Strophe 5: "Die Gaukler und Seelenverkäufer"

Akrobat
Du hast sie gesehn
Die Gaukler und Seelenverkäufer.
Akrobat
Du kannst sie verstehn
Die heimlichen Sünder und Säufer.
Akrobat
Hoch oben im Zelt
Du hast immer dein Bestes gegeben.
Akrobat
Was kostet die Welt ?
Du zahlst mit dem letzten Schluck Leben.

aus "Akrobat" von Heinz Rudolf Kunze

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Das gerade neu begonnene Jahr lief in den folgenden Monaten wie ein Uhrwerk an Renard vorbei. Inzwischen sah er seine Kunst als Arbeit an, sein Training als die geforderte Leistung, die Auftritte als seinen Job. Connelly lachte über ihn, wenn er von seinen Gedanken erzählte, doch im Stillen gab er dem Akrobaten recht. Die Show pragmatisch zu sehen, mochte für die Seele eines Mannes gesund sein. Noch nie war dem Iren bisher ein derartig disziplinierter Artist begegnet. Dennoch tat ihm der Franzose auch leid. Inmitten des bunten, lebensfrohen Volks der Show hob sich der neue Denker einsam ab.
Den Erfolgen in Moskau folgten Gastspiele in Peking und Soul. Als sie im Herbst nach Tokio übersiedelten und der Trapezkünstler immer stiller wurde, je weiter er sich von Frankreich entfernte, überreichte ihm Connelly eines Abends ohne große Worte ein Ticket.
„Hol sie dir für zwei Wochen her, wenn du schon nicht zu ihr kannst“, riet er dem überraschten Renard, schlug ihm wohl auch freundschaftlich auf die Schulter und ging grinsend davon.
Dass ein solches Privileg unerhört war, dass es vollkommen aus dem Rahmen fiel, warum hätte Patrice sich darüber Gedanken machen sollen? Er konnte Celia bei sich haben, was die Anderen darüber dachten, war nicht sein Problem.
Sie kam knapp drei Wochen später und er war glücklich. Die wenigen gemeinsamen Tage kosteten sie bis zur letzten Neige aus und erst, als sie längst wieder im Flieger nach Paris saß, fiel dem Akrobaten auf, dass sich die Gemeinschaft der Künstler beinahe geschlossen von ihm distanzierte. Er hatte etwas bekommen, was man ihnen nicht zugestehen wollte. Connelly hatte ihn vor allen anderen vorgezogen, ihn gar ausgezeichnet. Hinter der vorgehaltenen Hand nannte man ihn schon „des Alten Lieblingssohn“.
Brian Connelly schließlich entschuldigte sich bei ihm. Im Nachhinein hätte die langjährige Erfahrung des Maestros mit dem fahrenden Volk ausreichen müssen, um vorauszusehen, wohin sein Geschenk an Renard führen musste. Doch er mochte den Franzosen und hatte nicht lange darüber nachgedacht, bevor er ihm den Flugschein besorgt hatte.
Dem Akrobaten selber war das Ganze nicht viel mehr als ein Schulterzucken wert. Er hatte, und das wusste Connelly, längst Pläne für die Zeit nach der Show gemacht. Wenn sie ihn jetzt mieden, würde der Abschied noch einfacher sein.
Und dann, erneut kurz vor dem Jahreswechsel kam Celias Anruf, der alles noch klarer erscheinen ließ.
Seit ihrer Rückkehr aus Tokio war es ihr wieder und wieder übel gewesen, hatte sie sich übergeben müssen und viel zu viel geschlafen.
Zuerst hatten sie beide an eine Reiseinfektion gedacht, einen Virus, einen tropischen Keim, doch nun stand sicher fest, dass etwas ganz anderes diese Veränderungen verursachte. Celia war schwanger.
Hätte man Renard ein Jahr zuvor gesagt, dass er sich bei dem Gedanken, Vater zu werden, freuen würde, er hätte dem Redner einen Vogel gezeigt und wäre lachend davon gegangen. Doch nun war es so und auf eine unerklärliche, ruhige Art war Patrice glücklich. Celia, ein Kind, das alles kam ihm so richtig vor, dass er keinen Platz für Zweifel offen ließ.
Diese unschuldige Freude über eine Begebenheit ganz außerhalb der Show brachte ihn auch den Kollegen wieder näher. Vielleicht war er etwas sonderbar, aber doch kein so übler Typ, gar kein so übler Kerl.
Wenn sie ihn darum gebeten hätte, vielleicht wäre Renard sofort bei Shadows ausgestiegen. Doch so war Celia nicht. Sie wusste, dass er den Abschluss brauchte, fühlte sich auch stark genug, noch eine Zeitlang auf ihn zu warten.
Also schloss er sich wie geplant der Nordamerikatournee an. New York, Las Vegas. In Vancouver würde er Shadows of Moon dann endgültig verlassen und nach Paris heimkehren.
Sie telefonierten, mailten und weil es Celia und dem Kind gut ging, fühlte sich auch Renard zufrieden und glücklich.

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