Kapitel 3


Missmutig saß Archibald, eingeklemmt zwischen Fred und Dirk, dem Yeti, auf dem abgewetzten Sofa im oberen Aufenthaltsraum. Es war ihnen nicht gelungen, in das Zimmer des Sumpfmonsters zu kommen. Die Seelenfresser–Dämonen, die man hier mehr oder weniger als diejenigen ansah, die das Sagen hatten, hielten sich noch in Garrys Zimmer auf, ebenso wie Rupert, deren englischer Butler. Archie hatte ihn noch nie wirklich ein Wort zu jemand anderem als seinen Bossen sagen hören. Komischer Kauz. Er wusste nicht einmal, ob Rupert auch ein Seelenfresser war. Möglich war hier alles.

»Weißt du, und dann hat sie einfach gesagt, sie kann nicht mit jemandem zusammen sein, der ihre schwarzen Klamotten ständig so einsaut«, sagte Dirk schniefend. »Dabei waren wir doch so glücklich!«

Archie zuckte zusammen, als sich der Yeti an ihn klammerte und zu schluchzen begann, weil sich dieses Sukkubus–Mädchen scheinbar von ihm getrennt hatte. Seufzend rupfte er sich die weißen Haarbüschel von der Kleidung und nickte verständnisvoll. Dieses Haaren machte jeden hier wahnsinnig. Normalerweise war niemand so blöd sich in Dirks Nähe zu setzen. Irgendwie war Archie mit seinen Gedanken heute jedoch gänzlich woanders.

»Rosinen?« Dirk hob Archie eine Pranke voll mit diesen ekelhaften Dingern unter die Nase, die er im Unverstand aß.

»Danke nein.« Sein Blick streifte auf der Suche nach Belial oder Vlad durch den Raum, die sich jedoch natürlich einen Platz weit genug weg von dem Yeti gesucht hatten. Schnaubend schüttelte Archie den Kopf. Dirk war echt in Ordnung, wenn da nur nicht das Problem mit seinem permanent ausfallenden Fell wäre. Aber wie konnte er darüber urteilen, wo seines auch nicht mehr das Schönste war. Immerhin blieb ihm das Gefussel in seiner menschlichen Gestalt erspart. Der Yeti war einer der Ersten gewesen, den er hier kennengelernt hatte. Entgegen der weitläufigen Behauptung kam Dirk nicht aus dem Himalayagebirge, sondern hatte sich Jahrhunderte unentdeckt in den Ötztaler Alpen versteckt. Bis er bedauerlicherweise das Pech gehabt hatte, über einen vertrockneten Kerl zu stolpern, dessen Entdeckung glücklicherweise die Sichtung eines Yetis übertrumpft hatte. Ötzi wurde berühmt und Dirk heimatlos, da die Gegend in den folgenden Jahren regelrecht von sensationslustigen Menschen überschwemmt worden war. Er hatte sich ursprünglich nach Asien absetzen wollen, war dann aber irgendwie in den Karpaten und irgendwann im Castle gestrandet, wo ihm außer permanentem Liebeskummer keine größere Gefahr drohte. Zumindest, bis ein Irrer anfing, die Bewohner zu töten.

»Kannst du nicht mit ihr reden?«

»Hm?«

»Mit Tina?«

»Dieser verrückte Sukkubus? Im Leben nicht!« Archie musste hier weg, er hatte keine Lust auf Smalltalk, seine Fingerspitzen kribbelten bereits nervös in Erwartung auf die Ermittlung, die ihn hoffentlich zum Täter führen würde.

»Ich kann mit ihr reden«, sagte Fred, der mit einem seiner Finger kämpfte, den Dirk bei der Begrüßung versehentlich abgerissen hatte. Archie hatte nicht die geringste Ahnung, wie das bei dem Zombie funktionierte, und wie die abgefallenen Körperteile wieder an ihm festwuchsen. Je länger er sich jedoch darüber Gedanken machte, desto weniger wollte er es wissen.

»Wirklich? Du bist toll, Fred!« Dirk wandte sich von Archie weg, dem Zombie zu und umarmte ihn.

»Bis dann Leute.« Archibald sprang in Aussicht auf die bevorstehende Sauerei eilig auf und eilte schnellen Schrittes in Richtung Belial und Vlad davon.

»Komm mir nicht zu nahe!«, rief Belial und hob abwehrend die Hände. »Du siehst aus wie eine verdammte Perserkatze.«

Archie sah an sich hinab und seufzte. Dirks Fell hing überall an ihm. »Habt ihr aufgepasst, ob die Seelenfresser endlich aus Garrys Zimmer raus sind?«

»Ähm, nö? Hätten wir das sollen?«

»Verflucht, B. Was hast du an sag Bescheid, wenn die Luft rein ist, nicht verstanden?«

»Ach das meintest du damit.« Verlegen fuhr sich Belial durchs Haar.

»Schon gut. Kommt ihr mit? Ich gehe nachsehen.« Archie stapfte, ohne auf eine Antwort zu warten aus dem Aufenthaltsraum.

Sobald sie die Etage erreichten, auf der Garrys Zimmer lag, pochte Archies Herz so laut, dass er glaubte, jeder könnte es hören. Die Aufregung war eine willkommene Abwechslung und erinnerte ihn an sein früheres Leben. Das sehr ruhig geworden war, seit er im Castle lebte. Um nicht gar zu sagen, langweilig. Was war nur aus dem Werwolf geworden, der in London einst für Angst und Schrecken gesorgt hatte. Naja, zumindest ganz am Anfang mal. Archie warf einen Blick über die Schulter zu Vlad und Belial, die sich gelangweilt an die Wand gelehnt hatten und fragend zurückschauten. Hinter ihnen stand Fred und zupfte sich gerade ein großes Stück Haut ab, das sich von seiner Stirn gelöst hatte. Archie schloss die Augen, atmete noch einmal tief durch und drückte die Klinke nach unten. Froh darüber, dass niemand abgeschlossen hatte, lugte er vorsichtig hinein. Das Zimmer war leer. Bingo. Mit einem Winkzeichen bedeute er seinen Freunden ihm zu folgen und schlich voraus. Man konnte nie wissen, wer sie beobachtete, sie mussten den Killer nicht auch noch auf sich aufmerksam machen.

»Hast du dein ganzes Zeug eigentlich dabei?«, fragte Belial laut in die Stille hinein und Archie zuckte erschrocken zusammen.

»Verdammt. Du bringst mich noch um!« Er legte tadelnd einen Zeigefinger auf den Mund. »Shhh. Die Wände hier haben Augen und Ohren.«

»Echt jetzt? Wie cool!« Fred ließ von seiner Stirn ab, tapste zur Wand und fing an sie zu streicheln. »Zeig mir dein Gesicht«, flüsterte er gegen die Raufaser und schmiegte sich eng dagegen.

»Darf ich es –«

»Sag nichts!«, unterbrach Archie Vlad.

»Okay, und was machen wir jetzt? Außer Wände anfummeln?«, fragte Belial grinsend.

Archibald deutete auf den großen, dunklen Fleck, der noch deutlich auf dem Marmorboden zu sehen war, obwohl dieser gereinigt worden war. »Wir fangen bei Garrys Blut an. Hier wurde ihm der Kopf abgeschlagen, also muss der Mörder direkt danebengestanden haben. Sucht alles akribisch ab, jeden Zentimeter, unter allen Schränken, unter dem Bett. Alles kann ein Hinweis sein, jede Faser, die nicht hierhergehört. Jedes Haar und jeder Fussel.« Archie verteilte kleine Plastiktütchen. »Wenn ihr etwas findet, das euch seltsam vorkommt, dann steckt es dort rein.« Die Proteste der anderen ignorierend, warf sich Archibald auf die Knie und begann über der Stelle zu schnüffeln, an der Garry sein Leben ausgehaucht hatte.

»Ernsthaft jetzt?« Vlad schnaubte deutlich hörbar.

»Wir sind alle übernatürliche Wesen und jeder von uns hat besondere Fähigkeiten. Warum sollten wir diese nicht dafür einsetzen, den Castle–Killer zu überführen?«

»Ha, ich wusste doch, dass der Name dir gefallen wird.« Belial klatschte in die Hände.

»Ja, ganz toll. Und jetzt runter auf die Knie!« Archies Geduld verabschiedete sich allmählich.

»Also normalerweise bin ich derjenige, der das sagt, wenn –«

»B!«

»Schon gut. Kriechen wir im Dreck, ich bin ja nur ein Höllenfürst, warum also nicht.«

»Auf Fürsten legt heutzutage keiner mehr Wert, glaub mir«, sagte Vlad verschnupft und ging zur anderen Seite des Raums, wo er sich auf das Bett niederließ.

»Bist du dir sicher, dass du da draufsitzen willst?« Belial zog eine Grimasse.

»Sumpfmonster haben wenigstens kein Fell und keine Haare. Scheiß drauf.«

»Hat er das gerade tatsächlich gesagt?« Belial sah Archie ungläubig an.

»Nun lass ihn doch endlich in Ruhe und fang an zu suchen.«

Archie schloss die Augen, beugte sich noch etwas tiefer über den ehemaligen Fleck. Er sog jede Nuance, die noch vorhanden war, kräftig in sich auf. Das Blut der Sumpfmonster sah nicht nur aus wie Morast, es roch auch so. Feine Spuren von Moder und Fäulnis hoben sich von dem klinischen Zitrusduft des Desinfektionsmittels ab. Er benötigte mehrere Anläufe, da das Putzteam ordentliche Arbeit geleistet hatte. Unter dem Gestank des Zerfalls erschnupperte er auf einmal noch eine Note. Es roch wie … Moschus? War das möglich? Konnte das auf den Mörder hindeuten? Archibald presste seine Nase tief auf die Überreste von Garrys Blut und ignorierte Belials Würgegeräusche dabei.

»Wenn du jetzt anfängst, daran zu lecken, reihere ich dir über die Füße, ohne Witz.«

»Reg dich ab. Da ist was. Ich bin mir nicht sicher, was, aber – Moment.« Archie stand abrupt auf und konzentrierte sich. In seiner Gestalt als Wolf würde er viel mehr Details bemerken können. Nach so vielen Jahren der Existenz als Werwesen war die Wandlung ein Kinderspiel für ihn. Nun ja. Meistens jedenfalls. Wenn da nicht diese vermaledeite Sache mit dem Zwischenstadium wäre, in dem er sich immer häufiger nach der Metamorphose befand. Archie knurrte bei dem Gedanken an den leidigen Grund, weshalb er vor einigen Jahren sein bisheriges Leben aufgegeben und sich den Wesen im Castle angeschlossen hatte.

Heute funktionierte es jedoch, und sobald er vollständig zum Wolf geworden war, schnüffelte er erneut eingehend über dem Fleck. Ihm war bewusst, dass er dabei mit dem Schwanz wedelte und kleine, jaulende Geräusche von sich gab, aber die Aufregung war einfach zu groß, er konnte nicht an sich halten. Der Gedanke, anschließend wieder von Belial dafür aufgezogen zu werden, behagte ihm jedoch überhaupt nicht. Die nervigen Überlegungen verdrängend, gab er bellende Laute von sich, als er nun klar und deutlich die moschusartige Duftnuance fand. Ruckartig fuhr sein breiter Kopf auf, die gelben Augen zu schmalen Schlitzen gepresst tapste er umsichtig zu dem Bett, auf dem Vlad nach wie vor saß.

»Wenn du auf der Suche nach Streicheleinheiten bist, das kannst du vergessen. Aus. Pfui!« Der Vampir wedelte wild gestikulierend mit den Händen vor Archies Kopf, den er nun schräg hielt, während er Vlad beobachtete. Besser so, dass er in seiner vollständigen Wolfsgestalt nichts sagen konnte. Stattdessen konzentrierte er sich erneut auf die Moschusnote, die ihn hier hergeführt hatte. Es gab nicht den geringsten Zweifel, dass derjenige sich auch in Garrys Bett aufgehalten hatte. Archie zog die Lefzen hoch und vergrub seine Schnauze in dem Laken. Nein, nicht in dem Bett. Nun jaulte er laut auf und seine Rute wedelte aufgeregt umher.

»Verdammt, Archie, was ist dein Problem?«

Belial kam zu ihnen und starrte irritiert auf den Wolf hinab und zu Vlad, der sich gegen die Wand auf dem Schlaflager presste. Archie knurrte ein letztes Mal, dann wandelte er sich zurück. »Der Mörder war hier!«, sagte er keuchend, sobald er wieder sprechen konnte.

»Im Bett? Hatte Garry einen heimlichen Liebhaber?«

»Das weiß ich nicht. Aber nein, der Geruch kommt von unter dem Bett.« Archie fiel es nach jeder Verwandlung schwerer, zu seiner gewohnten Form zurückzufinden. »Der Gestank lässt darauf schließen, dass der Täter eine lange Zeit dort verbracht haben musste.« Er sah atemlos einen nach dem anderen an. »Der Killer hat unter Garrys Bett auf sein Opfer gewartet und zugeschlagen, als das arme Sumpfmonster eingeschlafen war.«

»Aber warum hat er ihm dann vor der Tür die Rübe abgehauen und nicht hier?«

»Naja, vielleicht hat er sich gewehrt?«

»Verständlich. Ich hätte auch keine Lust mir den Schädel abreißen zu lassen.« Belial sah nachdenklich auf die gegenüberliegende Wand, an die sich Fred nach wie vor schmiegte und leise vor sich hin summte.

»Das bedeutet, dass der Killer ziemlich stark und kräftig gewesen sein muss«, sinnierte Archie. »Ein Wesen wie Garry schaltet man nicht einfach kurzerhand aus.«

»Das ist wahr. Diese Sumpfmonster sind äußerst beleibte Dinger, die so schnell nichts umwirft«, stimmte Vlad ihnen zu.

»Wer waren die anderen Opfer nochmal?«

»Sehr guter Gedankengang, B.« Archie freute sich, dass sein Freund nun offenbar auch Interesse an dem Fall bekommen hatte. »Eine Sirene, ein Troll, Dionysius der Satyr, einer der Werbären und Garry.«

»Aber das passt ja überhaupt nicht zusammen.«

»Ich weiß.« Resigniert zuckte Archibald mit den Schultern. »Die Sirene wog zwar kaum etwas und war körperlich kein schwerer Gegner, doch im Angesicht der Gefahr hätte sie sicherlich zu singen begonnen und sogleich das Gehirn des Killers vernebelt. Warum hat sie das also nicht getan?«

»Weil sie ihn möglicherweise gekannt hat?«

»Das lässt sich durchaus vermuten. Und was ist mit dem Troll und dem Werbären? Beides nicht unbedingt die intelligentesten Wesen, doch mitunter eine der stärksten. Wie konnte es dem Mörder gelingen, sie zu überlisten?«

»Hat man jedem Opfer den Kopf abgerissen?«, fragte Vlad interessiert.

»Ja. Das ist es ja. Es gibt nur wenige Bewohner, für die das möglich ist.«

»Dann sollten wir uns auf die beschränken.«

Archie stimmte entmutigt nickend Belial zu. »Ich wünschte, wir hätten etwas Brauchbares gefunden.«

»Hui, das ist total hübsch, darf ich das behalten?«

Alle Köpfe fuhren zu dem Zombie herum, in dessen verfaulter Hand etwas baumelte. »Was ist das?« Mit ein paar großen Schritten war Archie bei ihm und nahm vorsichtig den Gegenstand an sich, um nicht versehentlich den nächsten von Freds Finger abzureißen. Argwöhnisch betrachtete er die Kette, an deren Ende ein dunkler Stein eingefasst worden war. »Wo hast du das her?«

»Kann ich es behalten? Kann ich?« Aufgeregt hüpfte Fred von einem Bein zum anderen.

»Ich fürchte nicht. Wo hast du das gefunden?«, versuchte Archie es eindringlicher.

»Das lag unter der Kommode hier.« Fred zeigte auf ein kleines Schränkchen in der Ecke des Raumes, in der er zuvor mit der Wand gekuschelt hatte. »Hab ich was Falsches gemacht?« Sichtlich geknickt sah der Zombie aus, als würde er jeden Augenblick zu heulen anfangen.

»Nein, alles ist gut. Aber die Kette ist ein Beweisstück, die kannst du leider nicht behalten.« Dann drehte er sich zu den anderen um. »Wenn ich mich nicht getäuscht habe, dann müsste das ein Carbonado–Stein sein.«

»Aha. Und was sagt das Leuten, die sich nicht unbedingt mit Edelsteinen auskennen, Miss Taylor?«

»Carbonado kommt nicht von der Erde. Die offizielle Version ist, dass das dem Diamanten ähnliche Gestein von Meteoriten stammt, die irgendwann mal irgendwo in Afrika eingeschlagen sind.«

»Und die Inoffizielle?«

»Sie kommen aus einer anderen Dimension.«

»Und das weißt du woher?« Belial sah ihn skeptisch an.

»Beim MI6 hatten wir es mit einer Reihe ungeklärter Morde in ganz Europa zu tun, und dieses Gestein ist dabei immer wieder aufgetaucht. Als Werwolf habe ich all meine übernatürlichen Kontakte genutzt, um herauszufinden, aus welcher Dimension die Steine kommen, doch der Fall konnte nie aufgeklärt werden.«

»Den Opfern wurde damals nicht zufällig der Schädel abgerissen?«

Archie erstarrte und sein Herz pumpte doppelt so schnell, wie gewöhnlich. »Verdammt, B. Wie konnte ich nur so dumm sein?«

»Entschuldigung, dass ich versuche, etwas beizutragen«, erwiderte der Höllenfürst eingeschnappt.

Archibald sah Vlad und Belial eindringlich an, dann sagte er leise: »Es ist über fünfzig Jahre her, daher ist es mir vermutlich nicht gleich aufgefallen. Aber du hast mich darauf gestoßen, Belial. Die Opfer waren damals alle Übernatürliche, getarnt als Menschen. Und ja, ihnen wurden alle die Köpfe abgerissen.« Fassungslos starrte er auf die Kette, die er in seinen nun zitternden Fingern hielt.

»Scheiße, Archie. Soll das heißen, der Mörder von damals treibt sich jetzt im Castle rum?«

»Ich fürchte, genau das«, flüsterte er entsetzt. »Wir müssen umgehend zu Mara!«

»Die verrückte Hexe?«, riefen Vlad und Belial entgeistert.

»Genau die.«

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