Sich tagaus, tagein am selben Fleck zu befinden eröffnet irgendwann eine Perspektive, welche die Weite einer Serengeti zu einem verbogenem Fragezeichen schrumpfen lässt. Sofern man nicht gerade ein wirklicher Weberknecht ist und nichts anderes zu tun hat, als sich eben tagaus, tagein am selben Fleck zu befinden- ohne eine Spur an Erinnerung an die Serengeti zu besitzen; wobei wirkliche Weberknechte auch hie und da ihre sechs Beine in Schwung bringen, um sich in abenteuerliche Mauerritze vorzuwagen. Aber wenn man nun die Graffitigiraffe eines U- Bahnschachtes ist, dann ist der Heimatgedanke nur noch im Bereich einer abstrakten Idee verankert- so ähnlich, wie es die eigene Form und Farbe- jener einer Graffitigiraffe nämlich- in den Köpfen einiger Jungs einmal gewesen war.  

Sofern zur reellen und abstakten Verortung des Protagonisten unserer Erzählung, nämlich der von  Gironymus, einer weiß-violetten Graffitigiraffe. Diese hat nämlich ihr Aussehen den Überlegungen zum Komplementärfarbgedanken zu verdanken und nichts mit Milka – Kühen gemeinsam. Sie entsprang der Phantasie zweier siebzehnjähriger Jungs, die davon überzeugt waren, eine Graffitigiraffe in Komplementärfarben zu echten, gelben Giraffen, wäre die einzige Möglichkeit eine wirkliche Graffitigiraffe zu erschaffen. Die beiden Jungs besuchten ein humanistisches Gymnasium und beschäftigten sich in ihrer Freizeit eingehend mit dem Thema: ``Idee und Wirklichkeit``. Da sie die `Grufti- Phase`` bereits überwunden hatten und es verabscheuten, wie Frankenstein auf den Friedhöfen die Bestandteile einer von ihnen zu erschaffenen Kreatur zu sammeln, hatten sie sehr lange darüber nachgedacht, wie es ihnen gelingen könnte, ohne Ausgrabungen von Leichenteilen ein Wesen zu erschaffen, das in sich die Fähigkeit enthielt, lebendig zu werden. So wie Frankenstein glaubte, tote Zellen durch Galvanisation wiederbeleben zu können, glaubten die beiden Jungens daran, dem Abbild eines wirklichen Wesens Leben verleihen zu können. Sie gingen davon aus, dass es wichtig wäre,  einen wesentlichen Bezugsmoment zwischen Wirklichkeit  und Idee  zu bedenken- das Ergebnis davon: die Farbgestaltung der Graffitigiraffe.

Darüber meditierten die beiden nun eine ganze Weile. Dem voraus gingen Besuche im Zoo und im naturhistorischen Museum zu farblichen Bestimmung des Giraffenfells. Wie es ihnen schließlich gelang, Gironymus genau die zündende Komplementärtonmischung zur Farbtonskala einer wirklichen Giraffe ins das Abbild seines Fells zu mischen, wissen wir nicht. Tatsache war, dass eines Nachts einiges passierte.

Der seelische Zustand von Gironymus tat natürlich auch das seinige: Nach drei Monaten hatte er es so satt, immer nur vorbeiströmenden Menschenmassen auf die Schuhe zu gucken und diese dann in dem, in Form eines Fragezeichens gewundenen, Ü- Bahnschachts verschwinden zu sehen.

Er seufzte tief, in jener Nacht, in der einiges passierte.

Dabei setze sich sein rechtes lila –weiß gefärbtes Giraffenbein in Bewegung. Dieser Tatsache schenkte er vorerst gar keine Beachtung, da er nie an solch ein Ereignis gedacht hatte, und es schlichtweg in seiner Vorstellungswelt nicht vorkam. Wie sollte es ihm - er- eine zweidimensionale Graffitigiraffe- gelingen, sich in der Dreidimensionalität eine U- Bahnschachtes in Bewegung zu setzten? Seine Unbeweglichkeit hatte er immer als ``a priori`` vorausgesetzt und war nie auf die Idee gekommen, wie es wäre, wenn….

Und als dann das ``wenn`` geschah war seine erste Empfindung in einen bodenlosen Schacht zu stürzen. Er fühlte sich noch immer fallen, als seine langen Giraffenbeine bereits den zweiten Schritt taten. Durch das Klacken seiner paarigen Hufe erschreckt, riss er die Augen auf und starrte an sich herab. Beleuchtet von dem fahlen Licht des um diese Nachtzeit kaum frequentierten U- Bahnbereichs verfolgte er die langen dunkel-lila Beine und starrte anschließend auf seine weiße Brustblässe. Dann hob Gironimus den Kopf und wäre fast gegen das Dach des U- Bahn Ganges gestoßen. Schnell schob er seinen langen Hals nach vorne und lugte um die Ecke des Fragenzeichens. Der lange Gang, in dem die Menschenfüße immer verschwunden waren, war nämlich plötzlich kein Gang mehr, sondern nur noch das Bild eines Ganges. Und um die Ecke war das Nichts. Gironimus tat einen tiefen Atemzug und zog seinen Kopf aus dem Nichts.

Er sah sich um. Neben dem Bild mit dem U-Bahnschacht in Fragezeichenform und dem Nichts war ein anderes Bild im Halbdunkel zu erkennen. Gironimus ging darauf zu, steckte sein Maul vor, um zu schnüffeln. Eisige Frische umfing ihn, schnell wich er zurück.

Er ging weiter einen geraden Gang entlang und besah sich neugierig die vielen Bilder an den Wänden, vom Nichts getrennt. Manchmal schnüffelte er wieder. Der Gang schien endlos. Wie in einer Galerie tauchten im Halbschatten Bilder auf, die neben ihren Farben und Formen auch Wärme, Kälte und verschiedene Gerüche verbreiteten. Gleichmäßig klackten die Hufe der Graffitigiraffe auf dem Asphalt. Kein einzige Bild lud ihn ein, nochmals stehen zu bleiben, die Fremde in ihren stählern- ätzenden, ölig- scharfen, Bosna –röstigen, Maschinenöl ungenießbaren Gerüchen zog an ihm vorbei, ohne ihn einzuladen, zu verweilen.

Der Gang war gerade wie eine Sardine. Ausgestreckt lag er da als wäre er mit anderen Gängen zusammengepfercht in einer Dose mit der Aufschrift `´Zehn Gänge im Preis von neun`` gelandet.

Als Goronimus müde wurde, legte er sich nieder und schlief sofort an. Nach dem Erwachen dieselbe unveränderte Umgebung: eine langer Gang, von Wandleuchten spärlich erhellt, und Bilder an den Wänden, riechende, heiße, kalte Bilder, dazwischen das Nichts.

Gironimus hatte von der Steppe geträumt. Gemeinsam mit seiner Familie war er über das weite Grasland gezogen. In den Kronen der Bäume hatte er Nahrung gefunden, Blätter hatten  seine Nüstern gekitzelt, die  Hufe hatten Grashalme niedergedrückt. Ein Löwe hatte ihn beobachtet und dann verschlafen geblinzelt.

Gironimus riss die Augen auf und stierte in den schummrigen Gang. Es roch muffig jetzt, als hätte Frau Holle eine schon von Motten zerfressenen Matratze ausgestaubt. Frau Holle, wer kennt sie noch? Gironimus kannte sie, war sie doch wie er in einer Welt beheimatet, die es nicht wirklich gibt.

Da, plötzlich ein Schrei. War es überhaupt ein Schrei? Wir wissen es nicht, es klang jedoch mächtig und laut, und so, als wollte eine gequälte Seele die Mauern von Jericho zum Einsturz bringen. Der Ton breitete sich in dem Gang aus, drang in jede Ritze, die Steine schienen zu erbeben. Ein Weberknecht, der Gironimus beobachtet hatte, vibrierte zwischen seinen sechs Beinen wie ein Trampolin. Die Bilder wackelten und begannen nach Schweiß zu riechen. Der Mundgeruch eines fotografierten Versicherungsberaters drei Meter vor ihm schlug Gironimus entgegen. Der plakatierte Terrier hinter ihm urinierte auf Hundefutterdosen. Es stank übel.

Gironimus erhob sich. Abermals öffnete er sein Maul. Doch kein Gestank kam daraus hervor, sondern nur jener mächtige laute Ton, der die Steppe, das Wilde, die Gräser und Baumkronen gegen die geraden Wände des Gangs schleuderte. Die Schallwellen verschoben Steine, verrückten, drückten ein, beulten aus, zerrissen die Bilder und ließen sie versinken in heillosem Gestank. Gironimus jedoch versank nicht.

Zuerst ging er, dann begann er zu galoppieren. Seine Beine trugen ihn elegant vorbei an berstenden, dem Verfall anheim gegebenen Preisausschreiben. Sein langer Hals übersah einstürzende Türme, gemalt als Ikonen einer überinformierten, die Welt trotzdem nicht verstehenden Menschheit, die in sich zusammen brachen in Feuer, Rauch und Asche, Gironimus jedoch den Atem nicht nahmen. Denn er atmete die Weite seiner Streppe und war zuhause in den in den Äther gestoßenen Luftfontänen der Blauwale nach dem Auftauchen. Zu mächtig, dieses Sauerstoffresorvoir, das in ihn drang, um ihn ersticken zu lassen. Zu mächtig, um ihn abzuscheiden von der Wirklichkeit, obwohl er nur eine gemalte Giraffe zu sein schien, entsprungen der Phantasie zweier Jungs eines humanistischen Gymnasiums. Wie ein übermächtiger Blasbalg wurde ein Odem in ihn gepumpt, den er wieder entließ, in diesem lauten und mächtigen Ton, von dem wir nicht einmal wissen, ob er ein Schrei genannt werden kann. Denn jeder Schrei beginnt und endet in der Zeit. Dieser Ton jedoch, der begann nie und wird nie enden. Goethes Farbenlehre war auch darin verwoben, und wäre ohne diese niemals als Idee einer Graffitigiraffe erschienen.

„Hey, nehmen Sie  mich mit!“ Etwas kitzelte die Graffitigiraffe am Ohr. Ob die Stimme aus dem Ton kam oder nicht, war unmöglich zu bestimmen. Sie kam jedoch aus der Richtung, wo das Ohr war, das kitzelte.

Aus dem Ton, der Gironimus entströmte, kam eine Antwort:

„Habe zwar keine Ahnung, wer Sie sind  bist, aber wenn Sie mich nicht zu sehr jucken, können Sie sitzen bleiben!“

„Danke! Ich heiße übrigens Walhalla und bin ein Weberknecht. ```

„Sehr erfreut; bin eigentlich eine Grafittigiraffe, aber aus komplementärfarblichen Gründen meiner beschränken Perspektive entrissen!“

„Das sehe, beziehungsweise spüre ich. Wir scheinen uns übrigens mitten in einem Quantensprung zu befinden, oder wie würden Sie unsere momentane Lage zurzeit einschätzen?“

Gironimus schwieg. Er hatte nämlich zurzeit kaum Gelegenheit irgendetwas außerhalb von ihm Befindliches einzuschätzen, außer einem Weberknecht namens Walhalla. Und der schein ungefährlich zu sein.

 

 

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