Tanz mit dem Dämon

Eine ungeheure Schwäche hat von Priska Besitz ergriffen. Marlene ist ein Dämon, der mit Engelszungen spricht. Trotzdem ist Priska geneigt, sich von ihren säuselnden Worten einlullen zu lassen. Sie ist so unsagbar müde. Zu müde sogar, um Angst zu verspüren. Allein die Liebe zu ihrer Tochter hält ihren Lebenswillen aufrecht. Bevor sie sich dem Tod zuwendet, der neben ihr geduldig auf seinen Einsatz wartet, wirft sie einen Blick in den Innenspiegel. Statt Elenas Augen begegnen ihr die des Geistermädchens. Eleonore hockt mit angezogenen Beinen neben dem Kindersitz. Die Arme hat sie um die Knie und ihre Puppe geschlungen. In einer wiegenden Bewegung schaukelt sie vor und zurück. Als wolle sie sich selbst beruhigen. Ihre Mimik kann Priska nicht recht deuten. Die Gesichtszüge des Gespensterkindes sind verschwommener als die letzten Male. Nur ihre dunklen Augen stechen hervor. Und sie sind angsterfüllt. Elena dagegen hat noch immer ihre Hände vorm Gesicht. Ob zum Schutz vor den Fliegen oder aus schierer Verzweiflung, vermag Priska nicht zu sagen. Soviel leichter wäre ihr ums Herz, wenn sie das Kind in Sicherheit wüsste. Instinktiv greift Priska nach hinten. Sie bekommt Elenas rechten Unterschenkel zu fassen und drückt ihn sachte. Ihre Tochter anzusprechen, traut sie sich nicht. Und was soll sie schon sagen: »Du brauchst keine Angst zu haben. Alles ist gut.« Nein, solche Worte helfen jetzt nicht. Sie würden alles nur noch schlimmer machen. Nichts ist in Ordnung. Inständig hofft Priska, dass Elenas Kinderseele unversehrt aus diesem Grauen hervorgeht.

»Deiner Tochter wird nichts geschehen, Priska. Das versichere ich Dir. Es ist nicht ihr Kampf. Noch nicht.« Marlenes Strahlen ist einnehmend wie das einer Hollywooddiva. Makellose, weiße Zahnreihen. Damit könnte sie für Zahnpasta werben. Der Junge auf Marlenes Schoß sieht aus wie tot. Priska muss schon genau hinsehen, um zu erkennen, dass sein Brustkorb sich sachte hebt und senkt. Eine Fliege krabbelt träge über seine blassen Lippen. Auch ihre Artgenossinnen sind zwar nicht weniger, aber ruhiger geworden. Sie sitzen überall. An der Windschutzscheibe, auf den Türgriffen, dem Schalthebel, am Innenspiegel und natürlich auf den vier Insassen. Das Geistermädchen ausgenommen. Es scheint so, als würden die Insekten auf etwas warten.
»Wer ist dieses Kind?«, fragt Priska unverblümt. Die Zeit des Schmierentheaters ist vorüber. Es gibt keinen Grund mehr, sich gegenseitig etwas vorzuspielen.
»Eine erste Anzahlung. Zur Begleichung der alten Schuld.« Beinahe zärtlich streicht Marlene dem Jungen eine blonde Haarsträhne aus dem weißen Gesichtchen. Sie macht dabei jedoch keine Anstalten, die penetranten Fliegen zu verjagen, welche ihn in Beschlag genommen haben wie ein Stück gammliges Fleisch. Sie hebt den Kopf und blickt Priska unverwandt an. Die Augen der Dämonin sind inzwischen so schwarz, dass Priska nicht einmal mehr die Pupillen erkennen kann. »Doch den größten Anteil dieser Schuld wirst du abgelten, Priska.« Marlenes selbstgefälliges Lächeln ist noch breiter geworden.

Priska spürt, wie ihre Angst einer unbändigen Wut weicht. Glaubt Marlene wirklich, sie ließe sich wie ein argloses Lamm zur Schlachtbank führen?
»Was soll das für eine Schuld sein?« Kaum haben die Worte Priskas Mund verlassen, da muss sie an ihren Traum von letzter Nacht denken. Ihr Gefühl sagt ihr, dass es die schwarze Frau ist, die hier die Fäden zieht und Marlene nicht eigenmächtig, sondern in ihrem Auftrag handelt. Hat dieses angebliche Schuld etwas mit Ranieri zu tun? Doch ein Zusammenhang mit ihm und der Spukgestalt aus dem alten Haus existiert doch nur in ihren Träumen. Oder? Priska schafft es nicht, die Gedankenfetzen zu sortieren, die in ihrem Kopf wild durcheinanderwirbeln. Sie weiß, dass sie unter Schock steht. Ihr Körper ist wie gelähmt, während ihr Hirn krampfhaft nach einem Ausweg sucht. Ein weiterer Gedankenschnipsel taucht vor ihrem geistigen Auge auf und hält kurz inne. Was hatte die Nichtnixe im Antermoiasee gefordert? Sie sollen erst die Verrückte und ihre Schergen loswerden? Inzwischen ist Priska sicher, dass damit die schwarze Geisterhexe gemeint war sowie die Kreaturen, die Priska des nächtens heimsuchen. Und hatte sie nichts von einem alten Pakt gesagt? Doch auch dieses Zusammentreffen hat lediglich im Traum stattgefunden. Einen Wimpernschlag lang fragt sich Priska, ob sie nicht auch jetzt, in diesem Moment, in Morpheus Armen liegt und gleich aufwachen wird. Wenn sie das hier überlebt, braucht sie dringend einen Anker. Irgendetwas, das ihr dabei hilft, Schlaf und Wachzustand zu unterscheiden.
»Weißt du das wirklich nicht, Priska?« Sanfter Tadel liegt in Marlenes Stimme. Sie klingt wie eine Mutter, die ihr ungehorsames Kind mit freundlicher Autorität zur Raison bringen will.
Priska schüttelt stumm den Kopf und starrt auf die beiden Fliegen, die gerade den kalten Schweiß von ihren Händen lecken. Fieberhaft überlegt sie, wie sie Marlene noch hinhalten kann. Bis ihr eine Lösung eingefallen ist. Es muss eine geben. Sie ist noch nicht bereit, zu sterben. Ohne ersichtlichen Grund schon gar nicht.
»Nein, ich habe keine Ahnung. Wärst Du so gütig, mich aufzuklären?« Trotz ihrer Verzweiflung kann sich Priska den sarkastischen Tonfall nicht verkneifen.
»Mir scheint, dass du den Ernst der Lage nicht erkennst.« Die Liebenswürdigkeit in Marlenes Zügen ist wie weggewischt. Ihr falsches Lächeln erinnert nun eher an ein Raubtier, das die Zähne bleckt. Die dunklen Augen vervielfachen sich. Es ist, als habe Priska zu viel getrunken. Sie sieht nicht nur doppelt, sondern dreifach. Marlenes zarter, milchweißer Teint wirkt plötzlich transparent und lässt die grässliche Fratze hinter der menschlichen Maske erahnen. Entsetzt weicht Priska zurück und wirft einen hastigen Blick in den Innenspiegel. Das Bild, welches sich ihr auf der Rückbank bietet, ist unverändert. Elena verbirgt ihr Gesicht noch immer in ihren zitternden Kinderhänden und Priska sehnt sich danach, sie in ihre Arme zu ziehen. Eleonore wiegt sich nach wie vor unaufhörlich vor und zurück.
»Im Grunde ist es einerlei. Denn gehen musst du sowieso. Vielleicht erhältst du deine Antworten im Jenseits. Von IHR selbst.« Auch Marlenes Stimme klingt verändert. Surrend und vibrierend. Unangenehm und hypnotisch zugleich.

Im selben Moment stöhnt plötzlich das Kind auf Marlenes Schoß auf. Ohne nachzudenken, greift Priska abermals zu ihm hinüber. Ein Reflex. Der Junge braucht dringend Hilfe. Sie kann nicht tatenlos dabei zu sehen, wie er stirbt. Gleich, was das Schicksal heute Nacht noch für sie selbst parat hält. Außerdem scheint es so, als ob Marlene den Jungen als Schutzschild benutzt. Sie braucht ihn. Doch das ist keine Symbiose. Diesem kindlichen Wirt kann der Parasit, der ihn aushöhlt, nur eines bieten: Den sicheren Tod. Marlene reagiert sofort. Einem Schraubstock gleich umschließen ihre lange Finger Priskas Handgelenk. Sie fühlen sich seltsam klebrig und rau an. Und so stark, als könnten sie Priskas Knochen mit Leichtigkeit zermalmen. Ihr klopft das Herz bis zum Hals. Marlenes Gift ist bleischwer und eiskalt. Es lähmt zuerst Priskas Fingerspitzen und kriecht dann über ihren Handrücken langsam den Arm hinauf. Zentimeter um Zentimeter erobert es Priskas Körper und entzieht ihr langsam, aber stetig ihre Lebensenergie. Verzweifelt versucht Priska, sich zu befreien, doch es ist, als befinde sie sich im Wachkoma. Ihr Gehirn erteilt Befehle und die Gliedmaßen regen sich nicht. Priska spürt, dass das Toxin an ihrem Herzen angelangt ist. Trotz ihrer Panik verlangsamt sich ihr Herzschlag und paradoxerweise kann sie kaum noch die Augen offenhalten.
»Lass dich einfach fallen, Priska. Es ist nicht das erste Mal, dass ich dich besuche. Doch diesmal führen wir es zu Ende. Schlaf ein. Was gibt es für einen schöneren Tod?«
»Mama!«, gellt Elenas helle Stimme durch den Wagen. »Lass mich nicht allein! Du darfst nicht sterben!« Das verzweifelte Schluchzen ihrer Tochter bringt Priskas fast stillgelegtes Herz zum Beben. Es ist noch Leben in ihr und sie wird es nicht hergeben.
»Mein Schatz, ich sterbe nicht! Hab keine Angst!« Priska versucht, all ihre Überzeugungskraft in dieses Versprechen zu legen, das Marlene mit einem schallenden Lachen quittiert. Doch plötzlich rollt von hinten eine Art Druckwelle an Priska heran, drückt sich gegen ihren Rücken und hebt sie fast vom Sitz. »Eleonore«, schießt es Priska durch den Kopf. Genauso hat es sich angefühlt, als das Geistermädchen sie vor der Haustür zu Fall gebracht hat. Dieses Erlebnis scheint Jahre zurückzuliegen. Marlenes Gelächter verstummt augenblicklich. Sie hebt den Kopf. Ihre Nasenflügel zittern. Sie ähnelt einem Tier, das die Witterung aufnimmt. Priska kann Eleonore nicht sehen, doch sie fühlt sich wie im Auge eines Tornados. Durch den tosenden Geisterwind kann sie Marlene kaum noch ausmachen. Doch die Dämonenklaue hält ihr Handgelenk noch immer umklammert.
»Deine Geister können dir hier nicht helfen, Priska. Das ist unsere Dimension. Und sei dir gewiss: Es gibt noch mehr von uns. Ich bin nicht die Einzige, die dich jagt.« Marlenes Stimme klingt drohend, aber auch etwas desorientiert. Es mag sein, dass Eleonore ihr nichts anhaben kann, doch wenn der Auftritt des Geistermädchens als Ablenkungsmanöver gedacht war, ist er gelungen. Priska merkt, wie der tödliche Sog, der sie aus dem Bewusstsein und dem Leben zieht, ins Stocken gerät. Ihre rechte Körperhälfte ist nach wie vor taub und bewegungsunfähig, aber der linke Arm gehorcht zum Glück wieder den Kommandos aus der Schaltzentrale. Sie tastet sie nach dem Griff der Fahrertür. Als sie durch die wirbelnde Luft hindurch greift, peitschen unzählige Fliegen über ihre Hand und ihren Unterarm. Sie sind in dem Strudel gefangen. Fast empfindet Priska ein wenig Genugtuung. Vorsicht öffnet sie die Tür einen Spalt. Sie denkt daran, wie sie den Zugang zur Terrasse zum Bersten gebracht hat. Allein mit der Kraft ihrer Gedanken. Sie versucht, sich zu konzentrieren und wappnet ihren Geist gegen die dämonische Kraft, mit der er sich gleich konfrontiert sehen wird. Dann schickt sie ihn auf die Reise. Er muss nicht lange suchen. Schon bald stößt er auf eine schwarze Wand aus Gewitterwolken. Im Inneren der dunklen Masse zuckt und blitzt es. Priska bemüht sich, ihren Gedanken, die Schmetterlingen mit sanft tastenden Fühlern gleichen, eine andere Gestalt zu verleihen. Sie vereinen sich und werden zu gesichtslosen Kriegern, die ihre Speere in die undurchdringliche Mauer stoßen, die Marlenes Geist schützt. Doch die Wolken ballen sich noch mehr zusammen, um sich kurz darauf mit einem Schlag zu entladen. In Priskas Kopf wird es grell. Der mächtige Stromschlag bewirkt, dass ihr Gehirn verkrampft und die unerträglichen Schmerzen lassen sie zurückfahren.

»Glaubst Du wirklich, Du kannst mich mit Deinen telepathischen Taschenspielertricks besiegen?« Marlenes Lachen ist voller Hohn. Eine Welle der Hilflosigkeit und Verzweiflung schwappt über Priska hinweg. Sie hatte so sehr gehofft, dass es funktioniert.
»Der Junge ist fast bei mir. Er wird uns helfen.« Aus dem Tosen um Priska herum kristallisiert sich eine mädchenhafte Stimme heraus. Es ist das erste Mal, dass sie für Eleonore keinen Dolmetscher braucht. Sie kann das Geistermädchen tatsächlich hören. »Die Dämonin achtet gerade nicht auf ihn. Das ist gut. Kämpfe weiter, Priska!«
Es muss das Kind auf Marlenes Schoss sein, von dem Eleonore spricht. Zwar hat sie nicht ganz verstanden, was das Gespenstermädchen ihr sagen will. Doch sie wird die Chance ergreifen. Sei sie auch noch winzig. Erneut sendet sie ihre Gedankenkrieger aus und wieder prallt sie auf die bebende Wand.
»Hast Du immer noch nicht genug, du dummes Ding?«, zischt Marlene ungehalten. Priska sieht, wie sich die Wolken ein weiteres Mal bedrohlich auftürmen. Doch dann ändert sich die Szenerie. Priskas Speerkämpfer werden plötzlich von einem dampfenden Nebel eingehüllt, der vom Boden emporsteigt. Schnell hat er die Wolken erreicht und tränkt sie mit dem Wasser, das er mit sich führt. Zugleich wird der Wirbelsturm, der Priskas körperliche Hülle umgibt, stärker.

Priska hört, wie Marlene wütend schnaubt. Dann schreit sie. Es ist ein schriller, grauenhaft hoher Ton. Priska hat das Gefühl, dass ihr Schädel gleich zerplatzt. Vor ihrem geistigen Auge erscheint ein Kindergesicht. Jeremias. In seinen ozeanblauen Augen liegt verzweifelte Hoffnung. Der kleine Mund formt stumme Worte. Sie kann ihn nicht hören, aber spüren. Ihre Seelen berühren sich. Priska spürt ein schmerzliches Ziehen im Herzen. »Ich werde Dir helfen!«, ruft sie ihm in Gedanken zu. Die Wolken sind dank Jeremias nun schwer und träge und nicht mehr in der Lage, Priskas Geist mit elektrischen Schlägen zu traktieren. Als sie schließlich abregnen, löst sich der Griff um Priskas Handgelenk. Mit einem Ruck entzieht sie sich Marlenes Klaue und springt aus dem Wagen.

Von jetzt auf gleich ist es windstill und Priska muss aufpassen, dass sie nicht fällt. Ihr ist schwindelig. Doch sie kann nicht fliehen. Nicht ohne ihre Tochter. Mit bebenden Händen reißt sie die hintere Tür auf. Elena hat die Gurte zum Glück schon selbst gelöst. Im einen Arm hält sie noch immer das Feenhaus. Den anderen schlingt sie um ihre Mutter. Priska drückt das Kind an sich. So schnell es ihre Beine zulassen, rennt sie weg von Wagen und Abgrund. Doch als sie sich der Straße nähert, erkennt sie, dass dort unzählige, schemenhafte Gestalten auf sie warten. Der gesamte Fahrbahnrand ist mit ihnen gesäumt. Bestürzt weicht Priska zurück. Wo soll sie jetzt hin. Ihr gehetzter Blick schweift ziellos umher und wird schließlich von dem Marterl mit ihrer Todesankündigung eingefangen. Die Kerze auf dem Brett brennt hell. Doch da ist noch ein zweites Licht. Nicht ganz so klar und stark. Es zittert und flackert und sieht aus, als befinde es sich hinter einem grauen Vorhang. Im einen Moment scheint es fast zu erlöschen, doch im nächsten fängt es sich bereits wieder. Sein schwaches Leuchten hat für Priska eine magische Anziehungskraft, die sich selbst nicht erklären kann. Während sie auf das gespenstische Licht zu stolpert, klammert sich Elena so fest an ihren Hals, dass Priska fast die Luft wegbleibt.
»Wir schaffen das, mein Schatz«, flüstert sie ihrer Tochter ins Ohr. Elena schmiegt ihr Köpfchen noch dichter an Priskas Wange.
»Ich habe solche Angst, Mama«, schluchzt sie leise.
»Ich auch«, denkt Priska. Doch sie spricht die Worte nicht aus. Statt dessen bedeckt sie Elenas Kopf mit unzähligen Küssen. Ihre heißen Tränen versickern in den dichten Locken.

Inzwischen sind sie bei dem seltsamen Licht, das neben der Grabkerze schwebt, angelangt. Hinter ihr knirscht der Kies. Er verrät schon von Weitem die Schritte, welche sich ihnen zielstrebig nähern. Ein kurzer Blick hinter die Schulter bestätigt Priskas Vermutung, dass es sich um Marlene handelt. Sie wird diesen Kampf erst für beendet erklären, wenn einer von ihnen beiden tot ist. In ihren Armen hält sie den halbtoten Jungen. Seine Gliedmaßen baumeln schlaff und leblos herab. Priska muss an seinen flehenden Blick denken und ihr schnürt sich das Herz zusammen. Sie muss ihm helfen.

Das weißliche Licht vor ihnen flackert und verändert ständig seine Form. Im einen Moment scheint es sich beinahe krampfhaft in ein längliches Gebilde zu zwingen. Im nächsten Augenblick schrumpft es erneut in sich zusammen. Als Priska noch etwas näher herantritt, fängt die Luft um sie herum an, zu sirren und zu vibrieren.
»Priska, ich schaffe es nicht, zu dir durchzudringen. Die Mahre schirmen mich ab. Eleonore hat ein Schlupfloch gefunden. Doch nach der Aktion von eben fehlt ihr die Energie, um sich nochmal zu manifestieren.« Ranieri. Er ist es wirklich. Hoffnung keimt in Priska auf. Sie hat das Gefühl, als hätte ihr jemand eine wärmende Decke um die Schultern gelegt. Die Schritte in ihrem Rücken werden lauter und Elena krallt sich mit jedem Meter, den Marlene näher kommt, fester in Priskas Rücken.
»Weißt du noch, was ich dir gesagt habe, Priska? Dass du diese Dämonen in deinen Träumen bekämpfen kannst? Im Wachzustand hast du keine Chance. Nicht, solange sie den Jungen bei sich hat. Sie ist zu stark.« Priska muss sich konzentrieren, um ihn zu verstehen. Eine Art statisches Rauschen überlagert seine Stimme.
»Ich weiß auch noch, dass du gesagt hast, ich sei in meinen Träumen sicher. Doch vorhin wollte mich Marlene umbringen, indem sie mich einschläfert. Im wahrsten Sinne des Wortes.« Priska bemerkt selbst ihren vorwurfsvollen Tonfall, doch sie kann sich nicht vorstellen, in dieser lebensgefährlichen Situation ans Schlafen zu denken. Gerade sie. Die größte Insomnikerin, die dieser Planet je gesehen hat. Beinahe hätte sie bitter aufgelacht. Außerdem kommt es nicht in Frage, dass sie Elena einfach sich selbst überlässt. An diesem gottlosen Fleck, umgeben von alptraumhaften Kreaturen.
»Elena hat die Fee. Vielleicht kennt sie einen Schutzzauber. Für dich ist das allerdings keine Lösung. Du musst Marlene auslöschen, um euch zu retten. Theoretisch ist es möglich, dass du im Traum stirbst. Ja. Die Aufhocker legen es sogar darauf an. Es ist ihre übliche Masche. Doch das Biest unterschätzt deine Macht. Du musst...«
»Es ist soweit, Priska. Zeit, zu gehen.« Eisiger Atem bläst Priska in den Nacken und Elena wimmert entsetzt auf. Priska fährt herum und blickt direkt in Marlenes kalte, pupillenlose Augen. Während die Dämonin einen weiteren Schritt auf sie zumacht, spielt ein bösartiges Lächeln um ihren Mund.
»Es ist dein Glückstag. Du darfst dir aussuchen, ob du springen oder im Schlaf sterben willst. Glaub mir: Durch meine Hand zu sterben, ist wesentlich angenehmer.« Sie kichert. »Aber ich gebe zu, dass ich da wenig objektiv bin. Schließlich käme mir so eine kleine Energiespritze sehr gelegen.«
Mit diesen Worten rückt sie noch ein Stückchen näher und Priska weicht automatisch zurück. Nur wenige Meter hinter ihr befindet sich die Schlucht. Eine Baumreihe verbirgt sie vor neugierigen Blicken. Doch Priska weiß, dass sie da ist. Fieberhaft überlegt sie, ob sie tatsächlich Ranieris Ratschlag folgen soll. Ein Sturz in die Tiefe bedeutet jedenfalls den sicheren Tod. Sie kann förmlich spüren, wie sich hinter ihr der gähnende Abgrund auftut.

Marlene drängt sie immer weiter zurück.
»Ein bisschen mehr Entscheidungsfreude stünde dir gut zu Gesicht, Liebes.« Höfliche Worte aus dem Mund des personifizierten Bösen. Marlenes Gesichtszüge sind mittlerweile so verzerrt, dass sie trotz ihrer fraulichen Maske nichts Menschliches mehr an sich haben. Sie gibt sich keine Mühe mehr, die Mimik eines sterblichen Geschöpfes glaubhaft zu imitieren. Für einen kurzen Augenblick stellt sich Priska vor, welch groteskes Bild sie einem unbeteiligten Beobachter bieten mögen. Zwei Mütter mit ihren Kindern auf dem Arm. In einem stummen Todestanz am Rande der Schlucht.
»Kann Esmeralda dich wirklich mit einem Schutzzauber belegen?«, wispert sie Elena hastig ins Ohr. Die Fee reagiert schneller als das Mädchen. Zwar ist das Häuschen außerhalb ihrer Sichtweite, weil Elena es über ihre rechte Schulter hält, doch sie spürt, wie es in ihrem Rücken plötzlich warm wird.
»Was zur Hölle..!« Marlenes Blick wandert von Priska weg und heftet sich statt dessen auf Elena. Zorn, aber auch Verunsicherung huschen über die Parodie eines weiblichen Gesichtes. Auch Priska nimmt nun den goldenen Wirbel wahr, der sich um ihre Tochter gebildet hat. In Sekundenschnelle umhüllt er ihre Gestalt. »Es scheint zu funktionieren«, denkt Priska erleichtert. Marlene hat sich inzwischen wieder gefasst. Mit einem Satz springt sie nach vorne. Als ihre langen Finger auf sie zu schnellen, erkennt Priska die Widerhaken an den Spitzen. Vor ihren Augen verwandeln sich Marlenes Finger in behaarte Spinnenbeine, die nach ihrer Beute tasten. Erschrocken weicht Priska noch einen Schritt zurück. Als sie ihren rechten Fuß aufsetzt, bröckelt der steinige Untergrund. Noch einen Schritt weiter und sie und Elena stürzen in die Tiefe. Sie sitzen in der Falle. Marlene befindet sich nun direkt vor ihr. Fauliger Atem steigt Priska in die Nase. Die Spinnenbeine jedoch greifen vergeblich nach Elena. Sie vermögen den transparenten, leuchtenden Kokon nicht zu durchdringen.
»Priska, ich halte mich an meine Versprechen«, säuselt die Dämonin. »Deiner Tochter wird nichts passieren. Aber jetzt lass die Spielchen. Spring oder nimm meine Hand.«
»Träum Dich an einen schönen Ort, Priska. Einen, der die Kraft gibt.« Priska zuckt fast zusammen, als ihr Ranieris Stimme unvermittelt ins Ohr raunt. Sie wendet sich Marlene zu:
»Bevor ich dich anfasse, möchte ich weg von der Schlucht. Ich werde mich unter den Baum da setzen. In Ordnung?« Ohne Marlenes Antwort abzuwarten, schiebt sich Priska an ihr vorbei und lässt sich am Stamm einer Birke nieder. Sie kann sich jedoch nicht dazu überwinden, Elena abzusetzen und ihre Tochter würde es auch nicht zulassen. Es muss so gehen. Ein leichter Wind ist aufgekommen. Fröstelnd zieht Priska ihr Kind noch ein wenig näher an sich.

Mit einem siegessicheren Lächeln nimmt auch Marlene Platz. Abgesehen von den Spinnenbeinen und ihrer dämonischen Fratze ist ihre menschliche Hülle noch intakt. Fürsorglich bettet sie den komatösen Jeremias auf ihren Schoß. Ein Teil ihrer behaarten Gliedmaßen umschlingt seine Körpermitte. Der Rest streckt sich Priska entgegen.
»Mein Schatz, es wird jetzt so aussehen, als ob ich schlafe. Aber ich bin bei Dir. Und Du bist in Sicherheit. Vertrau Esmeralda.« Elenas Antwort ist ein Kuss, den sie Priska in die Halskuhle drückt. Marlenes missbilligender Blick bei der Erwähnung der Fee ist nicht zu übersehen. Glücklicherweise scheint sie den Schutzzauber nicht brechen zu können. Priska holt tief Luft und berührt dann angeekelt und mit klopfendem Herzen das Spinnenbein, welches ihr am nächsten ist. Unter dem braunen, borstigen Fell vibriert es. Im gleichen Moment bohrt sich der Widerhaken in Priskas Handgelenk und schon strömt Marlenes ureigenes Narkotikum durch Priskas Venen. Das Letzte, was sie hört, bevor sie das Bewusstsein verliert, ist das Rauschen der Birkenblätter über ihr.

Das sanfte Rascheln geht bald über in ein mächtiges Tosen. Als Priska die Augen aufschlägt, sieht sie schäumende Wellen ans Ufer branden. Die Gischt glitzert im hellen Sonnenlicht. Ein strahlend blauer Himmel wölbt sich über Strand und Ozean. Möwen kreischen in der Luft und es riecht nach Salz und Algen. Vor ihr Wasser, soweit das Auge reicht. Und hinter ihr die sanften Dünen. Priskas nackte Zehen graben sich in den kühlen, weichen Sand. Für einen Moment ist sie glücklich und unbeschwert. Sie möchte glauben, dass dies hier die Realität ist. Und jener von Dämonen regierte, dunkle Ort, an dem ihr Körper unter der Birke sitzt, nur ein böser Alptraum. Sie denkt an Elena und ihr Herz, das eben noch vor Freude hüpfte, krampft sich jäh zusammen. Gleich wird sie um ihr Leben kämpfen. Und sie weiß noch nicht einmal, was ihre Waffen sind. Geschweige denn, wie sie sie einsetzen soll. Es behagt ihr nicht, dass dieser Strand so menschenleer ist. Andere Leute würden ihr Sicherheit vermitteln, auch wenn sie ihr nicht helfen können. Es ihr Traum. Ihr Unterbewusstsein. Und sie ist der Architekt. Konzentriert versucht sie sich vorzustellen, dieser Strand sei von fröhlichen, badenden und am Ufer flanierenden Menschen bevölkert. Zuerst hört sie es nur. Kinderlachen. Stimmengewirr. Dann rennt ein Junge an ihr vorbei und schmeißt sich johlend in die Fluten. Ein paar Meter neben ihr liegt ein Paar händchenhaltend auf zwei Badetüchern.

»Ich bin beeindruckt, Priska. Zum Sterben schön, dieser Ort.« Priska wirbelt herum. Hinter ihr steht Marlene. Ein weißer Sommerrock umspielt ihre gebräunten Knie. Die blutrot geschminkten Lippen unter der überdimensionalen Sonnenbrille lächeln.

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beta
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