März 2007- Place Of Pain

Die bittersten Tränen die wir an Gräbern vergießen, vergießen wir wegen ungesagter Worte und Taten, die nicht vollbracht wurden.

                                                                                               - Harriet Beecher Stowe

 

Sechs Männer in Schwarz. Ein Sarg, dessen Gewicht auf ihren Schultern lastete. Ein Weg aus der Kirche, den sie beschritten. Emilia Sophia McDermott folgte andächtig ihren Kollegen; den Sargträgern, die William hinaus geleiteten. Ihr Kopf fühlte sich, seit sie die Kirche betreten hatte, unglaublich schwer an, als drücke ein tonnenschweres Gewicht auf ihm. Der Druck war das Symptom ihres Kummers und der Ungewissheit, wie die Geschäfte nach Williams Tod nun weiterliefen. Sie wusste, wie ihre Kollegen auch, dass Jericho, Williams selbsternannte rechte Hand und ältester Mitarbeiter, eine Stufe aufstieg (weil James, Gott sei Dank, vernünftig genug gewesen war, um den Posten abzulehnen) und nun, wie selbstverständlich, seinen Platz einnahm. Nichtsdestotrotz würde es unter seiner Führung anders laufen, als vorher und das belastete sie.

Was wird sich ändern, wenn Jericho der Boss ist? Wird es noch mehr Aufträge geben? Werde ich überhaupt noch Zeit für mein Privatleben haben oder werde ich nonstop Menschen töten, um Jerichos Brieftasche zu füllen?

Emilia schüttelte auf einmal heftig den Kopf. Ich darf mich nicht verrückt machen. Ich muss versuchen Ruhe zu bewahren und nicht gleich alles wieder negativ zu sehen. Vielleicht werden die Veränderungen halb so schlimm…

Auf einmal wurde sie abgelenkt und ihre Gedanken unterbrochen, als sie aus den Augenwinkeln eine hochgewachsene Person bemerkte. Es war Ophelia Monroe, die neben ihr her stolzierte und dabei, zu ihrem Entsetzen, den Hauch eines euphorischen Lächelns auf den kirschroten Lippen trug. Darüber hinaus fielen ihr Ophelias sich hektisch hebender Brustkorb und ihre geweiteten Pupillen auf. Allmählich dämmerte ihr, dass dies alles Anzeichen dafür waren, dass sie sich vor der Trauerfeier Kokain reingezogen hatte. Kein Wunder, dass sie so bescheuert vor sich hingrinst! Nicht mal heute kann sie sich zusammenreißen und angemessen benehmen. Hat William es verdient, dass du dich auf seiner Beerdigung zudröhnst, Miststück?

Fassungslos schnaubte sie, ehe sie ihre blauen Augen wieder auf den Sarg vor sich heftete. Sie verdrängte eilends ihren Zorn, da zumindest sie sich William gebührend verhalten wollte. Ich befasse mich nicht weiter mit dieser Koks schnupfenden Irren, stattdessen konzentriere ich mich auf mich selbst und… auf James.

Emilia schaute vom Sarg herüber zu James´ Rücken. Er muss völlig am Ende sein. Mit seinen jungen Jahren muss er als Sargträger seines Adoptivvaters fungieren und mit seiner plötzlichen Einsamkeit zurecht kommen.

Liebend gerne wäre sie jetzt zu ihm gegangen und hätte ihn in ihre Arme geschlossen. Sie wollte ihm zeigen, dass er tatkräftige Unterstützung von ihr zu erwarten hatte; dass er weiterhin auf sie als seine Vertraute zählen konnte. Emilia würde James nicht im Stich lassen.

 

Der März hatte die ersten Sonnenstrahlen zu bieten, die ihre deprimierte Stimmung etwas anhob. Das helle, undurchdringliche Licht wärmte sie; es umhüllte sie wie ein Mantel, der sie gegen alles Schlechte auf dieser Welt schützte.

Emilia McDermott ging einen der zahlreichen Pfade des Friedhofgeländes entlang. Genauer gesagt war es der Pfad, der sie zu Williams Grab führte. Absichtlich trödelte sie den übrigen Trauergästen hinterher, um Zeit zu schinden, denn sie wollte nicht ankommen. Sie wollte das ausgehobene Loch nicht sehen, das für sie der Ausdruck tiefster und Angst auslösender Finsternis war. Und dort würde ausgerechnet ein ehrenhafter Mann, wie William, sein Ende finden. Für die blonde Killerin war dies unwirklich. Genauso hatte sie über die Umstände seines Todes gedacht, als sie diese vor wenigen Tagen erfahren hatte.

Er hatte an seinem Schreibtisch gesessen, wie jeden Abend, als er plötzlich einen Herzinfarkt erlitten hatte und über seiner Arbeit zusammengebrochen war. Stundenlang hatte er so in seinem Büro gelegen, bis Jericho ihn am nächsten Morgen tot aufgefunden hatte. Er war im Angesicht des Todes allein gewesen. Vielleicht hat er sich sogar gefürchtet, als ihm bewusst wurde, dass er stirbt.

Ein kalter Schauer durchfuhr ihren Körper. Dagegen konnte auch die Sonne nicht helfen, die sich immer stärker gegen die Wolken behauptete. Dieser Gedanke beweist, dass wir trotz der Tatsache, dass der Tod unser Geschäft ist, uns dennoch vor ihm ängstigen. Die Arbeit mit ihm ist bloß eine Zwangsgemeinschaft; eine Partnerschaft, in der die Kräfte ungleich verteilt sind. Der Tod hat uns in der Hand und es bleibt ganz allein ihm überlassen, wann er uns zerquetscht. Wir sind ihm hilflos ausgeliefert.

Emilia überfiel eine Gänsehaut, die sie zittern ließ und wieder ins Hier und Jetzt zurückbrachte. Mittlerweile hatten sich alle Gäste an Williams letzter Ruhestätte versammelt. Verstreut standen sie in kleinen Gruppen und unterhielten sich leise. Sie kamen erst wieder zusammen, als der Pfarrer um Aufmerksamkeit bat, um seine Grabrede beginnen zu können. Die Blondine nahm einen Schritt zu und eilte zu ihren Kollegen. Der Geistliche wartete, bis Ruhe eingekehrt war, ehe er seine Rede eröffnete. Emilia hörte ihm nur mit halbem Ohr zu

Ordentlich aufgereiht standen sie an seinem Grab. Es war ihr gemeinsamer, stiller Abschied von ihrem Anführer. Es war ihr letztes Zusammentreffen.

Die Schwere in ihrem Kopf nahm in diesem Moment erneut zu. Zusätzlich wurde sie von einer kräftezehrenden, schlagartigen Müdigkeit übermannt. Ihre Lider senkten sich für den Bruchteil einer Sekunde, dann war sie jedoch wieder hellwach und traute zunächst ihren Augen nicht. Ist das eine Fata Morgana oder träume ich? Fest kniff sie ihre Augen zusammen, um den Fehler ihres Sehvermögens zu korrigieren, aber als sie die Augen öffnete, blieb das Bild.

Auf der anderen Seite stand wahrhaftig Marcus Dubois, gehüllt in einen schwarzen, adretten Anzug und einem dunkelblauen Hemd, und sah sie über den Sarg hinweg an. Emilia spürte seine bohrenden Blicke, die sie bis ins Innerste trafen. Ihn nach einem Jahr plötzlich vor sich zu sehen, brachte sie an den Rand der Verzweiflung. Ihr Körper reagierte auf diesen unerwarteten Stress auf seine Weise: Sie fing heftig an zu zittern und ihr wurde speiübel.

Sogleich legte James seinen linken Arm um ihre Schultern und zog sie an seine Seite.

„Alles in Ordnung?“, wisperte er und linste zu ihr herüber. Er musste glauben, dass ihre Trauer der Auslöser für ihre Reaktion war. Er hatte ja keine Ahnung.

„Keine Sorge, James, mir geht es gut.“ Sie schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln, denn schließlich war er es, der seinen Adoptivvater verloren und heute zu Grabe getragen hatte.

„Du brauchst dich nicht um mich zu kümmern. Viel wichtiger ist es, wie es dir geht.“ Fragend sah sie ihn von unter her an. Seine harte Miene war ein Zeichen dafür, dass er seine Gefühle unterdrückte und mit aller Macht versuchte sich zusammenzureißen. Emilia war sich sicher, dass er heute nicht weinen würde, schließlich hatte er, nach eigener Aussage, sogar bei der Beerdigung seiner Eltern keine einzige Träne vergossen.

„Ich komme zurecht“, meinte er kurz angebunden, während er wie gebannt auf Williams Sarg starrte. Die Blondine machte sich Sorgen um ihren Kollegen, der teilnahmslos und verstört wirkte. Was kann ich nur tun, damit es ihm besser geht? Wie kann ich ihm helfen?

Ihr fiel spontan nichts Besseres ein, als ihre rechte Hand in seine Linke zu legen. Somit wollte sie ihm zeigen, dass er nicht alleine war; dass sie in dieser schweren Zeit für ihn da sein würde. Zur Antwort drückte James ihre Hand so fest, als wolle er sie zerquetschen.

Daraufhin beschloss Emilia es bei diesem kurzen Wortwechsel zu belassen, um ihn in Ruhe trauern zu lassen.

Ihr Blick schweifte über das Blumenmeer, das sich über den Sarg erstreckte und diesen zu verschlucken schien. Die süßlichen Düfte der unterschiedlichen Arten vermischten sich, stiegen ihr in die Nase und vernebelten ihren Verstand. Emilia schloss die Augen und versuchte nur durch den Mund zu atmen. Ihr ging es stetig schlechter. Die schwere Luft führte bei ihr zu Kopfschmerzen, die gegen ihren Schädel pochten.

„Emilia?“ James´ Stimme klang für sie meilenweit weg. „Emilia, was ist los?“ Er rüttelte an ihrer Schulter. Augenblicklich riss sie die Augen auf und sah Marcus an, der sie unverändert fixierte. Obwohl sie seinen Anblick kaum ertrug, konnte sie nicht aufhören zurückzustarren.

Was willst du von mir, Marcus? Wieso glotzt du mich wie ein Wahnsinniger an? Sie erwartete eine Antwort, als hätte sie ihm diese Fragen laut gestellt. An was denkst du gerade? An deine Fehler; an deine Lügen? Oder hast du etwa Schuldgefühle, du Scheißkerl?

„Geht es dir wirklich gut?“ Ihr Kollege stellte sich vor sie und versperrte ihr somit die Sicht auf Marcus, was sie umgehend wieder klar denken ließ.

„Emilia?“ Die blonde Killerin nickte mechanisch und sah in seine grauen Augen, die leer und trüb waren. Sogleich machte sie sich Sorgen, aber auch Vorwürfe, weil sie ihren Ärger über Marcus nicht loswurde und dies auf James´ Kosten ging.

„Es ist alles gut. Ich…ich bin nur etwas durcheinander“, gab sie mit schwacher Stimme zu und kämpfte gegen einen Ohnmachtsanfall, der sie zu überwältigen drohte. Sie fühlte sich kraftlos und müde. Sie war nicht mehr Herrin ihres Körpers. Sieh dir an, was du mit mir machst, Marcus. Du reißt mich in die Dunkelheit. Du bist mein Ende.

„Willst du lieber gehen?“

„Nein, das ist Williams Beerdigung. Ich möchte mich gebührend von ihm verabschieden.“ Sie nickte James entschlossen zu, um ihn und sich selbst von dieser Entscheidung zu überzeugen, denn wenn sie ehrlich war, dann wäre sie lieber geflüchtet. Aber ich kann James unmöglich mit seinem Schmerz alleine lassen nur, weil ich Probleme mit meinem Ex-Freund habe.

„Das verstehe ich“, murmelte er betrübt und unterbrach ihre Gedanken. Emilia konzentrierte sich automatisch wieder auf ihren dunkelhaarigen Kollegen, der mit traurigen Augen ins Grab schaute, in das gerade der Sarg herabgelassen wurde.

Sie sah mit an, wie William Cunningham in der Dunkelheit verschwand und vom Nichts verschlungen wurde. Ein eisiger Schauer fuhr ihr durch die Glieder, während sie in eine Art Trance verfiel, aus der es kein Entrinnen zu geben schien. Verunsicherung, Trauer, Angst, Enttäuschung und Wut brachen flutartig über sie herein und rissen sie in die Tiefe. Williams Tod und Marcus´ Anwesenheit waren einfach zu viel für die Blondine.

Warum muss das alles geschehen? Wieso ist das Leben nur so unfair und unberechenbar? Ein Junge verliert ein weiteres Mal seinen Vater und ist auf sich alleine gestellt, in einer Welt, in der Hass, Selbstsüchtigkeit und Brutalität regieren. Ihm ist es nicht vergönnt eine Familie zu haben; Menschen, die ihn lieben und immer für ihn da sind. Ein Schluchzen entfuhr ihrer Kehle. Na ja, seit ich eine Killerin bin, sieht es bei mir nicht besser aus. Ich habe keine Zeit mehr für meine Eltern und für Lilly. Für meinen Beruf vernachlässige ich mein Privatleben und wenn ich einmal an mich denke, bezahle ich dafür. Ich werde benutzt und verletzt, wie frustrierend. Sie verzog ihre Miene. Mein Dasein ist eine heillose Katastrophe.

Ihr Gefühlschaos endete abrupt, als sich die Trauergäste plötzlich in Bewegung setzten. Langsamen Schrittes stellten sie sich in einer Reihe auf und nahmen jeweils eine weiße Lilie aus einem metallenen Blumenbehältnis.

Zaghaft berührte sie James´ Schulter, was ihn ins Hier und Jetzt zurückbrachte. Verwirrt sah er sie an.

„Man kann sich jetzt verabschieden.“ Mit dem rechten Zeigefinger deutete sie auf die übrigen Gäste, die einzeln hervortraten und die Blumen ins Grab warfen. Stumm nickte er, blieb jedoch wie angewurzelt stehen.

„Du bist noch nicht bereit“, hauchte sie kaum hörbar. James´ Reaktion darauf war ein zynisches Grinsen, das über seine Lippen huschte.

„Er ist tot, Emilia. William ist tot und ich bleibe alleine zurück. Das ist die Geschichte meines Lebens“, witzelte er sarkastisch. „Und nein, ich bin nicht bereit meinen Vater für immer gehen zu lassen. Vor neun Jahren war ich nicht bereit und heute bin ich es genauso wenig.“ Noch ehe sie etwas erwidern konnte, schritt ihr Kollege mit emotionsloser Miene an ihr vorbei und mischte sich unter die Menschenmenge. Im ersten Moment war sie perplex und wie vor den Kopf gestoßen, aber schnell begriff sie, dass James mit der jetzigen Situation schlicht und ergreifend überfordert war und sich nicht anders zu helfen wusste.

Daher vergaß sie den Vorfall und ging zum Blumenbehältnis. Dort nahm sich Emilia eine der zahlreichen Lilien und trat an Williams Grab. Das schwarze Loch vor ihren Füßen zog sie an, während die mystische, wunderschöne und doch grausame Finsternis die Killerin wie dichter Nebel umhüllte.

Hier endet es. Hier landet ein jeder von uns nach dem Tod. Ein schreckliches Schicksal, das viele Menschen durch meine Hand vorzeitig ereilt hat. Was das wohl für ein Gefühl ist zu sterben? Wie wird es für mich sein, wenn ich an der Reihe bin? Vermutlich werde ich Angst haben. Angst vor den Schmerzen, der Kälte und der Einsamkeit. Wie furchtbar muss all dies sein.

Urplötzlich sah sich die Blondine aufgebahrt in einem weißen Sarg, umringt von ihrer geliebten Familie, die um sie weinte. Ihr steifer, lebloser Körper war bleich und eingefallen. Der Anblick war für sie die Hölle. Wie wild schüttelte Emilia ihren Kopf, um diese Bilder loszuwerden. Sie holte tief Luft und zwang sich dazu, sich wieder auf den Verstorbenen zu konzentrieren.

Nun ist der Augenblick des Abschieds gekommen, William. Ihr Blick schweifte zu seinem Namen, der in polierten Granit gemeißelt war. Wie du weißt, hatten wir unsere Höhen und Tiefen, wie es sich für eine Beziehung zwischen Chef und Angestellten gehört. Dennoch habe ich dich stets geschätzt und respektiert, schließlich warst du ein Mann mit Willensstärke und Loyalität. Ein Mann, der ein Waisenkind adoptierte.

Emilia lächelte achtungsvoll, bevor sie sich nach vorne beugte und die weiße Blume ins Grab fallen ließ. Mach dir keine Sorgen, William, ich werde auf James Acht geben. Ich verspreche es.

„Aufwiedersehen“, sagte sie bekümmert. Dann verließ sie seine Ruhestätte und schlenderte an Gräbern und Bäumen vorbei, die ihre langen Schatten auf das Gras warfen. Emilia genoss die Sonnenstrahlen, die ihr ins Gesicht schienen und ihre Haut wärmten.

Nach der Beerdigung brauchte sie erstmal Ruhe; ein paar Minuten, um durchzuatmen und für sich zu sein, aber dieser Wunsch wurde ihr nicht erfüllt, denn aus den Augenwinkeln bemerkte sie auf einmal Marcus Dubois. Das darf doch nicht wahr sein, dachte sie aufgebracht und beschleunigte automatisch ihren Schritt. Verschwinde bloß und lass mich in Ruhe, schrie sie ihm innerlich entgegen. Zu ihrem Leidwesen blieb er jedoch weiterhin hinter ihr und verfolgte sie.

„Emilia! Emilia, WARTE!!!“ Als sie ihn lautstark brüllen hörte, konnte sie nicht anders: Sie wirbelte hektisch herum und blickte ihn hasserfüllt an.

„Hör auf zu schreien. Wir sind hier auf einem Friedhof, also hab ein bisschen mehr Respekt“, wies sie ihn harsch zurecht, bevor sie sich abwandte und über das satte Gras eilte. Sie hoffte, dass er jetzt aufgeben und abhauen würde, doch da irrte sie sich.

„Bitte bleib stehen, Emilia. Ich muss mit dir reden.“ Sie konnte Marcus´ hektische Atemzüge hören.

„Ich habe aber kein Interesse an einer Unterhaltung.“ Wieso ist er hier? Weshalb quält er mich? Warum gibt er mir nicht die Zeit meinen Schmerz zu überwinden?

„Es ist wirklich wichtig“, bettelte er verzweifelt und packte sie am rechten Oberarm.

„Fass mich nicht an!“, fauchte sie und riss ihren Arm los. Die Blondine wollte nur noch weg; fliehen vor diesem Mann, den sie unverändert liebte, doch trotz ihrer Gefühle würde sie ihm keine zweite Chance einräumen. Dafür saßen das Misstrauen und die Wut über seine Lügen, die er ihr monatelang aufgetischt hatte, zu tief. Ohne Reue hatte Marcus sie hintergangen und das konnte sie ihm nicht verzeihen, egal, was er heute sagen oder tun würde.

„Ich liebe dich, Emilia.“ Seine unverschämte Aussage ließ sie abrupt stehen bleiben. Es dauerte nicht lange und Marcus stand vor ihr. Seine blauen Augen durchbohrten sie gnadenlos.

Du liebst mich?! Du…“ Ihr Zorn schnitt ihr die eigenen Worte ab. Sie hatte Mühe ihren bebenden Körper unter Kontrolle zu halten und Ruhe zu bewahren. Derweil hob ihr Gegenüber seine rechte Hand, um über ihre Wange zu streichen, aber die blonde Killerin umschloss grob sein Handgelenk und stoppte sein Vorhaben.

„Ich erlaube keinem hinterhältigen Betrüger mich zu berühren, besonders, wenn dieser keine Ahnung hat, was Liebe bedeutet.“

„Ich weiß, was Liebe bedeutet und ich weiß, dass ich dich liebe. Du bist in mein Leben getreten und hast es verändert. Du bist in meinen Gedanken, du bist in meinen Träumen, du bist in meinem Herzen, Emilia“, offenbarte er ihr im sanften Ton. Er ließ sich von ihrem Ärger in keinster Weise verunsichern. Ihre Haltung hingegen war unentwegt abweisend und unterkühlt.

„Sag das nicht, Marcus. Ich will nicht, dass du mich wieder mit deinen Worten manipulierst. Mein Verstand ist noch immer verseucht von deinem belanglosen Geschwätz und den kitschigen Phrasen, mit denen du mich vollgepumpt hast. Dadurch war ich lange Zeit nicht in der Lage klar zu denken und deinen verachtenswerten Charakter zu erkennen.“

Marcus öffnete bereits den Mund, um sich zu verteidigen, aber sie sprach unbeirrt weiter.

„Von Anfang an warst du nicht ehrlich zu mir. Du hast mich nur benutzt und mit meinen Gefühlen gespielt und da wagst du es, von Liebe zu sprechen?!“ Emilia spürte, wie ihr Tränen der Enttäuschung in die Augen schossen. Gewaltsam unterdrückte sie einen emotionalen Zusammenbruch.

„Ich hatte nie vor dir wehzutun, das musst du mir glauben. Es war ein großer Fehler dich zu belügen, aber ich konnte es dir nicht sagen. Ich hatte Angst, dass du mich hassen und verlassen würdest und das hätte ich nicht ertragen“, versuchte er sich zu erklären.

„Mit deinen lächerlichen Ausflüchten kannst du dich weder retten, noch mich umstimmen. Du warst mir die Wahrheit schuldig, Marcus. Mit deinen Lügen hast du es nur noch schlimmer gemacht“, kreischte sie hysterisch, als sie von ihren Emotionen überwältigt wurde. Heiße Tränen rannen ihre Wangen hinab und tropften auf ihr Kleid.

„Du hast mein Vertrauen missbraucht, weil du nicht den Mumm hattest mir zu sagen, dass du verheiratest bist!!!“ Ungehalten begann sie auf ihn einzuschlagen. Ihre Fäuste prasselten hart und schnell auf ihn ein, was ihm nicht die Möglichkeit gab sich zu schützen.

Bald spritzten ihr die ersten Bluttropfen entgegen und landeten in ihrem Gesicht, was sie noch rasender machte. Immer wieder schlug sie zu, bis sie auf einmal ein lautes, kurzes Knacken und daraufhin Marcus jaulen hörte. Automatisch ließ Emilia ihre Hände sinken, die von ihrem Wutausbruch knallrot waren, und sah ihren Gesprächspartner an.

Sein Gesicht war geschwollen und übersäht mit Hämatomen. Seine Unterlippe war aufgeplatzt und aus seiner deformierten Nase floss unentwegt frisches Blut, das auf seinem Anzug landete. Zu sehen, wie er Schmerzen erlitt, erfüllte die Blondine mit höchster Zufriedenheit. Nur schwerlichst konnte sie ein schadenfrohes Grinsen unterdrücken.

„Hast du dich endlich beruhigt? Geht es dir jetzt besser?“, fragte er trocken und hielt die rechte Hand unter seine Nase.

„Du glaubst doch nicht wirklich, dass wir nach ein paar Schlägen quitt sind, Marcus“, giftete Emilia und zeigte ihm den Vogel. „Und zu deiner Information: MIR GEHR ES NICHT BESSER! Es spielt keine Rolle, ob ich dich anschreie oder dir eine reinhaue. Seitdem ich weiß, dass du eine Ehefrau hast, geht es mir furchtbar und ich habe nichts als Verachtung für dich übrig.“ Marcus´ Gesicht verzog sich augenblicklich zu einer Grimasse, was ihn durch seine Wunden schaurig aussehen ließ. Emilia konnte sehen und spüren, wie ihre Worte ihm das Herz zerrissen.

„Ist wirklich nichts mehr von deiner Liebe übrig?“, hauchte er so leise, dass sie Schwierigkeiten hatte ihn zu verstehen. In seiner Stimme lag all die Hoffnung, die er noch in sich trug. Er ist tatsächlich davon überzeugt, dass er mich zurückgewinnen kann. Dieser verdammte, niederträchtige Mistkerl hat mir den Kopf verdreht und nun versucht er es erneut. Aber vor ihm steht nicht mehr die Emilia, die er auf dem Kostümball kennengelernt hat. Ich bin stärker geworden und lasse mich nie wieder von seinem Charme beeinflussen.

„Meine Liebe für dich ist endgültig erloschen, Marcus. Es gibt nichts, was meine Gefühle zurückholen könnte, deshalb will ich dein Gerede nicht mehr hören! Ich lasse es nicht zu, dass du mich weiterhin vorführst“, steigerte sich die Blondine in ihre Abscheu gegen ihn hinein.

„Emilia“, fing er an und fasste sie zärtlich an den schmalen Schultern. „Ich habe dich nicht vorgeführt. Meine Absichten waren stets ehrlich und ehrenhaft.“

Aus Emilia McDermott platzte spontan lautes, spöttisches Gelächter, was über den gesamten Friedhof schallte. Marcus´ Reaktion darauf war eine Art Schockstarre, die seinen Körper befiel und ihn bewegungsunfähig machte.

„Du bist ein mieser Heuchler und der dreisteste Lügner, der mir jemals untergekommen ist“, wetterte sie, nachdem ihr Lachen ein Ende gefunden hatte. Sie trat zwei Schritte zurück und traktierte ihn mit bösen Blicken.

„Du wirst niemals ehrlich und ehrenhaft sein, Marcus Dubois. Du hast mich damals bloß aus einem Grund angesprochen und zwar wegen Sex. Du wolltest eine Affäre; ein Abenteuer neben deiner Ehe und dir war es gleichgültig, ob du mir dabei das Herz brichst.“

„Das ist nicht wahr. Dich zu verletzen war nie mein Ziel, Emilia. Ich wollte nicht nur eine Affäre. Ich wollte dich kennenlernen“, widersprach er hitzig. „Verdammt, ich habe es nicht geplant mich in dich zu verlieben!“ Gewaltsam ballte er seine Hände zu Fäusten, um sein Temperament im Zaum zu halten.

„Wag es nicht mir die Schuld für deine Fehler zu geben. Du hättest dich nicht in mich verliebt, wenn du dich nicht hinter dem Rücken deiner Frau mit mir verabredet hättest. All das ist das Ergebnis deiner Lügen.“

„Soll das heißen, dass du mir meine Gefühle für dich zum Vorwurf machst?“ Seine Stimme überschlug sich beinahe.

„JA!“, schrie Emilia ihm entgegen. „Mit deinem Egoismus hast du alles Gute vernichtet. Du hast uns beide in diese hoffnungslose und schmerzhafte Lage gebracht.“

„Ich werde mich nicht für meine Liebe entschuldigen, Emilia“, brach es zornig aus ihm heraus. „Auch wenn du es für eine Lüge hältst, aber ich bin kein Mann, der seine Ehefrau absichtlich betrügt. Das mit dir war für mich unvorhersehbar. Am Abend unserer ersten Begegnung habe ich dich gesehen und war von deiner Grazie und Ausstrahlung fasziniert. Du hast mich verzaubert; mich in deinen Bann gezogen. Ich war dazu bestimmt mich an diesem Abend in dich zu verlieben.“

Die Blondine musste sich bei dieser Scheinheiligkeit beinahe übergeben. Seine Rede war überladen mit Klischees und Schmeicheleien.

„Deine fadenscheinigen Ausreden kannst du dir sparen, denn ich kenne die Wahrheit“, fauchte sie erzürnt.

„Und wie sieht diese Wahrheit aus?“ Er kam erneut auf sie zu, was sie als Bedrohung empfand. Sie nahm ihre Arme nach oben und stemmte ihre Hände gegen seine muskulöse Brust. Marcus verstand sofort und stoppte. Sie holte Luft, ehe sie seine Frage beantwortete.

„Du hattest keine andere Wahl, als dich zu verlieben? Du wolltest deiner Frau nie wehtun? Kaum zu glauben, aber deine Lügen gehen immer weiter, Marcus.“ Ungläubig schüttelte sie den Kopf.

„Obwohl du verheiratet bist, hast du mich dennoch auf dem Kostümball ins Visier genommen und angesprochen. Du hast mit mir geflirtet, mich geküsst und mir Hoffnungen gemacht. Von Anfang an hast du gewusst, was du tust. Du hast ja noch nicht mal deinen Ehering getragen!“ Ihr Ekel über sein berechnendes Verhalten und seine Abgebrühtheit überstieg einfach alles. Sie schämte und hasste sich dafür, dass sie ihn so schnell und leicht in ihr Herz gelassen hatte.

„Ich habe dich wirklich geliebt, Marcus. Nach vielen Jahren habe ich wieder Gefühle zugelassen, die ich bereits für verloren hielt.“ Schluchzend kämpfte sie gegen neue Tränen. „Ich war unendlich glücklich. Die Monate mit dir waren wunderbar, fast wie ein schöner Traum, aber ich wurde bitterlich enttäuscht. Ich war so naiv zu glauben, dass ich dir vertrauen könnte. Nun weiß ich, dass William und meine Kollegen Recht haben: Als Auftragskiller darf und soll man sich nicht mit Anderen einlassen, weil dies stets schlecht ausgeht.“ Emilia McDermott schluckte schwer, um den Kloß in ihrem Hals loszuwerden.

„Vertraue niemandem, nur dir selbst, denn jeder ist dein Feind.“ Williams Leitsatz kam ihr automatisch über die Lippen. Diese und andere Überzeugungen hatte er all seinen Mitarbeitern regelrecht eingetrichtert. Den Großteil hielt sie für lächerlich und stupide, aber bei dem Thema Vertrauen hatte ihr Boss nicht übertrieben. Es zeigte sich, dass man sich diesem Beruf mit Leib und Seele verschrieben und nicht die Möglichkeit hatte, ein Leben außerhalb der brutalen Mauern zu führen. Jede Beziehung; jeder Mensch, der nicht in diese Welt gehörte, war dazu verdammt, sein Ende zu finden. Und ich bin dazu verdammt allein zu sein.

Während sie in Gedanken versunken war, blieb Marcus still. In seinen Augen entdeckte sie eine Vielzahl von Emotionen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Emilia wusste nicht, worüber er nachdachte oder was er fühlte, doch sie hoffte, dass er nun endgültig begriff, was er ihr angetan hatte. Weitere Minuten vergingen, bevor sie ihren Blick von ihm abwandte und bemerkte, dass sie völlig allein waren. Der Friedhof war verlassen.

Sie war schon viel zu lange hier und diskutierte mit ihrem verlogenen Ex-Freund über Dinge, die er nicht verstand oder nicht verstehen wollte. Am Besten wäre es, wenn sie…

„Es tut mir leid, Emilia. Ich wollte nicht der Grund sein, warum du deinen Mitmenschen kein Vertrauen mehr schenkst“, beteuerte er reumütig. „Ich hatte nicht vor dein Misstrauen zu wecken und deine Liebe zu mir zu erschüttern.“ Seine Miene war starr und regungslos, was es ihr erschwerte zu erkennen, ob er dieses eine Mal ehrlich zu ihr war, aber eigentlich war ihr dies vollkommen gleichgültig. Sie würde ihm kein Wort mehr glauben.

„Ich bin nicht nur wegen Williams Beisetzung hierher gekommen, sondern auch, um dich nach so langer Zeit wiederzusehen. Ich habe dich vermisst, Emilia, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute.“

„HÖR AUF!!! Ich will kein Wort mehr hören. Ich will dich nicht mehr sehen, verstehst du das? Es fällt mir schon schwer genug mein geschundenes Herz zu heilen und nicht zusammenzubrechen, da musst du nicht hier auftauchen, dich einschmeicheln und mich um Verzeihung bitten.“

„Ich wollte dir bloß erklären, dass ich ohne dich nicht sein kann“, rechtfertigte sich ihr Gegenüber. Die Nasenflügel der Killerin blähten sich vor Empörung auf.

„Das ist mir scheißegal! Mich interessieren deine Gefühle nicht, denn du zerstörst mich, Marcus! Wenn du vor mir stehst und mich berührst, dann…dann…“

„Dann was?“

„Dann könnte ich zugrunde gehen.“ Eben hätte sie noch heulen können, aber jetzt überkam sie eine Welle der Stärke und des Widerstandes.

„Ich will mit dir nichts mehr zu tun haben. Also, ruf mich nicht an, komm nicht bei mir vorbei und schick mir keine Nachrichten. Verschwinde einfach aus meinem Leben!!!“

„Aber… “, stammelte Marcus irritiert.

„Kein aber! Ich töte dich, wenn du mich nicht in Ruhe lässt.“

Nach ihrer Drohung ging Emilia, ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen. Sie konnte diese Qualen; dieses Leid nicht länger ertragen. Sie hatte genug.

Marcus hingegen kam jetzt erst in Fahrt, wie es schien, denn er stellte sich ihr dreist in den Weg und packte sie bei den Oberarmen.

„Lass mich nicht einfach stehen, Emilia, ich muss…“

„Das Einzige, was du musst, ist verschwinden, verstanden?“, keifte sie und riss sich los.

„Emilia, bitte…“ Marcus´ Flehen war erbärmlich und steigerte nur ihre Verachtung gegen ihn.

„Gib es auf, Marcus. Ich werde nicht zu dir zurückkommen.“

„NEIN!“, schrie er plötzlich überreizt. „Ich lasse es nicht zu, dass du mich für immer verlässt, Emilia McDermott.“ Perplex und wie versteinert stand sie vor ihm. Marcus hatte zunehmend keine Kontrolle mehr über sich, als ihm endgültig klar wurde, dass er sie verlor. Er hat mich bereits vor einem Jahr verloren, nur will er das nicht wahrhaben. Er verschließt die Augen vor der Realität. Die harte, grausame Realität, die er mit seinen Lügen erschaffen hat.

„Ich will, dass du mir eine Chance gibst, Emilia, schließlich hatten wir auch schöne und glückliche Zeiten zusammen.“ Als sie diese dreisten Worte aus seinem Mund hörte, schnappte sie empört nach Luft und war im Begriff ihn zurechtzuweisen, aber er redete unbeirrt weiter.

„Erinnerst du dich an den Morgen nach unserer ersten gemeinsamen Nacht?“ Marcus benutzte tatsächlich eine Erinnerung an ihre unbeschwerte Zeit, um sie zum Umdenken zu bewegen. Er musste derartig verzweifelt sein, dass er es für nötig erachtete sich solch mieser und manipulativer Tricks zu bedienen.

Emilia fühlte sich überfragt, denn sie wusste nicht, worauf er hinaus wollte und was er sich erhoffte. Sie entschied sich dafür, zu ihrer eigenen Überraschung, ihn weitersprechen zu lassen, um seine Hintergründe zu erfahren. Daher nickte sie zögerlich, was für Marcus das Zeichen war fortzufahren.

„Du hast mein Hemd getragen, das viel zu groß für dich war, und bist losgelöst und fröhlich durch meine Küche getanzt. Deine Haare waren locker hochgesteckt und du hast über das ganze Gesicht gestrahlt. In der ganzen Wohnung roch es nach Pancakes und frischem Kaffee“, rief er sich schwärmerisch ins Gedächtnis.

„Ich wurde mit einem Kuss begrüßt, bevor du mir stolz dein zubereitetes Frühstück präsentiert hast. Du warst einfach entzückend, selbst dein enttäuschter Gesichtsausdruck und die kleine Sorgenfalte auf der Stirn, als ich dir sagte, dass ich keine Pancakes mag.“ Bei diesem Gedanken bekam Marcus glänzende Augen und lachte heiter.

Emilias Miene hingegen fror ein. Sie wollte nicht, dass ihre Erinnerungen und Gefühle von einem anderen Menschen beeinträchtigt wurden, denn gerne hätte sie sie rein, gut und unbefleckt fest in ihrem Herzen verschlossen, damit sie vor der Außenwelt sicher waren und ewig unzerstörbar und unantastbar blieben. Nun machte ausgerechnet der Mann alles zunichte, der ihr einst brutal das Herz herausgerissen hatte. Marcus beförderte sie zurück ins Tal der Tränen und des bitteren Schmerzes. Erneut zertrümmerte er ihre Seele, um sich in ein besseres Licht zu stellen und Absolution zu erlangen.

„Hast du solch bildreiche Erinnerungen auch an Momente mit deiner Ehefrau?“, blaffte sie ihn eisig an. Mit Genuss sah sie dabei zu, wie sein Lachen schlagartig erstarb und sich sein Gesicht zu einer hässlichen Grimasse verzog.

„Was ist, Marcus? Du bist plötzlich so schweigsam.“ Die Stimme der blonden Killerin war durchtränkt von Gehässigkeit.

„Diesmal kannst du nicht mit Leichtigkeit eine Lüge aus dem Ärmel schütteln, wie?“ Ihr Gegenüber versteifte sich, als sie ein bitterböses Lächeln zeigte.

„Ich frage mich, ob deine Frau mittlerweile weiß, dass du sie betrogen hast oder ob sie Zuhause sehnsüchtig auf dich wartet.“ Der Zorn in Emilia bäumte sich auf wie eine meterhohe Welle, die im Begriff war sie zu überwältigen. „Ich vermute, dass du sie bis heute im Unklaren gelassen hast, Marcus, weil du ein Feigling bist! Du gehst der Wahrheit lieber aus dem Weg, statt ehrlich zu sein und für deine Fehler gerade zu stehen, wie ein richtiger Mann“, wütete sie zügellos.

„Du hast immer nur an dich gedacht! Mit deiner Selbstsüchtigkeit hast du deine Frau und mich zu Opfern gemacht, was noch nicht mal ein schlechtes Gewissen bei dir auslöst, weil für dich dein Vergnügen und deine Zufriedenheit im Vordergrund stehen. Alles andere ist dir völlig gleichgültig!“ Mit hochroten Wangen und hektisch atmend stierte sie Marcus an. Das Entsetzen in seinen blauen Augen reizte sie noch mehr, denn es zeigte ihr seine Naivität und Verdrängung in Bezug auf sein eigenes Verhalten.

Er hört dies alles nicht zum ersten Mal, also warum spielt er den Ahnungslosen? Glaubt er tatsächlich mich mit seiner aufgesetzten Fassungslosigkeit täuschen zu können?

„Schau mich nicht an, wie ein unschuldiges Lamm. In dieser Geschichte bist du der einzige Schuldige.“ Gewaltsam bohrte sie ihren rechten Zeigefinger in seine Brust. „Du hast mir das Herz gebrochen, was im Vergleich zu der Situation deiner Frau noch ein glimpfliches Schicksal ist. Zumindest weiß ich von deinem Betrug, okay, dass du verheiratet bist habe ich ja auch nur durch Zufall erfahren, aber deiner Frau gaukelst du weiterhin den treuen und liebenden Ehemann vor, während du hier stehst und deine Geliebte um Verzeihung bittest.“ Erbost schüttelte sie den Kopf und schnaubte. Marcus wirkte nach ihrer Ansprache wie vor den Kopf gestoßen, als tue sie ihm mit ihren Aussagen Unrecht. Er benötigte einige Sekunden, bis er ihre Worte verarbeitet hatte und im Stande war zu sprechen.

„Ich bin nicht der abgrundtief böse Mensch, wie du mich hinstellst oder gerne sehen willst, Emilia.“ Er schob ihre rechte Hand von seiner Brust und fuhr sich nervös durch die schwarzen Haare. „Meine Entscheidung dich beim Maskenball anzusprechen und um ein weiteres Treffen zu bitten, um dich kennenzulernen, war moralisch gesehen falsch, dass sehe ich ein, aber ich bereue sie trotzdem nicht. Schließlich habe ich mich in dich verliebt“, ereiferte er sich in seinen Ausführungen. „Du kannst mich nicht für meine Liebe zu dir hassen.“

„Du hast dir das Recht verwirkt mich zu lieben, Marcus Dubois“, schärfte Emilia ihm zähneknirschend ein. „Liebe stattdessen deine Ehefrau!“

„Was hast du ständig mit meiner Frau?“, fragte er aufgebracht.

„Ich will dich daran erinnern, dass du ein verheirateter Mann bist, was du regelmäßig zu vergessen scheinst. Ich will, dass du dich deiner Verantwortung ihr gegenüber stellst und das einhältst, was du ihr einst vor dem Traualtar versprochen hast. Ich will wissen, ob sie von mir weiß, Marcus.“

Er öffnete den Mund, schloss ihn jedoch wieder, was ihn dümmlich aussehen ließ.

„Weiß sie…“

„Na gut, ich habe Tabitha nichts von dir erzählt, bist du jetzt zufrieden?“, brach er brüllend unter dem immensen Druck, dem sie ihn aussetzte, zusammen.

„Ich soll damit zufrieden sein, dass sich meine Vermutung auf deine anhaltende Verlogenheit bestätigt hat?“, keifte sie mit überhöhter Stimmlage. „Du wagst es mich um eine zweite Chance anzuflehen, obwohl sich nichts an deiner Lebenssituation verändert hat?“ Emilia McDermott war außer sich vor Entrüstung.

„Argh…ich habe keine Worte für dein widerliches Verhalten.“ Sie ballte ihre Hände zu Fäusten, die erneut bereit waren zuzuschlagen.

„Eine Ehe zu beenden ist nicht so einfach, wie du dir das vorstellst“, flüchtete er sich in eine weitere erbärmliche Ausrede.

„Dies ist mir durchaus bewusst, Marcus, aber ich denke, dass du niemals einen Gedanken daran verschwendet hast dich von ihr zu trennen, denn für dich war es das Paradies auf Erden: Harmonische, vertraute Zeiten mit deiner Ehefrau und heiße Stunden mit deiner Geliebten. Du hast es genossen von zwei Frauen geliebt und begehrt zu werden, also verkauf mich nicht für dumm!“, tobte die Blondine ungehalten und ohrfeigte ihn. Sein Kopf wurde zur Seite geworfen, als ihre Hand mit voller Kraft auf seine linke Wange traf. Marcus bedachte sie anschließend mit einem unergründlichen Blick.

„Du scheinst Gefallen daran gefunden zu haben mir Schmerzen zuzufügen“, stellte er bitter fest und betastete seine gerötete Wange.

„Das habe ich tatsächlich“, stimmte Emilia ihm ohne Umschweife zu. „Weil ich dir zumindest im Ansatz die Schmerzen zufügen will, die du mir zugefügt hast.“ Ihr Ton war kalt und vorwurfsvoll, bevor sie frustriert den Kopf senkte.

„Doch das ist ein unmögliches Unterfangen, denn du hast mich zerstört, Marcus. Kein physischer Schmerz ist vergleichbar mit meinen seelischen Qualen!“ Ihr Gegenüber hüllte sich in Schweigen, was ihr nur recht war, denn endlich hatte sie Ruhe vor seinen liebeskranken Beschwörungen. Dies glaubte sie zumindest, irrte sich jedoch.

„Die kürzeren Haare stehen dir“, sagte er zusammenhangslos mit funkelnden Augen und berührte dabei ihr goldblondes Haar. Es war wohl sein allerletzter Versuch sie zu umgarnen.

„Lass es sein, Marcus“, keifte sie und schlug seine Hand weg. „Vergiss mich! Streich mich endgültig aus deinem Leben, wie ich es mit dir getan habe.“ Ihre Verzweiflung drohte sie zu überwältigen.

„Wenn du mich wirklich liebst, Marcus, dann lässt du mich gehen.“ Die blonde Killerin appellierte an sein Ehrgefühl. „Gib mir die Chance dieses Kapitel meines Lebens endgültig abzuschließen und nach vorne zu sehen.“ Ihr Flehen schien ihm tatsächlich einige Denkanstöße zu geben, denn sein Gesichtsausdruck wurde weicher. Trotz der Vorkommnisse zwischen ihnen hielt sie Marcus unbeirrt für einen intelligenten Mann, der zu der Einsicht kommen würde, dass ihre angeführten Argumente vernünftig waren und es nichts brachte seinen Dickkopf weiter durchzusetzen.

„Du hast Recht, Emilia“, gab er schwermütig nach und steckte die Hände in die Hosentaschen. „Auch wenn es mir mehr weh tut, als alles bisherige, muss ich dich ziehen lassen.“ Nach diesen Worten wagte er es nicht sie anzusehen, stattdessen schaute er betreten zu Boden. Sie achtete nicht auf seine Trübsinnigkeit oder Trauer, die er empfand, sondern genoss das unglaubliche Gefühl des Triumphes. Emilia hatte es geschafft, sie hatte Marcus davon überzeugt sie gehen zu lassen. Ein tonnenschwerer Ballast fiel von ihren Schultern, was sie zum Schweben brachte.

„Ich habe dich lange nicht mehr so glücklich gesehen.“ Seine niedergeschlagene Miene zog berührte sie nicht. Marcus war ihr völlig gleichgültig. Sie dachte nur an sich und ihre neu gewonnene Freiheit. Minuten verstrichen, in denen Emilia weder mit ihm sprach, noch ihn ansah. Für sie war Marcus ein Schatten; ein nicht existierendes Etwas, das in ihrem Leben nichts zu suchen hatte. Nicht mehr.

Auch er schien langsam zu verstehen, dass es für ihn an der Zeit war das Weite zu suchen und sie zu verlassen. Nach einem letzten Blick auf sie, wandte er sich wortlos ab und schritt davon. Die blonde Killerin nahm seinen Abgang nur am Rande wahr, doch sie tat es mit einem breiten, erleichterten Lächeln.

 

 

 

 

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