Er kuschelte sich auf den Schoß seiner Mutter, die sanft über sein wirres blondes Haar strich und dann das Buch öffnete. Seine Lieblingsstelle. Der große graue Wolf stand auf einem schroffen Felsen. Im Hintergrund der dunkle Tannenwald und über all dem leuchtete der Mond. „Was macht er?“ Fragte das Kind zum wiederholten Male. Hannah lächelte. „Er heult den Mond an, weißt du? So: Huhuhuuuuuuuuu.“

 Sie imitierte das Wolfsheulen während sich der Kleine wohlig seufzend an sie kuschelte.
 „Ich will mal einen sehen und ihn streicheln. Ist das Fell weich?“
„Schatz, den könnte man nicht streicheln. Es waren wilde scheue Tiere, die den Menschen aus dem Weg gingen. Aber hier, schau…“ - Sie blätterte weiter – „Das sind Hunde, sie stammten von den Wölfen ab, sie haben sich den Menschen angeschlossen und der Mensch hat ganz viele verschiedene Rassen gezüchtet. Da zum Beispiel, ist ein Labrador. Das war ein Familienhund.“
„Mama, darf ich einen Hund haben? Bitte…Ich gebe ihm auch von allem ab, was ich habe!“
Sehnsüchtig streichelte der Junge die Illustration:“
„Das geht nicht Tim, es gibt hier keine Hunde.“
Der Junge blätterte zurück. „Und Wölfe, gibt es die noch- irgendwo?“
„Ich weiß es nicht.“ Die Mutter lächelte traurig.
„Der Mond, er ist hell obwohl es dunkel ist!“
„Ja, auf diesem Bild siehst du den Vollmond, aber der kann auch so oder so aussehen“
Hannah nahm ein anderes Buch. „Siehst du , hier ist unsere Erde, das ist der Mond, das die Sonne und hier ist unser ganzes Sonnensystem.“
„Fasziniert schaute der Kleine auf die Bilder. „Mama ich will die Sonne sehen und den Mond.“
Eine Träne rann über Hannahs Gesicht. „Ich würde sie auch gern wiedersehen, doch es geht nicht. Das Draußen ist zerstört. Ich hatte Glück, ich hatte die richtige Familie und wurde gerettet. Ich war noch ganz klein, aber ich kann mich erinnern. An die Sonne, an die Wärme auf der Haut, an den Wind. Wir haben Glück mein Kind, wir leben im GBS (Geschütztes Bunkersystem), nur so konnten wir Menschen überleben. Zumindest einige. Draußen ist die Luft giftig für uns.
Nur hat es hier leider keinen Platz für Tiere. Es gibt zwar die Zuchtställe, doch die darf keiner betreten außer den Menschen, die dort arbeiten.
Aber keine Sorge, die Natur wird sich wieder erholen und wir, wir werden warten.“ Sie lächelte. „Du wirst es nicht mehr erleben mein Schatz, aber die Kindeskinder deiner Kindeskinder werden in ein paar hundert Jahren in eine wunderschöne neue Welt aufsteigen können!“ Sie streichelte sanft über seine heiße, feuchte Stirn. Er war eingeschlafen. Behutsam trug sie ihn in seine Schlafkoje und betrachtete voller Liebe sein zartes, kleines, bleiches Gesicht.
Leise öffnete sie die Tür für Martha, die sie jetzt ablösen würde. Die sich still und ruhig neben sein Bett setzte um seinen Schlaf zu bewachen. Noch zwei Tage, dann wird es sich zeigen ob die Therapie angeschlagen hat.
Tim drehte sich in Schlaf und wimmerte leise. Sanft und behutsam strich Martha mit einem frischen Tuch über seine Stirn. Sein Atem wurde ruhiger, gleichmäßiger.

Er hatte noch nicht lange geschlafen, als etwas Kaltes seine Hand berührte. Erschrocken richtete er sich auf. Vor seinem Bett stand ein Hund. Nein, ein Wolf. Grau, mit gelben Augen.
Das Tier schaute ihn einfach nur an. Tim spürte, dass von ihm keine Bedrohung ausging. Es war dunkel. Nur das kleine Dämmerlicht brannte. Martha war auf dem Sessel eingeschlafen. Tim hoffte sie würde nicht aufwachen, er wusste, dass Martha schreien würde, wenn sie den Wolf hier sah. Dieser setzte sich und schaute mit seinen schönen Augen zu Tim. Ob er ihn berühren könnte? Tim richtete sich auf. Vorsichtig setzte er die Beine auf den Boden. Er musste einen Moment innehalten, dann schaffte er es aufzustehen. Der Wolf saß einfach nur da und schaute ihn an, doch Tim war es, als wollte er ihn ermutigen. Langsam setzte er einen Fuß vor den anderen. Es fiel ihm schwer, doch er schaffte es. Vor dem Tier kniete er sich auf den Boden und hielt ihm seine kleine Hand hin. Der Wolf schnüffelte und begann, langsam und bedächtig, Tims Hand zu lecken. Doch auf einmal erhob er sich und lief zur offenen Tür. „Bleib bitte!“ Tim streckte seine Arme aus. Eine Träne lief über seine Wange. Der Wolf drehte sich um, schaute ihn an und wieder zu Tür. „Du willst, dass ich mitkomme?“ flüsterte Tim und schaute zu Martha, die sich kurz im Sessel bewegte. Sie schlief, tief und fest. Tim ging auf den Wolf zu, seine Schritte waren unsicher, der Boden eiskalt.
„Ich kann nicht lange laufen, Wolf!“ Er flüsterte, doch das Tier schien ihn zu verstehen. Es kam zu ihm, legte sich hin und deutete mit dem Kopf auf den mächtigen Rücken. „Du willst, dass ich auf dir reite?“ Der Wolf blinzelte und hob ein wenig die Lefzen. Es sah fast so aus, als würde er lächeln. Vorsichtig setzte sich Tim auf seinen Rücken, schmiegte sein Gesicht an den großen Kopf des Tieres, das sich langsam erhob und mit ihm durch die Tür schritt.
Langsam bewegte sich der Wolf durch die dunklen, nur durch Notlichter erhellten Gänge des Bunkersystems. Manchmal, wenn sie erleuchtete Türen und größere Gänge kreuzten, blieb er kurz stehen, als wollte er vermeiden, dass man sie entdecken würde. Aufmerksam schaute auch Tim. Er kannte die Wege, wusste wer hinter den Türen arbeitete und lebte. Später kamen sie in Gänge, die er nicht kannte. Es wurde dunkler und ein paar Mal musste er sich ganz klein machen, weil sie durch enge Löcher krochen. Tim kämpfte gegen seine Müdigkeit. Er hatte nicht gewusst, dass es hier so viele Abzweigungen gab. Bevor er wegdämmern konnte, stoppte der Wolf. Vor ihnen befand sich eine kleine Pforte. Bis jetzt hatte Tim niemals eine so kleine Tür gesehen. Sie war nicht höher als er und verschlossen. Tim fand zwei Riegel, die er mühsam zurückzog. Vorsichtig drückte er gegen das Holz, das sich kaum bewegte. Der Wolf kam zu ihm und gemeinsam gelang es ihnen, die Tür aufzuschieben. Warme Luft kam ihnen entgegen. Der Boden war weich und die Decke war riesig. Oben leuchteten viele winzig kleine Lampen neben einer großen Leuchte. Der Raum war wunderschön und schien unendlich groß zu sein, warum hatte er ihn noch nie gesehen?
„Hallo Tim!“ Vor ihm stand ein Mann, mit freundlichen Augen und langen dunklen Haaren. Er trug fremdartige helle Kleidung, die mit geometrischen Mustern verziert war.
„Was ist das für ein schöner Raum? Er ist so riesig groß, so wunderschön und die Luft ist so gut?“
Der Mann lachte und nahm ihn auf den Arm.
„Tim, darf ich dir das Draußen vorstellen? Du wolltest doch immer den Mond und die Sterne sehen?“
„Der Wolf hat mich hierhergebracht!“
„Ja, der Wolf, unser Totemtier, und jetzt ist er auch deines.“ Der Mann streichelte den Wolf.
„Möchtest du mit in mein Dorf kommen Tim?“ Tim nickte.
 „Kommt der Wolf auch mit?“
„Der Wolf geht jetzt zurück zu seinem Rudel.“ Der Mann zeigte auf ein paar Wölfe die geduldig in der Nähe warteten, um dann gemeinsam mit dem Wolf, der einen letzten Blick auf Tim warf, hinter den Felsen zu verschwinden.
Der junge Mann pfiff und ein kleines Pony trabte zu ihnen.
„Ein echtes Pony!“ Tims Augen strahlten, er lies sich auf das kleine Pferd heben, schmiegte sein Gesicht an den warmen Hals und strahlte. Es dauerte nicht lange bis sie im Dorf des Mannes ankamen. Zwischen weißen Zelten knisterte ein Lagerfeuer und Tim wusste plötzlich, an was ihn das alles hier erinnerte.
„Ich habe ein Buch!“ rief er glücklich. „Da ist auch so ein Dorf. Es sieht ganz ähnlich aus. Ich habe mir immer gewünscht in so einem Dorf zu sein!“
Der Mann lächelte und es kamen andere auf ihn zu. Alle hatten dunkle, lange Haare und trugen diese seltsame Kleidung mit den schönen Mustern. Obwohl noch Nacht, waren auch Kinder da. Der Mann hob ihn von dem Pony und stellte ihn vor.
„Das ist Tim, der Junge, der den Wolf als Totem gewählt hat.“ Die Kinder tanzten um ihn herum und lachten. Tim fühlte sich nicht mehr müde und seine Beine taten ihm auch nicht mehr weh. Er setzte sich zu den Menschen und probierte das Obst, das sie ihm brachten. Nie zuvor hatte er so köstliche Beeren und Früchte gegessen. Als die Müdigkeit ihn schließlich übermannte, brachte sein neuer Freund ihn in eines der Zelte.
Am nächsten Morgen wusste er erst gar nicht, wo er sich befand. Die Sonne schien hell durch die Wände. Kinder lachten und spielten. Am Zelteingang stand ein Mädchen mit Zöpfen und wartete auf ihn. Tim verließ das Zelt und schaute in den strahlend blauen Himmel. „Ich kann die Sonne gar nicht anschauen wie den Mond“, klagte er. Das Mädchen lachte. „Das geht nicht, sie ist viel zu hell. Aber dafür ist sie richtig schön warm!“ Ja, das war sie. Tim bemerkte wie hell seine Haut gegen die dunkle Haut der Menschen des Dorfes war. „Ich sehe ganz anders aus als ihr, und ihr seht ganz anders aus, als alle Menschen die ich kenne!“, rief er verblüfft, doch der Mann, der ihn gestern von der Pforte abgeholt hatte, beruhigte ihn.
„Du bist uns viel ähnlicher als du denkst. Dein Totem ist der Wolf und deshalb gehörst du zu uns. Du kannst, wenn du möchtest für immer bei uns bleiben.“
„Hier, bei euch? Hier im Draußen? Oh ja, ich würde gerne!“ Glücklich sah er auf das Dorf, den kleinen Bach, den Wald und die schneebedeckten Berge in der Ferne. Wie schön würde es sein, das alles zu erforschen. Wie viel Spaß würde er mit all den Kindern und Tieren des Dorfes haben. Seine Miene verdüsterte sich plötzlich. „Was ist mit meiner Mama?“
Traurig schaute der Mann ihn an. „Leider kannst nur du bei uns bleiben, du ganz allein. Du kannst zurückkehren, wenn du gern möchtest, wir werden dir helfen, doch dann wirst du uns vergessen und kannst nie wieder zu uns kommen.“
Tränen stiegen in Tims Augen. Mama. Martha und all die anderen. Das Bunkersystem, außer ihm gab es keine Kinder. Wie oft hatte er gehört, wie wichtig er für die Menschen sei. „Kann ich darüber nachdenken?“ fragte er seine neuen Freunde.
Das Mädchen schaute den Mann an und dieser nickte. „Ja Tim, du darfst darüber nachdenken, aber nur einen Tag, leider, denn die Pforte wird sich dann wieder schließen.“
Das Mädchen war die Tochter des Mannes und sie hieß Wilde Blume. Tim fand den Namen sehr schön. Sie gab ihm eine Hose aus dem gleichen Material, aus dem auch ihre Sachen genäht waren und gemeinsam liefen sie zum Bach. Dort waren schon andere Kinder die fröhlich im Wasser herum plantschten. Tim hatte erst ein schlechtes Gewissen, weil Wasser doch so kostbar und selten war, doch die anderen Kinder lachten nur. Hier schien es einfach von allem genug zu geben. Das größte Wunder aber waren die kleinen flinken silbernen Fische. Überhaupt gab es sehr viele Tiere. Viele erkannte er, sie gab es auch in dem dicken Buch aus dem Mutter ihm immer vorlas, doch einige waren ihm unbekannt. Er wünschte er hätte mehr Zeit, um sich zu entscheiden.
„Wo wohne ich, wenn ich hier bleibe?“ fragte er Wilde Blume.
„Du wohnst bei uns!“ lachte sie. „Ich habe mir schon immer einen Bruder gewünscht.“ Auch die anderen Kinder versicherten ihm, dass sie sich freuen würden wenn er bliebe. Ein Junge schenkte ihm einen Bogen und Pfeile mit bunten Federn. Ein anderer schleppte einen jungen Hund an. „Unsere Hündin hat Welpen und wenn du bleibst, wird dieser hier dir gehören.“ Tim nahm das Bündel auf den Arm und schmiegte sich an das weiche warme Fell des Hundekindes.“
Am Abend hatte er sich entschieden. Er würde Mama unendlich vermissen, aber hier war es einfach zu schön. Er wollte nicht wieder in den Bunker, auch wenn es da Videospiele und Filme gab. Hier war alles echt. Hier gab es Tiere und andere Kinder.
„Wenn du ein paar Wochen hier bist, wirst Du sie einmal besuchen dürfen und sie für eine einzige Nacht hierherbringen können. Sie wird sich daran erinnern und nicht mehr traurig sein“, versprach ihm der Häuptling. Auch wenn er sich schon entschieden hatte, freute sich Tim über das Zugeständnis.

„Hallo Martha, wie war die Nacht?“
Tims Mutter wandte sich an die ältere Frau, die sich mühsam aus dem Sessel erhob.
„Es war ruhig“, lächelte die und richtete sich auf. Tim lag im Bett, seine Augen waren geschlossen, ein seliges Lächeln lag auf seinem Gesicht. „Wie glücklich er aussieht!“ Martha betrachtete ihn gerührt. Hannah kniete vor dem Bett, sie nahm die kalte Hand ihres kleinen Sohnes. „Martha! Er atmet nicht!“

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