Oktober 2005- The Prince Wears Armani

Egal, wie dunkel der Augenblick auch ist, Liebe und Hoffnung sind immer möglich.

                                                                                                               - George Chakiris


Sorgfältig trug sie den zartrosanen Lippenstift auf. Obwohl ihre rechte Hand leicht zitterte, führte sie den Stift gekonnt ihre Lippenkonturen entlang. Sie durfte keinen Fehler machen, denn sie wollte und musste an diesem Abend perfekt aussehen.

In weniger als einer Stunde würde Marcus Dubois vor ihrer Tür stehen und sie zu einem gemeinsamen Abendessen abholen. Es war nach langer Zeit ihr erstes Date, was ihren Nervositätspegel in die Höhe schießen ließ.

Tief durchatmen, Emilia. Es ist nur eine harmlose Verabredung, mehr nicht. Es gibt keinen Grund durchzudrehen. Zwar ist dieser Mann besorgniserregend attraktiv, aber…

Die Blondine stoppte. Anstatt sie zur Ruhe zu bringen, brachte ihre innere Stimme sie an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Sogleich wurde aus dem leichten Zittern ein heftiges Beben, das ihren schmalen Körper infizierte.

„Verdammt“, fluchte sie, als ihr der Lippenstift aus der Hand und auf die Fliesen fiel. Mit wackeligen Knien hockte sie sich hin und hob den Stift auf. Einen Augenblick verharrte Emilia in dieser Position, um zur Ruhe zu kommen. Sie schloss ihre Augen und sog kräftig die Luft durch die Nase ein. Tatsächlich ging es ihr kurz darauf etwas besser und sie erhob sich. Als sie ihre Augen wieder öffnete, fiel ihr Blick in den großen, ovalen Spiegel.

Sie sah blass aus, beinahe kränklich. Das von ihr aufgetragene Make-up zeigte nicht viel Wirkung. Es konnte ihre Unsicherheit nicht überdecken, genauso wenig wie ihre panische Angst, die sich auch in ihren blauen Augen zeigte.

Dieses Date wird eine Katastrophe. Wieso habe ich Marcus dieses Essen überhaupt vorgeschlagen? Mist, das ist nur meiner eigenen Impulsivität zuzuschreiben. Meine plötzlichen Gefühle und Marcus´ Attraktivität haben mich übermannt und zu dieser völlig irrsinnigen Idee verleitet und jetzt komme ich aus der Sache nicht mehr raus.

Ein gequälter Seufzer entschlüpfte ihrer Kehle. Sie spielte mit dem Gedanken Marcus anzurufen und eine Krankheit vorzutäuschen. Gelogen wäre es ja nicht, oder? Schließlich sehe ich auch furchtbar aus. Emilia riskierte einen weiteren Blick in den Spiegel, was sie sogleich bereute. Sie hatte den Eindruck, dass, je länger sie sich betrachtete, sie immer schlimmer aussah.

Ich kann unmöglich mit Marcus ausgehen. Ich muss verhindern, dass er mich so sieht. Ich…ich…

In Sekundenschnelle stiegen Panik und Übelkeit in ihr hoch. Emilia klammerte sich am Waschbecken fest und rechnete damit sich jeden Moment übergeben zu müssen. Ich verliere den Verstand. Ich verliere die Kontrolle. Ich verliere mich.

Die Blondine hatte das Bedürfnis zu schreien; alles herauszulassen, was sie blockierte und gefangen hielt, doch sie blieb stumm und kämpfte gegen aufkommende Tränen. Sie hasste es dermaßen emotional und schwach zu sein. Manchmal war es von Vorteil ein gefühlloses Miststück, wie Ophelia Monroe, zu sein, das sich um nichts und niemanden scherte. Warum ihre Gedanken ausgerechnet jetzt zu ihrer verhassten Kollegin schweiften, konnte sie sich selbst nicht erklären. Ihre Enttäuschung über ihre eigene Schwäche schlug unmittelbar in Ärger um. Kaum zu glauben, dass Ophelia eine stärkere Frau ist, als ich, und ich sie darum auch noch beneide. Ich bin neidisch auf ein seelenloses Monster, das über keinerlei Emotion verfügt. Das…Halt! Stopp! Was ist bloß mit mir los? Warum lasse ich solche Gedankengänge zu? Ich will nicht so sein, wie sie. Niemals. Auf solch ein Dasein kann ich verzichten, lieber schreie, weine, fühle und liebe ich.

Zur Bestätigung ihrer Gedanken nickte sie eifrig, ehe sie sich dazu im Stande fühlte sich fertig zu schminken.

Die Idee, Marcus anzurufen und abzusagen, verwarf Emilia. Sie wollte nicht davonlaufen. Sie wollte kein Feigling sein. Sie wollte die Chance nutzen ihn besser kennenzulernen. Zwar ähnle ich einer wandelnden Leiche, aber das soll nicht mein größtes Problem sein. Ich werde diesen Abend bravourös meistern und Spaß haben.

Sie zwang sich zu einem optimistischen Lächeln, das ihr hoffentlich genügend Kraft und Mut für diese Verabredung verleihen würde. Die Blondine brauchte jede positive Energie und jeden guten Gedanken, den sie in sich versammeln konnte, um das Dunkle zu vertreiben und den Weg in eine hoffnungsvollere Zukunft zu ebnen. Eine Zukunft, in der eine innige und gefühlvolle Beziehung zum Greifen nahe war. Sie war regelrecht süchtig nach der Aussicht auf Liebe, Geborgenheit und Vertrauen. Aus diesem Grund flüchtete sie sich regelmäßig in Tagträume, die von ihrem grenzenlosen Glück mit Marcus handelten. Ihr war durchaus bewusst, dass ihre Schwärmereien denen eines verliebten Teenagers ähnelten und im Normalzustand hätte sie sich dafür in Grund und Boden geschämt. Wie peinlich wären Emilia ihre erotischen Fantasien, geröteten Wangen und das massive Herzrasen!

Doch all dies waren Nichtigkeiten und konnten ihren Enthusiasmus in keinster Weise bremsen. Sie genoss das Gefühl der Verliebtheit, das ihr Flügel verlieh und sie aus ihrem blutigen Alltag riss. Voller Vorfreude lächelte sie ihrem Spiegelbild entgegen. Ihre Nervosität war wie weggeblasen.

Nach wenigen Korrekturen vollendete sie ihr Make-up und ging ins Schlafzimmer, wo sie ihr Outfit zum letzten Mal im Ganzkörperspiegel überprüfte. Sie trug ein kurzes, leicht transparentes Kleid mit gerüschtem Rock, der ihre Oberschenkel sanft umspielte. Der zarte, erdfarbige Stoff saß wie eine zweite Haut und betonte ihre filigrane, elfenartige Figur. Zaghaft strich sie über die breiten Bahnen des Neckholderoberteils, das ihre Brüste bedeckte. Anschließend rückte sie sie zurecht, um sich zu vergewissern, dass alles korrekt saß.

Emilia hoffte, dass dieses Kleid Marcus begeistern und verzaubern würde. Ungeachtet ihrer vorangegangenen Unsicherheit betrachtete sie sich stolz und selbstbewusst, als sie sich vor dem Spiegel drehte. Sie war eine schöne Frau, keine Frage. Das goldblonde, schimmernde Haar war heute elegant hochgesteckt und unterstrich ihre feinen, anmutigen Züge. Ihre blauen Augen sprühten Funken vor Vorfreude und Hoffnung.

Dieses Date wird alles verändern. Ich werde nach langer Zeit endlich wieder einen Abend genießen können; ein Abend, ohne Blut, Schmerz und quälender Gewissensbisse. Ich bin eine ganz normale junge Frau, die mit einem heißen, erfolgreichen Mann verabredet ist…

Das Erklingen der Türglocke ließ sie zusammenfahren und einen flüchtigen Blick auf die Uhr werfen. Marcus war da und, wie es sich für einen Gentleman gehörte, absolut pünktlich.

Emilia geriet in Panik, denn sie hatte durch ihre Trödelei eine Menge Zeit verloren. Hektisch griff sie nach ihrer Handtasche und packte in Windeseile alles Wichtige hinein: Hausschlüssel, Handy, Portemonnaie, Lippenstift und zur Sicherheit auch ein Kondom. Eigentlich hatte sie nicht vor bereits bei ihrem ersten Date mit Marcus zu schlafen, das war nicht ihre Art. Dennoch traute sie ihren Emotionen nicht, die seit ihrer Begegnung mit ihm auf wackligen Beinen standen. Emilia hatte keine Kontrolle mehr über sie, deshalb befürchtete sie, dass sie jeden Moment in sich zusammenstürzten und sie Taten begingen ließen, die sie mit einer ausbalancierten Gefühlswelt nicht tun würde.

Ein zweites Mal betätigte er die Klingel, was die Blondine gewaltig unter Druck setzte. Sie musste schneller werden!

Sie schloss die Tasche und eilte in den geräumigen Flur, wo allerhand Familienfotos die Wände zierten. Lächelnde Gesichter reihten sich an Urlaubserinnerungen und Geburtstagsfeiern. Die Bilder waren für Emilia Familienersatz und nahmen ihr ihre Einsamkeit. Wenn die Sehnsucht nach ihren Eltern und Lilly sie zu erdrücken drohte, dann suchte sie Halt und Trost in ihrer Galerie, wie sie sie selbst nannte.

Sie hörte es zum dritten Mal Läuten, worauf verhaltenes Türklopfen folgte. Gestresst biss sie sich auf die Unterlippe, als sie die letzten drei Meter zur Haustür überwand und diese schwungvoll aufriss.

Und dort stand Marcus, mit den Händen in den Hosentaschen und gehüllt in einen schwarzen Armanianzug. Er sah verstörend gut aus. Bei diesem Anblick musste sie sich darauf konzentrieren weiterzuatmen.

„Wow, welch atemberaubende Erscheinung“, schwärmte er mit glänzenden Augen, als er eintrat und sie genaustens beäugte. „Ich bin hingerissen.“

„Lügner“, war ihr ungläubiger Kommentar. Marcus reagierte mit einem vergnügten Schmunzeln.

„Trotz deines deutlichen Einwandes bleibe ich bei meiner Aussage.“ Aus dem Schmunzeln wurde ein verschmitztes Lächeln.

„Du bist eine anbetungswürdige Frau, Emilia“, entgegnete er wahrheitsgemäß und küsste sie, ohne Umschweife, hinter ihr rechtes Ohr. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, als seine weichen Lippen fordernd ihren Hals hinab glitten und eine prickelnde Spur auf ihrer Haut hinterließen. Unwillentlich entkam ihrer Kehle ein zufriedener Seufzer, der ihre Erregung verriet. Eigentlich wollte sie sich nicht anmerken lassen, wie sehr er sie durcheinanderbrachte, doch sie machte sich selbst einen Strich durch die Rechnung.

Inzwischen war Marcus an ihrem Nacken angekommen, wo sein heißer Atem ihre Härchen reizte. Tosende Wellen des Verlangens spülten mit voller Wucht über Emilia hinweg und ließen sie erbeben.

Marcus weiß, dass ich ihm kaum widerstehen kann; dass ich ihm verfallen bin. Er genießt diesen Vorteil und ich lasse es zu, denn zu sehr gefallen mir seine Nähe, Begierde und Komplimente. Zu lange war ich allein. Zu lange habe ich auf eine romantische Beziehung verzichtet. Darum inhaliere ich liebend gerne seinen Moschusduft und gebe mich seinen sanften und berauschenden Berührungen hin. Ich brauche ihn, um mich endlich wieder lebendig und menschlich zu fühlen. Marcus ist meine Rettung aus dieser verkommenen Welt.

Erst, als er seine Berührungen stoppte, war sie wieder in der Lage klar zu denken. Emilia stand unverändert unter einer Art Schockstarre, denn sie hatte nicht erwartet, dass es so schnell zu Zärtlichkeiten zwischen ihnen kommen würde.

„Auf diesen Abend freue ich mich bereits seit Wochen“, flüsterte Marcus und suchte erneut Körperkontakt.

Obwohl bloß seine Fingerspitzen ihre linke Wange berührten, explodierte in ihr ein Feuerwerk. Marcus übte eine enorme Anziehungskraft aus, die sie in einen Sog aus Verlangen und Sehnsucht zog.

„Ich auch“, waren ihre gehauchten Worte, während ihr Blick auf seinen schmal geformten Lippen ruhte. In diesem Moment stieg der Wunsch, ihn zu küssen, ins Unermessliche, aber Emilia zögerte. Sie wollte nicht den Eindruck vermitteln leicht zu haben zu sein.

„Worüber machst du dir Gedanken, Emilia?“ Die Blondine fühlte sich ertappt. War es für ihn etwa problemlos ihre innere Zerrissenheit zu erkennen? Abwartend sah sie Marcus an, als habe sie ihm diese Frage laut gestellt.

„Du bist wegen unserer Verabredung doch nicht nervös, oder?“, sprach er die richtige Vermutung aus und warf Emilia damit aus der Bahn. Ihr vermeintliches Selbstbewusstsein, das sie vorhin vor dem Spiegel verspürt hatte, verpuffte. Dahin war die Illusion einer starken, selbstsicheren Frau.

Dennoch wollte sie nicht, dass Marcus sie entlarvte, also schüttelte sie verneinend den Kopf und hoffte ihre Lüge mit einem flüchtigen Lächeln verschleiern und somit eine Peinlichkeit abwenden zu können. Ihr Gegenüber aber bemerkte die unwillkürlichen Zuckungen ihrer Unterlippe, die ihre Unehrlichkeit verrieten.

Statt sie jedoch auf ihre offensichtliche Lüge anzusprechen, gab er ihr einen Kuss auf die zitternde Unterlippe, was Emilias Aufregung schlagartig stoppte und ihr Begehren nach ihm erhöhte.

„Glaub mir, Emilia, ich bin auch nervös.“ Marcus´ ungezwungener Umgang mit seinen Emotionen imponierte ihr und machte sie sogar ein bisschen neidisch.

„Du in diesem Kleid…“ Er stoppte seine Rede und erhaschte einen verträumten Blick auf ihre schmale Gestalt. „Dieser Anblick bringt mein Herz zum Rasen. Ich kann kaum einen klaren Gedanken fassen.“ Einen Augenblick herrschte Schweigen zwischen ihnen.

„Die Weichheit und der Duft deiner Haut sind ohnegleichen“, hängte er an und berührte ihre Schultern. „Du bist eine göttliche Schönheit.“

Seine offensiven Flirtversuche ehrten und verunsicherten sie gleichermaßen. Marcus Dubois war ein geübter Verführer, der sie an ihren Sinnen und ihrem Verstand zweifeln ließ.

„Du siehst, dass wir beide nicht wissen, was dieser Abend bringt.“ Emilia war ihm dankbar, dass er sich bemühte ihr ihre Nervosität zu nehmen, auch wenn dies, zu ihrem Bedauern, nicht sofortige Wirkung zeigte.

„Wir finden uns interessant, attraktiv und wollen einander kennenlernen. Lassen wir es einfach auf uns zu kommen, ohne Stress, ohne Druck.“

„Du hast Recht, Marcus“, stimmte sie zu, nachdem sie ein paar Mal tief durchgeatmet hatte. „Fahren wir los und sehen, was passiert.“

Ihr Gegenüber lächelte und ging voraus. Emilia schaltete noch das Licht im Flur aus und verschloss die Haustür, bevor sie ihm zu seinem Wagen, ein schwarzes zweisitziges Coupè von Jaguar, folgte. Es war ein klassisches und elegantes Modell.

„Du hast einen ausgezeichneten Geschmack“, lobte sie begeistert und schenkte ihm ein reizendes Lächeln.

„Ich hatte schon immer ein Gespür für schöne Dinge.“ Sein anschließender Blick war intensiv und bohrte sich förmlich in sie hinein. Emilia fühlte sich geschmeichelt, denn es war offensichtlich, dass seine Aussage auch auf sie bezogen war.

„Machen wir uns auf den Weg.“ Charmant öffnete Marcus ihr die Beifahrertür und ließ sie einsteigen. Anschließend nahm er hinter dem Steuer Platz, startete den Motor und fuhr los.

 

Ihr Ziel war ein edles, italienisches Restaurant in der Innenstadt von Saint Berkaine. Nachdem sie aus dem Auto gestiegen waren, führte Marcus sie in ein architektonisch beeindruckendes Gebäude. Emilias Herz ging auf, als sie den Speisesaal betrat.

Warmes, wohliges Licht durchflutete den Raum und erschuf eine romantische Atmosphäre. Die karmesinroten Kerzen auf den Tischen flackerten mystisch und warfen kleine, tanzende Schatten an die beigefarbenen Wände. Ihr gefiel das Restaurant außerordentlich gut. Es passte perfekt zu einem ersten Date.

Ein Kellner geleitete sie zu ihrem reservierten Tisch, der etwas abseits an einem Fenster stand. Marcus schritt an ihr vorbei, zog einen der Stühle vom Tisch und bedeutete ihr sich zu setzen.

Mit einem dankbaren Lächeln nahm sie Platz. Sie spürte seine Anwesenheit hinter sich, als er den Stuhl wieder heran schob. Dann beugte er sich vor und küsste ihr rechtes Schlüsselbein. Ein wohliger Schauer überfiel ihre Haut.

„Du bist wunderschön, Emilia McDermott“, flüsterte er ihr zu und berührte dabei mit seinen sanften Lippen ihr Ohrläppchen. Erregung und Lust stiegen in ihr hoch und machten sie ganz schwummrig.

Marcus entfernte sich langsam und setzte sich ihr gegenüber. Währenddessen nahm sie die weiße Stoffserviette, die vor ihr lag, zur Hand und fächerte sich unauffällig Luft zu. Sie war darum bemüht die innere Hitze zu verringern, um rot gefärbte Wangen zu vermeiden.

Der Kellner reichte ihnen schweigend die Speisekarten, ehe er nach ihrer Getränkebestellung fragte. Ihr Begleiter übernahm diese Aufgabe und orderte eine Flasche des besten und teuersten Wein des Hauses.

„Du trinkst doch Wein, oder?“, erkundigte sich Marcus sicherheitshalber, bevor er den Kellner wegschickte.

„Sehr gern sogar.“ Der Kellner nickte und verbeugte sich kaum merklich. Anschließend verließ er den Tisch, um sich um ihre Bestellung zu kümmern. Nun waren sie wieder allein.

Emilia widmete sich sogleich der Speisekarte, auf der sie ausschließlich exquisite italienische Gerichte fand. Nach dem ersten Überfliegen der Speisen konnte sie sich jedoch nicht entscheiden.

„Ich empfehle dir das Risotto mit Pancetta und Trüffel.“ Marcus war ihre Unentschlossenheit aufgefallen und wollte ihr mit seiner Empfehlung bei der Entscheidung behilflich sein.

„Warst du schon öfters hier?“ Sie stellte ihm diese Frage nicht ohne Hintergedanken. Sie wollte herausfinden, ob er möglicherweise bereits mit anderen Frauen hier gewesen war. Frauen, die er hinterher mit nach Hause genommen und verführt hatte.

„Ja, ich habe ein paar Geschäftsessen in diesem Restaurant veranstaltet und war stets mit dem Service, der Qualität der Weine und dem Geschmack des Essens zufrieden.“ Seine Antwort war sachlich und schien der Wahrheit zu entsprechen. Warum misstraue ich ihm? Es gibt keinen Grund ihm irgendwelche Hintergedanken oder sexuelle Absichten zu unterstellen. Bisher ist er ein Vorzeigegentleman gewesen, der meine Vorstellungen bei Weitem übertrifft.

„Gefällt es dir denn?“, unterbrach Marcus´ dunkle Stimme ihre Gedanken und zwang sie, sich wieder aufs Hier und Jetzt zu konzentrieren.

„Du hast eine gute Wahl getroffen.“ Seinen fragenden Blick erwidernd, hoffte sie, dass er ihr Misstrauen nicht bemerkte.

„Das freut mich, Emilia. Ich möchte unbedingt, dass du diesen Abend genießt und mir die Chance gibst dein Herz zu erobern“, beichtete er ihr mutig seinen Wunsch, trotz der Gefahr sie zu überfordern oder zu verschrecken.

„Deine Offenheit ist…ungewöhnlich.“ Marcus` Reaktion war ein argwöhnischer Blick gepaart mit einem unterdrückten Grinsen.

„Ist ungewöhnlich ein anderes Wort für verrückt?“

„Nein, nein, das sollte nicht so klingen“, antwortete sie mit fieberhafter Geschwindigkeit, um das Missverständnis klarzustellen. „Es war ein Kompliment, Marcus.“

„Da bin ich ja beruhigt.“ Ein Augenzwinkern folgte seinen Worten, was Emilia ihre Anspannung nahm.

„Ich wollte damit sagen, dass es überraschend für mich ist, wenn ein Mann ehrlich über seine Hoffnungen und Emotionen spricht.“ Die Blondine warf ihm einen verstohlenen Blick zu.

Marcus wollte etwas erwidern, als er von der Rückkehr des Kellners daran gehindert wurde. Er brachte einen Château Latour, den er in bauchige Rotweingläser goss.

„Haben Sie etwas auf unserer Speisekarte gefunden?“, erkundigte er sich, dabei fiel sein Blick zuerst auf Emilia. Diese wählte tatsächlich das Risotto, während Marcus sich für Tintenfisch an Salbeipasta mit Parmesan entschied.

„Du scheinst keine anständigen und aufrichtigen Männer zu kennen“, nahm er ihr vorheriges Gesprächsthema wieder auf.

„Ich kenne nicht viele gute Männer, denn sie sind rar gesät.“ Sie nahm einen Schluck von dem Wein, dessen Aroma köstlich war, und hing ihren Gedanken nach. Ihr Gegenüber beobachtete währenddessen genaustens ihre Gestik und Mimik, als könne er dadurch ihre Gefühlslage erörtern.

„Bin ich ein guter Mann, Emilia?“ In seiner Stimme machte sie ein leichtes Zittern aus, das seine Verunsicherung verriet. Dies veranlasste ihr Herz zu einem heftigen Sprung in ihrer Brust. Ihm war es anscheinend so wichtig, dass sie ihn für einen guten Mann hielt, dass ihn eine negative Antwort in Panik versetzte.

„Daran habe ich keinerlei Zweifel, Marcus.“ Intensiv stierte sie ihn an und sah, wie sich die Spannung seines Körpers löste. „Du lässt mich von einer besseren Zukunft träumen, Marcus“, gestand sie unverhohlen und unterstrich die Bedeutsamkeit ihrer Worte mit einem beherzten Griff nach seiner linken Hand.

„Das klingt nach einer wunderbaren Zukunft.“ Behutsam strich er mit seinem Daumen über ihren Handrücken, bevor er ihre Hand an seine Lippen führte.

„Ich werde alles daran setzen dir das zu geben, was du verdienst, Emilia. Ich werde dir die Zukunft bieten, die du dir erträumst“, versprach er in einem ernsten, festen Tonfall und gab ihr einen Handkuss. Emilia McDermott wusste im diesem Moment nicht, wo ihr der Kopf stand. Marcus´ Worte und Berührungen lösten bei ihr einen Kontrollverlust aus. Ihr Körper und Geist standen nicht mehr unter ihren Befehlen und machten, was sie wollten. Ihre Gedanken rasten, Schweißperlen traten auf ihre Stirn und ihre Hände bebten.

Die Blondine befürchtete Marcus könne etwas von diesem inneren Chaos mitbekommen und sie aufgrund dessen für wahnsinnig halten. Ihre Hand lag schließlich unverändert in seiner, da konnten ihm die Zuckungen unmöglich entgehen. Zu ihrer Erleichterung schien ihn dies weder zu interessieren, noch an ihrem Verstand zweifeln zu lassen. Marcus sah sie nur unverwandt an.

Aus den Augenwinkeln nahm sie auf einmal den Kellner wahr, der mit gefüllten Tellern an ihren Tisch kam und diesen merkwürdigen Augenblick beendete. Nachdem er die schneeweißen Teller vor ihnen platziert hatte, deutete er eine Verbeugung an und wünschte ihnen einen guten Appetit, ehe er verschwand. Der Duft des mediterranen Essens stieg ihr in die Nase und ließ ihr das Wasser im Mund zusammen. Sie hörte ihren Magen grummeln und wunderte sich über ihren Hunger, der sich plötzlich bemerkbar machte.

„Ich hoffe dir schmeckt das Risotto.“

„Wenn nicht, dann weiß ich ja, wem ich das zu verdanken habe“, neckte sie ihn und lächelte keck.

„Nun…seit unserer ersten Begegnung weiß ich, was mir blüht, wenn ich dich verärgere. Ich bin also vorgewarnt“, erwähnte er eher beiläufig ihren Faustschlag gegen ihn, als er sie auf dem Kostümball geküsst hatte. Emilias Hochgefühl verflüchtigte sich schlagartig und machte Platz für einen riesigen Kloß in ihrem Hals, der das Symptom ihres Schuldbewusstseins war.

„Ich bin nicht stolz auf meinen gewaltsamen Ausbruch, Marcus“, murmelte sie und versuchte diesen verfluchten Kloß herunterzuschlucken, mit nur geringem Erfolg. Vielleicht würde ein Löffel voll Risotto ihren Hals wieder frei machen. Umgehend nahm sie ihren Löffel, belud diesen mit Reis und begann zu essen.

„Ich mache dir diesen Schlag nicht zum Vorwurf. Er hat mir gezeigt, was für eine starke und furchtlose Frau du bist.“ Emilia musste lachen und verschluckte sich beinahe. Ihr Gegenüber beäugte sie besorgt.

„Geht es dir gut?“

„Ja, ja“, krächzte sie und trank einen Schluck Wein. „Ich musste nur lachen.“

„Worüber?“

„Über deine Einschätzung.“ Sie gluckste heiter vor sich hin und achtete nicht auf seine verblüffte Miene.

„Mein Beruf macht mich nicht automatisch stark und furchtlos. Auf den Großteil meiner Kollegen mag das vielleicht zutreffen, doch nicht auf mich. Ich bin eine Frau, die Angst vor dem verborgenen Gewaltpotenzial und der Grausamkeiten hat, die in ihr schlummern“, raffte sie sich zu einem ehrlichen Geständnis auf, das sie womöglich später bereuen würde. Emilia offenbarte ihm ihre Zweifel in ihrem Beruf und das konnte nach hinten losgehen, denn Marcus´ Begeisterung und Faszination für sie stützten sich, nach ihrer Auffassung, ausschließlich auf die Tatsache, dass sie als Auftragskillerin arbeitete. Jetzt vernichtete sie brutal sein Bild, das sich von seinem inneren Auge geformt hatte.

„Ich schäme mich für meine Taten; für das Blut an meinen Händen, das sich niemals abwaschen lässt. Heute kann ich nicht mehr sagen, was mich damals dazu berufen hat mein Studium aufzugeben und diese Hölle zu betreten.“ Emilia senkte ihren Blick. Sie wagte es nicht Marcus anzusehen und zu erkennen, welche Enttäuschung ihre Worte bei ihm auslösten.

„Mein Charakter ist schwach, Marcus, schwach, widerwärtig und erbärmlich. Es gibt keine Eigenschaft, die deiner Bewunderung würdig wäre.“ Der Ton ihrer Stimme wurde zunehmend schroffer und enthüllte ihren Hass und ihre Abscheu gegen sich selbst.

Ihm schien unterdessen langsam zu dämmern, dass sie ihm gerade ihr Herz ausschüttete und nicht im Geringsten stolz darauf war, zu was für eine Sorte Mensch sie sich entwickelt hatte.

Scheu hoben sich Emilias Lider. Sie sah einen überforderten und schockierten Marcus, der nicht so recht zu wissen schien, ob und was er entgegnen sollte.

Sie hingegen versuchte dem Verlangen zu widerstehen in Tränen auszubrechen und ihrer verzweifelten Wut über ihr Dasein Luft zu machen.

„Das Töten hat mich verändert, Marcus. Seit dem Tag, an dem ich meine Zusage zu Williams Jobangebot gab, ist aus mir ein anderer Mensch geworden; ein Mensch, der ich nicht sein will, doch dies ist die Bestrafung für meine damalige Entscheidung“, brach sie das minutenlange Schweigen.

„Aus einer fröhlichen und optimistischen Frau wurde eine Mörderin.“ Marcus reagierte mit einem bedauernden Kopfschütteln.

„Ich hatte wirklich keine Ahnung, was für eine Belastung das für dich ist. Während unserer Unterhaltung beim Kostümball hattest du dich zwar bereits negativ über dieses Thema geäußert, aber ich habe es nicht ernst genommen. Ich bin davon ausgegangen, dass du dies als Vorwand benutzt hast, um mich, nun ja…“, druckste er herum, da er wohl erneut befürchtete nicht die richtigen Worte zu wählen.

„Abzuwimmeln?“ Zustimmend nickte er.

„Nun weiß ich, dass dein Verhalten keine Taktik war, sondern die Offenbarung deiner tiefsten Gedanken, die du, wie ich vermute, keinem deiner Kollegen jemals offengelegt hast.“ Er studierte aufmerksam ihre Miene, um herauszufinden, ob er mit seiner Vernutung ins Schwarze getroffen hatte. Emilia kämpfte darum nicht zu viel von ihren Emotionen preiszugeben, was ihr unter seinem eindringlichen Blick schwer fiel.

„In meinem Beruf ist es ratsam keine Schwäche oder Bedenken zu zeigen, vor allem nicht meinem Boss oder meinen Kollegen gegenüber. Daher ist es mittlerweile Routine für mich, mich bedeckt zu halten, was meine Gedanken und Gefühle betrifft. Es ist ein Reflex; eine Art Selbstschutz“, erklärte sie mit fester, harter Stimme.

„Es ist eine Schande, dass dir ein Teil deiner Persönlichkeit, ja, deiner Seele genommen wird“, wisperte er besorgt. „Du bezahlst einen hohen Preis, Emilia.“ Nach dieser Feststellung war wieder Stille.

Marcus saß gedankenverloren vor seinem noch vollen Teller, unterdessen rührte die Blondine lustlos und bekümmert in ihrem Risotto. Irgendwann entschloss sie sich, trotz vergangenen Hungers, noch etwas zu essen. Der Reis war inzwischen jedoch deutlich abgekühlt und wollte ihr nicht mehr so recht schmecken. Schade um das gute und überaus kostspielige Essen!

Emilias Augen wanderten von ihrem Teller zurück zu ihrem Gegenüber. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie die Harmonie zwischen ihnen zerstört und in Angespanntheit verwandelt hatte. Nun schwiegen sie und glotzten auf ihre köstlichen Gerichte. Sie beschloss das Thema zu wechseln, um den Abend noch zu retten.

„Wen oder was hast du eigentlich auf dem Kostümball dargestellt?“, fragte sie neugierig und riss ihn aus seinen Gedanken. Irritiert suchte er ihren Blick und machte einen überraschten Eindruck. Es dauerte einen Moment, bis er sich gesammelt hatte und ein strahlendes, unvergleichliches Lächeln zeigte. Auch er schien erleichtert über den Themenwechsel.

„Hast du keine Idee?“ Anscheinend amüsierte ihn ihre Ahnungslosigkeit, denn sein Lächeln wurde ein Stückchen breiter.

„Ehrlich gesagt nein“, antwortete sie und versank in das ausdrucksstarke Blau seiner Augen.

„Erinnerst du dich denn noch daran, was ich an diesem Abend trug?“

„Natürlich, du hast einen eleganten, mitternachtsblauen Smoking getragen, der deinen…“ Sie brach abrupt ab. Ihre Ohren sausten.

„Der was?“

„Bitte zwing mich nicht meinen Gedanken auszuführen“, jammerte sie und sah ihn flehend an, doch sein schiefes Grinsen verriet ihr, dass er ihr diesen Gefallen nicht tun würde.

„Ich möchte unbedingt wissen, was dich beschäftigt, schöne Frau.“ Emilia spürte, wie seine schmeichelnden Worte ihr die Schamesröte ins Gesicht trieben.

„Mir ist aufgefallen, dass der Smoking deinen athletischen Körper gut zur Geltung gebracht hat“, gab sie nach. Ihrer Antwort folgte ein Lacher, der Emilias Selbstbewusstsein einen harten Schlag versetzte.

„Du brauchst dich nicht für dein Kompliment zu schämen.“

„Ich schäme mich nicht, Marcus. Ich will nur vermeiden, dass du erkennst, wie sehr…“ Sie unterbrach sich im letzten Moment selbst. Ihr war nicht wohl in ihrer Haut, als ihr Gesprächspartner sich vorbeugte.

„Emilia.“ Er wartete so lange, bis sie ihn ansah, ehe er mit seiner Rede fortfuhr. „Sprich mit mir und hör auf deine Gefühle vor mir zu verstecken. Du möchtest mich kennenlernen; mir näher kommen.“ Er unterstrich seine Worte mit einer sanften Berührung ihrer rechten Wange. Sie überfiel eine wohlige Gänsehaut. „Dafür musst du mir vertrauen und mich in dein Herz lassen. Durchdring die Mauer, die du um dich errichtet hast, um dich zu schützen.“ Seine Hand verließ ihre Wange und wanderte zu ihrem Schlüsselbein.

„Bei mir brauchst du sie nicht.“ Seine Stimme war nicht mehr, als ein heiseres Flüstern. Die Blondine zitterte und bekam einen trockenen Mund. Marcus versprach ihr etwas, worauf sie seit Jahren hoffte: Sicherheit. Endlich konnte sie sich einem Menschen öffnen. Endlich wollte jemand ihr wahres Ich sehen; hinter die abweisende Fassade blicken, die sie kaum noch aufrecht erhalten konnte.

In Emilias Augen traten Tränen der Erleichterung, die sie von ihrem inneren Druck befreien wollten, doch sie unterdrückte sie mit aller Kraft. Sie wollte nicht in der Öffentlichkeit, vor fremden Menschen, Schwäche zeigen. Also atmete die Blondine tief durch und leerte ihr Weinglas. Indes wirkte Marcus unruhig. Möglicherweise befürchtete er zu weit gegangen zu sein.

„Marcus.“ Nun war sie es, die darauf wartete, dass seine Augen auf ihre trafen. „Deine Worte geben mir Mut und Kraft.“ Sie nahm seine Hand, die sich unverändert in der Nähe ihrer rechten Schulter befand. „Ich glaube daran, dass ich mich dir öffnen und ich selbst sein kann.“ Sie machte eine kurze Pause. „Du wirst mich retten.“ Mit ihrem letzten Satz lastete sie ihm viel Verantwortung auf, dies war ihr bewusst, aber Marcus hatte ihr schließlich eindringliche Versprechungen hinsichtlich einer vertrauensvollen Beziehung gemacht. Nun musste er ihr beweisen, dass er ein verlässlicher Mann war, der sein Wort hielt.

„Ich werde dich nicht enttäuschen, Emilia“, stellte er deutlich klar, um sie zu beruhigen. Die Blondine zweifelte nicht einen Moment daran, dass er die Wahrheit sprach.

Um die Ernsthaftigkeit aus ihrer Unterhaltung zu nehmen und hoffentlich zu neckischen Anspielungen zurückzukehren, sprach sie ihr vorangegangenes Thema wieder an.

„Und verrätst du mir nun, welche Verkleidung du getragen hast?“ Sie entlockte ihm ein schalkhaftes Grinsen.

„Die Nacht.“

„Die Nacht?“ Sie machte keinen Hehl aus ihrer Verwirrung.

„Ist meine Antwort dermaßen verwunderlich?“ Seine Augen hingen an ihr, wie ein Schatten, was ihren Puls schlagartig erhöhte.

„Nun ja, versteh mich nicht falsch, aber die Nacht ist weder gut, noch böse“, äußerte sie verhalten, da sie befürchtete ihn zu verärgern.

„Sei nicht so vorschnell, Emilia. Hinter der Nacht verbirgt sich viel mehr, als du vermutest.“

„Inwiefern?“ Sie stützte ihr Kinn auf ihre rechte Hand.

„Die Nacht ist ruhig und wunderschön, doch sie ist ebenso hässlich, abscheulich und gefährlich.“ Er genehmigte sich einen Schluck Rotwein, wobei er sie über sein Glas hinweg eingehend betrachtete.

„Wie die Menschheit“, antwortete sie melancholisch.

„Ein weiser Gedanke, Miss McDermott.“ Er nickte anerkennend. „Wir sind also bei den philosophischen Fragen angekommen.“

„Es scheint so“, murmelte sie. „Und dies bringt mich dazu dich zu fragen, was dich genau mit William verbindet.“ Während ihre Stimme ungewollt an Lautstärke zunahm, erstarrten seine Gesichtszüge zu purem Eis.

„Wenn du wissen möchtest, ob ich Menschen töten lasse, dann frag mich bitte direkt. Dieses Unterschwellige kann ich nicht ausstehen“, brach es ungeniert und explosionsartig aus ihm heraus.

Sein strenger Ton und seine harte Miene erschreckten sie im ersten Moment und machten sie bewegungsunfähig. Bisher hatte Marcus ihr nur seine charmante und aufmerksame Seite gezeigt. Jetzt präsentierte er ihr eine Facette, die demonstrierte, dass er ebenso kaltherzig und grausam sein konnte. Er war wie die Nacht.

Emilia wurde unbehaglich. Aus heiterem Himmel bildete sich ein schwerer Klumpen in ihrem Magen und löste Übelkeit in ihr aus. Sie konnte spüren, wie sie leichenblass wurde.

Marcus` Augen huschten in der Zwischenzeit zu ihr herüber. Ihr verängstigter Gesichtsausdruck entging ihm nicht und schien ihn wachzurütteln, denn seine Muskeln entspannten sich und seine Miene zeigte Milde.

„Es tut mir Leid, Emilia, ich wollte dich nicht anfahren, sondern dir bloß klar machen, dass du bei mir nicht drum herum reden musst“, begründete er reumütig. „Und um auf deine Ausgangsfrage zu antworten: ich gebe zu, dass ich William vor ein paar Jahren das erste Mal kontaktierte, um mich genauer über seine Dienstleistungen zu informieren.“

„Du hast also in Betracht gezogen jemanden ermorden zu lassen“, schlussfolgerte die blonde Killerin.

„Ich habe William niemals einen Mordauftrag gegeben“, stellte er mit Nachdruck klar. „Ich habe nur hin und wieder einen seiner Mitarbeiter gebraucht, um bestimmten Menschen in meinem beruflichen Umfeld deutlich zu machen, dass ich ein ernstzunehmender Konkurrent bin, der sich aus der Investmentbranche nicht verdrängen lässt.“ Dieses Thema schien Marcus aufzuregen und negative Erinnerungen in ihm hochkommen zu lassen, denn ihn befiel eine Wut, die er kaum kontrollieren konnte. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, sein Atem ging stoßweise. Kurzerhand legte sie ihre Hände auf die bebenden Fäuste, die sogleich ihre Bewegungen einstellten.

„Du brauchst mir deine Beweggründe nicht zu erklären, Marcus. Ich bin die Letzte, vor der du Rechenschaft ablegen musst.“ Emilia lächelte aufmunternd und drückte sanft seine Hände. Mit einem Mal war für sie sein Ausraster vergessen. Zorn war menschlich und befiel jeden. Wie komme ich dazu ihn zu verurteilen, obwohl ich eine Killerin bin? Er ist ein Gentleman, dennoch überwältigen auch ihn manchmal seine Emotionen. Niemand ist unfehlbar. Ich kann ihm nicht vorwerfen ein Mensch zu sein.

„Wir machen alle Fehler. Wir treffen nicht immer die richtigen Entscheidungen, sind nicht perfekt und müssen die Seiten an uns akzeptieren, die wir selbst nicht mögen oder uns Furcht einflößen“, schilderte sie ihm ihre Ansicht der Dinge.

Sie konnte sehen, wie sich daraufhin sein erhitztes Gemüt langsam beruhigte und er seine geballten Hände löste.

„Am Besten essen wir erstmal unser bereits unterkühltes Essen und kommen zur Ruhe, bevor wir uns erneut mit schwierigen und komplizierten Themen auseinandersetzen“, war ihr Vorschlag, der hoffentlich Früchte trug.

„Du hast Recht.“ Ihr Gesprächspartner zog seine Hände zurück und widmete sich seinem Teller. Auch sie aß weiter und zwang sich das eiskalte Risotto herunter. Angewidert verzog sie das Gesicht und bereute es bitter das Essen stehen gelassen zu haben, besonders, als der Kellner an ihren Tisch zurückkehrte und sich fast schon nervös danach erkundigte, ob das Essen schmecke. Vermutlich hatte er ihre noch gut gefüllten Teller erspäht und befürchtete nun schlechte Kritik.

„Es ist vorzüglich“, gab Marcus höflich lächelnd zur Antwort und gebar ihm mit einer Handbewegung, dass er gehen könne.

„Vorzüglich schmeckt es also.“ Emilia prustete los. Ausgelassen ließ sie ihrem Gelächter freien Lauf, in das er irgendwann mit einfiel. Was war das für ein Gefühl nach dieser Unterhaltung herzhaft lachen zu können!

Als das Lachen der Blondine mit der Zeit zu einem leisen Kichern wurde und letztendlich erstarb, riskierte sie einen Blick in Marcus´ Richtung. Dieser saß lässig zurückgelehnt auf seinem Stuhl, die Spur eines verträumten Schmunzelns auf den Lippen.

„Woran denkst du?“ Er sah sie an.

„An einen unvergesslichen Kuss mit dir, Emilia McDermott.“ Ihr Herz pochte unbändig, als sie diesen Satz hörte.

„Er wird der krönende Abschluss für diesen Abend sein“, kündigte er an, als sei er sich ganz sicher, dass es zu diesem Kuss kommen würde.

„Sie sind ja sehr optimistisch, Mr. Dubois, wenn nicht sogar hochmütig“, entgegnete sie gespielt schnippisch und schürzte ihre Lippen. Lange hielt sie diese Maskerade jedoch nicht durch und giggelte drauflos.

„Du wirst sehen, dass ich Erfolg haben werde.“ Marcus war dermaßen von sich überzeugt und sprach mit solch einer Selbstsicherheit und Leidenschaft, dass er sie beinahe nur mit purer Willenskraft dazu verführte seinem Vorhaben tatsächlich nachzugeben.

„Warten wir ab“, flüsterte sie dennoch mehr zu sich selbst, als zu ihm. Seine blauen Augen hingen noch eine Weile an ihr, ehe sie auf seinen Teller zurückschweiften.

Der Rest des Dinners verlief mit weniger Anspannung und aufgeladenen Emotionen, sodass Emilia sich rundum wohlfühlte und fast schwebte vor Glückseligkeit. Ihr jetziger Zustand erinnerte sie an den Tag in ihrem Leben, an dem sie das erste und letzte Mal einen Joint geraucht hatte. Damals war sie erst wenige Monate an der Universität und dachte, dass das Kiffen ihr den Stress nehmen würde und tatsächlich hatte sie amüsante, sorgenfreie Stunden erlebt. Am nächsten Morgen hatte sie jedoch die Nebenwirkungen zu spüren bekommen und entschlossen die Finger von dem Zeug zu lassen…

Die Blondine stoppte ihre Erinnerungen, als sie beobachtete, wie Marcus den Kellner an ihren Tisch kommen ließ und die Rechnung beglich. Dies war das Zeichen, dass sie gleich aufbrechen würden und dann würde sich zeigen, ob Marcus seine Prophezeiung wahr machte.

 

Der Weg zurück zu ihrem Haus empfand Emilia als deutlich kürzer, als die Fahrt zum Restaurant. Je näher sie ihrer Straße kamen, desto nervöser wurde sie. Mit aller Macht musste sie den Drang unterdrücken an ihren Fingernägeln zu kauen. Wie sie ihre infantile Marotte hasste!

Möglichst unauffällig linste sie zu Marcus herüber und war erleichtert, denn er schien ihre Unruhe in keinster Weise wahrzunehmen. Seine ganze Konzentration galt dem Parken seines Jaguars vor ihrem Haus.

Als er den schnurrenden Motor abschaltete, wurde es totenstill um sie herum. Ihr Herzschlag beschleunigte sich augenblicklich und pochte dermaßen laut, dass sie befürchtete, Marcus könne es hören. Wir haben uns bereits geküsst, warum macht mich dann der Gedanke, dass unsere Lippen sich berühren, beinahe wahnsinnig?

Wie erstarrt und bleich saß sie auf dem weichen Ledersitz und biss auf ihre Unterlippe. Unterdessen stieg Marcus aus, schritt zur Beifahrerseite und öffnete ihr galant die Tür.

„Sicher Zuhause angekommen“, wisperte er und hielt ihr seine linke Hand entgegen. Sein warmer Atemhauch streifte ihren Nacken, was ihr ein schmerzhaftes Schütteln entlockte.

Schweigend nahm sie seine Hand und ging, mit schlotternden Knien, zur Eingangstür. Die Verandalampe über ihnen schaltete sich augenblicklich an. Sogleich hefteten sich ihre blauen Augen an sein aristokratisches Gesicht. Seine Miene strahlte eine beneidenswerte Gelassenheit aus, indes fragte sich Emilia, ob ihre Verunsicherung für ihn an irgendeinem Zeichen ihres Körpers ersichtlich war.

„Es war ein schöner Abend“, sagte er, sich ihr langsam nähernd. „Ich durfte dich besser kennenlernen und bisher unbekannte Seiten an dir entdecken.“

„Manche Seiten hätte ich am Liebsten unter Verschluss gehalten, Marcus. Es sind die Seiten, die du niemals sehen solltest“, legte sie ihm kurz aufseufzend offen.

Diese Seiten machen dich zu der außergewöhnlichen Frau, die mich in ihren Bann zieht, Emilia.“

Die blonde Killerin war gerührt von seinen Worten, die sie mitten ins Herz trafen. Ihre ausgehungerte Seele nährte sich gierig an seinem ehrlichen Interesse und der Begeisterung für sie. Sanftmütig lächelnd hob sie sich auf die Zehenspitzen, um seine Lippen zu erreichen. Ihre tierische Panik war wie weggefegt. Nun war letztendlich sie es, die seine Vorhersagung erfüllte und nicht er selbst.

Nach kurzer Zeit intensivierte Marcus den Kuss und umschlang ihre Taille. Fest presste er sie an sich, als wolle er sie nie wieder verlassen, weil sein Platz an ihrer Seite war. In diesem Moment wünschte sich Emilia McDermott sehnlichst, dass dies zur Wirklichkeit wurde.

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