Kater Mautz

I
Hoch erhobenen Hauptes stolzierte Kater Mautz über den Hof, umkreiste das Bauernhaus, warf einen Blick zum Nachbarhaus. Die anderen Katzen, die hier lebten, nahmen Reissaus oder versteckten sich so schnell sie konnten. Kater Mautz war gefürchtet als Chef. Alle hatten bereits schmerzhafte Erfahrungen gemacht mit seinen unerbittlich zuschlagenden Krallen oder gar Zähnen. Viele waren auch schon in heftige Kämpfe verwickelt worden, die sie zeitlebens nie mehr vergessen würden. Sogar der Hofhund, um einiges grösser als Kater Mautz, machte einen respektvollen Bogen um den rot gepelzten Katzenkerl. Auch er hatte gelernt, dass es besser war, ihn in Ruhe zu lassen und nicht unnötig zu ärgern.

Kater Mautz' ohnehin griesgrämiges Gesicht bekam einen noch härteren Ausdruck, als er entdeckte, dass im Nebengebäude eine Frau mit zwei Katzen am Einziehen war. Nun, denen würde er so rasch wie möglich den Garaus machen, das war schon mal klar. Er duldete keine weiteren Katzen hier.
Ein paar Tage später beobachtete Kater Mautz, wie die neu zugezogenen Katzen ihren ersten, noch zaghaften Ausflug in die neue Umgebung machten. "Weiber!" fauchte er wütend. Und schon sprang er aus seinem Versteck hervor, lief über den Hofplatz und griff gleichzeitig beide Katzen an. Die eine konnte verschreckt fliehen, die andere erwischte ein paar kräftige Tatzenhiebe, bevor ihn eine aufgebrachte Frauenstimme davon abhielt, weiter auf sein Opfer einzuschlagen. Trotzdem kehrte Kater Mautz zufrieden nach Hause zurück. "Ich habe ja Zeit", dachte er sich, "immer wird die Mama ja nicht dabei sein, wenn ihre Schosskätzchen draussen sind..."
Für die beiden Katzenmädchen begann eine schwere Zeit. Kaum zeigten sie sich vor ihrem Haus, wartete Kater Mautz bereits an einer Ecke auf sie. Erbittert hinderte er sie daran, ihre neue Heimat auszukundschaften. Traurig und verängstigt  zogen sie sich in ihre sichere Wohnung zurück. Nichts war mehr zu spüren von ihrer früheren Verspieltheit und Neugierde.

II
Leise, ohne dass es jemand sehen konnte, setzte sich Eljie vor Kater Mautz.

"Kater Mautz, magst du mit mir sprechen?"
Kater Mautz setzte sich vor Eljie und funkelte sie böse an.
"Ich beisse dich! Ich kratze dich!"
Ruhig blieb Eljie sitzen.
"Ich bin hier der Chef!"
"Das geht in Ordung, Kater Mautz. Aber hast du dir auch schon überlegt, dass ein Chef durchaus auch freundlich sein könnte?"
Kater Mautz war sprachlos. Dieser Gedanke war ihm völlig fremd. Für ihn war die Rolle des Chefs verbunden mit Boshaftigkeit, Gewalt und Angst verbreiten. Er betrachtete Eljie genauer.
"Was willst du von mir?" fragte er misstrauisch.
 "Ich hatte einmal einen Kater, der sah genau gleich aus wie du", begann Eljie zu erzählen. "Auch er hatte so schöne, bernsteinfarbene Augen,  wie du!"
"Oh, wo ist er jetzt?"
"Er ist längst auf der anderen Seite..."
Kater Mautz begann sich zu entspannen. Ohne noch weiter zu überlegen, sprang er auf Eljies Schoss.
"Mein Kater hat manchmal auch gekratzt", fuhr Eljie fort. "Als ganz kleines Kätzchen muss er schlimme Dinge erlebt haben."
Kater Mautz wusste nicht, wie es geschehen konnte, aber er brach in Katzentränen aus. Bilder stiegen in ihm auf, die er längst vergessen geglaubt hatte. Bilder des kleinen Katerchens Mautz. Wie dieses Katerchen gelernt hatte, sich mit Zähnen und Krallen zu wehren und seine Haut und damit sein Herz zu schützen. Er war herangewachsen im Glauben, nur rohes Benehmen sei erfolgreich für ihn als Bauernhofkater. Er spürte, wie Eljie begann, ihn sanft zu streicheln. Er kuschelte sich an Eljie, genoss ihre Wärme, ihre Hände. Sein Katzenherz begann sich zu öffnen, wurde weit und weiter... 
"Alle nennen mich Satan", klagte er. "Dabei heisse ich doch Mautz. Kater Mautz!"
"Für mich bist du Kater Mautz", beruhigte Eljie den traurigen Burschen und begann, ihn zu wiegen.

Lange sass sie  da und streichelte dieses unglückliche Lebewesen, welches offenbar nie Zärtlichkeit erfahren hatte in seinem Katzenleben.
"Was meinst du, Kater Mautz", fragte sie ihn nach einer Weile, "könntest du die beiden neuen Nachbarinnen nicht einfach ruhig ihrer Wege gehen lassen? Es sind zwei echt sympathische Mädchen, die es verdienen, dass man höflich mit ihnen umgeht."
"Dick sind sie!" murrte Kater Mautz.
Eljie lächelte. "Spielt das eine Rolle? Mir gefallen sie übrigens, genauso wie sie sind! Ich möchte dich einfach noch einmal inständig bitten, sie ab jetzt in Ruhe zu lassen!"
Immer noch streichelte Eljie den  Katzenburschen, immer noch kuschelte er sich in ihren Schoss. Er konnte nicht genug bekommen von dieser bisher unbekannten Zuwendung.
Tief seufzte Kater Mautz auf. "Ok, ich versuche es", versprach er.
"Fein! Und ich werde dafür immer wieder an dich denken, Kater Mautz!"
Etwas verwirrt sprang Kater Mautz auf den Boden und in seinen Alltag zurück.

Eljie blieb noch lange nachdenklich sitzen und grübelte darüber nach, wie ähnlich alle Lebewesen doch reagieren, wenn ihnen im Leben das Wichtigste fehlt: Die Liebe...

Comments

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    Wunderschön. Ein bisschen Metapher. Ein bisschen Fabel. Ganz viel Botschaft.

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    Wunderschöne Geschichte mit toller Botschaft! Leider wird von uns Menschen viel zu oft vernichtend über ein Tier mit einem Verhalten wie der beschriebene Kater geurteilt, ohne zu hinterfragen, was der Grund für ein solches Verhalten sein könnte... ich bin schon gespannt auf die nächsten Kapitel :)

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    Das ist so schön wie ein lavendelfarbener Hauch mit sanftem Blütenduft

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    Wunderschöne Geschichte und der Prolog fesselt einem sogleich! Ich bin überzeugt das alle Lebewesen eine Seele haben und das wir alle miteinander in gewisser Weise verbunden sind. Darum kann ich mir gut vorstellen, dass man mit Mitgeschöpfen von Seele zu Seele kommunizieren kann. Du entführst uns mit diesem Text in einen wunderschöne, magische Welt, die mich sehr berührt! 5/5

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    Schon beim Lesen des Titels war mir klar: Das kommt auf meine Merkliste! Der Prolog hat mich dann "gefixt". Und die erste Geschichte ist auch sehr schön. Ob Tiere wirklich eine Seele haben, kann ich nicht genau sagen. Auf jeden Fall ist es ein schöner Gedanke. Und dazu kommt noch, dass sich diese (und vielleicht auch die nächsten) Geschichte(n) und ihre Botschaft auch gut auf uns Menschen übertragen lässt.

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    Dein Text gefällt mir, besonders die damit verbundene Botschaft an den die Menschen das Tiere auch eine Seele haben..LG Carmen

beta
Fairy Dust

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