Das trübe Herbstwetter lockt an die Tastatur.
Da ich bei unserem Urlaub in Münsterland eine schöne Sage rund um die Wettermacherei entdeckt habe, kam ich nicht umhin, sie nach Art-Arien zu verlegen. Seid eingeladen, Archons Geschichte "Vom Wettermacher" kennenzulernen.
Vielleicht seht ihr dann Nebel und Regen ganz anders...



Vom Wettermacher

Unaufhaltsam stieg der Nebel vom Flussufer des Falconis auf und bedeckte nach und nach immer mehr Land unter sich. Weiden, Felder, die Allee vor dem östlichen Stadttor - alles verhüllte der mystische weiße Schleier unter einer schimmernden, gewichtlosen Decke. Die halb über dem Horizont stehende, aufgehende Sonne verwandelte das Weiß allmählich in feingesponnenes Silber, das dem Fluss und dem Land etwas Unwirkliches verlieh. Aufmerksam wurde das morgendliche Schauspiel von Archon verfolgt, dem alten Elementemagier, der hoch oben auf den Zinnen der Burg seines Wahlsohnes stand und in die hellen schwebenden Gebilde des Morgennebels starrte. Die Geräusche der nahen Stadt und die ersten unsicheren Gesänge der Vögel drangen nur gedämpft hinauf zu seinem luftigen Standort .


Das Knarren der hölzernen Wendeltreppe im Inneren des Wohnturms jedoch störte einen Moment lang die morgendliche Stille. Der Elementemagier erkannte sofort am festen, schnellen Schritt, wer hier zu ihm kam – Darius, sein Wahlsohn, wurde ebenso wie er vom Sonnenaufgang hinauf auf den Turm gelockt. Von hier aus konnte man weit ins Land sehen und die Schönheit des Herbstes betrachten.

»Ich dachte mir, dass ich dich hier antreffe«, verriet der Ankömmling auch gleich und hielt Archon einen von zwei dampfenden Tonkrügen hin, die er mitgebracht hatte. »Hagebutte mit Honig«, murmelte er halblaut, während ihm sein Wahlvater den heißen Becher abnahm. »Ich beginne den Morgen gern mit etwas Warmem im Bauch.«

Der Alte lachte und kostete. »Man kann dich mit sehr wenig zufriedenstellen«, brummte er gutmütig. »Für einen Fürsten stellst du kaum Ansprüche.«

Darius hob die Schultern. »Man muss sich der Schönheit aller Dinge bewusst werden, dann findet man auch in kleinen Dingen seine Zufriedenheit.« Ernst trat er nun neben Archon und schaute über die Zinnen. »Was gäbe es auch Besseres als einen freundlichen, stillen Sonnenaufgang über einem friedlichen Land?«

Archon nickte und die beiden Magier musterten einvernehmlich die aufsteigende Sonne, deren Strahlen sich in den feinen Tröpfchen des Nebels und des Taus spiegelte.

Lange standen sie dort, versunken in die Betrachtung des Landes, hin und wieder an ihrem heißen Trank nippend. Irgendwann stellte Darius seinen Krug auf einer Zinne ab und rieb sich fröstelnd über die Unterarme. »Es ist schon ziemlich kalt für einen so frühen Herbst«, brummte er dann. »Wie wäre es, wenn du dein Wettermacherkönnen einsetzt und die Sonne ein wenig auf Trab bringst?«

Er hatte diese Frage nicht wirklich als Aufforderung gemeint, das wusste Archon. Und so antwortete er mit einem leisen Lachen, genauso, wie es der Dämonenfürst erwartet hatte. »Es mag vielleicht einfach sein, Wind und Regen zu beherrschen«, erklärte er freundlich. »Doch es wäre vermessen von mir, wenn ich sagte, dass ich es besser machen könnte als die Natur. So, wie sie es warm oder kalt sein lässt, ist es richtig.« Ernster fügte er hinzu: »Das ist es, was du erkennen musst, noch bevor du den ersten Windhauch oder auch ein paar Regentropfen wirkst.«

Der Elementemagier sah, dass Darius nachdenklich die Stirn runzelte. Die Magie der Dämonenkrieger war nicht dazu geschaffen, das Wetter zu verändern. Doch der dunkelhäutige Mann neben ihm machte sich viele Gedanken, die über das Alltägliche hinausgingen. Sein unbändiger Wissensdrang grenzte hin und wieder schon an unverhohlene Neugierde. Auch heute forderte die vorfreudige Erwartung im Blick des Kriegers Archon zu einer Antwort heraus.

»Dieser Nebel …« Archon sah hinab ins Tal und lächelte versonnen. »Dieser Nebel erinnert mich an eine Geschichte, die mir mein alter Lehrmeister als Überlieferung erzählt hat.«

Er trank noch einmal und genoss, wie die Wärme sich in seinem Körper ausbreitete. Dann tat er Darius den Gefallen und begann zu erzählen: »Vor langer Zeit, als noch nicht allgemein bekannt war, dass Magie eine weitverbreitete Gabe unter den Geschöpfen ist, lebte in der Nähe unseres heutigen Simenas ein alter Wettermacher. Der war ein Magier, wie man ihn sich noch heute wünschen würde – bedachtsam und mit der Ausübung seiner Macht zurückhaltend. Nur selten, wenn Hagel oder langanhaltende Dürre seine Siedlung und die Lebensgrundlage der ansässigen Bauern bedrohten, griff er in den natürlichen Lauf der Dinge ein. Die Menschen mochten ihn und jene, die selbst mit magischem Können lebten, achteten sein Wissen und seine große Vernunft beim Einsatz seiner Gabe.«

Archon schwieg bedächtig und überließ es Darius, sich den Wettermacher früherer Zeiten bildlich vorzustellen.

»Man nannte ihn Severin«, fuhr er nach einer Weile fort, nachdem er sich auf den Fortgang der Geschichte besonnen hatte. »Heute hieße er vermutlich Severin von Simena, doch zu jener Zeit benannte man die Magier noch nicht nach deren Herkunft und er war einfach Severin, der Wettermacher.«

Archon seufzte. »Jede Zeit hat ihre Helden. Doch jede Zeit hat auch ihre Quälgeister und Nörgler. Und an so einen Nörgler geriet unser Severin. Dem Mann, welcher um die Gabe des Wettermachers wusste, war kein Wetter recht. Im Sommer war es ihm zu warm, fiel Regen, war es ihm zu viel Wasser. Der Schnee lag nicht hoch genug und dennoch erschien ihm der Winter zu kalt.«

Darius lachte und Archon stimmte in dessen halblautes Gelächter ein. »Es mag sein, dass ihm sogar der Tag zu hell und die Nacht zu dunkel vorkamen«, witzelte er.
»Severin ertrug den Griesgram einige Jahre und versuchte hier und da das Wetter den Wünschen des Mannes anzupassen. Doch irgendwann wurde es ihm dann doch zu viel und er mochte das ewige Gejammere nicht mehr ertragen. Sorgsam wob er eine Magie, die die Kraft der Wettermacherei in einem einfachen Jutesack einfing. Mit diesem Sack, so hatte es Severin beschworen, würde es dem Besserwisser gelingen, jegliches Wetter zu bestimmen.

Vermutlich staunte der Mann nicht schlecht, als er den mächtigen Zauberer plötzlich vor seiner Tür stehen sah«, mutmaßte Archon. » ›Mein lieber Mann‹, sprach Severin ihn an. ›Ich bin es wirklich leid, von dir nur Nörgelei am Wetter zu hören. Nimm diesen Sack. Er enthält jegliches Wetter, dass du dir vorstellen kannst. Du musst nur deine Wünsche äußern und ihn kurz öffnen. Schon wird jenes Wetter erscheinen, das du erbeten hast.‹ Severin sah sein Gegenüber streng an. ›Doch sei vorsichtig und besonnen. Nicht jedes Wetter ist gleich gut und wo heute Regen schadet, mag er morgen nützlich sein.‹
Der Wettermacher übergab den Sack und ging seiner Wege. Unser Mann aber – und das erstaunte mich an der Geschichte beim ersten Hören am meisten – versuchte nun ernsthaft, ein besseres Wetter zu machen, als es seine Siedlung bisher gehabt hatte.« Archon räusperte sich. »Hieran sieht man, dass auch in einem alten Griesgram mehr stecken kann, als man glaubt«, ergänzte er seinen Einwurf. »Hätte ich eine solche Geschichte erfunden, mein Nörgler wäre viel egoistischer gewesen und hätte nicht auf die Wünsche seiner Umgebung gehört.« Er lachte halblaut. » Du siehst, Darius, auch ich bin nicht vorurteilsfrei.«

Freundlich grinste der Dämonenkrieger zurück. »Wer ist das heutzutage schon noch?«, erwiderte er. »Auch ich hegte früher viel zu viele Vorurteile und überkommene Moral- und Sittenvorstellungen. Sie ließen mich einen langen Weg gehen, der mich nur mit viel Glück und dem Vertrauen meiner Freunde bis hierher hat kommen lassen. Und wer weiß, welche Fehler wir morgen machen werden?« Nachdenklich strich sich der Drache ein Zöpfchen aus dem Gesicht – etwas, was zu den festen Gesten des Mannes gehörte, wenn er ernsthaft nachdachte. »Man kann nicht alle Vorurteile ablegen, denke ich«, brummte er halb an Archon gerichtet, halb zu sich selbst.»Doch dein Mann scheint ja klüger gewesen zu sein als gedacht. Was also tat er mit dieser unerhörten Gabe?«

»Oh, es erging ihm nicht besser als Severin. In jenem Jahr, da er den Wettersack bekam, herrschte ein heißer, ausgesprochen trockener Sommer. Die Hitze brannte auf die ausgetrocknete Natur nieder und es dauerte nicht lange, da kamen die ersten Bauern und beklagten sich bitter, dass ihre Ernte auf den Feldern verdorre.

Der Besitzer unseres Wettersackes freute sich. Hier konnte er zeigen, dass er sich besser auf die Wettermacherei verstand als Severin. Er stellte sich einen schönen, kühlen, langanhaltenden Landregen vor und öffnete den Sack. Sofort kamen dunkle Wolken auf und schon bald begann es zu nieseln. Der Regen wurde stärker und nach und nach durchnässte er das trockene Land. Die Gemüsebauern waren zufrieden und kehrten voller Lob in ihre Häuser zurück.«
Archon sah zu Darius, der still ins Land schaute.  Die Aufmerksamkeit des Drachen war ihm gewiss, denn dieser wandte sich aufgrund des Schweigens zu ihm um. »Man kann wohl annehmen, dass nicht allen ein solcher mehrtägiger Regen zusagte«, versuchte Darius die Geschichte zu erahnen.

Archon nickte. »Genauso war es. Schon bald kamen die Tierzüchter und trugen ihre Beschwerde vor: Ihr Heu würde modern und ihre Tiere stünden mit Klauen und Hufen im Schlamm. Nichts sei schlimmer als so ein Matsch durch den allzu langen Regen. Sonne müsse her und zwar möglichst bald.
Der neue Wettermacher fand die Wünsche der Tierhalter vernünftig und so bestellte er erneute Sonne. Doch auch dieses Mal waren nicht alle zufrieden. Schon standen die Wäscherinnen vor der Tür und forderten Wind. Ihre Wäsche trocknete nicht ausreichend bei dieser stillen Wetterlage. Also machte der Wettermacher Wind. Der Wind wiederum verärgerte die Obstbaumbesitzer, deren Bäume ihre halbreifen Früchte durch die Böen viel zu zeitig verloren.

So ging es hin und her und noch bevor ein ganzes Jahr vergangen war, fühlte der neue Wettermacher, wie sehr ihn die Last der Verantwortung auf den Schultern drückte. Wind, Sonne, Regen – nichts von all dem konnte die Menschen in seiner Siedlung voll und ganz zufriedenstellen. Er wusste keinen Rat mehr.

Als eines Tages ein kleiner Junge zu ihm kam, war der Mann schon sehr niedergeschlagen. ›Was willst du?‹, herrschte er den Kleinen an. ›Es ist immer so warm‹, gab der Junge schüchtern Auskunft. ›Dabei mag ich doch den Schnee so sehr. Kommt denn jetzt gar kein Winter mehr, weil du das Wetter in deinem Sack eingesperrt hast? Warum kann es nicht so sein, wie es immer war?‹

Die Worte des Knirpses machten den Mann nachdenklich. War er wirklich ein so schlechter Wettermacher, dass er den Wechsel der Jahreszeiten völlig vergessen hatte? Und was würde überhaupt passieren, wenn es immer nur Sommer bliebe, weil das seinen Bauern und Landbesitzern am besten gefiel? War es nicht ein großer Frevel an der Natur, sie so zu bevormunden, wie er es getan hatte?

Nachdenklich machte er sich auf den Weg zu Severin, den er in dessen Hütte am Dorfrand antraf.  Der Magier hatte das Jahr genutzt, um sein Wissen um die Heilkräuter zu vertiefen und so duftete seine Hütte nach allerlei getrocknetem Kraut, als der Mann eintrat.

›Ich möchte dir dein Amt zurückgeben‹, kam er auch gleich zur Sache. ›Es ist schwierig, das richtige Wetter für alle zu finden und ich bin dieser Aufgabe nicht gewachsen.‹

Severin nickte. ›So ist es wohl. Doch ich möchte dir einen Vorschlag machen. Du kannst mir den Wettersack zurückgeben, wenn dir diese Verantwortung zu groß ist. Doch falls du möchtest, kannst du bei mir in die Lehre gehen und alles erlernen, was du wissen musst, um die Natur und das Wetter zu verstehen. Irgendwann werde auch ich nicht mehr sein und dann sollte ein jüngerer und klügerer Mann als ich das Amt des Wettermachers übernehmen.‹ Schon wollte der so Eingeladene erschrocken ablehnen, doch Severin hieß ihn schweigen. ›Komm heute Abend auf den Eberkopf‹, wies er an und deutete mit der Hand auf jenen Hügel südlich von Simena, den du auch kennst. ›Dort oben kannst du mir deine Antwort und den Wettersack geben. Bis dahin aber bedenke gut, ob du mein Angebot ablehnst.‹«

Archon strich sich über seinen Bart und sann einen Weile nach. »Es war ein sehr großzügiges Angebot von Severin«, stellte er dann fest. »Das sah auch der ehemalige Nörgler bald ein. Als es Abend wurde, hatte er es so eilig, Severin seinen Zustimmung zu der Lehre zu geben, dass er den Eberkopf fast gänzlich hinaufrannte. Den Wettersack hatte er achtlos über die Schulter geworfen, nur um schnell zu seinem neuen Lehrmeister zu kommen. Dabei war ihm entgangen, dass der Sack schlecht verschnürt war und sich bei dem eiligen Lauf ein wenig öffnete. Mit jedem Schritt quoll etwas Feuchtigkeit daraus hervor und verdichtete sich nach und nach zu etwas ganz Neuem für diese Gegend – dem Nebel. Der Läufer hinterließ eine immer breiter werdende Spur von Dunst und feinem Wassertropfengespinst und als er bei Severin angekommen war, umgab den Eberkopf eine undurchdringliche Nebelschicht.

Der alte Wettermacher aber stand auf dem Gipfel des Hügels und beobachtete die Erscheinung mit einem wissenden Lächeln. Hier war er also, sein würdiger Nachfolger. Noch ohne dass dieser Kenntnis von den nötigen Sprüchen und Gesten hatte, wirkte er unbewusst Magie. Schön sah diese Wettererscheinung aus, mystisch und zutiefst beruhigend. Severin entspannte sich. Etwas Neues würde beginnen. Er würde ein Lehrmeister werden. Doch er freute sich auch darauf, seine Kenntnisse der Magie weiterzugeben. Ja, und er wusste auch schon einen Beinamen für seinen Schüler.
Nachdem er diesem den Wettersack abgenommen hatte, wiederholte er das Angebot. Der noch schnell atmende Mann stimmte ihm von Herzen zu und man hörte ihm die Ernsthaftigkeit an, mit der er seinen Entschluss getroffen hatte.

Severin drehte seinen neuen Schüler an den Schulter ein wenig um, sodass dieser ins Tal hineinsehen und voller Erstaunen die filigranen Schleier des Nebels wahrnehmen konnte. ›Dies ist dein erstes Werk‹, ließ ihn Severin wissen. ›Es ist dir wirklich gelungen, auch wenn du es unbewusst gewoben hast. Deshalb soll dies dein neuer Name sein: Tybald[1], der Nebelmacher.« Archon räusperte sich. »Und dieser Tybald war kein anderer als mein Urgroßvater, Tybald von Simena, der spätere Wettermacher.« Er seufzte leise. »So lange ist es nun schon mehr, dass ich diese Geschichte selbst zum ersten Mal gehört habe … Doch wir sollten hineingehen. Es wird Zeit, dass wie uns zum ersten Mahl setzen. Solinacea wird bestimmt schon auf uns warten.«

Darius legte dem alten Freund einen Arm um die Schulter. »Eine schöne Geschichte, Archon«, sagte er leise. »Sie wird nicht vergessen werden. Irgendwann werde ich sie vielleicht an meine Kinder weitergeben, die gewiss alles über ihren Großvater erfahren wollen.« Archon lachte. Noch war es nicht soweit, dass Darius Vater wurde. Doch er, Archon, wusste längst, dass das Schicksal dies dem Drachen nun nicht länger verwehrte. Auch wenn er es vor dem Wahlsohn noch nicht aussprechen durfte, hatte er das kleine dunkelhäutige hübsche Mädchen längst in der Zukunft gesehen - und er freute sich darauf, sie endlich kennenzulernen – seine kleine erste Enkelin! In Gedanken daran folgte er Darius, der ihm die Tür aufhielt und nach ihm die knarrenden Stufen des Turms hinabschritt. Dann war es still über den Zinnen der Drachenburg. Und auch der Nebel, der noch das ganze Tal von Schuma bedeckte, begann sich in der hellen Morgensonne langsam aufzulösen.

 

ENDE


[1] diot = das Volk (Althochdeutsch) bald = kühn, mutig (Althochdeutsch) - zusammen Tybald - vom mutigen Volk abstammend


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