Mein Bildschirm blinkt: "Kommst du noch mal kurz mit raus bevor ihr fahrt?" Ich muss unwillkürlich lachen, wie den ganzen Tag schon, wenn ich seinen Namen auf meinem Handy aufleuchten sehe. "Ok". Er geht vor und ich folge ihm mit einem Sicherheitsabstand der total unnötig ist. Die anderen schauen uns hinterher. Sie wissen Bescheid. Wir haben uns nicht besonders gut vor ihnen versteckt in den letzten Tagen. Draußen ist es kühl, aber mein Gesicht brennt von innen. Wir gehen um die Ecke, weg von der Straße und er zündet sich eine Zigarette an. ER raucht nicht, und das finde ich auch gut so. Aber wir reden nicht über IHN. Wir reden auch nicht über SIE. Ich weiss, dass SIE existiert, weil er raus geht, wenn sein Telefon klingelt. Er weiß, dass es IHN gibt, weil ich den Bildschirm meines Handys von ihm wegdrehe, wenn ich schaue wie spät es ist. Wir reden nie über sie, auch, wenn wir das vielleicht tun sollten. Er steht ganz nah bei mir und ich will ihn so gerne berühren. "Kannst du nicht noch bleiben?" fragt er. "Ich weiß nicht wie." Ich bin hilflos und er zuckt mit den Schultern. "Ich auch nicht, aber es wäre wirklich schön." Er zieht an seiner Zigarette und der Rauch verschwindet ins Nichts, wie unser eigentliches Leben, dass zu Hause auf uns wartet. "Ich will etwas ausprobieren", sage ich und lege meine Hände auf seine Brust, ganz vorsichtig, so dass er es vielleicht gar nicht merkt. Mir ist schlecht vor Aufregung, als ich ihn küsse, und ich bin dabei genauso vorsichtig wie mit meinen Händen. Weil ich so klein bin denke ich mir, dass ich ganz schön verzweifelt aussehen muss, wie ich so zu ihm hochsehe und ihn erwartungsvoll anschaue. Er lächelt und nimmt mein Gesicht in seine Hände und küsst mich zurück, langsam und zögernd aber genauso, wie ich es mir vorgestellt habe. Sein Bart kitzelt und er schmeckt nach Abenteuer. Mein Körper schmiegt sich an seinen und für einen Moment denke ich nichts außer…"Wow", sagt er, als er sich von mir löst. Ich muss lachen aber im gleichen Moment schießen mir Tränen in die Augen. Er streicht mir über die Wange. "Nicht traurig sein, Kleines". "Ich muss los", sage ich. Er umarmt mich fest und flüstert "Ich vermiss dich schon". Ich drücke ihm noch einen Kuss auf die Wange und drehe mich um. Als wir zu den anderen zurück gehen ist alles wie immer. Ich verabschiede mich von ihnen und als ich an ihm vorbei gehe hält er meine Hand für einen Augenblick so fest, als hätte er einen Weg gefunden, dass ich da bleiben kann. Aber als ich ihn anschaue weiss ich, dass das nur ein Traum bleibt und so gehe ich, schweren Herzens, ohne mich noch einmal umzudrehen zu IHM zurück.

Comments

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    Auch von mir ein herzliches Willkommen, finde deinen Text echt gut geschrieben.

  • Author Portrait

    Toll geschrieben! Man kann ihre Gefühle nachvollziehen, fast spüren! Guter Stil! Willkommen auf Bellatristica!

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