nach vorne.
Es könnte faszinierend sein, sich zu überlegen, was alles für Menschen an einem vorbeilaufen, doch dafür hast du jetzt keinen Sinn. Du kannst sie nur beobachten, dir winzige Dinge von wenigen merken. Wie die kleine, junge Frau in den schwarzen Sachen, die aufrecht an dir vorbeigeht und die Welt wie du ausblendet, nur dass ihre Kopfhörer groß und sichtbar sind, anders als deine Stöpsel. Oder den stierenden blick, des alten Mannes, der mit offenem Mund und ein wenig schräger Haltung an dir vorbeizieht. Du fragst dich, ob dein eigener Blick auch so leer wirkt.
Noch schaffst du es den Blick oben zu halten und weiterzugehen. Da kommt eine Gruppe älterer Frauen mit Koffern. Letztens hast du etwas ähnliches gesehen und dich gefragt, ob du mit deinen jetzigen Freundinnen eines Tages auch nochmal so in Urlaub fahren wirst. Heute fragst du dich das ebenfalls, doch statt Hoffnung schwingt dieses Mal ein leises Bedauern mit, weil du denkst, dass es so nicht kommen wird. Noch immer ist der Blick oben. Direkt neben dir dreht sich auf einmal ein junger Soldat in Uniform um und verschwindet in der Richtung hinter dir. Er stand nur wenige Zentimeter entfernt, doch du hast ihn vorher nicht bemerkt. Er erinnert dich daran, dass du einmal sein wolltest wie er. Und es jetzt nicht mehr kannst.
Das ist genug. Du schaust zu Boden und gehst so weiter. Du willst niemanden mehr sehen, willst dir keine Gedanken mehr machen. Erst als du die Rolltreppe zu deinem Gleis erreichst, schaust du wieder auf. Vor dir sind viele Leute mit Koffern, du musst warten. Du fragst dich, wohin sie damit wollen. Jawohl nicht in deine kleine Heimatstadt... dir fällt auf, dass du zu sehr auf dich selbst konzentriert bist und der Zug ja noch bis zu einem anderen größeren Bahnhof weiterfährt. Laut seufzt du auf und stellst dich auf die unterste Stufe. Langsam trägt die ruckelnde Treppe dich mit nach oben. Hier ist es wieder kalt, aber wenigstens überdacht. Dein Zug ist auch schon da.
Du setzt dich auf einen Platz und starrst aus dem Fenster. Woher kamen sie? Wohin gingen sie? Was waren ihre Ziele? Warum waren sie hergekommen, an diesen Bahnhof? Diese Fragen spuken dir im Kopf rum.
Du bist davon überzeugt, dass sie alle Gründe und Ziele hatten.
Anders als du.
Dass sie alle Träume und Wünsche hatten, denen sie folgten.
Anders als du.
Ja, sie kamen von irgendwo und waren auf dem Weg zu einem anderen irgendwo.
Anders als du.

Comments

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    Ich kann mich Sharimaya nur anschließen. Mir gefällt auch der Stil, in dem du diese Beobachtungen und Gedanken schilderst. Diese wiederum werden durch die letzten Zeilen aufgebrochen, was bei mir etwas für Verwirrung gesorgt hat. Etwas eher im Text schreibst du, dass du (wahrscheinlich) "in deine kleine Heimatstadt" fährst. Aufgrund der letzten Sätze im Text scheint das aber ohne Grund, ohne das Verfolgen von Träumen und Wünschen und ohne das Ziel, jemanden zu treffen, zu geschehen. Das kann ich nicht ganz nachvollziehen und sorgt bei mir deshalb - wie schon erwähnt - für etwas Verwirrung. Allerdings hast du mich damit auch zum Nachdenken gebracht, was dir wohl auch positiv anzurechnen ist. ;-)

  • Author Portrait

    Mir gefallen deine feinen Beobachtungen, deine Überlegungen und Gedanken.

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