Die Auserwählten (Kapitel 2)

Kapitel 2

 

Eine kleine Gestalt schlich vorsichtig zwischen den Schneeballsträuchern vorbei und warf einen langen Schatten auf den grauen, vom Mondlicht beschienen Felsen. Es war eine kräftige braunschwarz gestreifte Kätzin mit gelben Augen. Sie überprüfte wachsam die vielen Gerüche des dunklen Waldes, steht’s bereit die Krallen bei einem verdächtigen Geruch auszufahren. Die Kätzin hob aufmerksam den breiten Kopf, eine vertraute Geruchsspur wehte ihr in die sensiblen Nasengänge. Sie wollte sich bereits umsehen aber eine schwarze Gestalt sprang fauchend aus dem Unterholz, bevor die Kätzin auch nur einen Wimperschlag länger die Umgebung begutachten konnte. Aggressiv gab die schwarze Katze ihr einen Tritt in den brauen Bauch und sie wurde gegen einen Eichenstamm geschleudert. Stöhnend versuchte sich die Kätzin auf die Beine zu hieven aber die schwarze Katze mit weissen Flecken schoss auf ihren Bauch und drückte sie gegen den Boden. Die blauen Augen der Angreiferin blinzelten spöttisch im Mondlicht und ihr fester Griff liess nach. „Du musst wachsamer werden Brombeere, immerhin könnte ich ein Dachs sein“, kam die neckende Stimme als sich die braune Kätzin grummelnd erhob. „Donner, ich hab dich längst gerochen“, brummte Brombeere. „Überrumpelt hab ich dich aber, dies kannst du nicht abstreiten“, antwortete Donner frech. „Na schön, du hast gewonnen“, seufzte Brombeere. „Aber warum bist du hier, wir haben doch bei der krummen Erle verabredetet?“ Donner leckte sich übers Brustfell. „Ich habe dich gesehen, in den Wald hin schlüpfen und dabei dachte ich an einen kleinen Spass.“ Brombeere zuckte schroff mit den Ohren. „Lasst uns zur krummen Erle gehen“, miaute sie.

Die beiden Freundinnen durchstreiften den Wald, bis seinen Nordflügel erreichten. Der Nordflügel des Waldes war für eine den matschigen Moorboden, das grüne Sumpfgras und die vielen Erlenstämme bekannt. Einer der Erlen war schief und erinnerte an eine unheimlich gebogene Kralle. Hinter dem schiefen Stamm trat eine wunderschöne, blauäugige, schneeweisse Kätzin hervor und winkte ihnen mit dem buschigen Schweif schon von weitem entgegen.

„Da habt ihr euch aber unglaublich viel Zeit gelassen, ihr habt es doch nicht beinahe vergessen?“, empfing sie ihre beiden Freudinnen. Brombeere schüttelte energisch den Kopf. „Wie sollten wir dieses wichtige wöchentliche Treffen jemals vergessen Stern.“ Immer am Mittwochabend trafen sich die wilden Krallen um gemeinsam im Wald zu jagen, schliesslich war es lebenswichtig für ihre Werkatzenexistenz, einmal die Woche das Blut eines Beutetieres zwischen den Zähnen zu spüren. Dabei waren fast drei Monate vergangen, seit sie das letzte Mal im Reich der Katze waren. Sie hatten grosse Sehnsucht nach dem Reich, vor allem das Wiedersehen mit vielen Katzen und die atemberaubende Freiheit. Doch vom Menschenleben einfach für zwei oder drei Wochen loszulassen war eine harte Prüfung des Heimwehs. „Lasst uns Jagen“, schlug Stern begeistert vor. „Bei der unteren Bachmündung habe ich vorher frische Kaninchenspuren gewittert.“ „Klasse Idee…“, Donner brach ab. Über den Wipfeln der Tannen erschien schwarze Schatten, beim genaueren Hinsehen erkannte Donner die Konturen von Vögeln. „Das sind alles Raben!“, stellte Brombeere entgeistert fest. So viel auf einmal hatte sie noch nie gesehen. Die pechschwarzen Vögel stiessen einen krächzenden Ruf aus, so dass die Katzen ihre empfindsamen Ohren schützen mussten. Der laute, unschöne Ruf, war zu viel für empfindliche Trommelfelle. Die ersten waghalsigen Raben stürzen in den Tiefflug und steuerten direkt auf die drei verdatterten Katzen zu. „Die meinen es ernst!“, kreischte Stern und konnte gerade noch vor den scharfen Klauen in Deckung hüpfen. Brombeere hatte weniger Glück, drei wütenden Raben griffen sie geschickt aus dem Hinterhalt an. Der eine pickte auf ihr Schulterfell ein, während die anderen Raben ihre Klauen über ihr breiten Rücken geleiten liessen. Brombeere heulte vor Schmerz und schlug nach dem frechen Federvieh. „Das sind nur Raben!“, knurrte Donner und schlug ein attackierender Rabe aus der Flugbahn. „Stimmt!“, fauchte Brombeere und verpasste ihrem Angreifer eine Krallenverletzung am linken Flügel, die er nicht so schnell vergessen würde. „Nimm das du elendes Biest“, Stern spannte ihre Beine an und packte das federige Hinterteil eines Raben. Die schwarzen Feder tanzten in der Nacht und mit dem erlegten Tier zwischen den Zähnen landetet Stern elegant auf allen vieren. Donner, an der Seite von Brombeere, tötete einen dickes Exemplar mit einem einzigen Seitentriet ins Genick und Brombeere verjagte die restlichen Raben mit einem Fauchen. „Die haben wohl genug für heute“, wütend starrte Brombeere den fliehenden Raben nach, wie sie fluchend in den Himmel stiegen. „Ich glaube wir haben für heute auch genug gejagt“, Stern strich mit der Pfote über das weiche Gefieder des erlegten Raben und Brombeere begann einen brennenden Kratzer zu lecken. „Na, dann wollen wir mal“, gierig fing Donner an, das schlaffe Tier zu rupften, bei dem Gedanken endlich den knurrenden Magen zu stillen.

Die schwarzen Federn folgen nur so durch die Luft, als die hungrigen Katzen herzhaft das warme Fleisch genossen. „ Wisst ihr was, die wollten sich bestimmt  für alle von uns erlegten Vögeln rächen“, mit vollem Maul sprach Stern den Satz aus. „Vielleicht oder sie sind einfach angriffslustige Tiere“, Donner blies eine verwahrloste Feder vom der schwarzen Schnauze. „Wir müssen unbedingt wieder in das Reich der Katzen, dann können wir so viel Jagen wie wir wollen“, verträumt beobachtete Brombeere die ziehenden Nachtwolken und schluckte den letzten Happen hinunter. „Ja, warum nicht gleich jetzt“, in der Spontanität glänzte Stern. „Jetzt gleich?“, Donner schreckte hoch. „Was wird aus den Vorbereitungen unseres anspruchsvollen Madagaskarreferates?“ Das Madagaskarreferat hielten die wilden Krallen zusammen aber Amy hätte es gerne, ohne den Widerspruch von, für einige Zeit verschoben.  „Na gut“, Stern seufzte enttäuscht. „ Machen wir zuerst die Vorbereitungen zu Ende. Danach aber müssen wir auf der Stelle wieder ins Reich der Katzen reisen!“

Die wilden Krallen vergruben die Knochen im feuchten Moorboden, dies taten sie immer nachdem sie in diesem Wald gejagt hatten. Sie wollten schliesslich nicht, das in den Schlagzeilen steht: Unbekanntes Tier treibt im Wald sein Unwesen, mehrere empörende Knochenfunde entdeckt. Gefährdet die Population von geschützten Kleinlebewesen und die Sicherheit der Schafe, sofort abschiessen.

„Wir machen unser Referat fertig und anschliessend gehen wir endlich wieder ins Reich der Katzen“, fröhlich klatschte sich Brombeere auf dem Rückweg in die Pfoten. Sie konnte es kaum erwarten endlich wieder ein paar Wochen vom ganzen Stress loszulassen. „Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen“, murmelte Donner in die Nacht. „Vergnügen, im Reich der Katzen?“, fragte Stern empört. „Wohl eher das zweite Leben aus leben!“                                                                                                                      

Brombeere kickte einen Tannzapfen aus dem Weg. Raschelnd purzelte er durchs Laub und mit einem pflatschenden Geräusch landete er im Wildbach.  „Dort ist wirklich unser zweites Leben, obwohl es nicht einfach ist, ich meine ganze Bedrohung von den Jäger des Schatten. Aber die Wildnis und die vielen freundlichen Jäger des Waldes sind ein Teil unseres Lebens“, erklärte sie. „Stimmt, es wundert mich jetzt schon ob wir wirklich ein Spion in unseren Kreisen haben“, antwortete Donner. „Wir werden es früher oder später erfahren“, Stern horchte vorsichtig in der Ferne um sich der Sicherheit zu vergewissern. Zehn lange Glockenschläge hallten durch den Wald. „Verdammt!“, Brombeere stellte jedes einzelne Haar im Pelz auf. „Zehn Uhr bedeutete für mich zuhause Nachtruhe!“ „ Meine Eltern denken ich schliefe schon längst“, wandte Stern ein. „Meine Eltern denken ich lese in meinem Bett!“, rief Brombeere gestresst. „Sie kommen immer und ermahnen mich!“ Hastig verabschiedete sich Brombeere und im nächsten Moment war sie hinter der Birke verschwunden.

„Mäuschen, Nachtruhe!“, rief Ellens Mutter gegen die braune Zimmertür. Keine Antwort folgte. Ellens Mutter grunzte und drückte die schwarze Türklinke hinunter. Doch die geschmeidige Tür war von innen verriegelt worden. „Ellen, mach die Tür auf!“, ungeduldig hämmerte sie an die Holztür. Wieder folgte keine Reaktion. „Ich find das ganz und gar nicht witzig, mach jetzt endlich die Tür auf!“ Doch die gute Mutter wusste nicht, dass das Balkonfenster gähnend offen stand und Fussspuren nach draussen führten.

Brombeere jagte über die Wiese. Ihre Glieder waren völlig erschöpft aber sie musste auf schnellstem Wege nachhause. Erleichtert er kannte sie die Silhouette des Hauses in der Ferne und das beruhigende, flackender Licht leuchten.

Vorsichtig setzte sie die ersten Pfoten in den Garten hinein und linste in das helle Wohnzimmer. Ihre ältere Schwester sass auf dem Sofa und lass mit verborgenem Gesicht einen Liebesroman. Schnell hastete sie über das Gartenbeet, quer über die kleine Steinbrücke des Teiches, bis sie hinter dem Fensterladen in Sicherheit hüpfen konnte. Ihre Familie durfte Brombeere auf keinen Fall sehen, denn sie schätzten Katzen nicht besonders im Garten. Sie schnaufte kurz durch und kletterte geschickt das Dachrinnenrohr hinauf, welches zum Balkon führte wo sich ihr Zimmer befand. Ich bin jetzt in einer Katze Gestalt, doch gleich werde ich haben eine Menschengestalt, Katze, Katze wird Verblassen, wünschte sie innerlich.                                                        

Im nächsten Moment schmolz ihr Katzenschatten an der weissen Hauswand und Ellen kauert auf den kalten Balkonplatten. Sie schüttelte den Kopf, ihre scharfen Sinne von Sekunde auf Sekunde verlieren konnte ganz schön verwirrend sein. Jegliche Geräusche waren verschwunden, sowie die vielen Gerüche von Tieren. Ein Geräusch hörte sie doch ganz genau. „Ellen!“, jemand hämmerte gegen die Zimmertür. Auf wackligen Beinen schaffte sie es ins Zimmer. „Warte, ich komme“, rief sie hastig. „Endlich!“, brummte es vor der Tür. Nach zwei Umdrehungen des Zimmerschlüssels sprang die Tür auf und Ellens Mutter stand mit verschränkten Armen im Gang. „Darf man fragen, wo du dich rumgetrieben hast?“, sie warf einen strengen Blick auf ihre schmutzige Hose. „Weisst du, ich ähm…“, stotterte Ellen. „ Bin mondsüchtig, ich beobachte den Mond manchmal auf dem Balkon.“ „Mit verschlossener Zimmertür?“, hackte ihre Mutter weiter. „ Sieht danach aus“, Ellen versuchte sich geschickt aus der Sache rauszureden. „Den Rest geht mich anscheinend nichts an“, murmelte ihre Mutter gekränkt. Nein, wirklich nichts und sie vielleicht auch besser so.  Ellens Mutter wünschte eine gute Nacht, wo Ellen anschliessend aus ihren Sachen schlüpfte und erschöpft ins gemütliche Bett fallen liess.

„Es werden drei Katzen kommen, Feuer, Luft und Erde. Sie werden Frieden über den ganzen Wald bringen.“ Diese feine Stimme verfolgte Ellen in jeder ihrer Träume. Sie sah eine verblasste Katze im Feuer rennen, eine, die mit der Luft kämpfte und die andere auf der brauen Erde schleichen. Es fuhr ihr eiskalt den Rücken runter, Schatten baute sich vor ihren Augen auf, flankiert von einer Meute fürchterlichen Katzen. Die drei Katzen, deren Körper von ihrem Element umgeben war, fauchten feindselig. Doch Ellen fragte sich, wie diese drei unbekannten Katzen, so viele Krieger auf einmal nieder strecken konnten. Die ersten Schattenjäger griffen an aber die elementarischen Katzen fuhren keineswegs die Krallen aus, sondern schlugen mit ihren Pranken auf den Boden. Ein Feuersturm erschien unter der Pfote der Katze, welche mit Feuer umgeben war. Die andere konnte die Erde spalten, während die dritte einen Wind erzeugen konnte, dass selbst die stärksten Katzen reinste Waisenkinder waren. Erbärmlich mussten die Schattenjäger im Feuer verbrennen, in die Erdspalten hineinstürzen oder von der Brise weg geweht werden. „Feuer, Erde und Luft werden den Frieden über den Wald bringen!“, die Stimme dröhnte erneut in Ellens Kopf.

Erschrocken fuhr Ellen aus dem Schlaf. Das dunkle Licht in ihrem Zimmer verriet ihr, dass draussen immer noch tiefe Nacht herrschte. Erschöpft tastet sie in der Dunkelheit nach einem Notizblock auf ihrem winzigen Nachtisch. Es fand es und knipse die Tischlampe an. Neun Striche füllten bereits die erste karierte Seite. Sie ergriff  einen spitzen Bleistift, zeichnete einen weiteren Strich auf den das Blatt und dachte angestrengt nach. Schon zum zehnten Mal hatte sie denselben Traum mit den drei Elementen. Aber warum ausgerechnet ich?                                                              

Wenn sie Mond heissen würde, gäbe es eine vernünftige Erklärung oder hätten Marie und Amy den gleichen Traum, dann klänge es logischer. Leider schien es aber nicht der Fall zu sein. Marie träumte angeblich nur von Ungeheuren fünfmal im Jahr und Amy von ferne Welten, jenseits des guten Geschmackes. Frustriert klappe sie das Buch zu, löschte die Lampe und kuschelte den Kopf ins Kissen.

„Sascha zu mir!“, rief Levin durch die ganze Sporthalle. An diesem sonnigen Donnerstagmorgen stand Gemeinschaftssport auf dem Stundenplan, worüber Marie sich immer nervte weil sie nie den Ball bekam. Der blonde braune freche Tigeranführer schwang elegant seinen Arm und passte den roten Ball Levin zu. Der fing ihn sportlich ab und überreichte ihn flink an Noé. Amy versuchte ihn zu schnappen aber Noé kam dazwischen. „Wahr wohl nichts Blondie“, flötete er frech und passte den Ball Nino zu. Der kleine Italiener fing ihn ab und warf ihn weiter an Levin, obwohl Marie ihn deckte. Aber was war sie schon für ein Hindernis für den grossen Levin. Levin sprang bereits in die Höhe, doch Marie tat es ihm gleich und erreichte den Ball zuerst. Sprachlos starrte Levin Marie hinterher, wie sie davon flitze und Sascha die Verfolgung aufnahm. So gut hatte er sie nie spielen sehen. Gerade wollte Sascha den Ball mit einem Ellbogenschlag eliminieren, schleuderte Marie den Ball unkontrolliert aus der Hand. Genau in die Richtung, wo Noé mit grinsenden Blick bereits wartete. Bevor der Ball jedoch zwischen seinen Finger gleiten konnte, flitze eine Gestalt herbei und schnappte sich den Ball. Ellen zwinkerte Noé zu und passte Ball Richtung Amy. Sie stand bereits neben dem Korb und wartete auf den Ball. Amy fing ihn perfekt ab und zielte auf den Siegerkorb. Sascha schob seinen Körper dazwischen und deckte den Korb vor Amys bevorstehenden Schuss. Sie biss sich auf die Lippen nahm einen grossen Satz, hob ihre Beine in die Luft, flog erstaunlicherweise über Saschas Kopf und traf in den Korb. Die Schwerkraft zog Amy wieder zurück und auf allen Vieren landete sie, einem Federball ähnlich, auf dem Boden. „Amy, ist dir was passiert?“, besorgt stürmte Herr Müller zu ihr, während ihr Mitschüler sie besorgt umrundeten. „Nein, mir geht’s ausgezeichnet aber was soll schon passiert sein, ich bin nur gestürzt?“, fragte Amy ahnungslos. „Du bist so hoch gesprungen wie eine Katze“, ungläubig blickte Nino ihr entgegen. Bei dem Wort Katze schüttelte Ellen instinktmässig den Kopf. „So ein Quatsch“, Marie mischte sich ein. „Jawohl, gestolpert bin ich bloss“, bestätigte Amy ein zweites Mal vor der versammelten Klasse. „Wir meinen es ehrlich, es waren fast zwei Meter“, hackte Levin ernst nach. Getuschel entstanden in der Menge. Die blonde Verena pustete eine widerspenstige Strähne aus dem Gesicht und steckte den Kopf mit Lilien zusammen. „Ach, Unfug, Amy ist nur eine begabte Sprungmeisterin“, Marie schob sich in die Mitte. Das Getuschel kam Amy beinahe vor wie bei den Jäger des Waldes. „ Wie dem auch sei“, Herr Müller winkte in die schnatternde Runde um Ruhe zu bewahren. „Gehen wir anschliessend eine Runde auf die Laufbahn.“  

„Du bist merkwürdig“, sagte der strohblonde Levin an Amy gerichtet, als sie Herr Müller durch den schmalen Gang folgten. „Kannst du es nicht dabei belassen, ich bin nun mal höher gehüpft als der Durchschnitt“, knurrte Amy bissig zurück. „Die Möchtegernkatze hält eine Rede“, rief Sascha herausfordernd. Amys Kopf breitete sich Wut aus, sie hätte sich am liebsten in eine Katze verwandelt und ihm die Krallen ins Bein gebohrt. „Halt du deinen verdammten Rand!“, erwiderte Ellen wütend und zog Amy aus der stickigen Situation hinaus. Um ein Haar hätte Sascha Amy fast zum Platzen gebracht!

„Nicht drängeln!“, beschwerte sich Levin lauthals in der Schlange. Heimlich wollte Ellen sich zwischen Nino und Levin hindurch drängeln, um Amy und Marie, die weiter vorne in der Warteschlange standen zu erreichen. Der rote Untergrund der Laufbahn roch irgendwie heute stärker nach Plastik, als in den vergangenen sechs Schuljahren. Ellen überhörte seine Bemerkung und stellte sich hinter Marie an. „Nach hinten!“, Levin tippte Ellen wütend auf die Schulter. „Ist es dir so wichtig hinter Marie zu stehen?“, neckte sie ihn mit verschmitztem Lächeln. Levins blonde Augenwimper zuckten schroff, er wollte keinen Kommentar abgeben. Siegessicher wirbelte Ellen herum aber Nino packte sie am Arm und verdrehte ihn brutal. „Nach hinten!“, wiederholte er scharf, nachdem er merkte, dass es Levin die Stimme verschlagen hatte.                          

Marie hatte genug gewartet, erst war ihr die Sache mit Levin peinlich gewesen, nun aber griff sie ein. „Lass sie los, sie möchte nur bei uns in der Nähe sein!“, aggressiv schlug Marie ihre Hand auf Ninos braune Haut. Ihre Fingernägel stachen in seine erste Hautschicht vor und Nino liess Ellen erschrocken los. Eigentlich wollte Marie Ellen von Ninos Hand befreien aber dieses leichte Blutrinnsal auf Ninos Haut war unbeabsichtigt gewesen. Mit offenem Mund brachte Nino kein Wort heraus, was vielleicht auch besser war.  „Dies wollte ich nicht aber lass Ellen bei uns in  der Schlange stehen“, nuschelte Marie eine Entschuldigung hervor. Entschlossen nahm Marie Ellens Hand und zog sie zur käsebleichweisen Amy. Ihre blauen Augen bedeuteten so viel wie: was hast du getan?                                                                            

„Fingernägel schneiden wäre mein Tipp“, Noé nährte sich den Mädchen. Herr Müller pfiff vom anderen Ende der Laufbahn, die nächsten sollten Starten. Amy und Ellen wechselten kurze Blicke und gingen in Starposition. Herr Müller gab ihnen schliesslich das Zeichen zum Start und die beiden Freundinnen flitzen los. Amy führte und Ellen bildete das Schlusslicht. Unterdessen versuchte Marie den fragenden Blicken der Jungs auszuweichen. Levin, Noé und der Nino standen in einem Kreis, warfen dabei immer wieder ein stechenden Blick auf Maries Rücken aber hielten ihren Mund. Sascha hingegen wurde von Jenny, Lilien und Verena umringt wie ein Schwarm voller Fliegen. Ihn interessierte nicht das Fingernägel Ereignis weniger, lieber wurde er von hunderten Komplimenten überflutet. Warum habe ich Nino verletzten können? , Gedanken schwirrten Marie durch den Kopf. Ach was, es sind bloss meine Fingernägel gewesen. Dann werde ich heute eben gegen Sascha antreten!                                                                                                                                       

Marie schwenkte von den Gedanken in die Realität. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und trat Sascha gegenüber. „Wollen wir zusammen eine Strecke rennen?“, forderte sie den Bandenanführer hinaus. Saschas Augenbraunen zuckten entgeistert. „Du willst gegen IHN antreten?“, fragte Jenny ungläubig. Lilien unterdrückte sich ein Lachen. Marie überhörte die Kommentare und wartete auf Sascha zählende Antwort. „Gut“, antwortete er lässig. „ Wir mir eine Ehre sein gegen dich zu gewinnen.“ „Na dann alles Gute für dich Marie“, mischte sich Noé schmunzelnd in das Gespräch ein. „Die tickt doch nicht recht“, flüsterte Nino Levin ins Ohr. Genau dies wollte Marie erreichen, sich lächerlich machen und das Geschehnis vergessen. Sascha und Marie gingen in Startposition. Der Anführer spielte entspannt mit seinen Fingergelenken, gegen die längsamte Schnecke war es für ihn kein richtiges Training. „Auf die Plätze, fertig und los“, brüllte ihr Lehrer von der Ziellinie, wo Maries Freundinnen verdutz warteten. Sascha stürzte los wie ein Besessener der Laufbahn und nahm einen ersten Vorsprung ein. Wie von Marie erwartetet, hängte Sascha sie Meter für Meter ab. „Aber Marie warum bist du so schlecht, du bist die schnellste Läuferin im Wald!“, flüsterte eine Stimme durch Maries Kopf. Bei einem Baum, unmittelbar neben der Laufbahn, hätte Marie schwören können eine weisse durchsichtige Gestalt mit gelben Augen schimmern sehen. Wolkenjäger!                                                                                                                   

Neue Energie schöpfte Marie aus seinen beruhigenden Worten. Sie zwang ihr überstrengten Beine in eine schnellere Bewegung und es klappte genau wie im Katzenkörper. Ein sanfter Wind durchwirbelten ihre Haare und sie wurde schneller und schneller. Wobei Marie Sascha überholen konnte, der wurde für einen Augenblick wegen seiner Sprachlosigkeit langsamer, als er sah wie Marie flink neben ihm vorbei düste. Er biss sich auf die schmalen Lippen und versuchte alles um seinen Ruf wiederherzustellen, doch es nützte nichts mehr. „Ja, Marie weiter so!“, jubelten ihre Freudinnen aufmunternd. Marie machte die letzte Anstrengung und überquerte stolz die weisse Ziellinie. „Super Marie!“, Ellen stürzte sich freudig in ihre verschwitzen Arme. Sascha torkelte ungläubig an Marie vorbei und sagte kein einziges Wort, die Niederlage stand im direkt ins Gesicht geschrieben. „Donner hat dir einiges im Menschenkörper überlassen“, murmelte Amy nachdenklich. „ Die Geschwindigkeit und die Krallen.“ Marie betrachtete ihre eigenen Fingernägel. „Das waren meine langen Nägel gewesen. So etwas ist doch Blödsinn. Ich habe lange noch keine Krallen, nur Fingernägel“ „Ihr drei seid nichts anderes als drei wilde Tiere“, keuchte ihnen Sascha von der Sitzbank zu. „Jawohl“, Nino, der mit Levin und Noé zu Sascha geeilt waren, nickte ihnen beschwichtigen zu. Amy schüttelte die unfreundliche Bemerkung ab. Was wissen diese Jungs schon über uns, nichts.

 

 

 

 

 

 

 

 

Comments

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    wieder sehr toll beschrieben! Man kann es genau vor Augen sehen!

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    find ich cool, wie du die elemente einbaust :)

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