Kapitel Drei

Beim ersten Klingeln ging Zoey nicht an ihr Handy, doch nur ein paar Minuten später rief sie mich zurück.

„Hey Zwilling, weshalb schwänzt du denn heute?“, begrüßte sie mich fröhlich, doch ich konnte die Sorge aus ihrer Stimme heraushören. Aber natürlich war sie viel zu stolz und zu cool, um das zuzugeben. Dennoch musste ich lächeln, als ich ihre Stimme hörte. Zoey wusste einfach immer, wenn es mir nicht gut geht und rief sofort durch. Das Gleiche galt für mich. Deshalb nannten wir uns auch Zwilling, obwohl dem natürlich nicht so war. Unsere Mütter hatten den Spitznamen ins Leben gerufen, nachdem ich panisch als kleines Mädchen zu meiner Mutter gerannt war und sie versuchte davon zu überzeugen, mich heute nicht in den Kindergarten zu schicken, weil Zoey auch nicht kommen würde. Meine Mutter glaubte mir damals natürlich nicht, aber Zoey kam wirklich nicht, irgendeine Magen-Darm-Verstimmung oder so. Unsere beiden Mütter fanden es mehr als unheimlich, dass ich instinktiv wusste, dass Zoey nicht kommen würde. Kurzerhand wurden wir zu Zwillingen erklärt. Und diese Verbindung hielt bis heute. Manchmal war es gruselig, wenn wir fast gleichzeitig die gleiche zündende Idee hatten, als hätten wir irgendeine telepathische Verbindung.

„Ich schwänze nicht…“, meinte ich nur zu Zoey und ich konnte förmlich ihr Augenrollen durch das Telefon spüren.

„Das weiß ich auch du Streber. Also was ist passiert, ich kann nicht lange telefonieren, da ich mich auf der Mädchentoilette befinde, also los.“ Ich schmunzelte, bevor das Lächeln verschwand und ich stockend begann zu erzählen.

 

„Ich habe dir schon immer gesagt, dass du nicht so früh morgens alleine unterwegs sein sollst! Was dachtest du dir nur dabei?! Weißt du eigentlich, was für Sorgen ich mir gemacht habe? Cecilia, tue mir so etwas ja nie wieder an, hast du gehört?“ Ich wollte gerade protestieren, als ich eine Stimme im Hintergrund hörte:

„Zoey ist alles in Ordnung mit Ihnen?“ Ich kicherte in den Hörer, als ich die Stimme unserer Chemielehrerin erkannte.

„Ja, das heißt nein, Sie wissen schon Frau Robertson… Frauenprobleme und so… kommt heute ein wenig überraschend…“, gab meine bessere Hälfte zur Antwort und ich konnte nicht mehr an mich halten. Mein lautes Lachen schallte durch das gesamte Haus und ich spürte, wie sich Zoey zusammenreißen musste, um nicht auch loszuprusten.

„Um Himmels Willen, aber natürlich Zoey. Brauchen Sie irgendetwas? Ich kann mal in meiner Tasche nachschauen, ob ich noch… nun ja, benutzen Sie denn Tampons? Wenn ja, dann könnte ich in meiner Tasche nochmal nachschauen, vielleicht finde ich ja noch Nothilfe…“ Meine Augen weiteten sich leicht und ich musste mich zusammenreißen, um nicht erneut zu lachen.

„Nein es geht schon Frau Robertson, ein Mädchen ist ja immer bestens gewappnet. Ich brauch nur ein paar Minuten, ja?“ Ich hatte keine Ahnung, wie Zoey diese gesamte Situation nicht peinlich war und wie sie auch noch so entspannt antworten konnte.

„Aber natürlich, nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen, Zoey.“ Ich hörte, wie sich Zoey bedankte und nur kurze Zeit später schlug die Tür hinter Frau Robertson zu. Ein erleichtertes Seufzen drang durch den Hörer zu mir und ich grinste in mich hinein. So ganz cool war die Situation dann doch nicht gewesen, dachte ich mir.

„Zwilling, bist du sicher, dass Frau Robertson nicht doch in ihrer Tasche nachsehen soll? Vielleicht hat sie ja noch Nothilfe parat!“, neckte ich meine beste Freundin.

„Nicht witzig, Zwilling. Definitiv nicht witzig…“ Ich fand es schon ziemlich witzig, aber das würde ich ihr in den nächsten Tagen noch mehrmals auf die Nase binden. „Also brauchst du noch was, Ceci? Ich komme auf jeden Fall nach der Schule vorbei und bringe dir sämtliche Unterlagen und dann wird gelernt. Naja und ein wenig gequatscht auch, aber vorerst wird gelernt.“ Ich musste schon wieder grinsen, als Zoey versuchte streng zu klingen. Sie hatte recht, es waren nur noch zwei Wochen bis zur letzten Prüfung und die war in Mathe – meinem schlechtesten Fach und Zoeys bestem Fach. Sie hatte also verdammt recht, wenn sie meinte, dass wir lernen würden. So richtig glauben konnte ich es zwar noch nicht, denn gerade heute wird es sowohl ihr, als auch mir extrem schwer fallen, uns auf Mathe einzulassen.

„Oh und ich bring Schokolade mit, Zwilling!“ Mit diesen Worten verabschiedete sie sich und ich schüttelte den Kopf. Lustlos zappte ich durch den Fernseher, aber am Vormittag kamen nun einmal keine guten Filme oder Serien im Fernsehen. Das typische Familiendrama auf den privaten Sendern wollte ich mir dann auch nicht anschauen. Mein Laptop stand oben in meinem Zimmer, das schied also schon einmal aus. Mein Blick glitt hinüber zu der DVD-Wand und ich stöhnte bei dem Gedanken, dort jetzt hinhumpeln zu müssen, um mir eine DVD zu holen. Aber es half nichts, ich wollte nicht stumm auf der Couch liegen, denn dann würden meine Gedanken um das Ereignis heute früh kreisen, welches ich um jeden Preis vergessen wollte.

Mit einem Stapel DVDs ließ ich mich vor dem Fernseher auf den Boden plumpsen und zuckte vor Schmerz zusammen. Mein Knie pochte unaufhörlich, dabei war ich vielleicht drei Meter gelaufen. Ich robbte praktisch zurück zum Sofa und hievte mich an der Lehne hoch, was nicht sehr leicht ist, wenn man ein Bein nicht beugen kann und startete den ersten Film.

 

Ich wachte auf, weil die Haustür ins Schloss fiel. Ich reckte meinen Kopf in Richtung Flur und sah Zoey schwer bepackt hineinkommen. Hinter ihr sah ich meine Mutter. Ich grinste zu meiner besten Freundin, die schnaufend vier Tüten und einen Karton in der Küche ablagerte.

„Mama? Weshalb der Großeinkauf?“, rief ich durchs Haus und meine Mutter steckte ihren Kopf zur Wohnzimmertür herein.

„Na dir scheint es ja wieder ganz gut zu gehen, mein Spatz. Und der Einkauf ist für heute Abend. Wir haben neue Nachbarn und die lade ich heute Abend zum Essen ein. Ich glaube sogar, dass ihr Sohn in eure Schule gehen wird. Vielleicht kann er dir ja in den nächsten Tagen mit deiner Schultasche helfen, solange, wie du auf diesen Dingern herumlaufen musst.“ Ich sah sie einfach nur an und wollte gerade fragen, wie lange sie dieses Abendessen schon geplant hatte, als ich Zoey hörte.

„Nein nein nein, ich werde definitiv das arme Ding jeden Morgen abholen und persönlich zur Schule eskortieren. Nach dem Dilemma heute Morgen geht sie nirgends mehr ohne meine Begleitung hin!“ Ich verdrehte die Augen, als sie sich aufbaute und dann an meiner Mutter vorbeizwängte. Erleichterung zeigte ihr Gesicht, als sie mir um den Hals fiel. Ich drückte sie an mich und ließ sie nicht mehr so schnell los.

„Das Abendessen findet trotzdem statt. Zoey, du und deine Familie seid natürlich herzlichst eingeladen, aber deine Mutter meinte schon, dass ihr selbst Besuch bekommen würdet. Und jetzt lass mich mal bitte meine Tochter begrüßen, ihr habt euch doch noch den ganzen Nachmittag.“ Mit einem Lachen zog sie Zoey von mir und ich grinste meine Mutter an, die mir einen Kuss auf die Stirn gab und einfach nur besorgt dreinblickte. „Ist wirklich alles in Ordnung, meine Kleine?“ Ich nickte und drückte ihre Hand zur Bekräftigung.

„Ja es ist alles in Ordnung, Mama. Mir geht es schon viel besser als heute Morgen. Zoey und ich wollten heute Nachmittag Mathe lernen, weil ich da nicht so die Leuchte bin und in zwei Wochen steht die Prüfung an und die muss ich gut bestehen, wenn ich eine Chance am College für Medizin haben will.“

„Ist ja schon gut, ich verziehe mich ja schon in die Küche… Aber du solltest auch mal eine Pause machen, ich habe auch nicht so gelernt und schau, aus mir ist dennoch was geworden.“ Ich lachte, als sie ein wenig Arroganz raushängen ließ, obwohl sie so überhaupt nicht war. Ich liebte meine Mutter. Sie hatte die perfekte Balance zwischen Mutter und Freundin gefunden. Ich konnte mit ihr Pferde stehlen und trotzdem wusste ich ganz genau, dass sie meine Mutter war, die immer über mich wachen würde.

 

Ich lernte den gesamten Nachmittag mit Zoey, die sich sichtlich Mühe gab, diese ganze Algebra verständlich auszudrücken, aber es half nichts. Ich war ein hoffnungsloser Fall und das wusste auch Zoey. Dennoch musste ich diese Prüfung irgendwie schaffen, auch wenn ich noch nicht wusste wie. Immer wieder und wieder kauten wir die linearen Gleichungen durch, bildeten Ableitungen und errechneten die Höchst- und Tiefpunkte. Ich war durchaus überrascht, dass wir doch so diszipliniert lernten. Allerdings kamen wir nicht richtig vorwärts, da ich nicht mit dem Herzen dabei war. Zoey wusste das. Allerdings wusste sie auch ganz genau, dass ich von mir aus anfangen würde zu reden. Sie würde mich nie drängen und auch wenn ich ihr einen kleinen Abriss von den Geschehnissen am Telefon gab, brannte sie darauf genau zu erfahren, was passiert war. Sie versuchte es zu verbergen, aber ich kannte sie zu gut.

„Weißt du, was ich nicht verstehe?“, fragte ich mehr rhetorisch kurze Zeit später, aber das merkte Zoey kaum. Kurz blickte sie vom Taschenrechner – übrigens mein Seelenverwandter in Mathe – auf und gab ein undeutliches Nuscheln von sich, bevor sie sich wieder der Aufgabe zuwandte, die ich zuvor versucht hatte zu lösen.

„Ich verstehe nicht, weshalb er es nicht im Park getan hat. Weshalb warten, bis ich in der Stadt bin. Dort, wo Leute leben? Weshalb nicht im Park, wo mich keine Menschenseele gehört hätte?“ Mit verschränkten Armen starrte ich Löcher in die Luft.

„Ach Süße!“, hörte ich Zoey ausrufen und spürte ihre Arme um meinen Hals. Ich zuckte kurz zusammen, weil ich noch in Gedanken war. „Ich weiß es auch nicht und um ehrlich zu sein, habe ich mich das auch schon gefragt. Vielleicht ist es einer von diesen Leuten, die denken sie können sich zurückhalten und merken später, dass der Trieb doch zu groß ist.“ Ich nickte, das ergab durchaus Sinn und kurzzeitig hatte dieser Gedanke auch meinen Kopf schon gekreuzt.

„Das würde bedeuten, er hat versucht es zu verhindern, aber dann doch seinem Drang nachgegeben. Nur, wo kam er so plötzlich her? Ich hatte mich immer umgedreht, nachdem ich an ihm vorbeigerannt bin. Aber er war nie da und auf einmal, da war er plötzlich hinter mir…“ Ich wusste selbst, dass ich mich leicht verrückt anhörte, aber ich wusste auch, dass Zoey die einzige Person war, die mich nicht für verrückt erklären würde – zumindest nicht laut.

„Vielleicht hat er sich immer hinter Bäumen oder Häuserwänden oder so versteckt?“, mutmaßte sie, doch ich schüttelte den Kopf. Nein, das glaubte ich nicht. So schnell wie ich mich umgedreht hatte, hätte er sich nicht verstecken können. Als ich versuchte diese Tatsache zu erklären, zuckte Zoey nur mit den Schultern. Rat wusste sie auch keinen.

„Versuch einfach, es zu vergessen.“ Ich rollte meine Augen.

„Ist schon klar, Zwilling. Aber ich habe Angst. Was ist, wenn er wieder versucht? Er hat es angedroht und wenn ich ganz ehrlich bin, würde es mich nicht wundern. Er hat so ausgesehen, als würde er mich am liebsten umbringen wollen. Ich meine, es ist doch immer so, dass solche Leute versuchen es zu Ende zu bringen, oder? Oh Gott, Zwilling, ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie ich mich jemals wieder vor die Tür trauen soll?!“ Verzweifelt sah ich zu meiner besten Freundin, die ebenso verzweifelt zurückblickte. Eigentlich kein Wunder, denn normalerweise war ich die mutigere von uns beiden gewesen. Ich ging im Dunkeln durch einsame Gassen und scherte mich wenig darum. Ich würde eher Gefahr in Kauf nehmen, wenn ich irgendwie mein Ziel erreichen wollte, als einen Umweg zu nehmen. Aber nach dem heutigen Tag wusste ich nicht, wo sich mein Mut versteckt hielt. Bis jetzt hatte ich es erfolgreich verbergen können, aber es ging nicht länger. Ich fürchtete mich alleine schon bei dem Gedanken, dass heute Abend fremde Personen in unser Haus kommen würden. Er könnte schließlich dabei sein. Allein die Vorstellung, dass er in der Nachbarschaft oder auch nur in derselben Stadt wie ich wohnen könnte, ließ mich anfangen zu zittern. Zoeys Händedruck und beruhigende Worte hörte ich kaum. Zu sehr war ich in meiner eigenen Angst-Spirale gefangen und wusste keinen Ausweg. Sämtliche Horrorszenarien spielten sich in meinem Kopf ab und ich konnte sie nicht stoppen. Wie mich der Mann erwischt und dann in einen Lastwagen steckte und mich über eine Fähre rüber auf das Festland Europas verfrachtete. Mich dort weiterverkaufte. Wie ich von ihm selbst missbraucht wurde, bevor er mich lebendig begrub. Wie er mich erdrosselte oder ertränkte. Es war wie ein Alptraum in Endlosschleife.

 

Erst nach ein paar Minuten – oder einer ganzen Weile – klärte sich mein Blick und ich sah in Zoeys besorgte Augen. Dann in die meiner Mutter, welche nicht minder besorgt dreinblickten.

„Kleines, was war denn los?“ Sachte strich mir meine Mutter über meine Wangen und erst jetzt bemerkte ich, dass sie nass waren. Hatte ich geweint? Offensichtlich.

„Du warst auf einmal weg. Also nicht bewusstlos oder so, aber trotzdem weg. Als wäre in deinem Kopf keiner, der die Synapsen verbinden würde, um dir eine Regung zu entlocken. Deine Mutter war schon kurz davor deinen Vater anzurufen.“ Ich blickte zu meiner Mutter, die nur entschuldigend mit den Schultern zuckte. Immer wenn irgendetwas passierte, war sie kurz davor meinen Vater anzurufen. Da er der Arzt im Haus war, hatte sie keine Ahnung, wie man auch nur eine Schürfwunde versorgte. Als ich noch kleiner war, war mein Vater dementsprechend öfters nach Hause gerufen worden, obwohl eigentlich nichts passiert war. Außer das eine Mal, als ich gegen die Kante unseres Couchtisches gerannt bin und beim Fallen mir die Lippe aufgebissen hatte. Das musste damals tatsächlich genäht werden – mit solchen selbstauflösenden Zuckerfäden oder so ähnlich.

„Also was war los?“ Zoey blickte mich eindringlich an und riss mich aus meinen Gedanken. Sorge vermischte sich mit Erleichterung in ihrem Gesichtsausdruck.

„Ich weiß auch nicht. Ich war in Gedanken und habe ständig Szenarien durchgespielt, wie er mich doch erneut in die Finger bekommen könnte. Und dann kam ich da irgendwie nicht mehr raus, wie eine Gefangene in meinem eigenen Kopf. Ich sage euch, das war wirklich unheimlich“, berichtete ich und schüttelte den Kopf, wie um die Erinnerungen zu vertreiben.

„Ich glaube ich werde das Essen heute Abend absagen“, murmelte meine Mutter und wollte aufstehen, doch ich hielt sie zurück. Sie wirkte nicht im Geringsten überrascht, dass ich einen fremden Mann erwähnte, was mich darauf schließen lässt, dass mein Vater ihr die Geschichte bereits erzählt hat.

„Nein, Mama. Du hast da schon so viel Arbeit hineingesteckt. Ich werde den Abend schon durchstehen, außerdem komme ich so vielleicht auf andere Gedanken.“ Ich zauberte ein Lächeln auf mein Gesicht, auch wenn mir so gar nicht nach Lächeln zumute war. Meine Mutter seufzte und erklärte sich dann bereit das Essen durchzuziehen.

„Ich muss auch langsam los, Zwilling. Wenn etwas ist, dann meldest du dich sofort, ja?“, meinte Zoey sanft und dennoch bestimmend. Ich nickte, bevor ich sie erneut umarmte und versprach ihr auch ja jedes Detail über den Neuling zu erzählen.

„Mama, ich verschwinde kurz im Bad und dann setze ich mich schon einmal an den Tisch, in Ordnung? Dann könnte ich die Servietten falten oder sonst irgendetwas tun, was kein Stehen oder Gehen erfordert.“

„Soll ich dir helfen, mein Spatz?“, rief meine Mutter aus der Küche und ich ahnte, dass sie gerade beide Hände voll zu tun hatte. Wann immer wir Besuch bekamen, kochte meine Mutter ein Festmahl und scheute keine Mühen es jedem recht zu machen.

„Nein, ich schaffe das schon. Ich lasse mir einfach viel Zeit, dann wird das schon funktionieren.“ Ich wusste, dass meine Mutter sich Sorgen machen würde, aber gleichzeitig auch erleichtert sein würde, dass sie sich nicht auch noch um ihre kleine – obwohl schon erwachsene – Tochter kümmern musste. Ich ließ mir ein Bad ein um den Krankenhausgeruch loszuwerden und wusch ausgiebig meine Haare, die sowohl vom Joggen, als auch der darauffolgenden Aufregung vollkommen verschwitzt waren. Mit beiden Händen flocht ich mir einen Zopf und föhnte kurz über die langen Haare. Wenn ich sie komplett föhnen würde, würde ich die Mähne gar nicht mehr unter Kontrolle bekommen. Ich zog mir ein Kleid über, um problemlos den Verband am Knie wechseln zu können und humpelte mehr schlecht als recht in das Esszimmer. Natürlich hatte meine Mutter schon den Tisch gedeckt und mein Vater saß am Tisch und las Zeitung. Als er mich erblickte, umspielte ein Lächeln seinen Mund und die typische Sorge schlich sich in seine Augen. Ich ließ mich auf den Stuhl neben ihm fallen und nahm sein Angebot dankend an mein Bein auf seines legen zu können. Wir redeten über Belangloses, denn auch er versuchte den Vorfall heute Morgen zu vergessen. Ich konnte es nur verstehen, er würde sich lediglich aufregen und versuchen den Typen ausfindig zu machen, um irgendwelche Nervenpunkte zu treffen. Manchmal konnte mein Vater sich die unheimlichsten Sachen ausdenken und die Tatsache, dass er als Neurochirurg auch genau wusste, welche Nervenpunkte wo lagen, machte es nicht besser.

„Liebling, hilf mir mal bitte mit den Getränken, ja?“, rief meine Mutter und mein Vater verdrehte die Augen.

„Tja, das ist wohl vorerst dein Job, ich bin ja leider außer Gefecht gesetzt“, ärgerte ich ihn und er grinste mich schief an.

„Na schönen Dank auch, Kleines. Jetzt darf ich auch noch zuhause arbeiten!“ Er stöhnte gespielt extrem auf und bewegte sich in die Küche, aus der auch schon meine Mutter tönte:

„Das habe ich gehört, Tobias!“ Ich lachte, als es auch schon an der Tür klingelte. Meine Mutter hechtete aus der Küche ins Bad, um dort Raumspray zu sprühen und sich die Röte des Kochens aus dem Gesicht zu vertreiben. Mein Vater ging ganz gemächlich zur Haustür und begrüßte, wenn ich alles richtig hörte, drei Personen.

„Hier entlang, bitte“, hörte ich ihn sagen, bevor besagte Personen das Esszimmer betraten. Ich erhob mich ein wenig mühsam und gab jedem die Hand.

„Hallo ich bin Mala“, stellte sich eine Frau in den Mittvierzigern vor und ich lächelte freundlich zurück. Sie sah überaus nett aus und ihre roten Haare fielen ihr in sanften Wellen über die Schultern. Ich war schon immer neidisch auf rote Haare gewesen. Meine Haare waren nur – wie hatte mein Friseur es doch beschrieben? – straßenköterblond. Dass ich den Friseur danach gewechselt habe, dürfte wohl kaum jemanden überraschen.

„Ich bin Kyle“, ertönte es hinter der Frau und ich erblickte einen Mann in einem weißen Hemd und einer dunklen Jeans. Auch ihm gab ich freundlich die Hand und lächelte brav, bevor ich mich selbst vorstellte.

„Hi, ich bin Jesse.“ Eine weitere Hand ergriff die meine und ich zuckte kaum merklich zusammen, als ich in ozeanblaue Augen blickte. Mühsam schluckte ich und hauchte ebenfalls eine Begrüßung. Als er sich dann auch noch neben mich setzte und zufällig mein Knie streifte, zuckte ich erneut zusammen. Aber nicht vor Schmerz. Sondern, weil es sich anfühlte, als würden tausende kleine Nadeln sanft auf meine Haut picksen und so ein angenehmes Kribbeln verursachen. Wer war dieser Junge mit diesen schwarzen verwuschelt aussehenden Haaren und einem freundlichen, aber auch schelmischem Lächeln auf dem Gesicht, der mein Herz bereits jetzt schneller schlagen ließ?

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beta
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