Ein Baum 

 

Im Park. Ich spaziere gemütlich darin umher, bis ich zu einem Baum komme. Ich bleibe stehen, lächle ihn von oben bis unten an.

Neben mir hält ein Jugendlicher und sagt:

„Das ist doch eine Platzverschwendung, dieses grüne, langweilige und stumpfe Ding. Man kann hier nicht sitzen, er spendet kaum Schatten und anlehnen darf man sich nicht.“

Ein Biologe bleibt stehen und meint:

„Ah, ein Arbus der Gattung Larix. Eine der nicht immergrünen Gattungen der Pinaceae. Sind die Kotyledonen nicht beeindruckend?“

Ein Musiker bleibt stehen und sagt:

„Ah, meine Inspiration! Mit welch galantem Rauschen mich das ewige Crescendo deiner Nadeln zu immer neuen Melodien bewegt!“

Ein Bauarbeiter bleibt stehen und spricht:

„Was für kräftige Bildung. Man könnte mit Leichtigkeit ein Baumhaus hier errichten. Würde man nur die oberen 3 Äste mit einer Plattform verbinden!“

Ein Poet bleibt stehen und sagt:

„Ah, das bauschendes Blattwerk, die frohlockende Frucht, der stämmige Stamm, die endlosen Äste, die zitternden Zweige, oh barmherziger Baum, wie gülden glüht mir deine Gestalt.

Eine Mutter bleibt mit ihrem kleinen Kind stehen. Es ruft:

„Schaut, ein Baum!“

Und zum ersten Mal sehen wir ihn alle.

Comments

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    Wunderbar geschrieben, finde es auch schade das man sich immer mehr von den kleinen schönen dingen verschießt.

  • Author Portrait

    Es ist irgendwie schon traurig, wie man mit der Zeit den Bick für die kleinen Dinge mehr und mehr verliert und sich nicht mehr an allem so erfreuen kann, wie man es als kleines, unbeschwertes Kind noch konnte. Wieder mal ein toller Text von dir ;)

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