Der letzte Abend war sehr schön. Hoffentlich können wir das bald wiederholen. B.

Der Wecker zeigte mit roten Ziffern, dass es kurz vor Mitternacht war. Tom starrte in die Dunkelheit und versuchte seine Gedanken zu sortieren, während Maximilian seelenruhig neben ihm schlief. Er hätte es nicht tun sollen. Handykontrollen brachten nur Unheil …


„Guten Morgen Schatz.“ 

Gut gelaunt betrat Maximilian die Küche, wo Tom mit verstrubbelten, dunklen Haaren und tiefen Augenringen saß und in die Kaffeetasse starrte. Die Anwesenheit seines Freundes registrierte er gar nicht. Erst als ihn starke Arme umfassten und er einen Kuss auf seinem Kopf spürte, erwachte er aus seiner Starre. 

„Guten Morgen Max.“

Mit zusammengezogenen Augenbrauen entfernte sich der Angesprochene und platzierte sich am Tisch, gegenüber von seinem Freund. Maximilian betrachtete Tom und bemerkte sowohl die Sorgenfalten auf dessen Stirn als auch die müden Augen. Selbst das gequälte Lächeln blieb ihm nicht verborgen. Doch Max war nicht der Typ „Nachfrager“. Wenn sein Partner ein Problem hatte, dann konnte dieser es auch von sich aus ansprechen. Meistens fuhr der Blonde ganz gut damit, den Dingen Zeit zu lassen und abzuwarten.

„Ich muss heute ein bisschen länger arbeiten. Ich … ähm … hab eine Besprechung.“

Tom nickte nur, während sich ein großer Kloß in seinem Hals bildete. Eine Besprechung. Das hatte Max gestern auch gesagt und dann war diese Nachricht gekommen. Wie lange lief das schon? Ohne ein weiteres Wort erhob Tom sich und begann sich für die Arbeit anzuziehen.

„Wohin willst du?“, fragte ihn sein Freund irritiert und beobachtete skeptisch den dunkelhaarigen Mann, den definitiv irgendetwas beschäftigte. Warum verhielt er sich so eigenartig? Maximilian durchforstete sein Gehirn nach Gründen für Toms eigenartiges Verhalten, doch fand keinen Anlass dafür. Vielleicht, wenn sein Freund die gestrige Nachricht gelesen hätte …? Nein. So etwas würde er nicht machen. Und wenn, dann hätte er ihn doch längst darauf angesprochen. Oder doch nicht? Tom war absolut gegen Handykontrollen. Nie würde er seine eigenen Grundsätze ignorieren. Dennoch blieb ein komisches Gefühl in der Magengrube des Blonden und er nahm sich vor, das nächste Mal die Nachricht zu löschen. Nicht, dass Tom auf komische Gedanken kam …


Manchmal sind Liebende betriebsblind. Sie urteilen über andere Paare, kritisieren und können nicht verstehen, wie diese solche Fehler begehen können. Doch die eigene Beziehung zu reflektieren und sich an ihre eigene Nase zu fassen, vermögen sie nicht. Stattdessen machen sie genau die Fehler, die sie bei anderen Liebenden augenrollend kommentieren. Ist man selbst betroffen, so scheint es plötzlich gar nicht mehr so einfach zu reagieren und angemessen zu handeln. Eigene Probleme wirken viel größer und viel dramatischer als die der Anderen. Die eigenen Ratschläge verlieren an Gültigkeit und wirken nicht mehr zutreffend, gleichwohl uns bewusst ist, dass wir handeln müssen. Doch wie? Wann? Wo doch die Angst besteht, den Partner zu verletzen oder gar zu verlieren.


Auch Tom wusste, dass Handlungsbedarf bestand – tat aber nichts. Er hatte keine Ahnung, was er tun sollte. Stattdessen lief er durch die menschengefüllten Gassen, ließ sich von der umgebenden Weihnachtsmusik einlullen und betrachtete die verliebten Pärchen, die händchenhaltend ihre Einkäufe für Heiligabend absolvierten. Er beneidete sie und hasste sich dafür, hasste sie …

„Wow, welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?“ 

Aus seinen Gedanken gerissen schaute er nach der Stimme und lief dabei in ein Rentnerpaar hinein, welches sich mit wüsten Beschimpfungen echauffierte. Doch als Tom erkannte, wer ihn angesprochen hatte, erhellte sich seine Stimmung und er lächelte. Hinter ihm war, schon eine ganze Weile, Marie hinterhergelaufen, eine ehemalige Schulfreundin, die Max und er in unregelmäßigen Abständen traf. Ihre Wangen waren von der Kälte gerötet und ihre Augen strahlten und ihr riesiger Bauch zeigte überdeutlich, dass ihre Schwangerschaft schon weit vorangeschritten war.

„Hey, Süße, wie geht es dir und deinem kleinen Mann?“ 

Zuerst begrüßte Tom die junge Frau, bevor er sanft ihren Bauch streichelte und überrascht lächelte, als er das Kind strampeln spürte.

„Ich fühle mich wie ein Wal. Nein, ernsthaft. Lach nicht! Das ist nicht witzig. Ich kann nicht richtig liegen oder sitzen. Bei jedem Schritt fang ich an zu schnaufen. Und ich passe in keine Hose mehr rein. Sehe ich fett aus?“ 

Tom lachte herzhaft und verschluckte sich dabei fast an seinem Cappuccino, den er gerade an seine Lippen geführt hatte. Die beiden Freunde hatten kurzerhand beschlossen die Gunst der Stunde zu nutzen und waren in ein kleines Café gegangen. Während Marie über die Vor- und Nachteile der Schwangerschaft debattierte und wild gestikulierte, fing ihr Gegenüber an, gedanklich zu Max abzudriften. Was er wohl gerade machte? Mit wem schrieb er? Wie konnte er so etwas nur tun? Toms Herz wurde schwer und er fragte sich, wie das nur passieren konnte? Maximilian war die Liebe seines Lebens und er würde alles für seinen Partner machen. Wann hatte dieser angefangen unglücklich in der Beziehung zu sein? So starrte er gedankenversunken aus dem Fenster, beobachtete die vorbeigehenden Leute und bemerkte gar nicht, dass die Schwangere aufgehört hatte zu erzählen und mit skeptischem Blick ihren guten Freund betrachtete. Als er dies bemerkte, schlich sich eine leichte Röte auf sein Gesicht. Vielleicht sollte er ihr einfach sagen, was los war. Er zögerte einen Moment, bevor es aus ihm heraus platzte:

„Ich glaube Max betrügt mich.“

Energisch schüttelte Marie ihren Kopf und konnte gar nicht glauben, dass Tom solche Gedankengänge hatte. 

„Nein. Das kann gar nicht sein. Maximilian würde dich nie betrügen. Das geht gar nicht. Ihr passt perfekt zusammen und habt so viel durchgemacht. Wie kommst du nur auf diese hirnverbrannte Idee?“

 „Es sind so viele Kleinigkeiten. Er ist immer kurz angebunden und wirkt nervös. Manchmal beobachtet er mich sehr lange und wenn ich zu ihm sehe, dann errötet er, als ob er sich erwischt fühlt.“ 

„Ach, dafür gibt es bestimmt eine vernünftige Erklärung.“ 

„Ich habe sein Handy kontrolliert und…“ 

Marie wollte unterbrechen, doch er zeigte ihr mit einer Handbewegung an, dass sie ihn ausreden lassen sollte. 

„Ja ja, ich weiß, dass ich immer predige, dass man das nicht macht. Doch ich brauchte Gewissheit. Tja, anscheinend stimmt meine Vermutung. Max hat sich jemanden getroffen. Und es muss wohl toll gewesen sein.“ 

Die Schwangere streichelte beruhigend über ihren Bauch. Nicht um ihr Ungeborenes zu besänftigen, sondern sich selbst. Ob es stimmte? Betrog Max seinen Freund? 

„Man, am liebsten würde ich jetzt zu Max fahren und ihn zur Rede stellen!“ 

„Nein! Bitte mach das nicht. Ich ... Es wird sich schon klären."

Betrübt sah er aus dem Fenster und entgegnete flüsternd:

"Ich kann ihn nicht noch mal verlieren. Das würde ich nicht überleben.“ 

Mitfühlend sah Marie ihn an, nahm seine Hand und beide Freunde schwiegen gedankenversunken. 

Damals, als Max im Krankenhaus aufwachte und nicht mehr wusste, wer Tom war … Es hatte ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. Dadurch kannte er das Gefühl sehr genau, seinen Freund zu verlieren und dessen Liebe nicht mehr zu spüren. Das wollte Tom nie wieder durchmachen müssen. Vielleicht war er deshalb so unsicher in ihrer Beziehung. Während sich der Dunkelhaarige, in der Zeit von Maximilians Gedächtnisverlustes, durch Affären gehangelt hatte und kein ernsthaftes Liebesverhältnis führen konnte, war dieser mit einem gewissen Benjamin zusammen gewesen. Bis heute traute Tom sich nicht, ihn genau über seine damalige Beziehung zu befragen, weil er Angst vor der Antwort hatte. Die Befürchtung, dass Tom mehr für Max empfinden könnte als umgekehrt, waberte wie ein dunkler Fleck auf seiner Seele und führte letztendlich dazu, dass er nun hier saß und Marie erzählte, dass Maximilian ihn wahrscheinlich betrog. Rein rational gesehen, würde es bestimmt eine logische Erklärung für jede Verhaltensauffälligkeit geben. Doch Tom Schuster war gerade nicht rational sondern hochgradig emotional. In der Liebe geht manchmal die Vernunft in den Ar… beziehungsweise in der Peripherie verloren.

Während die zwei Freunde wild Hin und Her diskutierten, zog sich Max gerade seine Jacke an und verabschiedete sich bei seinem Chef. Heute würde er etwas eher Feierabend machen, da er noch einen wichtigen Termin hatte. Bei dem Gedanken daran, schlug sein Herz schneller. So nervös war er schon lange nicht mehr gewesen. In letzter Zeit hatte der Blonde sich zwar öfters mit Benjamin, seinem Ex, getroffen, doch heute sollte es endlich ans Eingemachte gehen. Heute war der Tag, den er schon so lange geplant hatte und von dem Tom nichts erfahren durfte. Und diese Tatsache fiel Maximilian unglaublich schwer. Er konnte seinem Freund so schlecht etwas verheimlichen. Doch diesmal musste es sein. Vorerst durfte Tom von Benjamin nichts wissen.

Die Tage vergingen. Maximilian Laune stieg proportional zum sinkenden Gefühlsleben seines Partners. Mittlerweile konnte Letzterer kaum noch schlafen und zu lächeln fiel ihm schwer. Nun war er sich auch sehr sicher, dass Max eine Affäre hatte. Erst gestern hatte Tom bei seinem Lebensgefährten auf der Arbeit angerufen, weil dieser über sein Handy nicht erreichbar gewesen war und hatte erfahren, dass er einen Tag Urlaub gehabt hatte. Urlaub! Und Tom wusste von nichts. Jedes Mal, wenn Maximilian fröhlich pfeifend durch das Haus lief und die pure Freude verströmte, kam dem vermeintlich Betrogenen die Galle hoch, parallel zu den Tränen. Doch von all dem bemerkte der Glückliche nichts oder ignorierte es geflissentlich. 

„Noch zwei Tage bis Heiligabend. Morgen noch arbeiten und dann endlich ausspannen. Die letzten Tage waren anstrengend. Ist doch okay, dass ich deine und meine Mutter plus Robert samt Anhang eingeladen habe? Tom? Tom, hörst du mir überhaupt zu?“ 

Der Angesprochene nickte. Sollte doch die ganze Welt kommen. Es war ihm alles egal. Die Weihnachtseuphorie seines Freundes kotzte ihn an. Noch nie hatte Max freiwillig die Familie eingeladen. Wahrscheinlich nagte das schlechte Gewissen an ihm, vermutete Tom, doch diese Gedanken behielt er für sich. Was sollte er nur tun? Trotz allem liebte er diesen Volltrottel … 

„Tom, dein Handy klingelt. Was ist denn los mit dir? Seit Tagen verhältst du dich eigenartig.“ 

Schnaubend griff Tom nach seinem Telefon, murmelte: „Wer von uns verhält sich hier komisch“, schlüpfte in seine Stiefel und zog sich gekonnt den Mantel an, während er dann, nach einem endlos wirkenden Klingelmarathon, endlich das Telefonat annahm.

„Wo bist du denn? Die Proben fangen in fünf Minuten an“, fragte sein Orchesterkollege Lennart am Telefon mit aufgeregter Stimme. Verdammt! Die Probenzeitänderung hatte er ganz vergessen. Tom sah auf die Uhr und seufzte. Ohne sich von Maximilian zu verabschieden stürmte er aus der Wohnung und rannte zum Auto. 

„Ich bin gleich da.“

Mit hochrotem Kopf und völlig außer Atmen kam er im Probenraum an. Schnell entledigte sich der junge Mann von seiner überflüssigen Kleidung und lief Richtung Klavier, den Blicken der anderen auf sich spürend.

"Alles in Ordnung?“, fragte Lennart ihn mit besorgtem Blick, als er an diesem vorbei lief. Tom blickte zu seinem Orchesterkollegen und nickte.

„Ja. Tut mir leid. Es kann losgehen.“ 

Sie übten für den morgigen Auftritt und das Klavierspiel war eine willkommene Ablenkung von Toms düsteren Gedanken. Nach den Proben ging das gesamte Ensemble in eine stadtbekannte Musikerkneipe. Heute war dem Unglücklichen nach einem Drink. Aus einem Getränk wurden drei und er bemerkte, wie ihm der Alkohol in den Kopf stieg. So klopfte Tom auf den Tisch und verabschiedete sich. Der Weg nach Hause würde ihm wieder einen klaren Kopf bringen. Lennart, der Cello-Spieler, ließ sich nicht davon abbringen, ihn noch ein bisschen begleiten zu wollen. So bedankte sich Tom, als ihm der Mantel gebracht wurde und Lenni ihn festhielt, damit der Angeschwippste leichter hinein schlüpfen konnte. 

„Kein Problem. Das mache ich gern“, wisperte der Cello-Spieler in sein Ohr und Tom bekam Gänsehaut. Mittlerweile war er sich ziemlich sicher, dass Lennart an ihm interessiert war, was jedoch nur auf Einseitigkeit beruhte. 

Sie gingen gemeinsam aus der Kneipe und sofort bildeten sich kleine Nebelschwaden vor ihren Gesichtern. Tom sah nach oben. Eine kleine, eisige Flocke landete auf seiner Nasespitze und zerrann dort sofort. Der erste Schnee in dieser Weihnachtszeit. Die Straßenlaternen färbten die Gassen in ein romantisches Orange und automatisch fühlte sich der junge Mann etwas besser. 

„Es ist schön, dass du wieder lächelst. Ich habe mir schon Sorgen gemacht.“ 

Tom drehte sich zu Lennart um, der ihn verträumt ansah. Jetzt sollte das zwischen den beiden wirklich klar gestellt werden.

„Weißt du Lennart. Ich … ähm … habe das Gefühl …“

 „Ist das nicht dein Freund da vorne?“ 

Sofort unterbrach Tom seinen Versuch ihm zu erklären, dass sie nur Freunde waren und bleiben würden. Stattdessen blickte er zu der Stelle, auf die der Kumpel hindeutete.

Tatsächlich. Da, am Ende der Straße, lief Maximilian und zwar genau auf sie zu. Seinen Gang hätte Tom unter Millionen Menschen erkannt und es wunderte ihn, dass sein Kollege das anscheinend auch konnte. Doch er wollte diesen Gedanken nicht weiter verfolgen, da ihn sein Begleiter mit der nächsten Frage überforderte.

„Willst du hin gehen?“ 

„Ich ähm …“ 

Warum zögerte er? Weil Maximilian nicht alleine war! Neben ihm lief ein anderer Mann und die beiden schienen sich angeregt zu unterhalten. Als Toms Freund lauthals los lachte, während der Fremde vertraut seinen Arm um dessen Schulter legte, rutschte Toms Herz in die Hose. Etwa fünf Meter vor Lennart und ihm blieben sie stehen. Maximilian hatte seinen Lebenspartner erkannt und kurz waren ihm seine Gesichtszüge entglitten. Beide gingen nun zielstrebig auf die Musiker zu und Tom ließ dabei seinen Lebensgefährten nicht aus den Augen. Als sie ihr Ziel erreicht hatten, begrüßte Max seinen Partner wie immer mit einer kurzen Umarmung, reichte Lennart die Hand, zeigte danach auf den Mann neben sich und sagte: „Das ist …“

„ … Benjamin“, ergänzte Tom seinen Satz. Er kannte ihn von den Bildern in Maximilians Fotoalbum. Jetzt war der ehemalige Teenager lediglich erwachsen, hatte aber nichts von seiner, schon damals vorhanden, Attraktivität eingebüßt. 

„Hi. Und du musst dann Tom sein.“

Dieser nickte mit zusammen gekniffenen Lippen und blickte zwischen den beiden Männern Hin und Her. Tom fragte sich, ob sein Freund mit Benjamin seinen freien Tag verbracht hatte? War dieser Mann Maximilians Affäre? War es vielleicht sogar mehr als das … War es Liebe? Toms Herz setzte kurz aus und er spürte, wie ihn seine Emotionen zu übermannen drohten. Er musste hier weg! So schnell wie möglich. 

„Ähm … nett … dich kennenlernt zu haben. Ich muss dann auch wieder los. Ganz schön kalt. Lennart, danke für die Begleitung. Und euch … viel Spaß noch.“

Dann drehte Tom sich um und ging, während seine heißen Tränen sich nun endgültig ihren Weg bahnten. Noch am nächsten Tag waren seine Augen rot und geschwollen von der Heulerei, doch das sah Maximilian nicht, da dieser nicht nach Hause gekommen war. So saß der Dunkelhaarige nun grübelnd am Küchentisch und rührte seinen Kaffee zu Tode.

Was ist Liebe? Liebe versetzt die Menschen in ein unglaubliches Hochgefühl, gibt einem das Gefühl zu fliegen und auf Wolken zu schweben. Liebe kann einen jedoch auch in tiefe Abgründe führen, in Dunkelheit, welche voller Zweifel und Angst ist. Diese Ambivalenz der Emotionen bedingt einander. Wer hasst, muss einmal geliebt haben. Wer sich auf die Liebe einlässt gibt ein bisschen seines Ichs auf. Oder nein. Das ist umständlich ausgedrückt. Der Mensch kam aus einem „Wir“-Gefühl. Er war eins mit seiner Mutter in ihrem Leib. Musste sich nicht sorgen, war geborgen. Nach der Geburt und mit dem Erwachsenwerden, nabelt sich das Kind ab. Aus einem „Wir“ wird ein „Ich“. Der Erwachsene will sich selbst verwirklichen, selbst etwas erbauen. Möchte gebraucht werden. Jemand, der nicht gebraucht wird, verkümmert. Doch irgendwann kommt die Erkenntnis, dass „Ich“ nicht glücklich macht. Der Mensch will wieder ein „Wir“ und zurück zu Geborgenheit und Nähe. Er hat sich entwickelt. Nicht nur körperlich sondern auch emotional. Erst, wenn er sich seines „Ichs“ bewusst geworden ist, kann er ein „Wir“ werden. Der Mensch gibt ein bisschen seiner hart erkämpften Eigenständigkeit auf, um sich mit einer anderen Person zu verwirklichen, sich zu entwickeln und weiter zu wachsen. Er öffnet sich für den anderen und macht sich verletzlich. Aber nur indem wir unsere Grenzen für einen anderen Menschen öffnen, können wir ihn auch an uns heran lassen und uns berühren lassen. Nicht nur körperlich sondern (und vor allem emotional). Der Mensch will vertrauen und die Geborgenheit spüren. Doch sobald wir uns öffnen, machen wir uns verletzbar, indem wir ein Teil unseres Ichs, vertrauensvoll in die Hände des anderen legen. Und das ist fürchterlich angsteinflößend und unglaublich wichtig. Diese Angst ist es, die uns zum kämpfen bringt, kämpfen um die Liebe. Sie ist es, die uns Grenzen sprengen lässt und zueinander führt. Aus zwei einzelnen „Ichs“ wird ein großes „Wir“. Dieser Daseinszustand kann jedoch nur erreicht werden, indem wir die Angst überwinden und kämpfen. Nicht für das eigene „Ich“ sondern für das erworbene „Wir“.

Tom legte die Zeitung beiseite. Er dachte lange über den Artikel nach. Auch er hatte Angst. Angst Max zu verlieren. Nur mit ihm war er glücklich. Noch nie in seinem Leben hatte er sich so geborgen und sicher gefühlt. Nein. Er würde seine Grenze nicht wieder verschließen und stattdessen kämpfen – für Max, für die Beziehung und für ein gemeinsames „Wir“.

Schneller als gedacht war Heiligabend und Tom war unglücklich. Immer wieder hatte er versucht mit seinem Freund zu sprechen und zu erfahren, warum sich Maximilian so eigenartig verhielt und ihm immer mehr aus dem Weg ging. Es fühlte sich wie ein nahender Showdown an und heute war das Finale. Nervös tigerte Max auf und ab. Er hatte das Gefühl zu zerbersten. So nervös war er lange nicht mehr gewesen. Heute war der Tag X. An diesem Abend würde sich sein Leben ändern – hoffentlich. Immer wieder zog er die Tischdeckchen gerade oder stellte die Keksschüsseln erneut um. Und immer wieder blickte er auf die Uhr. Als er Tom sah, wie er mit seinem Anzug in das Esszimmer kam, rutschte ihm das Herz in die Hose. Ich bin ein Arsch. Das dachte er schon seit einigen Tagen immer wieder. Natürlich hatte er gemerkt, dass es seinem Partner nicht gut ging, wegen der Distanziertheit, die er an den Tag legte. Doch Max konnte einfach nicht aus seiner Haut heraus. Gott sei Dank würde die Geheimnistuerei bald ein Ende haben. Wieder sah er auf die Uhr. Hoffentlich würde sich Benjamin nicht verspäten …Es klingelte und die ersten Gäste trudelten ein. Tom begrüßte sie mit einer herzlichen Umarmung. Max beneidete ihn darum. Er konnte so schlecht seine Gefühle zeigen. Wie gern würde er einfach … Doch schon wurde der Blonde in seinem Gedankengang unterbrochen, als seine Mutter zu ihm kam und umarmte. Kurz danach folgte Robert, sein Bruder, samt Freundin. Die Zwei warfen sich verliebte Blicke zu und konnten kaum die Finger voneinander lassen. Kurz blickte Max zu seinem Freund, der die beiden fast wehmütig betrachtete. Ich bin so ein Arsch, dachte sich der Blonde dabei wieder, weil er erneut merkte, wie verletzt Tom war.

„Erde an Max. Bist du da?“

Überrascht zwinkerte der Angesprochene mehrmals, bis er registrierte, wer ihm die Frage gestellt hatte.

„Marie, schön, dass du da bist.“ 

Max lächelte seine ehemalige Klassenkameradin an, die mit großer Babykugel vor ihm stand.

„Und was ist mit mir?“

Eingeschnappt drängelte sich Daniel zwischen die zwei Freunde und schlug mit dem Gastgeber freundschaftlich ein. Sein Kumpel hatte sich in all den Jahren nicht verändert und das entlockte Max ein Schmunzeln. Nun waren alle offiziell Eingeladenen da. Tom wollte gerade sein Glas erheben, um seine Weihnachtsrede zu beginnen, als es erneut klingelte. Irritiert sah er zu seinem Freund.

„Erwartest du noch jemanden?“

Maximilian nickte und ging zur Tür. Erleichtert atmete er tief aus, als er den Neuankömmling betrachtete, welcher in verschmitzt ansah. 

„Du bist da!“ 

Vor Erleichterung umarmte er den Mann an der Tür, zuckte jedoch zurück, als er etwas zerklirren hörte. Verwundert sah er zu der Geräuschquelle. Tom hatte sein Glas fallen lassen, welches in tausend Scherben auf dem Boden verteilt lag. Mit einem fassungslosen und enttäuschten Blick sah er Max an.

„Was macht der hier?“ 

Max straffte die Schultern und sah seinem Partner direkt ins Gesicht.

„Ich habe ihn eingeladen. Er hat…“

„Es ist mir scheißegal, warum du ihn eingeladen hast. Maximilian, ernsthaft? An Heiligabend? Ich habe mir das über Wochen angesehen. Hab mir gedacht, dass du bestimmt irgendwann mit mir darüber reden wirst. Und dann das! Wie kannst du mir das antun?“

Mit einer schnellen Handbewegung wischte sich Tom die Tränen aus dem Gesicht. Das war’s. Das war zu viel des Guten. Scheiß auf „Grenzen offen halten“. Verletzt und zutiefst verstört ging er auf Benjamin und Max zu. Sein Gesicht glühte und sein Herz fühlte sich an, wie das zersprungene Glas auf dem Boden. 

„Hast du eine Ahnung, wie sehr du mir damit weh tust? Nein! Jetzt rede ich!“ 

Mit einer drohenden Handbewegung brachte er Max dazu den Mund zu halten.

„Ich liebe dich! Mehr als alles andere auf der Welt und du betrügst mich mit dem Kerl und hast dann auch noch die Dreistigkeit ihn zu Heiligabend in unser Haus einzuladen?“

„Jetzt ist doch mal gut!“

Benjamins Stimme brachte Tom zum Schweigen. Mit genervtem Blick betrachtete er sein Gegenüber, während er zu Max sprach. 

„Und den willst du wirklich heiraten?“

„Ach halt doch die Klappe, du … Was? Heiraten?“ 

Tom unterbrach das Gezeter und betrachtete mehrfach blinzelnd den verhassten Mann. Was hatte er gerade gesagt? So recht wollte sein Gehirn das Gehörte nicht verarbeiten. Plötzlich spürte er, wie jemand seine Hand nahm. Maximilian sah kurz wütend zu Benjamin, eh er sich mit liebevollem Blick zu seinem Partner drehte.

„Tom Schuster, du eifersüchtiger Kerl. Ich liebe dich! Mehr als alles andere auf der Welt. Ich weiß, dass ich dir die letzten Wochen viel zugemutet habe und dass du gelitten hast. Doch ich habe dich nicht betrogen. Ich würde dich nie betrügen. Du bist alles für mich! Ja, ich habe Benjamin hinter deinem Rücken getroffen und das aus gutem Grund. Benny übt einen Job aus, der mir gut gelegen kam und wir hatten quasi ein gemeinsames Projekt…“

Max sah auffordernd zu Benjamin, der ihm eine kleine Schatulle reichte. 

„…Benjamin ist Goldschmied und half mir etwas für dich, für uns, zu machen.“

Plötzlich kniete Max vor Tom nieder und öffnete das kleine Kästchen. Ein Ring kam zum Vorschein, den der Kniende vorsichtig heraus holte. 

„Ich liebe dich. Du bist die Liebe meines Lebens. Nie werde ich für jemanden so viel empfinden wie für dich. Du bringst mich zum Lachen, wenn ich weinen mag. Umarmst mich fest, wenn ich drohe zu fallen. Ich bin kein Mann, der dir immer das zeigen kann, was er fühlt, doch heute, jetzt, in diesem Moment, sollen alle die uns lieben sehen, was du mir bedeutest und Zeuge sein, wenn ich dich frage, ob du für immer an meiner Seite bleiben willst. Tom Schuster. Willst du mich heiraten?“ 

Mit zitternder Hand führte Maximilian den Ring über Toms Finger, welcher ihn vor lauter Freudentränen kaum betrachten konnte.

„Ja. Ja! Ja!“ 

Glückselig fielen sie sich in die Arme und aus dem Weihnachtsessen wurde eine Verlobungsfeier.


Ein Jahr später heirateten Tom und Maximilian im Kreise von Familie und Freunden. Benjamin und Marie wurden ihre Trauzeugen.

Noch heute betrachtet Tom seinen Ehering voller Ehrfurcht. Ein Kreis. Symbol für ihre unendliche Liebe. Der Ring war nicht glatt, sondern war hier und da ein bisschen uneben. So wie auch ihre Liebe nicht immer glatt gelaufen war. Doch letztendlich hatte sich alles zusammen gefügt. Damals hätte er nie gedacht, dass Max ihm einen Antrag machen würde. Jedoch hatte sich erneut ihr gemeinsames Lebensmotto erfüllt:

Never say never – Sag niemals nie.

Comments

  • Author Portrait

    Ich habe so mit Tom gefühlt und war froh, dass seine Ängste sich am Ende nicht bestätigt haben. Ich liebe deine Jungs und die Geschichte 5/5 ^__^

  • Author Portrait

    Die Fortsetzung deiner Geschichte zeigt, wie sehr jede Beziehung ihre Höhen und Tiefen kennt. Du hast sie sehr gut dargestellt. Toms Ängste und Emotionen sind spür- und nachvollziehbar. Umso schöner natürlich das Happyend! :-) 5/5

  • Author Portrait

    Ich hoffe, dass der Text bei euch nicht so verschoben ist. In meiner Arbeitsvariante sieht jetzt alles korrekt aus. o.O

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