Ein Geräusch ließ den Mann in der braunen Bomberjacke aufhorchen. Er blieb stehen, drehte sich um und fasste die Weggabelung ins Auge, von der er gerade abgebogen war. Für den Bruchteil einer Sekunde sah er einen, gegen die Hauswand gepressten Schatten, der im nächsten Moment wie von der Dämmerung verschluckt war. Er blinzelte verwirrt. Die alten Straßenlaternen zauberten bisweilen erstaunliche Trugbilder auf die abblätternden, grauen Wände des Einkaufszentrums. Ein Rascheln lenkte seine Aufmerksamkeit auf das Gebüsch am Wegrand. Es raschelte erneut und eine kleine Maus lief über den Gehweg. Sie hüpfte kopfüber durch die Streben eines Gullydeckels und verschwand. Er fröstelte. Es war eine kühle Herbstnacht. Das letzte Tageslicht verblasste am Horizont und die Welt verschwamm zunehmend im schummrigen Schein der Straßenlaternen. Keine Menschenseele war zu sehen. Er stellte den Kragen seiner Jacke hoch und ging weiter. Der Wind pfiff ihm ins Ohr und ließ ihm eine Gänsehaut über Arme und Rücken laufen. Ansonsten war es ruhig, fast zu ruhig. Misstrauisch sah er sich nach allen Seiten um und beschleunigte seine Schritte. Er war gewiss kein Feigling, doch in Anbetracht der Wichtigkeit seiner Mission wurden seine sonst stählernen Nerven zu einem Bündel morschen Zweige. Das Paket, das er bei sich trug, war von größter Bedeutung für die nationale Sicherheit. Welchen Schaden es in den falschen Händen anrichten könnte, war nicht abzusehen. Mindestens drei feindliche Geheimdienste wussten von der Lieferung und würden versuchen, ihn abzufangen. Hatte jemand aus dem Hauptquartier seine Route verraten? Waren sie ihm womöglich schon auf den Fersen? Er legte den Kopf in den Nacken und holte tief Luft. In den Baumwipfeln war nichts zu sehen. Vielleicht lagen sie rechts von ihm, getarnt in der Wiese auf der anderen Straßenseite. Oder sie verfolgten ihn von Straßenecke zu Straßenecke, von Hauseingang zu Hauseingang und von Gebüsch zu Gebüsch. Er blickte noch einmal hinter sich. Nichts. Dann wandte er sich mit einem misstrauischen Blick nach rechts, um schließlich links auf einen kleinen Weg zwischen einigen Wohnhäusern abzubiegen. Er wusste nicht, dass der Chef des Geheimdienstes seine zwei fähigsten Agentinnen damit beauftragt hatte, ihn zu beschützen. Seit er das Hauptquartier verlassen hatte, waren sie ihm auf den Fersen und hielten nach feindlichen Agenten Ausschau. Außerdem sollten sie gewährleisten, dass er das Paket auch ordnungsgemäß ablieferte. In diesem Geschäft war bekanntlich niemandem zu vertrauen. Der ahnungslose und noch unerfahrene Agent ging mit gehetzten Schritten den Weg entlang. Unter seinen Schuhsohlen raschelte das Laub und kalter Schweiß tropfte ihm von der Stirn. Die Unsicherheit machte ihm zu schaffen. Wieder blieb er stehen und drehte sich um. Erneut hielt er inne und ein seltsames Lächeln umspielte seine Lippen. "Passt auf, das ihr euch nicht verlauft. Bald ist die Sonne ganz untergegangen und im Dunkeln ist es schwieriger, den Heimweg zu finden". Mühsam hatte er ein ängstliches Zittern seiner Stimme unterdrückt, als er das Wort an seine Verfolger richtete, die er hinter sich vermutete; von denen er wusste, dass sie irgendwo in der Gegend waren. Natürlich fiel niemand auf seinen Bluff herein. Weder die beiden Agentinnen, noch die feindlichen Spione bewegten sich auch nur einen Zentimeter. "Müsst ihr nicht bald nachhause gehen? Es ist schon kurz vor halb acht und eure Eltern machen sich bestimmt langsam Sorgen".

Bestürzt sahen sich die beiden Agentinnen an. Um sieben hätten sie spätestens wieder zuhause sein müssen. Anna dachte an ihren Vater. "Allerspätestens", hatte er gesagt, sehr ernst geschaut und wild den Zeigefinger geschwungen. Sie traten aus dem Gebüsch und sahen sich um. "Findet ihr den Weg zurück oder soll ich eure Eltern anrufen?", fragte der Mann. Zum Glück wusste Anna ihre Festnetznummer auswendig und so wurden sie fünfzehn Minuten später von ihrem gestresst und leicht entnervt aussehenden Vater abgeholt. Zum Abendessen gab es kalte Pizza und die Vorfreude auf einen weiteren spionagereichen Tag, denn es war Wochenende.

Comments

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    Das Ende ist total cool! Hätte ich so nicht erwartet :)

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    Sehr spannungsreich geschrieben und das Ende ist der Hammer. Gibt ein Däumchen hoch von mir!

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