Das Geheimnis

Wer bin ich?
Ladira lag mit offenen Augen auf ihrem Bett und starrte reglos zur Decke empor. Ihr Kopf pochte von Tag zu Tag mehr und die Schmerzen hinter den Schläfen empfand sie als alles andere als angenehm. Dieses seltsame Mädchen mit den Katzenohren und den großen türkisen Augen ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Es verfolgte sie bis in ihre Träume, wo sie rannte und das Mädchen ihr hinterher. Ebenso dieser Mann, der hier gewesen war. Der Mann mit den zweifarbigen Augen und dem silbergrauen Haar.
Elijah hatte seinen Zauber bereits mehrfach gewirkt, denn er konnte ihr die Verwirrung ablesen. Sogar zu einem Bad im See hatte er sie verführt, doch selbst dieses hatte seine Wirkung verfehlt. Ladira konnte nicht vergessen. Sie wollte es auch nicht. Sie wollte Antworten.
Sich auf ihre Atmung konzentrierend, schloss sie erneut die Augen und rief sich die Bildfetzen in Erinnerung, die aus dem Nebel ihrer Gedanken klarer hervortraten. Da war dieses Mädchen. Aber sie war nicht allein...

Du bist die Schülerin Odins. Die Erbin der Hüter des Waldes.

Sie blinzelte, doch öffnete die Augen nicht komplett. War es ihre eigene Stimme gewesen, die diese Worte formuliert hatte? Ladira versuchte ruhig zu bleiben, doch ihr Herz klopfte aufgeregt. Schlug hart gegen ihre Brust.
Eine Gestalt erschien klarer im Nebel vor ihrem geistigen Auge. Heterochromie. Der dunkle König. Ihr Mann.

Du bist Ladira Dunkler, Schwester von Pyrofera und Mutter von Celles und Saphira, die Töchter des dunklen Königs.

Stück für Stück schälten sich die weiter hinten stehenden Figuren aus dem wabernden Dunst. Ihre Körper wurden fester. Die Gesichter klarer. Sie kamen immer näher. Schritt für Schritt.
Ladira dachte, sie müsse nur mehr die Hand ausstrecken, um sie berühren zu können...

Rumms!
Ein gequälter Schmerzenslaut entschlüpfte ihren Lippen. Ladira war hart auf dem Boden ihres Zimmers aufgekommen. Sie spürte ihren Körper schmerzhaft pochen, doch ihre Gedanken waren klar, als sie die Augen öffnete und im nächsten Moment überkam sie eine immense Übelkeit und sie suchte taumelnd den Weg ins Freie. Die Klarheit, die sie wie ein Blitzschlag getroffen hatte, die Gewissheit, die Wahrheit. Es war zu viel. Viel zu viel.
Ihre Hände rutschten an der Wand entlang. So viele Bilder von Erinnerungen schwebten vor ihrem geistigen Auge, dass sie den Weg nicht klar sah. Allein ihre Füße konnten sie noch nach draußen bringen, doch in ihrer Blindheit versuchte sie die falsche Tür zu öffnen. Ladira rüttelte an der Klinke. Sie war nicht verschlossen, ließ sich jedoch schwer öffnen. Ihre Gedanken rasten und waren so wirr, dass sie nicht einmal bemerkte, wie ihr statt frischer Luft, der leicht modrige Geruch eines Kellers entgegenschlug. Sie ging nur vorwärts und folgte dem dunklen Gang, der sich aufgetan hatte, bis an sein Ende.
Dort erst stellte sie fest, dass sie nicht draußen auf der Lichtung stand, sondern in einem großen Saal, der von türkisleuchtenden Steinen in der Mauer erhellt wurde. Ihre Augen waren bereits so an das ewige Halbdunkel, das nur durch den See erhellt wurde, gewöhnt, dass es ihr leicht fiel, hier etwas im schummrigen kühlen Licht zu erkennen. Es war ein kreisrunder Saal und an den Wänden reihten sich Nischen aneinander. Ladiras Augen weiteten sich, als sie näher trat und die undeutlichen Gestalten in den Nischen klare Formen annahmen. Ihre mageren Körper standen aufrecht, die Köpfe hingen leicht herab, die Gesichter teils verborgen vom langen, offenen Haar, das die zerschlissenen Gewänder berührte.
So schnell sie konnte, machte sie auf dem Absatz kehrt und jagte den Gang entlang zurück, schlug die Tür heftig hinter sich zu und blieb mit klopfendem Herzen stehen. Jetzt würde sie gerne einmal das Gedächtnis verlieren, um diesen Anblick zu verdrängen...


"Ich verstehe das nicht!", Madras ließ sich schwerfällig auf einem Stuhl in Arisas Haus fallen, "Ich glaube nicht, dass Shanora uns ein Märchen erzählt hat. Dafür ist das Mädchen viel zu rein und zu ehrlich. Außerdem ist sie doch nicht die Einzige, die diesen See gesehen hat. Denk nur an die Erzählungen und die Legenden von einem schimmernden See in dieser Gegend, der von einem eigenartigen Wesen bewacht wird. Nur wo ist er?"
Es waren einige Tage vergangen, seit sie und Arisa sich von Mormó und Shanora verabschiedet hatten und aufgebrochen waren, um Elijahs See zu suchen. Erfolglos.
Sie hatten nur Nebel gesehen. Nebel und viele Bäume. Finsternis. Doch kein leuchtender mysteriöser See, der seinem Mysterium alle Ehre machte und ihnen verborgen geblieben war.
Irgendwann hatten sie beschlossen, nach Hause zurückzukehren und abzuwarten, ob eine Nachricht von Mormó sie erreichte, dass zumindest deren Mission erfolgreich verlief.
"Ich glaube es auch nicht, Madras", lächelte Arisa aufmunternd, "Vielleicht kam sie auf einem anderen Weg dorthin, den wir nicht kennen und daher auch nicht finden."
"Dann müssen wir noch mal suchen!"
"Was müsst ihr suchen?"
Die Tür war aufgegangen und Arisas langjähriger Mann kam herein und verteilte kleine Pfützen auf dem Boden, den draußen hatte es zu regnen begonnen. Er fuhr sich durch die längeren dunkelblonden Haare und erfüllte den Raum mit seinem strahlenden Lächeln. Rasch durchmaß er diesen, zog Arisa schwungvoll zu sich und drückte ihr einen Kuss auf die Lippen. "Es ist wunderbar, dich wiederzusehen", grinste er und sie erwiderte sein Strahlen. Es war lange her, dass sie diesen Rumtreiber zu sehen bekommen hatte und sie hatte nur zu gerne die Umarmung erwidert, doch veränderte sich ihre Miene schlagartig, als sie an ihm vorbei einen weiteren Mann sah, der ihr Haus betreten hatte.
Hochgewachsen und finster wie der Tod hatte der Bote den Raum eingenommen in seiner ruhigen, kühlen Art. Die Kapuze seines dunklen Mantels verbarg den Großteil seines Gesichts. Seine Hand mit langen, schlanken Fingern, umfasste einen knorrigen Stab, der oben gekrümmt war wie der eines Hirtens. Wenn er sich bewegte und der Stoff seines Umhangs sich leicht verschob, konnte man einen Blick erhaschen auf einen breiten Gürtel, an dem kleine Beutel befestigt waren und eine Tasche, die er umgehängt trug und auf der fremdartige Symbole aufschimmerten.
"Sie suchen eine Frau, die in diese Welt kam vor einigen Monden", erklang ruhig und sonor eine Stimme von unterhalb der Kapuze, "Es ist aber nicht eure Aufgabe sie zu finden. Es steht nicht so geschrieben."
Madras fixierte den Boten. Sie mochte ihn nicht besonders. Nicht, seit er vor vielen Jahren zu ihr kam und ihr offenbarte, dass sie nie eigene Kinder haben werde, obgleich dies ihr größter Wunsch war.
"Was sollen wir dann tun? Ich habe es Shanora versprochen! Es geht um ihre Mutter!", platzte es aus ihr heraus.
Der Bote wandte den Kopf in ihre Richtung und fuhr ungerührt fort: "Das Schicksal von Ladira Dunkler liegt nicht in euren Händen. Doch das eines Kindes sehr wohl, Madras. Ich werde selbst zum See gehen, wenn die Zeit gekommen ist. Der Pakt, den Elijah, der Wächter des Sees, einst schloss, wird sich bald erfüllen."
"Welchen Pakt ist er eingegangen und mit wem?", Arisa ließ sich langsam auf ihrem Stuhl nieder. Die Anwesenheit eines so uralten und zeitlosen Wesens wie des Boten, schwächte sie, denn sie wurde schier überrumpelt von der Aura, die er verbreitete und die wie Sand schmeckte. Wie ihr Mann ihn aushielt, hatte sie nie verstanden. Sie hatte immer gedacht, er sei ein gewöhnlicher Mensch, obgleich er kaum zu altern schien, doch Auburn strahlte nichts Besonderes aus. Er hatte keine allzu fassbare Aura und seine tollpatschigen Versuche, Magie zu wirken, amüsierten sie mehr, als sie beeindruckten. Dennoch hielt Auburn der Macht, die der Bote verströmte, stand, während sie sich geschwächter fühlte. Sie spürte die schwere, starke Hand von ihm an ihrer Schulter, hob den Kopf und betrachtete ihn. Was war er nur, dass er
"Er hat einen Pakt mit mir geschlossen. Vor langer Zeit. Nun ist es bald soweit, dass ich komme, um die Rechnung zu begleichen..."
"... und der rechte Zeitpunkt wird zeigen, was geschehen wird", setzte Auburn den Satz fort mit einem Lächeln, "Macht euch keine Sorgen. Ich bin mir sicher, dass diese Geschichte ein gutes Ende nehmen wird."
"Es ist schon verwirrend", murmelte Arisa, "Bisher dachte ich noch, dass Shanora aus einem mir unbekannten Land stammt und nun redet Ihr, Bote, davon, dass die Frau aus einer anderen Welt kommt? Wie ist das möglich? Gibt es mehr als eine andere Welt? Wo liegt diese? Oder benutzt auch Ihr es als Synonym für ein anderes Land?"
"So viele Fragen. So wenig Wille sie zu beantworten. Ein simpler Verstand wie der deine erfasst doch längst, dass es Himmel und Hölle gibt. Du stammst aus einer davon, Engelsgeschöpf. Auch dies sind andere Welten oder waren es zumindest einst. Die Grenzen verschwimmen. Es gibt immer mehr Reisende seit Odin die Grenzen passiert hat."
"Wer ist Odin?"
Der Bote ließ ein Seufzen vernehmen. Es war wahrlich sinnlos, diesen schlichten Gemütern zu erklären, dass sie nicht allein auf dieser Welt waren, wobei der Begriff 'Welt' in diesem Falle auch falsch war. Nur wie sagte man es am Besten? Universum? Dimension? Arisa und Madras würden es ja doch nicht verstehen und es war auch nicht seine Aufgabe hier den Erklärer zu spielen. Das Schicksal einzelner kümmerte ihn wenig. Seltsamerweise schienen aber alle immer nur an genau dem zu hängen. Stets glaubten alle nur, das Schicksal aller hinge von einem Einzelnen ab. Ja und nein. Sie hatten Recht und Unrecht. Sie dachten nicht weit genug, denn wovon hing das Schicksal eines Einzelnen ab? Von Zufall, dem rechten Augenblick und aller, die diesen Einzelnen umgaben, denn auch sie beeinflussten den Werdegang.
Er ließ den Blick schweifen und näherte sich einem Kleid, das über der Stuhlkante hing. Es war Shanoras Kleid, bevor sie Hosen bekommen hatte. Sie hatte es zurückgelassen, da es nicht mehr gebraucht wurde. Eine Hand löste er vom Stab, streckte sie aus und berührte den Stoff. Funken stoben auf, nur für ihn sichtbar, und er zog die Hand rasch zurück.
Madras hatte seine Reaktion gesehen und erhob nun das Wort: "Was ist? Ich glaube kaum, dass der Bote zurückzuckt, nur weil es sich um das Kleid eines Mädchens handelt!"
"Wem gehört es?"
"Es gehört Shanora", Madras stand auf, durchmaß den Raum und raffte das Kleid an sich. Sie wollte es bis zu Shanoras Rückkehr verwahren, wenn sie schon nichts Anderes tun konnte. Das Mädchen hing vielleicht daran.
Der Bote stützte sich schwerer auf seinen Stab. Er war verwirrt. Das hatte er noch nie gespürt. Er konnte die Fäden aller sehen, berührte er einen Gegenstand, der ihnen gehörte oder sie selbst. Er war der Bote. Das Schicksal hatte ihn erkoren, zu sehen, zu vermitteln, Pakte einzugehen, anzustiften. Seinetwegen wurden Kriege begonnen, Verrate begangen, Geschäfte abgeschlossen, Reisen angetreten, Friedensverträge unterzeichnet, Ehen geschlossen, Beerdigungen gefeiert. Selten musste er dafür persönlich in Erscheinung treten. Alle Fäden flossen zusammen und die Wege oft klar vorgezeichnet. Bei manchen benötigte es einen kleinen Wink, einen Stups in die richtige Richtung. Doch als er Shanoras Kleid berührt hatte, hatte er nicht gesehen, wohin der Faden führte. Er verlief ins Leere. In eine Dunkelheit, die selbst er nicht durchblicken konnte. Ihr Schicksal würde er nicht beeinflussen können.
Auburn bedachte seinen alten Freund mit einem stummen, nachdenklichen Blick.

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    Ein Gesandter des Schicksalswebers? Interessant. Das die kleine Maus ... sry ... Katze noch einen wichtigen Part einzunehmen hat ist erfreulich. Freu mich auf Band 2.

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Fairy Dust

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