2 - Emily

Emily 


Das monotone Piepskonzert des Weckers, welcher auf dem Nachttisch neben mir seiner Berufung nachkam, weckte mich aus einem erholsamen, traumlosen Schlaf. Ich streckte den Arm aus und beendete den stetigen Wec
kton, welcher verkündete, dass es 8.00 Uhr am Morgen war. Mein Blick wanderte auf mein Smartphone. Es blinkte und zeigte an, dass eine Nachricht eingegangen war. 

Mason: Wäre es sehr schlimm, wenn ich euch erst nach Weihnachten besuche? Ich würde gern bei Ava bleiben... :) 

Lächelnd sank ich zurück ins Kissen. Es gab niemandem, dem ich sein Glück mehr gönnte als Mason und die Tatsache, dass es Ava war, die scheinbar seine harte Schale knacken konnte, freute mich umso mehr. Nach meinem Besuch bei ihr hoffte ich eh inständig, dass die beiden wieder zusammenfänden.  Die beiden passten so gut zusammen.  

Den Gedanken an eine glückliche Beziehung hatte ich für mich selbst längst begraben. Mir war klar, dass es die wirklich große Liebe nur einmal im Leben gab. Ich durfte sie erfahren, auch wenn sie nicht halten sollte. Die Liebe machte mir das schönste Geschenk auf Erden: Mia. Ich war gut darin die alten Erinnerungen unter Verschluss zu halten. Sie bewohnten meine Seele, mein Herz, jeden Gedanken, aber ich konnte sie zügeln und dahin leiten wo sie nur dann zum Vorschein kamen, wenn ich allein war und mir erlaubte zusammenzubrechen. 

Ich musste für mein Kind stark sein. Stark für zwei. Und seit Dan nicht mehr tagtäglich da war, musste ich die Rolle, die ein Vater im Leben eines Kindes spielte, so gut es ging ersetzen. Ein leises Klopfen an der Tür erklang. Als hätte er meine Gedanken gehört, streckte Dan den Kopf durch die Türe. Es war immer noch seltsam Weihnachten mit dem Exmann und den Ex-Schwiegereltern zu feiern. 

»Du bist ja schon wach.«, er lächelte sein typischen Dan-Lächeln: Es war etwas schief, aber ehrlich und es lag immer dieses Versprechen darin, dass alles gut werden würde. Ich mochte es schon immer. Es gab mir Kraft seit dem Tag, an dem ich mit aufgeschnittenen Pulsadern und einem Baby in meinem Bauch ins New York Memorial Hospital eingeliefert wurde. Er war noch in seiner Assistenzarztzeit und hatte Bereitschaft. Er rettete uns erst und dann hat er uns nie wieder verlassen. 

Dan setzte sich zu mir aufs Bett und erst jetzt, als er sie mir vor die Nase hielt, bemerkte ich Tasse mit Kaffee, die er in den Händen hielt. »Viel Milch und zwei Stück Zucker, so wie du ihn magst.« 

»Das wäre wirklich nicht nötig gewesen. Dank dir.« Ich pustete den Kaffee und nippte vorsichtig an dem dampfenden Getränk. Die Stille, die ich früher so an Dan schätzte, brachte mich jetzt um den Verstand. »Wo ist Mia?« 

»Sie ist mit meinen Eltern beim Gottesdienst in der Frühmesse. Sie dürften aber in einer halben Stunde zurück sein.« Dan sah mich erwartungsvoll an und blickte über meinen Hals hinweg an mir hinunter. Ich hatte mich aufgesetzt als er hereinkam und nun ging mir die Bettdecke nur bis zum Schoß. Mein Oberkörper wurde nur spärlich von meinem seidenen Nachthemd bedeckt. Er hob die Hand und mein Puls beschleunigte. Er war immer der beste Ehemann, den eine Frau sich wünschen konnte. Nur leider war ich nicht diese Frau. In den viereinhalb Jahren unserer Ehe wusste ich es im tiefsten Inneren immer. Vor einem halben Jahr dann, sagte ich ihm offen, dass ich ihn zwar liebte, aber nicht in der Form, in der eine Ehefrau ihren Mann lieben sollte. Für mich war er eher so wie Mason, ein Bruder. Es tat weh einen solch guten Mann verletzten zu müssen, doch er sollte die Möglichkeit haben eine Frau zu finden, die ihn genauso liebte wie er sie. Ich konnte nicht nur Mia zu liebe so egoistisch sein und ihn weiter an mich binden.  

Das er jetzt im Begriff war einen Annährungsversuch zu starten, machte mich unruhig. Nach der Scheidung führten wir ein langes Gespräch, wollten Freunde bleiben und er wollte Mia weiterhin ein Vorbild, eine Vaterfigur sein. Er hat sie damals nicht adoptiert. Er wollte es, ich nicht. In Mias Geburtsurkunde stand ihr richtiger Vater und obschon ich nie die Absicht hatte, dass er je von ihr erfahren sollte, so wollte ich trotzdem nicht, dass ihn jemand ersetzte.  

Ich räusperte mich, doch das stoppte Dan nicht. Er griff in mein Haar und aus Reflex hob ich die Hand um seine Berührung abzuwehren. Leider vergaß ich den brühend heißen Kaffee dabei und goss ihn mir zur Hälfte über das Dekolleté. »Scheiße...au...« Ich sprang aus dem Bett und fluchte wild, während ich mit dem Pulli vom Vorabend meine schmerzende Haut abtupfte. Dan sprang ebenfalls auf und zog mich am Handgelenk ins Badezimmer nebenan. »Zieh das Nachthemd aus, ich muss mir das ansehen und dann müssen wir die Stelle sofort kühlen.«, sagte er mit schroffem Ton, während er den Duschkopf in der Badewanne anschaltete.  

»Was? Nein, ich ziehe mich nicht aus.«  

»Emily, ist das dein Ernst? Erstens habe ich dich unzählige Male nackt gesehen und zweitens bin ich Arzt.« 

»Kinderarzt...du..du bist Kinderarzt.«, stotterte ich vor mich hin. Er blickte mich böse an und ich fühlte mich plötzlich auch wie ein dummes Kind. Ein Kind, das hier mit Verbrühungen stand und nur wegen seines Dickschädels hinauszögerte, dass es behandelt werden konnte. Ich machte Pausbacken und stieß die Luft geräuschvoll aus. Dann hob ich mein Nachthemd an und zog es mir über den Kopf. Nur in einem schwarzen Spitzenhöschen bekleidet stellte ich mich vor Dan, damit er sich meine Haut ansehen konnte. Er gaffte mich nicht an, sondern sah sich wirklich nur die verbrühten Hautstellen an, völlig fachmännisch. 

»Du hast Glück gehabt. Es ist nicht ganz so schlimm. Mit etwas Kühlung und einer Salbe wird das wieder.« Er nahm meine Hand und führte mich zur Badewanne. »Lehn dich über, damit das kalte Wasser drüber laufen kann. Nach Möglichkeit hältst du das jetzt 10 Minuten aus. Danach bist du wenigstens wach.« Er lächelte. Das Dan-Lächeln. Eine Sicherung in meinem Kopf brannte durch.  

»Wieso bist du weiterhin so scheiße nett zu mir? Ich hab dir gesagt ich liebe dich nicht so, wie ich es sollte um diese Ehe fortzuführen. Wenn man es so will, habe ich dich ausgenutzt, habe dir ein Kind ans Bein gehangen. Und was machst du? Du überlässt uns das verdammte Vororthäuschen damit wir gut aufgehoben sind und verbringst Weihnachten mit uns. »Ich schrie und Tränen der Wut liefen meine Wangen hinab. Dan hielt noch immer den Duschkopf an meine nackte Brust und strich meine Haare weiterhin zurück, damit sie nicht nass wurden. Sein Lächeln war verschwunden, aber er war nicht wütend. Mit diesem Mann konnte man sich einfach nicht streiten. Er war immer nett. Der nette Dan. Der hilfsbereite Dan. Der Dan den ich nicht verdiente. Er war zu gut für mich. Wieso liebte er jemanden der so kaputt war? Mich konnte man nicht mehr reparieren. 

»Bist du jetzt fertig Emily? Ich weiß, dass du nicht jedes Wort so meintest wie du es gerade gesagt hast. Rede nicht alles schlecht. Nicht alles war mies an unserer Ehe. Wir hatten glückliche Zeiten. Du hast mich glücklich gemacht, an dem Tag, an dem Mia zur Welt kam und noch glücklicher an dem Tag an dem du Ja zu mir sagtest. Es tut mir leid, dass ich nicht der Mann sein kann den du willst. Ich bin nicht ER.« 

»Nein Dan, du bist perfekt so wie du bist.« Ich sah ihm direkt in seine tiefbraunen Augen und legte ihm meine Hand an die Wange. Er schloss kurz die Augen, dann sah er mich an, drückte mir die Duschbrause entgegen und machte einen Schritt von der Wanne zurück.  
»Ja, nur nicht perfekt für dich. Das ist es oder?« Er kam nochmal auf mich zu, fasste in mein Haar und hielt mir eine Daunenfeder vor die Nase. »Nur zu deiner Beruhigung. Ich wollte dich eben nicht angraben, sondern nur diese Feder aus deinen Haaren ziehen. Emily ich habe dich wahnsinnig geliebt, aber ich bin kein Idiot. Dieses Weihnachtsfest ist für Mia, nicht für dich oder uns. Ich habe was uns betrifft keinerlei Hoffnung mehr.«, er blickte zu Boden bevor er weitersprach, »Lass das Wasser noch ein paar Minuten drüber laufen. Ich lege dir eine Salbe aufs Bett.« Als er das Bad verließ, blieb ich mit nacktem Oberkörper über die Wanne gebeugt und einem schlechten Gewissen zurück. »Frohe Weihnachten....Scheiße...Fuck«, murmelte ich vor mich hin. 

Aus dem Flur rief Dan: »Hör auf zu fluchen, meine Eltern sind mit Mia zurück.«

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    oochh...schon wieder so ein armer Hund. Deine Männer können einem Mann schon leid tun!

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