Wie alles begann


Es begann in einem kleinen verschlafenen Dorf mit vielleicht 800 Einwohnern. Es war ein malerischer Ort. Auf einem Hügel stand ein Bauernhof - man hatte den besten Ausblick von dort oben. Nur eine Person lebte dort. Der Rest der Dorfbewohner lebte am Fuß des Hügels. Viele Dorfbewohner kamen oft hier rauf um die Aussicht zu genießen und um Lebensmittel einzutauschen. Das Dorf besaß einen großen Platz, auf dem der Markt statt fand und auf dem gefeiert wurde. Sämtliche Häuser waren um den Platz herum gebaut worden. Außerhalb des Dorfes lagen die Felder der Bauern. Abgesehen von den Feldern gab es in der Umgebung   nur Wälder, Hügel und Seen. Es war eine wunderschöne, ruhige Gegend.
Doch selbst in diesem kleinen Paradies war das Leben nicht perfekt und ohne Leid. „Ich komme morgen wieder Maria", sagte ein Mann, genannt Thomas, als er aus dem Bauernhaus trat.
Maria nickte nur anwesend und schloss die Tür. Der junge Mann blieb noch kurz stehen, dann seufzte er und ging weiter. Er war zwar eine Art Seelsorger für die Dorfbewohner und hatte schon viel Leid gesehen, aber Maria hatte es besonderes schlimm getroffen. Erst hatte sie vor 5 Monaten ihren Ehemann verloren und jetzt war auch noch ihr 2 Monate altes Baby gestorben. Das war vor 1 Woche
gewesen. Er hatte keine Ahnung ob sie sich wieder davon erholen würde und ehrlich gesagt glaubte er es auch nicht. Nicht ohne ein kleines Wunder. Wieder seufzte er tief, dann wandte er seine Gedanken einem anderen Problem zu. Es war mal wieder so weit. Der monatliche Sklavenzug war eingetroffen. Er hatte ihre Ankunft von oben aus beobachtet. Einmal im Monat rastete eine Gruppe Sklavenhändler hier nur um so bald wie möglich in die nächste Stadt zu kommen und die Sklaven dort zu versteigern. Er sah immer wenn es so weit war bei den Sklaven vorbei, gab ihnen Essen und Trinken und tat was er konnte. Er war zutiefst gegen Sklaverei und er wusste dass die meisten im Dorf seine Meinung teilten. Ab und zu kaufte auch jemand einen Sklaven um ihn dann ein gutes Leben zu ermöglichen. Aber das Geld hatten nicht viele.
Kurz drauf erreichte er den Marktplatz auf dem sich die Sklaven befanden und sah sich um . Es waren nicht so viele wie sonst. Vielleicht etwa 100 Menschen . Einige befanden sich in Käfigen, andere wiederum waren zusammen gekettet. Langsam ging er zu jedem von ihnen und reichte ihnen Wasser und Brot. Die Sklavenhändler beobachteten in dabei wie immer argwöhnisch, griffen aber auch nicht ein.
Im letzten Käfig befand sich nur eine Person. Ein vielleicht 14 jähriges Mädchen saß zusammengekauert in der Ecke des Käfigs. Soweit weit man es bei den ganzen Schmutz erkennen konnte hatte sie rote lockige Haare. Sie hatte die Augen geschlossen und sah sehr blass aus . In einer anderen Ecke lag ein Bündel dass Thomas nicht weiter beachtete. Er kniete sich hin: „ Alles in Ordnung?" Innerlich ohrfeigte er sich für die dumme Frage. Das Mädchen öffnete die Augen zur Hälfte und blinzelte ihn nur an.
„ Willst du etwas Essen und Trinken", fragte er weiter. Jetzt nickte das Mädchen leicht. Er reichte ihr ein Brötchen und ein Beutel mit wasser rein. zu seiner Verwunderung begann das Mädchen nicht sofort zu essen und zu trinken sondern legte beides neben sich. Mühsam zog sie sich in eine aufrechtere Position. Vorsichtig griff sie nach dem Bündel welches bisher unbeachtet in der Ecke gelegen hatte. Sie schob es ihm unauffällig hin und wisperte mit rauer Stimme:„ Pass gut darauf auf! Öffne erst wenn du weit weg bist! Du musst es versprechen!" „ Ich verspreche es", erwiderte Thomas etwas perplex aber ruhig.
Daraufhin ließ das Mädchen sich zurück sinken, begann endlich zu essen und beachtete ihn nicht weiter. Vorsichtig griff er nach dem Bündel und ließ es unter seinen Mantel gleiten. Dann richtete er sich auf, streckte sich und schlenderte betont ruhig davon, obwohl sein Herz raste. In einer kleinen Straße blieb er stehen und sah sich um. Ja er war definitiv weit genug weg und gefolgt war ihm auch niemand. Erleichtert Thomas sich auf eine nahegelegene Bank fallen und wischte sich die schweißnassen braunen Locken aus der Stirn. Vorsichtig zog er das Bündel hervor und legte es neben sich. Es bestand aus alten Lumpen. Er vermutete dass es irgendwelche Vermögensgegenstände enthielt. So etwas hat er schon häufig erhalten. Und trotzdem war es noch immer eine riskante Sache. Den nach Rechtswegen gehörte der schmuck der sklaven den sklavenhändlern. Das was er tat, galt dementsprechend als Diebstahl.   Vorsichtig zog er die Lumpen auseinander und fuhr zurück. Ein Baby! Ein sehr kleines, dürres, noch mit Blut und Schleim beschmiertes Baby! Das traf ihn zutiefst. Noch während er fassungslos auf das kleine Wesen herabblickte öffnete es die Augen und begann kläglich zu schreien. Es war ein kalter Herbstabend und es wurde bereits dunkel. Allem Anschein nach war das kleine auch noch unterkühlt.Obwohl es in lumpen gewickelt war.
Das riss Thomas aus seinen Gedanken. Schnell hob er das Kind hoch und wickelte es in seinen Mantel.
Während er das weinende Kind sanft hin und her wiegte, arbeitete sein Verstand fieberhaft. Was sollt er jetzt mit dem Kind tun? Er konnte sich nicht darum kümmern. Aber wer hatte die Kapazitäten und die Zeit sich um einen so hilfloses Wesen zu kümmern ? noch dazu einem allen Anschein nach ein zu früh geborenes welches besonders intensive Pflege benötigte?
Da kam ihn ein Geistesblitz: Maria!
Schnell, aber nicht zu schnell, schritt er den Weg zu Marias Bauernhof ab. Als er sein Ziel erreicht hatte, klopfte er heftig gegen die Tür . Das kleine war unterwegs immer leiser geworden und wimmerte nur noch leise. Marias müdes, von schlaffen schwarzen Locken umrahmtes Gesicht erschien in der Tür:„ Thomas?
So spät noch?" „ Maria, lass mich schnell rein", drängte Thomas, schlüpfte einfach in das Haus und schloss die Tür hinter sich. „Was ist denn los",fragte sie mit langsamer, schleppender Sprache, jedoch gespickt mit etwas Neugierde. Da schien ein Teil der alten Maria durch , dachte er sich wehmütig. Dann schüttelte er den Kopf. dafür war jetzt keine Zeit. Er wickelte das Baby vorsichtig aus und hielt es ihr hin:

„Die Mutter ist eine der Sklaven auf dem Marktplatz. Sie hat mir das Kleine gegeben, ich weiß nicht ob es ein Mädchen oder ein Junge ist, und mich gebeten für es zu sorgen. Ich weiß nicht wieso, aber ich werde mich nochmal erkundigen. Die Sache ist die, ich kann mich nicht um es kümmern und außer dir fällt mir niemand ein. Ich weiß, es ist wahrscheinlich zu viel verlangt, in Anbetracht der Umstände, aber ich habe keine andere Wahl. Bei dir hat es die besten Chancen. Es braucht dringend jemanden der sich um es kümmert. Wirst du es tun?"

Mit einem undefinierbaren Blick sah die Frau eine Weile auf das Kind hinab. Dann nahm sie es sanft aus Thomas Armen und knöpfte sich die Bluse auf, während Thomas sich verlegen abwandte und legte es an die Brust. Es begann sofort gierig zu saugen. „Ja Thomas. Ich werde es versorgen und mich um das Kleine kümmern. ", wisperte Maria unter Tränen.
Er lächelte erleichtert:„ Ich muss los, noch einiges erledigen."
Maria schien ihn gar nicht zu hören , sondern sah nur das saugende Kind hinab , also schlich er sich aus dem Haus und schloss leise die Tür. Erleichtert seufzte Thomas nochmal. Das war gut gegangen. Es würde Maria helfen und ihr wieder ein Sinn im Leben geben. Auch wenn es ihr Kind niemals ersetzen würde. Jetzt machte er sich zielstrebig auf den Weg zum Dorfplatz um einiges in Erfahrung zu bringen. Am Rande des Platzes sah er sich vorsichtig um. Die Sklavenhändler schliefen tief und fest. Leise schlich er zum Käfig des jungen Mädchen. „Ich habe dein Kind gut untergebracht. Es wird versorgt von einer liebevollen Frau, der ich sehr vertraue . Ich habe nur ein paar Fragen. Wann wurde es geboren? Und warum hast du es weggegeben", wisperte Thomas leise um niemanden zu wecken.
„Vielen dank. Ich habe nicht genug Milch für sie, ich bin noch zu jung. Außerdem glaube ich nicht, dass ich ihr die Liebe geben kann die sie braucht. Aufgrund der Art wie... wie... wie sie gezeugt wurde. Ich will ihr nichts böses, ich will nur dass sie versorgt wird,nicht in Sklaverei aufwachsen muss und ein gutes Leben hat ", flüsterte sie mit erstickter Stimme.
Ich verstehe. Eine letzte Frage. Wie alt bist du und wie heißt du", fragte Thomas nach einer kleinen Pause.
„ Elizabeth und fast 15", flüsterte sie zurück.
„Danke Elizabeth. Ich gebe dir mein Versprechen, und ich bin mir sicher die Frau, sie heißt übrigens Maria, auch, dass sie ein gutes Leben haben wird", sagte Thomas feierlich. Elizabeth nickte müde und schloss ein weiteres Mal die Augen. Leise zog Thomas sich zurück und ging zu sich nach Hause. Dort ließ er sich, erschöpft von der ganzen Aufregung, in seinen Lieblingssessel fallen und legte die Füße hoch. Die Wärme und das beruhigende Prasseln des Kaminfeuers machten ihn schläfrig und bald darauf schlief er ein.
Oben auf dem Bauernhof war das Kleine auch eingeschlafen nachdem Maria es gefüttert und gebadet hatte.
Es war still in dem großen Gebäude aber warm. Maria saß schweigend auf ihrem Schaukelstuhl, den Säugling auf dem Schoß. Jetzt wo es sauber war konnte man erkennen, dass die Kleine eine helle sanfte haut besaß und auf dem kleinen Köpfchen eine feine Schicht rot-brauner Haare hatte. Sie war sehr zierlich. Vorsichtig streckte Maria einen Finger aus und strich sanft über den Haarflaum. Er war ganz weich. Tränen traten ihr in die Augen. Genau wie bei Nils als er gerade geboren war. Er fehlte ihr so.
Während sie so da saß, überkamen sie Schuldgefühle. War es nicht irgendwie so als würde sie Nils, ihren kleinen Sohn, ersetzen? Konnte und sollte sie sich wirklich um das Mädchen kümmern? Zweifel nagten an ihr. Ja, sie hatte Thomas schon zugesagt. Würde er Verständnis zeigen wenn sie ihre Meinung ändern würde? Aber was würde aus dem Neugeborenen werden? Ratlos und verzweifelt saß sie einfach da. Noch immer tropften Tränen aus ihren Augen und fielen auf das Handtuch in dass das kleine Mädchen gewickelt war. „ was soll ich bloß machen", murmelte sie verzweifelt und mit erstickter Stimme. Da öffnete das Kleine plötzlich seine Augen und sah Maria unvermittelt an. Sie hatte helle blaue, ja fast türkisfarbene Augen. Mit einem Laut der mit einem Glucksen vergleichbar war, streckte sie plötzlich etwas die Arme aus. Da machte es Klick in Maria. Sie könnte die Kleine nicht mehr fort geben. Sie gehörten zusammen. Das Schicksal hatte sie zusammen geführt. Ganz sanft nahm sie das Mädchen auf den Arm und hielt sie einfach sanft fest. „ Ich werde immer für dich da sein. Wir gehören zusammen", murmelte sie in das Ohr des bereits wieder schlafenden Säuglings. Gedanklich fügte sie noch hinzu: Wo immer du jetzt auch bist mein Nils, ich werde dich niemals vergessen. Du fehlst mir. Du wirst mir immer fehlen. Ich liebe dich.
Sie wusste die Trauer würde niemals komplett verschwinden. Und doch hatte sie jetzt wieder einen Grund zu leben. Hier war ein kleines wesen,dass sie brauchte.
Mit einer fließenden Bewegung stand sie auf und ging sanften Schrittes ins Schlafzimmer. Sanft legte sie die Kleine ins Bett und legte sich vorsichtig daneben. „Schlaf gut. Du bist hier in Sicherheit. Und weißt du was: ich werde dich Akiko nennen. Gute Nacht, kleine Akiko", flüsterte sie und gab der Kleinen einen sanften Kuss auf die Stirn. Dann schloss auch sie die Augen und glitt in einen erholsamen schlaf.


Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media