Kapitel 15

Immer wieder hallte es in mir nach, durchzog mein Bewusstsein wie Wellen am Strand und wühlte in meinen Gefühlen. Bilder erschienen vor meinem inneren Auge: Ein sanft lächelnder Charlie der auf mich herunterschaute, Charlie der im Park besorgt um sich schaute und immer wieder Charlie der mit gedämpfter Stimme mit meiner Mutter sprach. Es waren Bilder aus meiner Kindheit.

„Seelenwächter,“ wiederholte ich laut und ließ das Wort auf mich wirken.

Charlies Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an. Sein Freund hingegen wirkte unbeeindruckt.

„Ein scheiß Job, wenn du mich fragst,“ nörgelte Leon.

„Dich hat niemand nach deiner Meinung gefragt, Hund,“ knurrte Charlie verärgert.

„Hört… einfach auf zu streiten,“ fauchte ich. Augenblicklich herrschte Stille am Seeufer.

Der Wind bewegte leicht die Äste der Lärche die über uns knisterten. Die frische Brise ließ mich frösteln und ich zog den Kapuzenpullover enger an mich. Aus den Augenwinkeln sah ich wie sich einer der Jungs mir sorgenvoll näherte. Es war Charlie. Natürlich. Der liebevolle, fürsorgliche und immer fröhliche Charlie. Mein Retter in der Not. Zumindest war er das bis jetzt für mich gewesen.

Doch jetzt schrie alles in mir, dass er ein Lügner war. Ein Lügner und Betrüger. Wie sollte ich ihm jetzt noch vertrauen? Nach allem was er mir angetan hatte? Nach all den Lügen?

„Komm mir ja nicht zu nahe, Charles,“ fauchte ich und entzog mich seiner Arme bevor er sie um mich legen konnte. Ich nahm war wie Charlie enttäuscht seine Arme sinken ließ. Wie ein getretener Hund kam er mir vor als er sich mit hängendem Kopf von mir abwandte. Sein Anblick tat mir weh und ich musste mich bemühen nicht zu ihm zu stürzen und mich in seine Arme zu stürzen. Stattdessen hob ich den Kopf und räusperte mich. „Charlie? Ist das Überhaupt dein Name oder hast du mich auch da angelogen?“  Meine Stimme war Rasiermesserscharf. Ich beobachtete ihn abschätzig wie er sich unter meiner unverhohlenen Enttäuschung windete wie ein Wurm.

„Sky…,“ begann er wieder. Er litt Höllenqualen. Das konnte ich an seinem Gesicht erkennen.

Doch ich unterbrach ihn sofort. „Ich will keine Entschuldigung von dir, Charlie. Du hast mich zweiundzwanzig Jahre belogen und betrogen. Ich möchte das was mir zusteht: Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.“

„Sky, ich… ich bin immer noch derselbe. Du kannst mir ver…,“ flehte er bevor ich ihm unterbrach.

„Nein. Ich will nichts von vertrauen hören. Wie kannst du es wagen, von vertrauen zu sprechen? Du hast mich mein gesamtes Leben angelogen,“ fauchte ich aufgebracht. Ich fühlte mich als würde in mir alles zerbrechen. Alles an was ich glaubte, alles an was ich mich erinnerte fiel zusammen wie ein Kartenhaus. Immer mehr Bilder tauchten vor meinen Augen auf. Erinnerungen aus meiner Kindheit die bewiesen das es stimmte was Charlie gesagt hatte: Er kannte mich bereits mein ganzes Leben. Doch warum konnte ich mich nur an die letzten drei Monate mit ihm erinnern?

„In Ordnung,“ drang seine Stimme an mein Ohr.

„Was ist ‚in Ordnung‘?“ verwirrt drehte mich zu ihm.

„Ich werde dir alles erzählen,“ seufzte er erschöpft. Sein Kumpel zog zischend die Luft zwischen die Zähne ein.

„Alles? Spinnst du?“

„Sie hat recht: Sie verdient es die Wahrheit zu erfahren,“ wandte sich Charlie an seinen Freund.

„Dann brichst du das Versprechen das du ihrer Mutter gegeben hast,“ gab er ihm zu bedenken. Einen Moment starrten sich die beiden an. Dann senkte Charlie seinen Kopf.

„Lieber breche ich das Versprechen das ich ihrer Mutter gab als, dass ich sie weiterhin anlüge, Ryder,“ sagte er plötzlich.

Ryder hob abwehrend die Hände. „Deine Entscheidung, Kumpel. Ich war von Anfang an dagegen, das weißt du.“

„Ihr habt meiner Mutter ein Versprechen gegeben?“ fragte ich neugierig. „Und du warst dagegen, Ryder?“

Ryder wandte sich langsam zu mir. „Das, meine liebe Skyler, soll dir unser lieber Charlie erzählen. Ich halte mich da raus.“

„Feigling,“ raunte ihm Charlie zu als sich Ryder wieder in den Wald zurückzog.

„Das habe ich gehört,“ rief dieser und zeigte ihm über die Schulter den Stinkefinger.

Ein Lachen streifte über sein Gesicht als er sich wieder mir zuwandte.

„Nun?“ funkelte ich ihn wütend an. „Was hast du meiner Mutter versprochen?“

Das Lachen verblasste augenblicklich aus seinem Gesicht.

Leon lachte. „Du hast es dir verscherzt, Kumpel,“

Verärgert drehte sich Charlie zu ihm. „Was machst du noch hier? Könntest du nicht auch verschwinden?“

„Jetzt wo es erst spannend wird? Auf keinen Fall,“ lachte Leon. „Ich will sehen wie sie dir das Grinsen aus dem Gesicht reißt.“

Charlie begann wieder nervös seine Haare zu verstrubbeln und von einem Bein auf den anderen zu treten.

„Würdest du uns bitte alleine lassen, Leon?“ bat ich ihn. Große traurige braune Augen starrten mich aus der Dunkelheit an. „Keine Sorge: Ich komme bald nach,“ fügte ich beruhigend hinzu.

„Wie ihr wünscht,“ mit einem gespielten Knicks in unsere Richtung stapfte ein enttäuschter Leon davon.

„Du weist wie man einem Mann das Herz bricht,“ bemerkte Charlie während er Leon hinterher sah.

„Ich habe ihn weniger verletzt als du mich,“ entgegnete ich ihm.

Ich hörte wie er tief Luft holte. „Ich wusste das irgendwann der Tag kommen wird, wo deine Macht sich nicht mehr unterdrücken lässt.“ Seine Stimme war nur noch ein flüstern. Er drehte sich um und setzte sich am Waldrand auf den Baumstamm eines umgestürzten Baumes.  Langsam folgte ich seinem Beispiel und setzte mich vorsichtig mit gebührendem Abstand neben ihn. Trotz meines Ärgers spürte ich wie es mich zu ihn zog. Es war als wären wir miteinander verbunden. Ich schob das Gefühl eilig von mir und verschränkte meine Arme vor der Brust damit er meine Unsicherheit nicht bemerkte. Doch Charlie blickte gedankenverloren über den See. So als würde er etwas in weiter Ferne beobachten.

„Also wird es mit der Zeit schwerer meine Kräfte zu unterdrücken?“ räusperte ich mich.

Durch mein Räuspern aus seinen Gedanken gerissen wandte er sich zu mir und nickte.

„Je Größer du wurdest desto stärker wurden deine Kräfte. Auch der Zeitraum des Bannes verminderte sich zusehends,“ murmelte er abwesend.

„Wie hat meine Mutter dich gefunden?“ wollte ich wissen.

Nervös fuhr sich Charlie durch seinen blonden zerzausten Schopf. „Sie hat mich nicht gesucht und sie hat mich auch nicht gefunden.“

„Sie hat dich also schon gekannt?“ wollte ich verwirrt wissen.

Charlie seufzte und schüttelte seinen Kopf. „Ich habe dir versprochen ehrlich zu dir zu sein, Skyler,“ Mit ernster Stimme wandte er sich an mich. „Versprich mir das du mir, was auch immer ich dir jetzt sage, zuhören wirst.“

„Ich verspreche es dir.“

„Gut,“ sein Blick war unergründlich als sein Blick wieder über den See wanderte. „Du musst wissen das wir Seelenwächter zwar Lichtewesen sind, doch wir wurden nicht geschaffen wie die Wolfswandler oder die Elemente von den Muttergöttinnen. Wir sind Gesandte des Himmlischen Hofes um die Würdigen zu beschützen und mit ihnen gegen die Dunkelheit zu kämpfen.“

„Also ist meine Mutter eine Würdige?“ fragte ich neugierig. Charlies Gesicht verzog sich zu einem Lächeln. Ich spürte wie sich in meinem Herzen wärme ausbreitete.

„Sie hat die Würdige geboren,“ hauchte er.

„Ich? Aber… was ist eine Würdige? Was bedeutet das?“

Charlie schluckte. „Leon hat dir doch von einer Legende erzählt? Nun, wir sprechen nicht von der Auserwählten, sondern von der Würdigen.“

„Du musstest mich also beschützen. Darum hast du mich all die Jahre begleitet,“ verstand ich, bemüht um einen Nüchternen Ton. Doch innerlich spürte ich wie alles in tausend Scherben zersplitterte. Ich war immer nur Arbeit für ihn gewesen.

Charlie zuckte zurück. „Nein, so darfst du nicht denken,“ verzweifelt schüttelte er seinen Kopf als wolle er diesen Gedanken sofort loswerden. „Du bist… mehr als eine Aufgabe für mich. Du bist etwas Besonderes.“ Sanft lagen seine Augen auf mir.

„Wegen meiner Abstammung?“ hörte ich mich fragen. „Weil ich halb Wolf halb Element bin?“

Wieder schüttelte er seinen Kopf. „Nein, du… du verstehst das vollkommen falsch,“ verneinte er und packte mich an den Armen damit ich gezwungen war ihn anzusehen.

„Charlie, du tust mir weh,“ jammerte ich.

„Sieh mich an, Skyler. Was siehst du?“ knurrte er und lockerte ein wenig seinen Griff. Langsam hob ich meinen Kopf und lies meinen Blick über sein kantiges Gesicht wandern. Bei seinen Augen blieb ich hängen. So Blau und Tief wie der Ozean. Erinnerungen tauchten auf. So oft hatte er mich zum Lachen gebracht, so oft hatte er mich getröstet. In meinem Bauch breitete sich wieder die Wärme aus. Ich ließ sie fließen, sich ausbreiten und mich vollkommen ausfüllen bis ich bis in meine Finger und Zehen die Wärme und das Kribbeln fühlte. Ein Lächeln schlich sich auf mein Gesicht. „Was siehst du?“ fragte er mich sanft mit einem Lächeln im Gesicht.

„Ich sehe…“ stammelte ich nachdenklich. Wie sollte ich diese Wärme in Worte fassen? Ich spürte wieder dieses Kribbeln in den Händen. Instinktiv drehte ich meine Rechte Hand so, dass die Handfläche nach oben zeigte und hob sie auf Augenhöhe. Die gesamte Wärme aus meinem Bauch schien nun zu meiner Hand zu fließen wie ein Fluss. In meinen Ohren rauschte es. Meine Handfläche begann zu leuchten und zu kribbeln. Da geschah es: Eine Flamme so groß wie meine Handfläche erschien und tanzte in der frischen Septembernacht. Die Flammen leckten an meiner Haut, doch außer Wärme spürte ich nichts.

„Wärme,“ hauchte ich und hob wieder meinen Blick. Charlie betrachtete die Flamme in meiner Hand. Stolz lächelte ich.

„Wärme,“ wiederholte er nachdenklich.

„Und so viel mehr,“ fügte ich hinzu und schloss meine Hand. Das Feuer erlosch. Ein Hauch von Rauch stieg in die Luft und verschmolz mit der Luft.

„Mehr?“ wiederholte er und zog verwirrt seine Augenbrauen hoch.

Ich nickte. „Du bist einfach mehr.“ Ein vorsichtiges Lächeln erschien auf Charlies Gesicht. Das Lächeln das ich so liebte.

KsYVI

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