Kapitel Fünf

Ich erwachte wieder mit einem kleinen Schrei. Es war der gleiche Traum wie immer gewesen. Das letzte, was ich sah, waren diese leblosen Augen. Die Augen des Mannes, der sich vor mir auch in so eine leblose Hülle verwandelt hatte. Und jetzt wusste ich auch, wer dieser Mann war. Zumindest glaubte ich es, denn er hatte eine ziemlich große Ähnlichkeit mit Jesse. Aber vielleicht irre ich da auch. Jesses Augen waren ganz lebendig gewesen, als ich ihn zuletzt gesehen hatte. Es war bestimmt jemand anderes gewesen.

Als ich die Augen öffnete, blickte ich direkt in Jesses Gesicht, der auf einem Stuhl vor der Couch saß. Sofort stellte sich das wohlige Gefühl in meiner Magengegend ein, jetzt noch verstärkt, da ich wusste, dass er mich gerettet hatte. Er hatte seine Augen geschlossen und döste ein wenig vor sich hin. Ein kleines Grinsen schlich sich auf mein Gesicht. So ganz wurde ich noch nicht aus ihm schlau. Einerseits war da dieser herzliche und freundliche Jesse, der mich vor diesem Ekelpaket von Mann verteidigt hatte. Andererseits war da dieser feindselige und distanzierte Jesse, der mir noch kurz vorher an unserer Haustür klargemacht hatte, dass wir keine Freunde sein werden. Geschweige denn irgendwas mehr. Und dann war da noch diese Sache, die er kurz vor meinem Nickerchen zu mir gesagt hatte. Wir hätten den ganzen Nachmittag gemeinsam gelernt? Und dann auch noch Mathe? Das ergab keinen Sinn.

Mühsam kämpfte ich mich hoch und versuchte nicht schmerzvoll aufzustöhnen, als ich mit meinem Knie gegen die Lehne stieß. Leise vor mich hin fluchend, humpelte ich in die Küche und schnappte mir einen Bottich Himbeereis. Mit Eis lässt sich jedes Problem gleich besser überdenken – selbst wenn es „nur“ um ein Jungsproblem gibt. Nicht zu vergessen die ganzen anderen merkwürdigen Dinge, die heute Nachmittag passiert sind. Der Mann, der mich schon beim Joggen verfolgt hat und mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht. Jesse, wie er ihn besiegt. dann der Moment, in dem der Mann in einer Lichtkugel verschwand. Einfach so.

„Gibst du mir auch ein bisschen was ab?“, ertönte da eine Stimme hinter mir. Erschrocken fuhr ich herum und starrte in Jesses amüsiertes Gesicht. Schnell schluckte ich das Eis hinunter und schüttelte mich. Augenblicklich schoss die Kälte durch meinen Körper und breitete sich in meinem Kopf aus – Gehirnfrost sozusagen. Ich deutete auf die zweite Schublade links, während Jesse lachte und sich dann den Löffel aus der Schublade holte.

„Hier“ Ich reichte ihm den Bottich und begab mich humpelnd zurück zur Couch.

„Soll ich das jetzt etwa alleine essen?“, tönte Jesse hinter mir aus der Küche. Ich verdrehte die Augen und konnte ein Kichern nicht unterdrücken.

„Natürlich nicht! Nur will ich nicht im Stehen essen.“ Wenig später saß Jesse neben mir auf der Couch und wir teilten uns den Bottich Himbeereis, während wir einen Film schauten, der mir zu gruselig war, den Jesse jedoch wundervoll fand. Nicht zuletzt, weil er mich dreimal erschrecken konnte – jedes Mal erfolgreich, wie ich gestehen musste.

 

Bevor er ging, wollte ich ihn noch etwas fragen, was mir schon seit einer Weile nicht mehr aus dem Kopf ging.

„Sag mal, wieso hast du zu mir gesagt, dass wir den ganzen Tag Mathe gelernt hätten?“ Jesse erstarrte in der Bewegung. Doch er drehte sich nicht zu mir um. Also fuhr ich fort: „Ich meine, was sollte denn dieser Kommentar? Wir haben schließlich kein Mathe gelernt, sondern du hast mir ein Mittel gegen die Schmerzen gegeben, die mir der Mann zugefügt hat. Du weißt doch, er stand auf einmal vor meiner Haustür, kurz nachdem du mich nach Hause gebracht hast und… naja… nachdem du mich angeschnauzt hast. Ich habe nach dir gerufen, weil du in der Nachbarschaft wohnst und dann hast du den Kerl vertrieben… beziehungsweise er hat sich irgendwie in Luft aufgelöst, was auch wieder keinen Sinn ergibt. Ich verstehe das einfach nicht. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass das nicht sein kann. Menschen können nicht einfach in einer Kugel verschwinden, so als hätten sie nie existiert. Wenn ich das nicht meinen Eltern erzählen soll, dann hättest du es doch einfach sagen können. Aber ich möchte eine Erklärung über die Geschehnisse. Ich möchte wissen, was du mit diesem Mann gemacht hast!“ Jesse drehte sich nun doch um und der Glanz in seinen Augen ließ mich erschaudern. Er wirkte wütend – extrem wütend.

„Du solltest all das nicht mehr wissen. Die Mixtur im Wasser hätte deine Erinnerungen löschen müssen, sodass du die Geschehnisse vergessen und dich auf die Schule konzentrieren kannst. Wieso hat das nicht funktioniert?“ Bitte was? Meine Erinnerungen löschen? So etwas ging nicht! Man kann seine Erinnerungen im Rahmen einer Amnesie verlieren oder sie mit starken Medikamenten beeinflussen, aber sie komplett löschen? Das war nicht möglich.

„Das ist krank…“, brachte ich schließlich hervor. „Nicht nur, dass du meine Erinnerungen löschen wolltest, was übrigens nicht möglich ist. Sondern du hast mir irgendwelche Drogen oder weiß Gott was untergejubelt. Du bist einfach nur krank!“ Ich sah die Ader an Jesses Schläfe pulsieren.

„Genug ist genug. Ich habe dir dein bescheuertes Leben gerettet und jetzt muss ich mir auch noch solche Vorwürfe anhören? Das war alles zu deinem Schutz! Du solltest nicht in dieses Fadenkreuz gelangen, du hättest diesem Mann nie begegnen sollen. Irgendwie hast du ihn jedoch angezogen und er kam wieder. Also anstelle, dass du einmal Danke sagst, weil du noch dein erbärmliches Leben hast, führst du dich hier auf wie eine Furie. Das reicht mir jetzt. Man sieht sich noch, Cecilia. Oder vielleicht lieber nicht.“ Mit diesen Worten stapfte er aus der Haustür und hinterließ mich sprachlos. Ich spürte den Anflug eines schlechten Gewissens, welchen ich jedoch sofort wieder verbannte. Dieser Kerl hatte die Verschwendung keiner meiner Nerven verdient. Anstatt, dass er mir eine vernünftige Erklärung gibt, weshalb er getan hat, was er getan hat, flippt er aus und verschwindet.

Ich stöhnte entnervt auf und schlug mit meiner flachen Hand gegen die Wand. Das reichte jetzt aber. Ich musste all das aufschreiben, sonst würde ich noch wahnsinnig werden. Mit einem noch immer verwirrten Kopf schnappte ich mir mein Notizbuch und schrieb mir alles von der Seele. Normalerweise war ich überhaupt nicht der Tagebuchtyp, aber diesmal kam es alles wie von selbst. Am Ende hatte ich vier Seiten geschrieben, welche ich danach sofort aus dem Büchlein riss und sie tief in meine Tasche steckte. Meine Verwirrung war dadurch zwar nicht gelöst, aber zumindest war sie geordnet. Ich hatte mir parallel eine Liste erstellt über Dinge, die ich herausfinden wollte. Als Erstes stand darauf: Herausfinden, ob es ein erinnerungslöschendes Mittel gibt. Das konnte ich am besten später meinen Vater fragen, der war immerhin Neurochirurg. Wenn jemand so etwas wissen konnte, dann er. Also auf zum nächsten Punkt: Herausfinden, ob man sich heutzutage teleportieren kann. Es konnte schließlich sein, dass mein Verfolger sich wegteleportiert hat. Okay, es klang ziemlich abgedroschen, aber eine andere Erklärung fiel mir beim besten Willen nicht ein. Und wenn ich schon dabei war, konnte ich auch gleich schauen, ob ich irgendwelche Informationen über Jesse im Internet finde. Letzteres erstellte sich als deutlich schwieriger heraus, da ich nicht einmal seinen Nachnamen kannte. Bevor ich es mir anders überlegen konnte, humpelte ich zu meinen Gehhilfen und ging schräg gegenüber zum Haus der neuen Nachbarn. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte ich den Nachnamen auf dem Klingelschild zu entziffern. Leider hatte es geregnet, sodass die Schrift auf dem provisorischen Klingelschild – bestehend aus einem weißen Blatt Papier – nicht lesen konnte.

„Was willst du hier?“ Die Stimme von Jesse, der aus einem Fenster im obersten Stock genervt auf mich hinunterschaute, klang kalt.

„Nichts, was dich interessieren würde. Und selbst wenn es das tun würde, würdest du mir sowieso nicht zuhören. Also vergiss es einfach.“ Ich bemerkte nicht, dass meine Stimme am Ende nur noch müde klang. Aber ich bemerkte die Veränderung in seinem Blick. Er wurde sanfter und einen kurzen Moment meinte ich so etwas wie Verständnis darin zu erkennen. Dieser kurze Moment ging aber schnell vorbei und sein Gesicht wurde wieder eine kalte Maske.

„Ich kann dir nicht helfen. Du bist nicht die Richtige.“ Die Richtige? Na das war ja mal eine deutliche Abfuhr gewesen.

„Vielen Dank auch!“, rief ich provozierend und auch ein bisschen verletzt. aber da hatte er das Fenster bereits geschlossen. Jesse zog die Gardinen davor und ich senkte den Kopf. Was sollte das bloß? Warum hat er mir dann überhaupt geholfen, wenn er mich so sehr verabscheut? Wieso konnte er mir keine Erklärung über die Geschehnisse des Tages geben? Es hatte einfach keinen Sinn einen Versuch zu wagen diesem Sturkopf irgendeine Art von Erklärung zu entlocken. Den Namen konnte ich auch nicht lesen, weshalb ich leicht enttäuscht den Rückzug antrat. In diesem Moment kam der Postbote um die Ecke geradelt und ich blieb stehen. Vielleicht hatte er ja Post für die Nachbarn, die ich netterweise in den Kasten schmeißen könnte?

„Hallo“, winkte ich und der Postbote blieb grinsend stehen.

„Wohnst du nicht eigentlich da drüben?“ Es war derselbe Postbote wie immer und er kannte mich seitdem ich klein war. Peinlich berührt wippte ich auf meinen Fußballen.

„Und was hast du mit deinem Knie gemacht?“, fragte er weiter. Ich war erleichtert, ihm auf diese Frage antworten zu können – auch wenn ich eine Lüge erzählte.

„Ach das, nichts weiter. Nur ein Sportunfall. Ich wollte gerade zu Jesse, dem neuen Nachbarn, soll ich die Post gleich mit hineinnehmen?“, fragte ich höflich und der Postbote lächelte. Bei Jesses Namen stockte ich kurz, aber die Lüge kam mir dennoch leicht über die Lippen. Ein Glück war ich mit der Gabe gesegnet, lügen zu können ohne rotzuwerden.

„Das wäre wirklich wundervoll. Denn dieser provisorische Briefkasten von denen hält glaube ich noch nicht so viel Wasser aus.“ Er deutete schmunzelnd auf den kleinen Pappkarton, auf dem ein Klebezettel geschrieben stand Postkasten. Mit einer Hand reichte er mir ein paar Umschläge und verabschiedete sich mit einem „Danke!“. Ich winkte ihm nach, bevor ich mich umdrehte und neugierig den Namen auf dem Umschlag las. Jesse Krugenstein. Ein ungewöhnlicher Nachname, aber immerhin wusste ich ihn jetzt. Achtlos warf ich die Post auf die Türschwelle – sie musste ja wirklich nicht im Regen liegen – und humpelte zufrieden nach Hause. Den Blick von Jesse, der hinter seinen Gardinen hervorblickte, bemerkte ich nicht.

Vor meinem Laptop tippte ich den Namen meines Nachbarn ein und erntete keinerlei Suchergebnisse. Ich probierte es mit den Namen seiner Eltern, aber auch dort nichts. Schließlich die Kombination des Namens mit dem Umzug. Ein einzelnes Ergebnis tauchte dort auf. Junge taucht mit Familie aus dem Nichts auf. Am Stadtrand tauchte mit einem Mal eine kleine Familie auf, berichteten Augenzeugen. Die Eltern seien aus dem Auto gestiegen, während der Junge aus einer Lichtkugel stieg, wie eine ältere Dame berichtete. Der Junge namens Jesse und seine Familie sind laut eigenen Angaben aus einem kleinen Dorf in Griechenland in unsere Gemeinde gezogen. Diese Erklärung ist weitaus plausibler, als die Beschreibung der Zeugen. Wir von der Redaktion heißen jedenfalls jedes neue Mitglied hier in Mullingar willkommen.

Eine Lichtkugel, aus der Jesse gekommen ist? Etwa so eine Lichtkugel in der der Verfolger heute Nachmittag verschwunden ist? Mein Kopf fing bereits an wehzutun von all den Fragen und Geschehnissen des Tages. Ich musste definitiv mehr über diese Lichtkugeln herausfinden und über Jesse und generell irgendwie über alles. Mein Gefühl sagt mir jedoch, dass ich die Antworten auf alle meine Fragen früher bekommen werde, als mir lieb ist. Vor allem, weil mein Gefühl mir ebenso sagt, dass die Antworten mein Leben umkrempeln werden. Will ich also wirklich wissen, wie das alles zusammenhängt? Wäre es nicht klüger, den ganzen Tag aus meinem Gedächtnis zu streichen und einfach so zu tun als wäre nichts geschehen? Aber ich wusste, dass ich das nicht konnte. Dafür war zu viel passiert, was mein Verstand einfach nicht begreifen konnte.

Mit einem Seufzen klappte ich den Laptop zu und kuschelte mich in mein Bett. Ich holte die Blätter aus meiner Tasche und legte sie unter mein Kissen. Mehr konnte ich nicht tun, außer zu warten, dass irgendjemand aus dieser kuriosen Familie, die gegenüber von mir wohnt, mir erklärt, wer sie sind, woher sie kommen und was es denn mit diesem plötzlichen Auftauchen und Verschwinden von Personen auf sich hat.

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