Einfach. Der Mensch sucht stets nach einem Weg sein Leben einfacher zu gestalten. Er liebt die Bequemlichkeit, das simple Leben und möchte es so stressfrei wie möglich halten können. Deswegen entwickelte er bereits im 19. Jahrhundert Autos. Was für die Zivilisation damals undenkbar gewesen war, ist heute Gang und Gebe. Der Mensch entwickelte die Glühbirne, machte Elektrizität nutzbar, vertrieb sich mit Radio und Fernsehgeräten die Langeweile und reiste mit Flugzeugen um den Globus. Alles, um die Welt kompakter und handlicher zu machen. Sozusagen eine smarte Welt zu kreieren. Doch was ist das Ende dieser Entwicklungskette? Autos brauchen heutzutage keinen Fahrer mehr. Sie kennen ihre Wege und steuern selbstsicher und lernfähig zu ihrem Ziel, und zwar ohne Menschen. Eine einfache Theorie wäre doch: Früher brauchte das Auto den Fahrer, heute braucht der Fahrer das Auto. Es hat sich etwas verändert.

Als Kopernikus in seinem Werk 'De Revolutionibus Orbium Coelestium' beschrieb, dass sich die Erde um die Sonne drehte und nicht die Sonne um die Erde, wurde die Würde des Menschen zutiefst beleidigt. Er erlebte einen Fall seiner Relevanz für die Geschichte des Universums.
Doch das war nicht die einzige Verletzung, die der Mensch hinnehmen musste.
Nun stellte ein Britischer Naturforscher 300 Jahre später die dreiste Behauptung auf, dass der Mensch in seiner vollen Pracht, welche wir heute bewundern dürfen, nicht schon immer so existiert hatte und von einem Gott geschaffen worden war, sondern wir in unserer Entwicklungsgeschichte irgendwann einmal dieselben Vorfahren hatten wie der Affe.
Als wäre dies nicht schon genug Tadel der menschlichen Brillianz, machte es sich schließlich ein gewisser Sigmund Freud Anfang des 20. Jahrhunderts zur Aufgabe den Menschen auch noch seines letzten großen Stolzes zu berauben: Seines Verstandes.
Nicht mal über sich selbst war er Herr, wie sollte er da Macht über die Erde oder gar das Universum haben?

Und um die Kette zu vervollständigen, ist es wichtig zu erkennen, dass sich im Laufe unserer Zeit langsam die vierte große Kränkung der Menschheit anbahnen wird. Wie man sie genau benennen mag, das sei eine offene Frage, aber sie ist in ihrer Art und Weise klar erkennbar.
Immer wieder wird hochmütig davon gesprochen, dass der Mensch die 'intelligenteste' Spezies auf dem Planeten Erde sei. Dieser Aussage liegt meist eine Assoziation am nächsten; dass das Attribut 'Intelligenz' etwas durch und durch Positives wäre.
Aber hat sich je jemand gedacht, dass Intelligenz auch ihre Schattenseite haben kann?
Der Mensch ist dazu verdammt sich selbst ins Aus zu schießen. Weil er bequem ist. Weil er die Einfachheit liebt. Denn Einfachheit macht das Leben qualitativ besser. Das Ironische an dieser Tatsache ist, dass der Mensch einer falschen Einfachheit hinterher läuft. Er denkt durch Autos, Computer, Smartphones, Roboter und Ähnlichem wird das Leben simpler. Doch stattdessen wird alles viel komplizierter, und vorallem schnelllebiger. Es wird zu
schnell. Und es wird zu schnell für den Menschen selbst. Er wird von seiner eigenen Intelligenz überholt, denn der Mensch hat einen Fehler: Seine Menschlichkeit. Er fühlt.
Empathie und Intelligenz stehen sich oft im Weg. Wo ein Mensch eine Entscheidung entweder verstandesgemäß oder gefühlsmäßig entscheiden kann (und er tut häufiger als er glaubt Zweiteres), kann ein Roboter nur verstandesgemäß wählen.

Was vielleicht das ganze Problem ist, ist der Sinn des Menschen in diesem 'großen kosmischen Plan', sofern es denn einen geben sollte. In der Theorie ist der Mensch nur ein Mittel zum Zweck und kein Zweck. Ergo ist der Mensch nicht das Produkt, das durch einen Prozess entsteht, sondern der Prozess.
Der Mensch ist dazu in der Lage, etwas zu erschaffen, was frei von seinem 'menschlichen Fehler' (der Empathie) ist. Ein Wesen, das nicht von Emotionen behindert wird, kann gänzlich andere Optionen im Leben wählen, als der Mensch. Es kann 'besser' handeln. Und damit ist der Mensch überholt.
Dies ist die vierte große Kränkung der Menschheit, die - wie ich sie nenne - Posthumane Kränkung.

Gezeichnet, (der Name ist verwischt)
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Das Licht war gedimmt im Flur des Ahnwälder Alten- und Pflegeheims. Marco Grewyz, seit nun zwei Wochen 38 Jahre alt, eilte mit einem Stoffbeutel und einer klitschnassen Regenjacke zum Empfang im zweiten Stock. Draußen hatte es geregnet. Schon wieder saurer Regen.

Als Marco den Empfang erreichte, blickte er auf den Boden. Im dunkelgrünen Teppich war eine metallene Scheibe eingelassen worden. Sein Blick wanderte hinauf, zu der Dame, die hinter dem Tresen stand und freundlich lächelte. Sie sah aus wie eine gewöhnliche Frau, aber Marco wusste, dass sie es nicht war. Im Gegenteil. Sobald er sich nämlich mit seinem vollen Gewicht auf die Metallplatte stellte, ratterte die Dame einen Fragenkatalog runter und antwortete nur auf die vorgefertigten Optionen. Fragte man sie etwas Anderes, so gab sie nur einen einzigen Satz wider: 'Verzeihung. Ich habe Ihre Frage nicht verstanden. Bitte wiederholen Sie sie.'

Marco war wenig begeistert davon, dass das Altenheim größtenteils Androiden als Arbeitskräfte beschäftigte. Allerdings war die Zahl der menschlichen Pflegekräfte in den letzten Jahren erheblich gesunken, sodass sich der Einsatz von Robotern als sehr lukrativ erwies. Sie arbeiteten mehr als zehn Stunden am Tag, brauchten keine Pausen und keine Bezahlung, abgesehen von Reparaturkosten.
Jedoch überkam Marco ein mulmiges Gefühl, wenn er seinen Großvater besuchte. Jeden zweiten Freitag im Monat, wenn er die Zeit fand. Der gute Mann war inzwischen 93 Jahre alt, auf einem Auge erblindet, beinahe vollkommen taub, hatte ein künstliches Hüftgelenk und litt an starker Demenz. Obwohl die Altzheimerforschung in den letzten Jahren Fortschritte gefeiert hatte, wurde noch immer kein einschlägiges Heilmittel für Menschen gefunden.

Marco entschied sich keine Konversation mit dem Roboter hinter dem Tresen zu führen. Er würde schon keinen Ärger dafür bekommen, wenn er schnell ins Zimmer seines Großvaters huschte, den Stoffbeutel ablieferte, ein wenig mit ihm plauderte und wieder verschwand, ohne sich am Empfang angemeldet zu haben. Er wollte ja niemandem etwas Böses.

Das Zimmer von Opa Grewyz war düster, schummrig und die Gardinen hingen milchig-weiß vor den beschlagenen Fenstern. Marco sah, dass eines der Fenster gekippt war und der säuerliche Regengeruch hinein wehte, also schloss er es und zog zusätzlich die dunkelroten Vorhänge, mit den Naturmustern darauf, zu, um die trübe Sicht nach draußen zu versperren. Er schaltete die Stehlampe neben dem Bett ein und widmete sich dann dem alternden Mann im Sessel, der bisher absolut keine Notiz von ihm genommen hatte.

Jener alte Mann schaute starr mit halb geschlossenen, schweren Augen in das flackernde Bild eines Hologramm-Fernsehgeräts.
Marco verzog die Augenbrauen als er das Fernsehprogramm erblickte. Er hatte diese Werbung neulich schon einmal gesehen. Es ging um eine neue Version von Liebesrobotern der japanischen Firma Hitoshibo. Dieses mal in allen erdenklichen Ethnien, sexuellen Orientierungen und Identitäten. Damals gab es Partnersuchportale, heute baute man sich seine Traumfrau oder seinen Traummann ganz bequem vom Sofa aus zusammen und bekam sie oder ihn am nächsten Tag per Drohne geliefert.
Marco hatte diese Statistik gelesen, neulich in der Süddeutschen Zeitung; 'Mensch-Roboterbeziehungen nehmen drastisch zu. Über 33% der Deutschen würden sich lieber auf eine/n künstliche/n Partner/in einlassen, als auf eine/n menschliche/n. Dies zeigen auch die Geburtenraten der letzten fünf Jahre, die rapide in den Keller gestürzt sind. Im Schnitt bekommt jeder deutsche Haushalt 0, 6 Kinder. Ist Deutschland bald die Sterbenation Nummer 1?'

Marco entschied sich kopfschüttelnd das Gerät abzuschalten.
Plötzlich wandte der ältere Mann langsam und behebig seinen Kopf in seine Richtung.
"Manuel?", fragte er mit kratziger und heiserer Stimme. "Marco", antwortete Marco, "ich bin Marco, Opa."
Er seufzte leise. Seit er das letzte Mal hier gewesen war, fiel Marco auf, dass sein Opa noch älter aussah als zuvor. Etwas stimmte nicht mit ihm. Das war kein normaler Alterungsprozess mehr.
"Wie geht es Elisa?", krächzte sein Opa. "Elisa?", Marco schaute ihn irritiert an. "Elisa ist vor 20 Jahren gestorben, Opa." Elisa, das war Marcos große Schwester gewesen, die im Alter von 21 Jahren an Leukämie verstorben war. Er dachte nicht gerne darüber nach, zumal sein Schwager sie schon sehr bald durch einen osteuropäischen Liebesroboter ersetzt hatte. Glücklicherweise hatte er keinen Kontakt mehr zu diesem Typen.
"Ach ja", meinte sein Großvater träge und niedergeschlagen, als wäre es ihm gerade wieder eingefallen.

"Ich... habe dir etwas mitgebracht, Opa", Marco versuchte ein anderes Thema zu finden und kramte aus dem Stoffbeutel eine Tüte mit einer niedlichen Schleife hervor. "Adriane hat Früchtebrot gebacken. Sie wollte, dass ich es dir vorbeibringe. Es ist ihr erstes Früchtebrot und sie wusste von mir, dass du das so gerne isst", erklärte er lächelnd. Adriane, sein kleiner Schatz, inzwischen ganze 14 Jahre alt, war seine einzige Tochter. Marco hatte eigentlich nie ein Kind gewollt, aber Adriane war seit ewigen Zeiten der Grund, warum er morgens überhaupt aufstand und zur Arbeit ging. Nur, um abends nach Hause zu kommen und ihr Gesicht zu sehen. Sie war ein kluges Kind und gut in der Schule. Allerdings begann sie, wie ihre Mitschüler, immer mehr ein Leben im virtuellen Raum zu entwickeln. An manchen Tagen war sie nicht mehr erreichbar, sie war wie ausgeloggt vom Leben und klebte mit den Augen auf ihrem Smartphone.
Deswegen freute sich Marco ganz besonders, dass sie etwas gebacken hatte. Neben ihrer Schule brachte sie nämlich nicht viel zustande. Mit Freunden chattete sie bloß, ging nicht raus, war überfordert davon stets auf dem Laufenden zu bleiben, mit ihren Freundinnen mitzuhalten und den besten Onlineauftritt hinzulegen. Marco hatte Angst, dass sie dieser ganze Medienzirkus völlig krank machte.
Eines Abends fragte sie ihn sogar, ob sie sich einen Chip unter die Haut pflanzen lassen durfte, mit dem sie ein Holo-Menü aufrufen konnte, das per Wlan mit einer Cloud verbunden war. Es reagierte auf Stimm- und Gedankeneingabe, konnte sämtliche vitalen Werte messen und sie gleich an behandelnde Ärzte weiterleiten, Gedanken aufzeichnen und sich jederzeit an jedem Ort mit dem Internet verbinden. Die Kids nannten diesen Kram Cloudwear, und er lag voll im Trend. Adriane erzählte, dass sich bereits ein Drittel ihrer Klasse hatte chippen lassen. Natürlich war sie neidisch auf die Anderen und dachte nicht über die Konsequenzen nach.
Marco war an jenem Abend laut geworden und hatte die kleine Katzenfigur aus Porzellan, die auf dem Cafétisch stand und eigentlich seiner Frau gehörte, in den Fernseher gedonnert. Das Gespräch fand dadurch ein jähes Ende - ebenso wie das Fernsehverhalten der Familie Grewyz. Seither sprach Adriane nur noch selten mit ihm.

"Oh, dankeschön. Aber wer ist Adriane?", fragte Opa Grewyz abwesend. Es war als nähme er gar nicht richtig Notiz davon, was Marco gerade erzählt hatte. "Deine Urenkelin", erklärte Marco, als sei es das Normalste auf der Welt. Denn das hatte er seinem Großvater nun so oft gesagt, dass er vergessen hatte, wie oft. Praktisch jedes Mal, wenn er ihn besuchte. "So viele Kinder", hauchte der alte Mann in seinem Sessel, in den er völlig hinein gesunken war. "Nein, nicht viele Kinder", bemerkte Marco so leise, dass sein Opa es nicht hören konnte.

Plötzlich nahmen beide ein lautes, knallendes Geräusch wahr, das vom anderen Ende des Raumes kam.
"Ich muss Sie bitten Ihre Hände zu erheben und sich ganz langsam in meine Richtung zu bewegen", gröhlte ein Mann mit erhobener Waffe durch den Türrahmen.
Marco und Opa Grewyz schauten den uniformierten Fremden verdutzt und zugleich erschrocken an. "Sie sind ein unautorisierter Eindringling. Ich muss Sie bitten Ihre Hände zu erheben und sich ganz langsam in meine Richtung zu bewegen", wiederholte der Mann.
Marco war hin und her gerissen. Er bekam es mit der Angst zu tun. Auf der einen Seite bedrohte ihn ein Polizist mit einer Pistole, auf der anderen Seite saß sein schwacher Großvater und bekam vor Schreck Atemprobleme.
Er hätte das Alles gerne für einen schlechten Witz gehalten, doch dem war nicht so.
Wegen eines kleinen unüberlegten Fehlers war die Situation derart aus den Fugen geraten. Nur, weil er sich nicht am Empfang angemeldet hatte.
Doch wer wusste davon? Der Roboter hinter dem Tresen nahm Besucher nur wahr, wenn man sich auf die Metallplatte stellte. So glaubte er zumindest.

Der Polizist hatte seine Drohung ein weiteres Mal ausgesprochen, aber Marco fürchtete um seinen Großvater, der anfing zu husten und zu röcheln. "Helfen Sie ihm", schrie Marco den Uniformierten an, aber der bewegte sich nicht. "Oh Gott, wieso tun Sie denn nichts?", bettelte er und der Mann regte sich noch immer nicht. 

"Das war die letzte Warnung. Meine Aufgabe ist es, Sie nun festzunehmen und Ihre Identität zu klären", sprach der Polizist in monotoner und tiefer Stimmlage.
"Was? Ich bin Marco Grewyz, der Enkel eines Heimbewohners. Das hier ist mein Opa", Marco war erklärte sich und war kurz darauf entsetzt. Sein Großvater begann zu zappeln und sich an seinen Arm zu krallen. Irgendwas musste getan werden, aber Marco fiel nichts Anderes ein als die Uhr vom Beistelltisch neben dem Sessel seines Opas zu packen und sie auf den Polizisten zu schleudern. "Tun Sie was oder sind Sie blind?!", schmetterte er hinterher.

Marco bereute diesen Satz bitter. Ein Schuss fiel - erst einer - dann fiel ein nächster. Er traf ihn an der Schulter, doch das war ihm egal, denn er wagte sich nicht umzudrehen. "Das war die letzte Warnung. Meine Aufgabe ist es, Sie nun festzunehmen und Ihre Identität zu klären. Mehr nicht." Dann griff ihn der Mann an der anderen Schulter und zerrte ihn gewaltsam mit sich.

Denn seine einzige Aufgabe war gewesen, ihn festzunehmen. Nicht mehr... und nicht weniger.

Comments

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    Ein erschütternder Text... Möge sich diese Zukunftsvision nie bewahrheiten! Gut und eindrücklich be- und geschrieben!

  • Author Portrait

    Eine erschütternde aber leider mögliche Zukunftsvision. Toll geschrieben! :-)

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