Alles liegt in Scherben

Wir standen bereits vor dem Gebäude meiner Wohnung als Tommy plötzlich in eine Parklücke einbog. Ich runzelte die Stirn und sah ihn fragend an.

 

„Soll ich dich noch ehm.. also ich könnte dich noch hinauf begleiten?!“

„Hast du Angst ich würde es nicht alleine schaffen oder willst du mir helfen etwas Frisches anzuziehen?“, neckte ich ihn.

 

„Wenn du mich so fragst... Eher Zweiteres!“

 

Eigentlich wollte ich nur noch unter die Dusche, aber irgendwie war er niedlich als er so verlegen fragte ob er noch mit hinauf kommen könne. Ein wenig Gesellschaft schadete doch nie, also gab ich ihm mein Okay und nahm ihn mit.

Ich führte ihn ins Wohnzimmer brachte ihn etwas zu trinken und verschwand dann für eine kurze Zeit unter der Dusche. Mit nassen Haaren und frischer Kleidung setzte ich mich auf den großen gepolsterten Stuhl neben der Couch.

 

„Irgendwie riechst du jetzt nicht mehr so gut wie vorher“

 

Dafür bekam er einen Tritt auf sein Schienbein, was ihn tief und laut aufschreien ließ. Nach einer Weile schien es als wolle er einfach nicht gehen. Ich fragte mich warum er überhaupt hier war. Es war wirklich nett von ihm mich heimzubringen, doch auch Cora würde bestimmt bald kommen und dann würde es ziemlich komisch aussehen wenn er noch hier wäre. Er spielte mit seinem Wasserglas und ließ langsam seine Fingerspitzen über den Rand streichen. Meiner Meinung nach sah er ziemlich nachdenklich aus.

 

„Was tust du hier, Tommy?“

 

„Ich leiste dir Gesellschaft“, antwortete er mit einer Gelassenheit, als wäre es das Normalste der Welt.

 

Skeptisch zog ich eine Augenbraue hoch und betrachtete ihn. Die Muskeln seines Kiffers zuckten. Als wollte sie etwas sagen, doch es kam nichts. Er sah weiterhin in sein Glas und schenkte mir eigentlich kaum Aufmerksamkeit.

 

„Vielleicht will ich aber auch einfach nur deine Nummer haben...“

 

Auch während er das sagte, sah er mich nicht an. Er starrte weiterhin unbeirrt ins Leere. Ich bekam das Gefühl, dass meine Nummer ein Codewort für irgendetwas anderes war, doch ich wollte nicht nachfragen.

 

„Aber du hast Recht. Ich verschwinde jetzt besser!“

 

Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass er jemanden zum Reden brauchte, aber dafür war ich wohl nicht die geeignetste Person. Er schlurfte den Flur entlang und ich folgte ihm. Während er sich seine Schuhe anzog überkam mich das Bedürfnis ihn ein wenig necken zu müssen. Ich kam ihm näher und drückte ihm einen dicken Kuss auf die Wange.

 

„Danke für’s nachhause bringen!“

 

Geschockt sah er auf, er sah aus als hätte ich ihn gerade geschlagen, weswegen ich ein wenig lachen musste. Er verdrehte nur die Augen und lächelte danach zurück.


„Kein Ding. Mach’s gut. Wir sehen uns.“

 

Und schon war er weg. Ich schloss die Türe und ließ eine Hand auf ihr liegen. Was war das denn? Er wirkte anders als sonst, mal verlegen, mal ganz der Alte. Ich dachte noch ein wenig über sein Verhalten nach und entschloss mich dann ins Bett zu gehen.

Bevor ich einschlief schrieb ich Cora noch eine SMS, aber so schnell rechnete ich nicht mit einer Antwort. Ich war ihr deswegen aber alles andere als böse.

 

-

 

Ich sitze auf kalten nassen Boden. Mein Gesicht glüht und pocht.

Ein Tränenschleier liegt vor meinen Augen, sie brennen fürchterlich.

Alles tut mir schrecklich weh. Ich atme ein. Ich atme aus. Ich huste.

Es schmerzt so. Meine Lunge brennt. Was passiert hier?

Ich höre ein Knistern, ein Knacken. Es wird hell und ich schließe die Augen.

Wärme schießt mir in mein Gesicht.

Mit einem lauten Knall bricht alles in sich zusammen.

 

Fuck.

Schreiend erwachte ich. Ich zitterte am ganzen Körper, meine Augenlider flatterten. Mal wieder lag ich schweißgebadet in meinem Bett und wusste nicht wie mir geschah. Wann würde das vorüber gehen? Ich konnte doch nicht mein Leben lang durch die Nacht gequält werden.

 

Wütend auf meine derzeitige Situation nahm ich mein Kissen und warf es vom Bett. Es fiel auf das Fensterbrett und sank langsam zum Boden hinab. Das Bild von meinen Eltern und mir krachte zu Boden, der Bilderrahmen zersprang in tausend Stücke. Hastig stieg ich aus dem Bett und kniete vor dem Scherbenhaufen nieder. Was tat ich hier eigentlich?

 

Ich versuchte die Splitter einzusammeln, dabei schnitt ich mir die Hand auf. Blut rann über meine Handfläche, doch ich konnte kaum etwas erkennen. Meine Augen waren gefüllt mit Tränen, sie liefen mir unentwegt die Wangen hinab.

 

Meine Zimmertüre wurde aufgerissen und ein schwacher Lichtschein traf mich. Cora eilte zu mir. Sie sagte nichts, sie nahm mich bloß in dem Arm und hielt mich fest, während ich weinte. So schlimm wie gerade eben war es schon lange nicht mehr gewesen. Ich wusste nicht was mit mir los war, ich konnte nicht mehr.

 

„Soll ich Cam holen?“, fragte meine beste Freundin mich sanft.

 

Ich schüttelte den Kopf. Es war mir unangenehm genug, dass Cora fast jede Nacht wegen mir wach wurde. Früher als Cora und ich uns ein Zimmer in ihrem Elternhaus teilten und ich Nachts solche Alpträume bekam, stürmte Cam immer zu uns um mich zu trösten und zusammen kuschelten wir uns zu dritt in den Schlaf. Das waren die schönsten Nächte, denn dann fühlte ich mich geborgen und sicher. Die beiden gaben mir immer so viel Halt.

 

Cora führte mich in ihr Schlafzimmer und ich legte mich zu ihr ins Bett. Sie verband meine Wunde, danach streichelte sie meinen Arm und sagte beruhigende Worte bis ich einschlief. Ich konnte kein Wort sagen, doch ich wollte ihr so viel sagen. Ich wollte ihr dafür danken, für alles.

 

Wie hielt sie mich nur aus? Ich war ein Wrack. Tagsüber das taffe Mädchen, doch Nachts war ich total kaputt. Ich fragte mich oft, ob sie es nicht Leid hatte sich ständig um mich zu kümmern. Ich wollte ihr einfach keine Last mehr sein. Jedes Mal sah ich den Schmerz in ihren Augen, wenn ich weinte. Es zerstörte sie mir nicht helfen zu können und mir zerbrach es das Herz sie immer wieder enttäuschen zu müssen. Natürlich wollte ich wieder ein normales Leben führen, das tat ich quasi ja auch, aber die Geister von früher verfolgten mich in meinen Träumen. Ich konnte sie nicht stoppen, ich würde sie nie aufhalten können.

 

-

 

Am nächsten Tag ließ ich die Uni sausen, ich fühlte mich zu schwach und musste zum Arzt wegen meiner Schnittwunde. Cora wollte bei mir bleiben, doch das konnte ich nicht akzeptieren, also redet ich ihr ein ich würde schon alleine klarkommen. Widerwillig verließ sie vor wenigen Minuten die Wohnung und ich war froh einen Moment alleine zu sein.

 

Ich starrte auf meine Wunde, eigentlich war sie kaum der Rede wert, denn meine seelischen Wunden schmerzten um einiges mehr. Trotzdem versprach ich Cora einen Arzt aufzusuchen um es ordentlich verbinden zu lassen. Ich schreckte auf als mein Handy klingelte.

 

Cam.

 

„Ja?“

„Guten Morgen! Cora hat mit mir geredet. Du musst zum Arzt, Süße. Tommy hat heute keine Vorlesungen also hab ich ihn vorbeigeschickt um dich zu begleiten, du solltest nicht Auto fahren...“

Moment mal! War das sein Ernst? Ich würde das doch auch alleine schaffen.

 

„Cam, bitte...“

 

„Nein, Sophia diesmal nicht. Er ist mein bester Freund und somit auch einer von dir. Tommy sollte soeben bei dir eintreffen. Mach dich fertig und hey, keine Sorge ich habe ihm nichts gesagt!“

 

Genervt verdrehte ich die Augen und beendete den Anruf. Eine Diskussion mit Cam würde ins Nichts führen. Was sollte ich Tommy bloß sagen, warum ich verletzt war?

 

Ein wenig geistesabwesend zog ich mir einen Pulli über und schlich aus der Wohnung.
Und wirklich.
Tommy stand bereits an seinen Wagen gelehnt direkt vor dem Wohngebäude. Mit zusammengezogenen Augenbrauen betrachtete er mich, doch er sagte nichts. Er öffnete mir die Türe und ließ mich einsteigen. Ich atmete tief durch, irgendeine Notlüge würde mir schon einfallen.

 

„Geht es dir gut?“

 

Er fuhr los und ich bildete mir ein, ein wenig Besorgnis in seinem Blick zu sehen. Ich seufzte und nickte.

 

„Danke, dass du mich zum Arzt bringst. Mal wieder musst du meinen Chauffeur spielen...“

 

Ich lächelte ihn leicht an, doch seine Miene blieb ernst.

 

„Ich muss gar nichts, Sophia. Ich mache das gerne, wirklich.“

 

Meine Stirn lehnte ich gegen die kühle Fensterscheibe während ich hinaus sah. Ab und zu blickte Tommy zu mir hinüber, doch er sagte nichts. Nachdem uns furchtbare Stille eine Zeit lang umhüllte, spürte ich plötzlich eine warme Hand auf meinem Oberschenkel.

Ich starrte auf seine langen dünnen Finger, sie zitterten leicht. Wahrscheinlich wusste er, dass er sich mit solchen Aktionen bei mir auf sehr dünnem Eis bewegte, doch in diesem Moment störte es mich komischerweise nicht. Ich gewöhnte mich einigermaßen an das warme Gefühl seiner Finger auf meiner Haut und ohne darüber nachzudenken legte ich meine Hand auf seine. Er drückte sie sanft und ich legte meinen Kopf an der Nackenstütze ab. So fuhren wir weitere 15 Minuten bis wir endlich unser Ziel erreichten, im Nachhinein fiel mir ein, dass ich auch einfach zum Campus-Arzt gehen hätte können, doch Tommy fuhr einfach los und ich fragte nicht nach wohin.

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