Vorspiel 3: Der letzte Tag vor den Ferien

Mit einer Mischung aus Nervosität und Zuversicht saß Hermine auf ihrem Stuhl in der ersten Reihe des Klassenraums. Es war ihre letzte Stunde vor den Ferien und gleichzeitig würden sie heute die Hausaufgaben, die sie Montag abgegeben hatten, zurück bekommen. Verstohlen schielte sie auf die andere Seite des Klassenraums, wo Blaise Zabini ebenfalls in der ersten Reihe saß. Er und Theodore Nott waren die einzigen beiden Schüler aus Slytherin, die im fünften Jahr noch Arithmantik belegt hatten. Hermine fragte sich, ob seine Recherche vom Vortag positiv ausgefallen war, doch da Nott im Weg saß, konnte sie keinen freien Blick auf Blaise werfen.

Ungeduldig wartete sie, bis Professor Vektor endlich ihren Namen aufrief. Es waren nur sehr wenige Schüler anwesend, da die meisten es vorzogen, das leichtere Wahrsagen zu belegen, entsprechend nahm sich die Lehrerin für jeden einzelnen Schüler besonders viel Zeit und gab jedem noch einige Hinweise mit auf den Weg.

"Miss Granger dann als nächstes bitte."

Mit einem erleichterten Seufzen trat sie vor. Obwohl sie sicher war, diese Hausaufgabe korrekt gelöst zu haben, war sie dennoch nervös. Ein Blick in das lächelnde Gesicht ihrer Lehrerin beruhigte sie jedoch.

"Das haben Sie wie immer sehr gut gemacht", sagte Professort Vektor freundlich, "Ihre Recherche war umfassend und Ihre eigenen Gedanken am Ende des Aufsatzes sehr erhellend. Eventuell sollten Sie nochmal einen Blick zurück in die Grundlagen werfen, ich bin mir sicher, mit dem, was sie in den Occulta von Agrippa finden, können Sie bezüglich ihrer abschließenden These sehr viel anfangen. Aber auch so habe ich Ihnen für Ihre herausragende Leistung ein O gegeben."

Freudig strahlend nahm Hermine ihren Aufsatz entgegen und setzte sich wieder auf ihren Platz. Ihre Freude war gleich doppelt: Einerseits kam es selten vor, dass sie ein O in Arithmantik erreichte, andererseits war die Aussicht, für ihre Theorie ausgerechnet bei Agrippa noch Beweise zu finden, sehr vielversprechend. Hermine war so vertieft in den Notizen, die Professor Vektor zu ihrem Aufsatz gemacht hatte, dass sie erst wieder in die Realität zurückfand, als Blaise Zabini nach vorne gerufen wurde. Leider war es ihr nicht möglich, das Gespräch zwischen Lehrerin und Schüler zu hören, doch als Blaise seinen Aufsatz zurück bekam und sich wieder umdrehte, hielt er ihr die erste Seite hin und deutete stolz auf das rote O, das darauf prangte. Hermine zwinkerte ihm zu und streckte beide Daumen in die Luft.

"So, ihr Lieben", richtete Professor Vektor schließlich wieder das Wort an die ganze Klasse, "ich freue mich, dass bei diesem schwierigen Thema gleich zwei Schüler ein O erreichen konnten, und noch mehr freue ich mich, dass niemand weniger als ein A bekommen hat. Ihr macht mich wirklich stolz. Als Belohnung schließe ich den Unterricht für heute und entlasse euch in eure wohlverdienten Ferien!"

Ein allgemeines Jubeln ging durch den Raum und mit lachenden Gesichtern verabschiedeten sich die wenigen Schüler von ihrer Lehrerin. Hermine ließ sich Zeit mit dem Einpacken ihrer Sachen - Harry und Ron würden sicherlich noch in Wahrsagen sitzen und so gab es keinen Grund für sie, übereilig in den Gemeinschaftsraum zurückzukehren. Als sie wieder aufsah, stellte sie verwundert fest, dass auch Blaise ein wenig zu trödeln schien und mit ihr als letzter im Klassenraum zurück geblieben war.

"Herzlichen Glückwunsch zum O", sagte sie lächelnd, während sie sich ihre schwere Schultasche über den Kopf zog.

"Ebenso", erwiderte er grinsend, "wenn es auch bei dir weniger unerwartet war als bei mir. Das war mein erstes O in Arithmantik!"

"Na, dann gratuliere ich umso mehr! Ich nehme an, deine Unterrichtsnotizen waren falsch und das, was du im Aufsatz geschrieben hattest, war richtig?"

"Ja", lachte er, "zum Glück! Ich habe mich gestern dann auch daran erinnert, dass das die Stunde war, in der mich Theo die ganze Zeit abgelenkt hatte. Da konnte ja nichts Gutes bei rauskommen!"

Wissend nickte Hermine: "Das mit der Ablenkung verstehe ich nur zu gut. Manchmal muss ich wirklich an mich halten, um Ron und Harry nicht zu töten. Ich habe das Gefühl, dass sie in keiner einzigen Stunde aufpassen. Und am Ende erwische ich mich dabei, wie ich sie wieder meine Notizen abschreiben lasse ..."

"Das kann mir nicht passieren, dazu bin ich zu egoistisch. Pansy versucht es zwar immer noch, aber Draco weiß schon lange, dass er bei mir keine Chance hat. Und Theo ist zum Glück clever genug, sein Zeug auch alleine hinzubekommen."

Darauf wusste Hermine nichts mehr zu sagen und so schritten beide schweigend nebeneinander die Stufen zur Großen Halle hinunter. Verzweifelt suchte Hermine nach irgendeinem Gesprächsthema, denn die Stille wurde ihr langsam peinlich, doch ihr fiel beim besten Willen nichts ein. Sie kannte Blaise einfach zu wenig. Entsprechend dankbar war sie, als er endlich etwas sagte: "Du bleibst also über Weihnachten hier?"

"Ja, wie jedes Jahr ... aber woher weißt du das?"

Kurz trat ein ertappter Ausdruck auf das Gesicht des dunklen Slytherin, doch schnell fasste er sich wieder und sagte unbestimmt: "Ich muss das wohl irgendwo gehört haben ..."

Skeptisch betrachtete Hermine ihn, doch da an sich jeder wusste, dass sie diese Weihnachten nicht heim fuhr, tat sie es als unbedeutend ab und fragte ihrerseits, ob er in Hogwarts bliebe.

"Na sicher", erwiderte Blaise mit gespielter Fröhlichkeit, "weißt du denn nicht, dass ich meiner Mutter nur eine Last wäre?"

Peinlich berührt schluckte Hermine - sie wusste überhaupt nichts über Blaise, entsprechend konnte sie mit dieser Äußerung nichts anfangen. Als Blaise ihre Verwirrung sah, lächelte er kurz und führte dann aus: "Meine Mutter geht jedes Jahr zu Weihnachten auf ... Bräutigamsschau. Mein Stiefvater ist vor einigen Wochen ... ums Leben gekommen und da braucht die Gute einen neuen Mann an ihrer Seite."

"Oh wie schrecklich", entfuhr es Hermine unwillkürlich, "das tut mir wirklich leid für dich. Warst du ihm sehr nah?"

Zu ihrer Überraschung lächelte Blaise immer noch: "Nein, gar nicht. Ich kannte ihn ja kaum, immerhin hat meine Mutter ihn erst zu Ostern geheiratet. Er war Ehemann Nummer sieben ... ich kann also nicht von mir behaupten, eine besondere Bindung zu ihm aufgebaut zu haben."

"Sieben?", keuchte Hermine entsetzt, "Oh Gott ... es tut mir leid, dass ich gefragt habe ..."

"Warum?", fragte Blaise plötzlich verärgert und blieb stehen. Sie waren vor der hohen Tür, die in die Große Halle führte, angekommen.

"Ich hatte keine Ahnung, dass du so viele Probleme zu Hause hast. Ich wollte da keine Wunden aufreißen, wirklich nicht ... ich weiß nur einfach nichts über dich."

Nun war es an Blaise, überrascht zu schauen. Keiner seiner Freunde hatte seine familiäre Situation bisher als problematisch betrachtet, im Gegenteil. Seine Mutter genoss einen gewissen Respekt dafür, dass sie wie eine schwarze Witwe immer und immer wieder reiche Männer heiraten und sich ihrer dann sehr schnell entledigen konnte. Entsprechend reich waren er und seine Mutter, so dass er sich nie über irgendetwas hatte beklagen können. Doch die leise und entschuldigend geflüsterten Worte von Hermine Granger berührten sein Herz auf eine Weise, die er nicht für möglich gehalten hatte.

"Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet eine Löwin das Herz einer kalten Schlange wärmen könnte?", meinte er scherzhaft, um zu überspielen, dass ihn das ehrliche Mitgefühl tatsächlich freute. Doch Hermine schien ihn sofort zu durchschauen, denn ihre Antwort bestand lediglich aus einem warmen Lächeln und einer kurzen Berührung. Verwundert schaute Blaise auf die kleine Hand, die auf seinem Arm lag und ihn drückte.

"Ihr hattet wohl auch früher Schluss?", ertönte da vom Ende des Ganges die Stimme von Draco Malfoy. Wie vom Blitz getroffen zog Hermine ihre Hand zurück und trat von Blaise weg. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie nah sie beinander gestanden hatten und wie vertraut die Geste gewesen war. Ein Blick in Zabinis Augen zeigte ihr jedoch, dass er ihr die Berührung nicht vorwarf, sondern ehrlich dankbar war für das Mitgefühl.

Inzwischen war Draco herangekommen und musterte sie misstrauisch: "Warum stehst du hier mit Granger vor der Tür?"

"Wir haben uns über Arithmantik unterhalten", erklärte Blaise schlicht, "es gab Hausaufgaben zurück und wir haben beide ein O bekommen."

"Ist ja sehr interessant", sagte Draco abfällig, "kommst du jetzt mit? Mir knurrt der Magen, vielleicht kriegen wir ja jetzt schon was zu beißen!"

"Ich bezweifle es, aber klar, gerne", nickte Blaise, ehe er sich nochmal zu Hermine umwandte: "Ich denke, wir sehen uns dann ..."

"Ja, bis dann ..."

Während die zwei besten Freunde durch die Tür in die Große Halle schritten, eilte Hermine in den Gemeinschaftsraum, um ihre schwere Tasche endlich loszuwerden.

"Seit wann bist du so freundlich zu Granger?", zischte Draco seinen Freund an, während sie auf ihren Tisch zugingen. Dieser zuckte nur mit den Schultern: "Wie ich schon sagte: Sie ist intelligent und ich kann mich mit ihr gut unterhalten."

"Du erträgst diese Besserwisserin? Ehrlich?"

"Ja, tu ich", sagte Blaise genervt, "zumal sie keine so große Besserwisserin ist. Wenn man nicht gerade eine Topfpflanze ist, gesteht sie einem nämlich durchaus zu, auch mal was Kluges zu sagen. Dass man sie immer nur belehrend erlebt, liegt daran, dass sie genau davon umgeben ist: den Topfpflanzen Potter und Weasley."

Eigentlich hatte Draco ihn wütend anfahren wollen für das Lob über Granger, aber das Bild von Harry Potter und Ron Weasley als Topfpflanzen brachte ihn gegen seinen Willen zum Lachen. Versöhnlich schlug er Blaise auf die Schulter, ehe er sich auf die Bank sinken ließ und gierig seinen Teller anstarrte.

oOoOoOo

Fröhlich stöberte Hermine durch ihren geliebten Bücherladen in Hogsmeade. Sie genoss die Ruhe, die in diesem Laden meistens herrschte, umso mehr jetzt, da sie alleine hier war. Ron hatte Harry mal wieder zu einer Runde Zauberschach überredet - ein sinnloses Unterfangen in Hermines Augen, da Ron auf diesem Gebiet beinah unschlagbar war - und so hatte sie den ganzen Nachmittag für sich. Eigentlich hatte sie direkt nach Salazars Liebstes suchen wollen, doch sie konnte seit eh und je nicht an dem Buchladen vorbeigehen, ohne wenigstens kurz hereinzuschauen.

Gerade wollte sie den Laden wieder verlassen, da bliebt ihr Blick an der Auslage neben der Kasse hängen. Neben Lesezeichen und Gutscheinen waren dort heute vergünstigt kleine Ledernotizbücher im Angebot. Hermine konnte ihr Glück kaum fassen. Rasch ließ sie ihre Finger über die verschiedenen Modelle gleiten, bis sie sich für ein ganz schlichtes, dunkelbraunes Büchlein im A6-Format entschieden hatte. Es hatte ein praktisches Lesebändchen und hielt sogar eine Schlaufe für einen kleinen Stift bereit. Für drei Sickel war das wirklich ein Schnäppchen.

Zufrieden mit sich beschloss Hermine, die Suche nach dem anderen Geschäft auf Freitag zu verschieben und machte sich auf den Rückweg zum Schloss. Auf halben Weg sah sie eine Gruppe von Slytherinschülern den Weg hinunterkommen. Gerade wollte sie ihr Unglück verfluchen, als sie sah, dass neben Malfoy, Parkinson und Nott auch Blaise mit von der Partie war. Etwas mutiger schritt sie weiter.

"Oh, ganz alleine, Granger?", meinte Draco hämisch, als die Gruppe sie erreicht hatte.

"Ja, ich bin nämlich in der Lage, mich ohne Bodyguards oder Fanclub durch die Gegend zu bewegen", erwiderte sie ungerührt. Überrascht bemerkte sie, wie sich Blaise im Hintergrund ein Lachen verkniff, ehe er sagte: "Bitte mach mich nicht zu einem Fangirl von Draco, das ist doch etwas unfair."

Mit einem Grinsen gab Hermine zurück: "Oh, du bist nicht Fanclub, sondern Bodyguard. Deine körperliche Überlegenheit schüchtert doch sofort jeden ein!"

Nun brach Blaise doch noch in schallendes Lachen aus, ohne auf die verwirrten und ärgerlichen Blicke seiner Freunde zu reagieren. Um jedoch einer möglichen Konfrontation von Hermine und Draco vorzubeugen, schnitt er das Gespräch sofort ab: "Na, wir machen dann mal weiter. Bis die Tage, Granger!"

Kurze Zeit lief die Gruppe schweigend weiter, doch schließlich brach der Zorn offen aus Draco heraus: "Sag mal, spinnst du völlig, Blaise? Macht es dir Spaß, mit Granger zu flirten?"

Verwundert hob dieser eine Augenbraue: "Flirten? Ich versteh mich einfach nur gut mit ihr."

"Und du musst zugeben", mischte Theodore sich ein, "ihre Antwort war ziemlich schlagfertig."

Fassungslos starrte Draco seine Freunde an: "Seid ihr alle wahnsinnig geworden? Seit wann lassen wir uns auf diese Weise auf Granger ein?" Und an Pansy gewandt fügte er hinzu: "Du findest hoffentlich nicht auch noch lobende Worte für sie?"

"Was?", fragte diese unschuldig, "Lob für ein Schlammblut? Aber von mir doch nicht, Draco!"

Schlagartig wich die Fröhlichkeit aus dem Gesicht von Blaise und Theodore, und selbst Draco zuckte kurz zusammen. Wie unter einem dunklen Zauber stehend, setzte die Gruppe schweigend und schlecht gelaunt den Weg fort. Nur Pansy grinste unbemerkt vor sich hin.

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