Prolog


Aufmerksam beobachtete die junge Frau den Mann vor ihr. Seine grünen Augen starrten voller Konzentration auf die vielen Bildschirme, die sich auf einem großen Schreibtisch türmten. Sie selbst konnte nur unendliche Zeilen von Code lesen, die keinen Sinn ergaben, doch sie wusste, für ihn lag in diesen Zeilen eine ganz andere, verständliche Welt.

„Alles klar", sagte der junge Mann schließlich und drehte sich freudig grinsend zu ihr um: „Ich habe zum fünften Mal alles überprüft. Wir sind fertig. Dein Alibi steht. Alles ist bereit."

Sie lächelte ihn unsicher an. Seit sie sich vor zwei Jahren hilfesuchend an Mint Eye gewendet hatte, war er für sie so etwas wie ein Bruder geworden. Eine stetige Konstante in ihrem Leben. Nichts übertraf ihre Liebe für die Retterin, aber es war Saeran, der ihr das Gefühl gab, wirklich ein Zuhause zu haben. Das ganze letzte Jahr über hatte sie mit ihm zusammengearbeitet, um ein streng geheimes Projekt für ihre Retterin auszuführen. Sie hatte sich zum ersten Mal in ihrem Leben nützlich gefühlt. Sie war glücklich, obwohl ihre Arbeit am Projekt sie daran hinderte, das Magenta zu sehen. Es machte ihr nichts aus. Menschen brauchten sie, Menschen liebten sie, das war alles, was für sie zählte.

Saeran kramte in einer Schublade seines Schreibtisches, dann reichte er ihr fünf Akten: „Hier. Das sind ein paar grobe Informationen über die Mitglieder der RFA."

Interessiert nahm sie die Akten entgegen. Obwohl sie schon so lange an dem Projekt mitgearbeitet hatte, hatte sie bis zum heutigen Tag noch kein einziges Foto von den Zielpersonen gesehen. Ihre Hauptaufgabe hatte tatsächlich darin bestanden, das normale Leben eines normalen Studenten an einer normalen Universität zu führen. Ein Jahr lang hatte sie Kurse an der Uni besucht, gelernt, Klausuren und Hausarbeiten geschrieben und gleichzeitig immer mit Saeran in Kontakt gestanden, um weiter an ihrer gefälschten Persönlichkeit zu arbeiten.

Saeran deutete auf die erste Akte: „Das da ist Hyun Ryu. Hübsches Gesicht, mh? Er selbst nennt sich Zen und ist unter dem Namen als Schauspieler bekannt."

Aufmerksam betrachtete sie das Foto, das auf der ersten Seite der Akte sichtbar war. Hyun war in der Tat ein unwahrscheinlich attraktiver Mann. Nachdenklich blätterte sie durch die Informationen: „Scheint, als wäre er sehr von sich selbst eingenommen?"

„Volltreffer", nickte Saeran: „An ihn dürftest du leicht rankommen, wenn du ihm einfach immer Komplimente machst. Alles easy."

Er bedeutete ihr, die nächste Akte aufzuschlagen: „Das da ist Yoosung Kim. Er sollte dein erstes Zielobjekt sein."

Wieder studierte sie das Bild genau. Yoosung grinste breit, die Haare blondiert, eine Hand zum typischen Peace-Zeichen erhoben. Er wirkte jung und naiv und süß: „Wie ein Welpe."

Laut lachte Saeran auf: „Ja, kommt hin. Der Junge ist völlig durch den Wind. Er ist ein Cousin unserer Retterin und ist auf die Lüge hereingefallen, dass sie tot ist. Darüber kannst du ihn kriegen. Sei einfach wie unsere Retterin und er wird dir hinterherlaufen wie ... wie ein Welpe."

Grinsend schloss sie Yoosungs Akte. Das sollte ein Kinderspiel werden, in der Tat. Sie wusste, dass sie niemals wie die Retterin sein konnte, aber es lag in ihrer Natur, sehr freundlich und verständnisvoll zu sein. Wenn Yoosung sich genau danach sehnte, würde er ihr bald aus der Hand fressen.

Sie öffnete die nächste Akte, überrascht, dass ihr das Bild einer Frau entgegen starrte. Kurz blickte Saeran darauf, dann erklärte er: „Jaehee Kang, Assistentin von Jumin Han, einem reichen Firmenerben. Sie ist de facto ein Roboter. Sie tut alles für ihren Boss und würde ihm niemals widersprechen. Das einzige, womit man sie auftauen kann, ist Zen. Scheint ein riesiger Fan von ihm zu sein. Ansonsten ist sie vermutlich die langweiligste Frau auf der Welt. Sie ist unwichtig, also kannst du sie vorläufig ignorieren."

Rasch schloss sie auch diese Akte wieder. An eine Frau heranzukommen, würde sowieso schwieriger werden als an die Männer. Es war gut, dass sie diese Jaehee erst einmal ignorieren konnte. Neugierig blickte sie auf das nächste Foto.

„Das ist besagter Jumin Han", sagte Saeran und blies sich einige Strähnen seines weißen Haares aus den Augen: „Er ist der Sohn vom Gründer von C&R International, einer riesigen, international operierenden Firma, die ihre Finger gefühlt überall drin hat. Er ist genauso ein Roboter wie seine Assistentin, unfassbar langweilig der Kerl. Versteht keinen Spaß. Stock im Arsch. Und er hat nen Katzen-Fetisch. Auf der nächsten Seite", Saeran blätterte für sie um, „findest du ein Foto von seiner Katze. Er hat sie Elisabeth die Dritte genannt. Sagt genug über ihn aus, meinst du nicht?"

Laut lachte sie los. So etwas Bescheuertes hatte sie in der Tat noch nie gehört. Beinahe freute sie sich darauf, ihm schöne Augen zu machen. Wer wusste, wie so ein Bübchen darauf reagieren würde?

„Und zu guter Letzt", verkündete Saeran und etwas in seinem Tonfall ließ sie aufhorchen: „Saeyoung Choi alias 707 alias Seven. Der Hacker für die RFA. Der Typ ist völlig durchgeknallt, ein skrupelloser Hacker, der vor Nichts und Niemandem Respekt hat. Er wird es sein, der deine Hintergrundgeschichte überprüfen wird. Deswegen der ganze Aufwand das letzte Jahr. Seven ist gut, wirklich gut. Stell dich gut mit ihm, damit er nicht zu genau hinschaut, okay?"

Ihr wurde kalt. Saeran hatte ihr schon zuvor gesagt, dass ein Hacker für die RFA arbeitete, doch die Worte, mit denen er diesen Mann beschrieb, jagten ihr eine Gänsehaut über den Rücken. Wenn er wirklich so gut war, würde ihre Tarnung standhalten? Sie verstand sofort, dass es überlebensnotwendig war, sein Vertrauen zu gewinnen.

„Also, das sind alle", sagte Saeran schließlich, sein Tonfall nun wieder sachlich: „Wenn du an Yoosung rangekommen bist, werden wir dir die nächste Person nennen. Ich denke mal, dass V auch auftauchen wird, aber mit ihm hast du vermutlich wenig Kontakt. Er lässt sich selten blicken."

Bei der Erwähnung von V flammte augenblicklich lodernder Hass in ihr auf. Sie konnte nicht glauben, dass es einen Menschen auf der Welt gab, der so grausam war wie dieser Mann. Was er der Retterin angetan hatte, war unverzeihlich. Und dass sie trotzdem noch in der Lage war, fröhlich zu sein, zu strahlen, für alle ein offenes Ohr zu haben und das Magenta zu erschaffen, war einfach nur bewundernswert. Die Tatsache, dass ihr Auftrag dazu diente, Rache an V zu üben, erfüllte sie mit grimmiger Entschlossenheit und Stolz. Er nutzte die Mitglieder der RFA aus und sie würde diejenige sein, die allen Erleuchtung bringen würde, direkt unter seiner Nase. Sie würde dafür sorgen, dass die Mitglieder der RFA V den Rücken kehrten und sich Mint Eye anschlossen, um auch das Magenta sehen zu können.

Tief atmete sie durch. Sie wusste, alles hing von ihrer Glaubwürdigkeit am ersten Tag ab. Sie musste die Lüge, die sie sorgfältig erschaffen hatten, überzeugend rüberbringen.

„Hey", riss Saeran sie aus ihren Gedanken. Langsam trat der schlaksige junge Mann auf sie zu und zog sie in eine feste Umarmung: „Alles wird gut. Wenn sie dir nicht glauben, dann kannst du einfach wieder gehen."

Dankbar erwiderte sie die Umarmung: „Davor habe ich nicht mal so viel Angst. Aber ... ich werde ganz alleine sein. Die letzten zwei Jahre war ich immer bei euch, bei dir. Und sobald ich die alte Wohnung der Retterin betrete, kann ich keinen Kontakt mehr zu euch haben. Keine Telefonanrufe, keine Besuche."

Mitfühlend streichelte Saeran ihr durch ihre langen, braunen Haare: „Ja, das stimmt. Seven wird dein Telefon sicher hacken und all deine Aktivitäten tracken. Es wäre zu gefährlich, wenn du damit einen von anrufst. Und ein zweites Handy zu haben, wäre auch auffällig. Du bist auf dich alleine gestellt. Ich verstehe deine Sorge."

Sie verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. Saeran verstand sie. Es war ein gutes Gefühl, dass zumindest ein Mensch in ihrem Leben sie so verstand, wie er es tat, und sie war der Retterin dankbar, dass sie diesen Menschen in ihr Leben gebracht hatte. Eines Tages würde sie belohnt werden und am Magenta teilhaben können, doch bis dahin würde sie ihre Seele und ihren Körper in die Dienste von Mint Eye stellen.

Langsam schon Saeran sie von sich weg. Mit ernstem Gesichtsausdruck wiederholte er die Worte, die sie inzwischen schon tausend Mal gehört hatte: „Also, vergiss nicht: Du bist Soojin Park. Irgendjemand hat dein Handy gehackt und danach war die Messenger App drauf. Über die App wurdest du von einer unbekannten Person kontaktiert, die dich gebeten hat, den Besitzer eines Handys, das er gefunden hat, für ihn ausfindig zu machen. Du bist seiner Aufforderung nachgekommen und hast sogar nach einigem Zögern den Code am Zahlenschloss zur Wohnung eingegeben. So bist du in die Wohnung gelangt. Als du das Arbeitszimmer betreten hast, ging plötzlich ein Chatroom auf und so landest dann bei der RFA."

Sie nickte bei jedem Satz. Sie kannte ihre Tarnung in- und auswendig, aber sie wusste, dass es Saerans Aufgabe war, sie wieder und wieder daran zu erinnern. Alle Schuld an ihrem Eindringen in die Wohnung musste auf die unbekannte Person, auf den unbekannten Hacker geschoben werden. Sie gingen davon aus, dass Seven sich auf ihr Handy aufschalten würde, um dort nach Spuren des Hackers zu suchen, und von dort würde ihn eine gefälschte Spur ins Nichts führen.

„Ich bin bereit", flüsterte sie dann. Sie wusste, sie war so bereit, wie sie es nur sein konnte. Sie hatte eine Mission. Nichts und niemand würde ihr in die Quere kommen.

Sie würde diese Mission erfüllen. Für Mint Eye. Für die Retterin.

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