IV.1 - Tiefer in den Abgrund

Hermines Gedanken rasten. Warum hatte sie damals so eine undurchdachte Lügengeschichte erzählt? Und sie war noch so stolz darauf gewesen, wie sicher und authentisch ihr die Worte gekommen waren. Sie musste Zeit gewinnen!

"Kannst du nicht normal fragen?", fuhr sie Tom an. "Musst du jedes Mal, wenn du etwas von mir wissen willst, handgreiflich werden?"

Toms Miene verfinsterte sich. Entsetzt bemerkte Hermine, dass er tatsächlich ernsthaft wütend war. Es war mehr als sonst, schlimmer als bei ihren vorigen Zusammenstößen, wo er sich unerfreut über ihre Abneigung gezeigt hatte. Er hatte sie beim Lügen erwischt und er schien so zornig darüber, dass sie ihn hatte anlügen können, dass sie froh sein sollte, dass er überhaupt erst fragte, anstatt sie sofort zu erledigen. Nervös leckte sie sich über die Lippen.

"Keine Spielchen mehr, Hermine", schnarrte Tom, "du wirst mir jetzt augenblicklich erzählen, wer du bist und was du hier tust! Ich habe genug von deinen Lügen! Ich habe genug von deinem anmaßenden Gehabe!", forderte er kalt. Seine Augen nahmen einen mörderischen Ausdruck an, als er hinzufügte: "Und überlege dir gut, was du sagst. Wenn mir nicht gefällt, was ich höre..."

Er musste den Satz nicht zu Ende sprechen, Hermine verstand die Drohung auch so. Verzweifelt versuchte sie, die Geschichte, die sie sich gerade mit Aberforth zusammen überlegt hatte, irgendwie in Einklang zu bringen mit dem, was sie Tom erzählt hatte. In einem Versuch, noch mehr Zeit zu gewinnen, erwiderte sie: "Muss das hier und jetzt sein? Können wir nicht erst zum Schloss zurückkehren?"

"Das würde dir so passen, mh?", schoss Riddle abfällig zurück. "Sicher nicht. Du wirst mir hier und jetzt alles erzählen."

Kalter Schweiß rann Hermine den Rücken runter. Sie waren alleine, die Sonne ging gerade unter und die Wahrscheinlichkeit, dass noch irgendein Schüler nach ihnen den Weg entlang kommen würde, war unendlich gering. Wenn nur ihr Herz aufhören würde, so wild zu hämmern! Ihr war schwindelig von dem Adrenalin, dass durch iher Adern jagte, und ihr Verstand war nicht erfreut darüber.

"Ich habe nicht gelogen!", presste sie schließlich heraus. Störrisch hielt sie den Blickkontakt mit ihm, um ihrer Lüge mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen: "Mein Vater und meine Mutter sind tot. Glaubst du, eine Frau kann in Amerika so leicht ohne einen Mann ein Kind großziehen? Sie hat natürlich wieder geheiratet."

Ein kalkulierender Ausdruck trat in Riddles Augen, während er offenbar überlegte, ob er ihr glauben sollte oder nicht: "Und weiter?"

"Was weiter?", fauchte Hermine. "Der Mann, den ich den größten Teil meines Lebens als Vater betrachtet habe, ist tot. Genauso wie meine Mutter. Ich habe nur noch meinen leiblichen Vater hier."

"Der zufällig heute in Hogsmeade war?"

"Er ist der Wirt vom Eberkopf", erklärte Hermine, die langsam ihr Selbstbewusstsein zurückerlangte. Dieser Teil der Geschichte war wasserdicht: "Aberforth Dumbledore. Ich weiß nicht, ob du mal in seiner Lokalität warst."

Tom nickte langsam. Er war tatsächlich bereits das ein oder andere Mal im Eberkopf gewesen, aber niemals wäre er auf die Idee gekommen, dass der Wirt mit Professor Dumbledore verwandt sein könnte. Noch war er jedoch nicht bereit, seinen Griff zu lockern: "Und deine Mutter? Wer war sie?"

Hermine schluckte. Plötzlich bereute sie, dass sie aus ihrer Mutter einen Muggel gemacht hatte. Sie hatte gedacht, dass es vielleicht ein Umdenken in Tom bewirken würde, wenn er wüsste, dass eine talentierte Hexe wie sie ebenfalls nicht reinblütig war. Doch in einer Situation wie dieser hier erschien es ihr plötzlich gefährlich, ihren Blutstatus zuzugeben. Erneut befeuchtete sie nervös ihre Lippen.

"Ich habe dich etwas gefragt!", fuhr Tom sie an und verstärkte den Griff um ihren Hals. Reflexartig fuhren Hermines Hände hoch und packten seinen Arm, doch sie war ihm körperlich nicht gewachsen. Unnachgiebig hielt er sie gefangen.

"Sie... sie war ein Muggel", gab sie schließlich atemlos zu.

"Ein Muggel!", entfuhr es Tom sichtlich überrascht. Zu Hermines Erleichterung lockerte er die Umklammerung ein wenig, so dass sie wieder normal atmen konnte. Aggressiv fauchte sie ihn an: "Ja! Problem damit?"

Der kalkulierende Ausdruck verschwand von Toms Gesicht und machte Platz für etwas, was Hermine nicht lesen konnte. Beinahe hätte sie gedacht, dass er in seinem Stolz verletzt war, doch augenblicklich trat wieder eiskalte Verachtung an die Stelle seines rätselhaften Blicks: "Und hier dachte ich, du wärst eine reinblütige Hexe."

"Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen!", entgegnete Hermine unwillig. Schon in ihrer Zeit hatte der Rassismus vieler Zauberer sie gestört, doch hier war es um Weiten schlimmer: Während im Hogwarts ihrer Zeit die alte Ideologie aufgrund der Geschehnisse rund um Voldemort in Verruf geraten war, war sie hier noch vorherrschend und allgegenwärtig. Wenn ihr Blutstatus bekannt würde, wäre auch das letzte bisschen sozialer Stellung dahin.

"Armer Abraxas", murmelte Tom mit falschem Bedauern, "was er dazu sagen würde, wenn er wüsste, dass seine Angebetete ein Schlammblut ist?"

"Und was ist mit dir?", fuhr Hermine ihn an, ehe sie an sich halten konnte. "Jeder kennt die Geschichte vom armen Tom Riddle, der in einem Waisenhaus aufgewachsen ist! Woher willst du wissen, dass deine Eltern Zauberer waren? Du könntest genauso ein Schlammblut sein wie ich."

"Wage es niemals!", zischte Tom aufgebracht. "Wage es niemals, dich mit mir zu vergleichen! Du weißt gar nichts über mein Blut. Jeder einzelne aus den Familien der Heiligen 28 würde sein Knie vor mir beugen, wenn sie Bescheid wüssten, egal, wie viele Muggel es in meiner Familie gegeben hat!"

Hermine verstand sofort, worauf er anspielte, auch wenn sie das natürlich nicht zugeben konnte. Und sie wusste, dass er Recht hatte. Wen interessierte es, ob seine Eltern Muggel gewesen waren? Er hatte das Blut Salazar Slytherins in sich, das war alles, was zählte. Provozierend gab sie zurück: "Also habe ich Recht? Deine Eltern waren Muggel?"

Zu ihrem Entsetzen erschien ein Lächeln auf Toms Lippen. Ehe sie reagieren konnte, hatte er seinen Zauberstab gezogen und presste ihn mit sanftem Druck gegen ihre Wange. Mit Übelkeit erregender Süße in der Stimme erkundigte er sich: "Ist dir der Brandzauber bekannt, liebste Hermine?"

Natürlich kannte sie diesen Zauber. Sie hatte ihn selbst gegen Harry gerichtet, als sie von den Greifern gefasst worden waren. Sein geschwollenes, von Brandwunden gezeichnetes Gesicht war durch ihren Fluch so verunstaltet worden, dass Bellatrix Lestrange ihn nicht sicher als Harry Potter hatte identifizieren können. Unsicher nickte sie.

"Natürlich kennst du ihn", fuhr Tom im Plauderton fort, "du übst dich schließlich in den Dunklen Künsten, nicht wahr, Liebste? Es wäre wirklich schade, wenn ich gezwungen wäre, ihn gegen dich zu richten, denkst du nicht? Dein wunderschönes Gesicht... wirklich, jammerschade."

Noch bevor Hermine realisieren konnte, was Tom da sagte, spürte sie einen brennden Schmerz dort, wo der Stab ihre Wange berührte. Sie konnte fühlen, wie ihr Fleisch anschwoll, wie ihre Haut rau und rot wurde. Sie hatte das Gefühl, als presse ihr jemand eine Fakel direkt ins Gesicht. Entfernt registrierte sie Schuldgefühle, dass sie Harry diese Tortur angetan hatte, doch der Rest ihrer Wahrnehmung war vollkommen auf den beinahe unaussprechlichen Schmerz reduziert. Ein verzweifeltes Wimmern entfuhr ihr, während der Radius des Schmerzes immer größer wurde.

"Hör auf!", flehte sie. "Du tust mir wirklich weh! Stopp!"

Doch ihr Jammern hatte den gegenteiligen Effekt. Toms Lächeln wurde nur noch breiter. Die Hand, die bis eben auf ihrer Kehle gelegen hatte, ließ von ihr ab und er trat einen Schritt zurück, um sie vollständig im Blick haben zu können. Verzweifelt tastete Hermine nach ihrem Zauberstab, doch kaum hatte sie ihn in der Hand, schlossen sich Toms Finger fest um ihren Arm: "Oh nein, meine Liebe, das lassen wir schön sein. Du warst unartig. Und unartige Kinder müssen bestraft werden."

Zitternd sank Hermine auf die Knie. Das Adrenalin ihrer panischen Angst, der unfassbare Schmerz, ihre Hilflosigkeit, alles zerrte an ihren Kräften und saugte ihr die Energie ab, sich noch länger auf den Beinen halten zu können. Ergeben schloss sie die Augen und betete, dass Tom bald von ihr ablassen würde, dass er sich damit begnügen würde, sie zu quälen und zu erniedrigen. Dass er sie nicht töten würde.

Und dann war der Schmerz weg. Ihr Gesicht fühlte sich wieder normal an, keine Spur mehr von Schwellungen oder Brandwunden.

Schweratmend richtete Hermine sich wieder auf. Es war beinahe komisch, wie sie immer mehr den Hass und das Misstrauen von Riddle auf sich zog, obwohl sie eigentlich versuchen wollte, seine Gunst zu erlangen. Dumbledore konnte sagen, was er wollte - dieser Junge war definitiv nicht von Voldemort zu unterscheiden, er war bereits jetzt ein Monster. Nervös blickte sie zu ihm auf.

Tom Riddle war zum ersten Mal seit langer Zeit unentschlossen. Hier stand er, im dunkler werdenden Zwielicht des Waldes, alleine mit Hermine Dumbledore, und kämpfte mit sich selbst. Er hatte sich nach seinem letzten Moment der Schwäche geschworen, nie wieder Lustgefühle für andere Menschen zuzulassen. Er war sich nur zu bewusst, wie groß das Risiko war, dass die Lust seinen Verstand verschleierte, eine Gefahr, die er unbedingt vermeiden musste. Er brauchte seinen Verstand. Und doch. Dieses äußerlich so gewöhnliche Mädchen, dieses Schlammblut, entfachte in ihm immer wieder ein Verlangen nach... mehr. Jedes Mal, wenn sie sich über ihn lustig machte oder sich ihm widersetzte, schrie alles in ihm danach, ihr zu zeigen, wer der Mächtigere, wer der Stärkere war. Und wenn er dem nachgab, wenn er ihr tatsächlich Angst und Schmerzen zufügte, dann war da dieses Verlangen, dieses berauschende Gefühl der Macht. War es wirklich so riskant, wenn er sich dem hingab? Sollte er es nicht zumindest einmal testen? Er sollte sich gut genug unter Kontrolle haben, um abzubrechen, sobald er negative Auswirkungen verspürte.

Das Glitzern in den Augen ihres Gegenübers bereitete Hermine mehr Angst als alles, was zuvor geschehen war. Sie hatte keine Erfahrung in diesen Dingen, doch offenbar hatte die Natur sehr funktionstüchtige Alarmglocken im Körper einer jeden Frau eingebaut - und die schrillten gerade sehr, sehr laut. Er hatte ihr genau damit gedroht und sie hatte ihm geglaubt, dass er diese Drohung wahr machen würde. Übelkeit breitete sich in ihrem Magen aus, während sie erstarrt zusah, wie Riddle wieder an sie heran trat. Als stünde sie neben sich beobachtete sie, wie er ihr einen Finger unter das Kinn legte und sie zwang, den Kopf in den Nacken zu legen.

"Tom", flüsterte sie, in der Hoffnung, über die ungewohnte Anrede zu ihm durchzudringen, "das kann nicht dein Ernst sein. Du kannst unmöglich..."

Ehe sie den Satz beenden konnte, hatte er den letzten Abstand geschlossen. Kalte Lippen pressten sich hart auf ihre. Entsetzt wollte sie sich abwenden, doch seine rechte Hand hielt ihren Kopf an Ort und Stelle, während sein linker Arm ihren Körper fester an seinen zog.

Wie war sie nur in diese Situation geraten?

Hätte sie Dumbledore doch bloß erzählt, dass Riddle ihr auf diese Weise gedroht hatte.

Wenn sie doch bloß nicht das verfluchte Gemälde in der Kammer des Schreckens berührt hätte.

Hätte sie sich doch nur mehr Mühe mit ihren Lügen gegeben.

Tränen bahnten sich ihren Weg und kümmerten sich nicht darum, dass Hermine nicht noch mehr Schwäche vor diesem Monster zeigen wollte. Zitternd, weinend und bis auf die Knochen durchgefroren stand sie da, unfähig sich aus der harten Umklammerung zu lösen, und hoffte, dass es bald vorbei war, dass er sich mit diesem Kuss zufrieden geben würde, dass er hier draußen, mitten im Wald, nicht noch mehr versuchen würde.

Ein leises Stöhnen erklang und augenblick ließ Riddle von ihr ab. Instinktiv nutzte Hermine die Gelegenheit und trat an ihm vorbei, rannte so schnell ihre schwachen Beine sie tragen konnten davon, Richtung Schloss, Richtung Sicherheit.

Tom blieb alleine zurück, er hatte kein Interesse daran, sie aufzuhalten. Er fühlte sich gut, er fühlte sich berauscht. Das Stöhnen, dass ihm unwillkürlich entwichen war, als er das Ausmaß von Hermines Angst verspürt hatte, hatte ihn für einen kurzen Moment selbst aus der Fassung gebracht und dieser Moment hatte gereicht, dass sie ihm entkommen war. Es war besser so. Er wusste nicht, wie weit er gegangen wäre, wenn sie geblieben wäre. Doch das Gefühl blieb. Er fühlte sich lebendig wie lange nicht mehr, so gut, wie er sich zuletzt gefühlt hatte, als er seinen eigenen Vater getötet hatte. Er wollte mehr davon.

Mit langsamen Schritten bewegte er sich zum Schloss hinauf. Stellte dieses Gefühl wirklich ein Risiko dar? Geduldig wartete er darauf, dass sein Herzschlag sich beruhigt und die Lust seinen Körper verlassen würde. Es dauerte nicht lange, bis er sich wieder normal fühlte. Sorgsam ging er in Gedanken seine Pläne durch, dachte über seine Mitschüler nach, über Hermine, über Dumbledore. Nichts hatte sich geändert. Die Lust, diese merkwürdige Droge, verlor ihr Wirkung, hatte über den Moment des Verlangens hinaus keine Macht über ihn. Sein Verstand nahm keinen dauerhaften Schaden. Er konnte das kontrollieren, er konnte sich kontrollieren.

Es war an der Zeit, dass er ernsthaft überprüfte, wie groß Hermines Interesse an den Dunklen Künsten war. Und es war an der Zeit, dass er ihr bei diesen Studien half. Jeder Mensch hatte geheime Wünsche, unterdrücktes Verlangen in sich, doch die von Kindheit an eingeimpften moralischen Bedenken verhinderten, dass man diese Wünsche auch nur wahrnehmen konnte. Das war die Versuchung der Dunklen Künste. Sie brachen die Siegel der Moral auf, sie ebneten den Weg hin zu dem eigenen Innersten. Gerade deswegen brauchte man einen Meister, um die Dunklen Künste erlernen zu können, sonst brach man zu schnell wieder ab, verängstigt durch das eigene Moralbewusstsein. Er selbst hatte sich schon früh gegen alles, was man eben so tat und nicht tat, gewehrt, er selbst hatte mächtiges Blut in seinen Adern, das ihm half, die Zauber zu erlernen und sich der eigentlichen Quelle seiner magischen Macht zu stellen. Er hatte keinen Meister gebraucht, war offen und begierig gewesen, seine wahren Wünsche kennenzulernen. Hermine jedoch...

Sie war gefangen in ihrer Vorstellung von Gut und Richtig, so gefangen wie es sonst nur ein Gryffindor war. Wenn es ihm gelang, sie zu brechen, ihr Gewissen auszuschalten, was würden sie wohl gemeinsam in ihrem Innersten finden? Was, wenn seine Vermutung richtig war? Was, wenn sie in ihrem Innersten danach strebte, sich vollkommen unterzuordnen, ihre Freiheit, ihr Eigentum am eigenen Körper abzugeben? Ein starker Mensch wie sie, ein intelligenter Mensch wie sie - nie war sie reizvoller für ihn als in jenen Momenten, in denen sie Schwäche zeigte.

Er kannte kaum jemanden und insbesondere keine Frau, die so sehr darum bemüht war, nicht von anderen Menschen abhängig zu sein. Konnte es sein, dass das in Wirklichkeit nur der übertriebene Schutz ihres Moralempfindens war, weil sie tatsächlich nichts lieber wollte, als abhängig zu sein?

Es wäre wahrlich eine Errungenschaft, wenn es ihm gelingen würde, diese störrische, intelligente junge Frau völlig willenlos und nach seinen Wünschen manipulierbar zu machen. Er würde dafür sorgen, dass sie erkannte, dass sie sich in Wirklichkeit ihm hingeben wollte. Und wer wäre er, ihr diesen Wunsch abzuschlagen?

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beta
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