Nächtlicher Besuch

»Siehst Du diese winzigen, leuchtenden Punkte, die da so wild umherwirbeln? Das sind kleine Elfen, die Dich nachts beschützen. Sie spielen Fangen. Ein paar gehen dort auf der Bettkante spazieren. Andere sitzen auf dem Fensterbrett und lassen die Beine baumeln. Sie alle bewachen Deinen Schlaf. Du musst keine Angst haben.« Luis und Priska, Elenas Eltern, deuten auf das Babyphone, dessen aktivierte Infrarotlichtkamera gnadenlos die unzähligen Staubkörner einfängt, die vorhin beim Bettenmachen aufgewirbelt wurden. Sie tanzen einen magisch anmutenden Reigen. Die Vierjährige runzelt die Stirn. »Das sind keine Elfen. Das ist Dreck.«
Es ist die Zeit der Herbststürme. Der Wind fährt tosend und heulend ums Haus, rüttelt an den altersschwachen Jalousien und beschert selbst nicht schlafgestörten Erwachsenen unruhige Nächte.

Der heutige Abend schreit förmlich nach der der harmlosesten aller Gute-Nacht-Geschichten. Nachdem Charlotte das fünfte Mal bei ihrer Oma geklingelt hat, um mit ihr heißen Kakao zu trinken, klappt Priska das Buch zu. Sie streicht ihrer Tochter eine widerspenstige Haarsträhne aus dem blassen Gesichtchen und küsst sie sanft auf die Stirn. Im Hintergrund ertönen die leisen Melodien der abgenutzten Traumreise-CD. Die paar Kratzer tun den beruhigenden Klängen keinen Abbruch.
»Bitte schlaf jetzt, mein Schatz. Du kannst kaum noch geradeaus schauen vor lauter Müdigkeit.« Elenas Augen, die im gleichen Violettton schimmern wie die ihrer Mutter, spiegeln deren Zweifel wider. »Wir sind hier. Wie die kleinen Elfen, an die Du nicht glaubst.«
»Doch, ich glaube an die Elfen«, widerspricht ihr das Kind. »Aber nicht, dass sie aus Dreck sind.«
»Vielleicht ist es Feenstaub«, schlägt Priska vor. Elena lacht glockenhell auf. Halb belustigt, halb empört. »Jedenfalls sehen und hören wir Dich durch das Babyphone. Du bist in Sicherheit. Draußen pfeift nur der Wind. Denk daran, dass wir ihn zum Drachensteigen brauchen.« Das Mädchen blickt noch immer skeptisch drein. Sie will einen Schluck trinken, anschließend auf die Toilette und danach ein weiteres Mal »Weißt Du, wie viel Sternlein stehen?« anstimmen. Aber irgendwann gewinnt die Erschöpfung Oberhand. Die Kleine rollt sich ein wie ein Embryo und ist binnen weniger Minuten eingeschlafen. Priska betrachtet ihr von haselnussbraunen Locken umrahmtes Antlitz. Die Gesichtszüge sind nun weich und entspannt. Die Halbmonde aus dichten, dunklen Wimpern bilden einen interessanten Kontrast zu ihrem milchweißen Teint. Priskas Herz ist zum Bersten angefüllt mit zärtlicher Zuneigung. Die bedingungslose Liebe zu ihrem Kind geht mit einer Verwundbarkeit einher, die ihr Angst macht.

Mit den Hausschuhen in der Rechten schleicht sie die Treppe hinunter. Wohlweislich lässt sie die eine knarzende Stufe aus. Als sie die Wohnzimmertüre leise hinter sich geschlossen hat, kommt Luis auf sie zu. Er nimmt seine übernächtigte Frau in die Arme und raunt ihr ins Ohr: »Jetzt sieh zu, dass Du zur Ruhe kommst. Wenn sie ruft, gehe ich zu ihr.« Priska seufzt. Es wird so ablaufen wie nahezu jeden Abend. Spätestens um Mitternacht siedelt Elena ins Elternbett über, in dem seit langer Zeit schon mehr als ausreichend Platz ist. Priska wird die Nacht wie immer auf der Gästematratze in dem kleinen Nebenraum verbringen. Wenn sie nicht gerade im Erdgeschoss herumwandert, in einem stummen Ringkampf mit der Panik, die mit aller Macht von der Brust aus nach oben drängt. Ist sie erst im Kopf angelangt, entzieht sie dem Schlaf jede Möglichkeit, sich zu entfalten.

Sie gibt Luis einen sanften Kuss auf die empfindliche Kuhle in seinem Nacken. Dann geht sie zum Tisch und schenkt sich großzügig von dem köstlichen Negroamaro ein, der dort schon auf sie wartet. Mit dem Glas in der Hand lässt sie sich neben Luis auf der Couch nieder und legt die Beine über Kreuz auf dem Beistelltisch ab. Wie flüssiger Samt streichelt der Wein ihren Gaumen. Sie holt Luft, atmet tief durch. An die Nachtsichtfunktion des neuen Babyphones muss sie sich erst gewöhnen. Sie taucht das Schlafzimmer in ein merkwürdiges Licht. Menschliche Bewegungen wirken oft verzerrt, was vielleicht an der verzögerten Übertragung liegt. Wenn Elena die Augen offen hat, lässt die Kamera sie gespenstisch leuchten. Zum Glück sind sie gerade geschlossen. Ihr Kind schläft ruhig. Zu lange möchte Priska nicht auf den kleinen Bildschirm starren. Irgendwie ist da immer dieser abstruse Gedanke, dass plötzlich eine hässliche Fratze direkt vor der Kameralinse auftaucht. Elena darf von diesen Hirngespinsten natürlich nichts wissen. Jetzt dreht sie sich gerade auf die andere Seite. Die Bettdecke hat sie bis zum Kinn hochgezogen. Lediglich ihr dunkler Haarschopf ist nun noch auszumachen.

Luis krault seiner Frau den Kopf. Während seine Fingerspitzen sie mit Nachdruck massieren, muss Priska schmunzeln. In diesem Moment können sie ihre Abstammung kaum leugnen. Vor ihrem inneren Augen pflücken sich gerade zwei Schimpansen voll liebevoller Hingabe gegenseitig die Läuse von den dicht behaarten Häuptern. Sie streichelt währenddessen Luis über sein linkes Bein. Er gibt einen zufriedenen Laut von sich. Priska lehnt sich ein wenig zurück und lässt zu, dass endlich eine wohlige Schwere ihre Glieder erfasst.. Mehr Sinnlichkeit wird der heutige Abend nicht bereithalten. Ihrer Beiden Energiereserven sind erschöpft. Leider ist dies die Regel, nicht die Ausnahme.

Luis schaltet den Fernseher ein, zappt sich durch die Programme und bleibt schließlich bei einer Dokumentation über aktive Vulkane hängen. Gerade zeigen sie den Stromboli. Eine gewaltige Farbenpracht. Das Wohnzimmer wird in gelb-orange-rotes Licht getaucht. Priska glotzt wie ein hypnotisiertes Kaninchen in das Leuchtfeuer des Mittelmeers. Bis sie sich in den Flammen verliert und langsam abdriftet. Fast hört sie das Prasseln. Nun werden auch ihre Augenlider schwer und die Intervalle, in denen sie immer wieder zufallen, kürzer.

»Mama! Papa!« Plötzlich durchdringt Elenas helle Kinderstimme den Raum und beide Eltern sind mit einem Schlag hellwach. Elena sitzt aufrecht im Bett. Ihre Augen flackern weiß und blicken unverwandt in die Kamera. Priska schämt sich, dass sie einen Moment lang vor ihrem eigenen Kind erschrocken ist.

In Windeseile stürmen Vater und Mutter die Treppe hoch. Elena empfängt sie mit den Worten: »Er sagt auch, dass ich mich nicht fürchten soll. Aber Mama schon.« »Wer sagt das?« Priska hat das Gefühl, jemand habe sie in eine Wanne mit Eiswasser getaucht. »Der Mann da drüben.« Elena deutet auf die Balkontür. »Ich sehe niemanden.« Priska und Louis antworten fast synchron. Sie schauen angespannt dorthin, wo ihre Tochter den nächtlichen Besucher zu sehen glaubt. Die Fensterrahmen dichten nach 40 Jahren nicht mehr zur Genüge ab. Ein leichter Luftzug fährt durch die Ritzen und spielt mit den Vorhängen. Das Licht von der Deckenlampe im Gang erhellt das Zimmer ausreichend. Niemand steht dort am Zugang zum Balkon. Just in diesem Moment gewinnt der Sturm wieder an Stärke. Die Rollläden klappern und durch die Schlitze sind schemenhaft die blätterlosen Äste der Goldrenette zu erahnen. Hagere, überlange Arme, die durch die Sturmböen zum Leben erweckt werden und an der hölzernen Balkonbrüstung kratzen.
»Das ist nur der Wind, der Dir einen Streich spielt, mein Spatz.« Luis streicht der Kleinen beruhigend über die verschwitzten Locken.
»Das ist nicht der Wind. Ich bin doch nicht blöd.« Elena funkelt ihren Vater wütend an. Priska weiß nicht, was sie sagen soll. Sie selbst ist um einiges verängstigter, als ihre Tochter gerade aussieht. »Er weiss, warum Du nicht schlafen kannst, Mami. Und warum Du oft keine Luft bekommst, wenn Du im Bett liegst. Er will mit Dir darüber reden.«
»Wie soll das gehen, wenn ich ihn nicht einmal sehe?« Luis wirft seiner Frau warnende Blicke zu. Sie kann sich denken, was er ihr signalisieren möchte: Elena in ihrer Phantasie noch zu bestärken, ist vielleicht keine so gute Idee.

Immerhin macht das Kind keinen verstörten Eindruck. Im Plauderton fährt es fort: »Du darfst nicht zumachen, Mama.«
»Was? Die Tür?« Priska versteht nicht. Ihr Mann dreht Elena den Rücken zu und verdreht entnervt die Augen. «Dich selbst.« Normalerweise neigt das Kind nicht zu solchen esoterischen Anwandlungen. »Jetzt ist aber Schluss.« Luis nimmt Elenas Kinn in die Hand und dreht ihren Kopf sanft in seine Richtung. »Willst Du mit ins Elternschlafzimmer kommen? Ich gehe jetzt auch schlafen. Dann bist Du nicht allein.« Zu ihrer beider Erstaunen schüttelt das Mädchen den Kopf. »Nein. Ist schon ok. Ich bleibe hier.« Bevor sie sich wieder in ihrer Bettenburg einigelt, schaut Elena ihre Mutter noch einmal beschwörend an. »Das ist echt wichtig, Mami.« »Ich werde darüber nachdenken, mein Schatz. Jetzt schlaf weiter und träume von Deinem Zauberwald.« Noch ein letzter Gutenachtkuss und die Eltern verlassen den Raum. Priska mit einem unguten Gefühl im Bauch. Luis dagegen steht in übergroßer Schrift das Wort »Schlafen« auf die Stirn tätowiert. »Ich hüpfe jetzt auch in die Falle. Bitte sei mir nicht böse, mein Liebling.« Kurz berühren sich ihre Lippen. Dann steuert Luis auf das Zimmer neben Elenas zu. Priska tappt erneut die Treppe hinunter. Das metallische Klingeln des an der Haustüre angebrachten Windspiels lässt sie kurz zusammenzucken. Sie wird heute kein Auge zu tun. Schon weitaus weniger aufwühlende Begebenheiten vermögen es, ihre Adrenalinausschüttung in Sekundenbruchteilen auf ein unerträgliches Maß zu erhöhen. Das eben reicht für mindestens fünf schlaflose Nächte.

Sie geht zum Bücherregal und greift nach einem ausgewählt langweiligen Schmöker, der dem geneigten Leser die Kraft des positiven Denkens nahebringen soll. Zurück auf dem Sofa zieht sie sich die warme Decke bis über die Schultern. In ihrem Kopf fahren die Gedanken Achterbahn. Die Worte tanzen und verschwimmen vor ihren Augen. Sie ist todmüde und gleichzeitig hellwach. Dass ihre Tochter sich einen imaginären Freund ausgedacht hat, kann sie sich nicht vorstellen. Was aber, wenn der geheimnisvolle Mann nicht ihrer Phantasie entspringt? Himmel, wie kann sie das nur im Entferntesten in Erwägung ziehen? »Ich tick ja nicht mehr ganz sauber«, murmelt sie und genehmigt sich noch einen Schluck Rotwein. In dem Moment meint sie eine Bewegung wahrzunehmen. Draußen vor der Tür. Mit klopfendem Herzen starrt sie durch den Glaseinsatz und versucht, aus dem wabernden Schattenmeer die vertrauten Konturen herauszulösen. »Das ist die Treppe, dort das Geländer und da an der Seite die Garderobe. Keine unheimliche Gestalt, nur Luis Wintermantel, der da am Haken hängt. »Deine überreizten Nerven treiben Spielchen mit Dir«, versucht sie, sich selbst zu beruhigen.

Zum mindestens zehnten Mal an diesem Abend atmet sie tief durch. Dann widmet sie sich wieder ihrer Einschlaflektüre. Doch über den ersten Absatz kommt sie nicht hinaus. Krampfhaft reiht sie die Buchstaben aneinander, aber sie ergeben einfach keinen Sinn. Gerade als sie aufstehen und zu ihrem Matratzenlager gehen will, springt rauschend das Babyphone an. Das Kinderzimmer erscheint auf dem Bildschirm. Ihr erster Blick gilt Elena, die ruhig zu schlafen scheint. Erleichtert will sich Priska wieder abwenden. Da verdunkelt sich die Kamera. Nur für einen Wimpernschlag. Dann ist der Schemen vorbeigelitten.

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