Ein Unglück kommt selten allein

Keiner der beiden wusste, wie sie in dem Restaurant gelandet waren. Aber es war auch unwichtig. Auf der Suche nach einem Ladegerät waren sie ins Gespräch gekommen. Sasha hatte dezent Igors Spielschulden erwähnt und da saßen sie nun.

Ein riesiger Teller frittierter Hühnchenbeine und Pommes stand in der Mitte des Tisches, aus dem sich beide Männer bedienten.

Igors Handy lag an der Bar und zeigte 100%. Fertig geladen. Doch beide hatten längst das eigentliche Problem ausgeblendet.

Das Restaurant war eines der teuersten im Flughafen. Grundsätzlich war alles teuer, aber hier bezahlten die Gäste für die Atmosphäre. Rustikale Einrichtung mit Backsteinwänden und massiven Vollholztischen. Die Hocker waren mit echtem Rindsleder überzogen. Das heimelige, gelbe Licht vermittelte die Wärme eines Kaminofens an einem kalten Wintertag.

Sasha mochte es hier. Das Essen, so profan es auch war, war köstlich. Und wie viel sie nachher bezahlen mussten für ein wenig Landhausfeeling, kümmerte ihn wenig. Schließlich bezahlte Igor dafür. Er hatte die Wette verloren. Und bekanntlich verdienten Fußballer ziemlich gut. Sasha hatte keine Gewissensbisse, das auszunutzen. Aber es gab sowieso wenig, was ihm ins Gewissen redete.

„Die Schachspieler, die haben es gut“, sagte Igor und deutete mit dem Hähnchen in seiner Hand auf Sasha. „Denen sagt keiner, wie sie ihre Figuren zu setzen haben. E2. E4. Uns Fußballern gibt man 100 Anweisungen, wenn wir gerade erst das Feld ansteuern.“

Seine Lederjacke knirschte leicht, als er mit dem Oberschenkel gegen den Mahagonitisch stieß. Igor biss in das Hähnchenfleisch. Mit der freien Hand nahm er die Jacke von seinem Schoß und warf sie auf einen der Hocker neben sich. Sein voller Mund hinderte ihn nicht daran weiterzureden. „Und alle sind solche Experten. Alle wissen es besser.“

Igor verdrehte die Augen. Er wirkte entspannter. Ob es an dem Licht, an Sashas Engagement ein Ladegerät aufzutreiben oder an der späten Stunde lag, wusste er nicht mehr. Den abgenagten Knochen warf er in den Teller, dann fischte er nach einem neuen Hähnchen. Sasha tat es ihm gleich.

 „Du, zum Beispiel“, wieder deutete Igor mit dem Hähnchenbein auf Sasha. Er versuchte gar nicht seine coole Fassade aufrechtzuerhalten. Bei dem Blonden hatte das wenig Effekt. Es veranlasste diesen nur dazu, sarkastische Kommentare über sein Spiel abzufeuern. Irgendwie war es erfrischend. Igor konnte zum ersten Mal ganz er selbst gegenüber einem anderen Menschen sein.

„Du drückst deine Knöpfchen und das war‘s. Alles klappt bei dir, wie am Schnürchen. Aber so spielt das Leben nicht bei allen mit. Deine Knöpfe haben ja keine Nerven. Kannst du dir überhaupt vorstellen, was für Stress wir Fußballer haben?“

„Ah, welchen Stress denn?“, fragte Sasha. „Bist du etwa ein Arzt, Sanitäter oder Rentner? Dich liebt man. An dich glaubt man. Wegen dir kaufen die Leute Chips, die man noch nicht einmal fressen kann.“

Kommentarlos warf Igor den Knochen in den Teller und leckte sich alle Finger nacheinander ab.

„Hast du die überhaupt selbst probiert?“, fragte Sasha und schnaubte.

„Habe ich. Und du hast wohl recht, aber-.“

Igor zeigte mit dem Finger auf Sasha, was so viel bedeuten sollte, dass dieser warten sollte. Elegant rutschte er von seinem Hocker.

„Vielleicht bin ich tatsächlich bald ein Rentner.“

Einen Fuß auf den Hocker gestützt, krempelte der Fußballstar das Hosenbein hoch und entblößte sein linkes Knie.

„Was machst du denn da?“, fragte Sasha ihn.

„Schau doch!“, forderte Igor.

Über sein nacktes Knie zog sich eine dicke, knotige Narbe. Sasha starrte mit offenem Mund auf die beschädigte Haut. Das sah wirklich übel aus.

„Mir bleiben vielleicht 2 oder 3 Jahre. Dann kann ich das Spielen vergessen und danach-.“

Zurück auf seinem Hocker, beugte Igor sich weit über den Tisch zu Sasha herüber.

„Wer braucht mich da noch?“, flüsterte er und klang etwas heiser. Seine Augen waren groß und rund, als er das sagte. Er wirkte ein bisschen wie ein Kind, fand Sasha, obwohl dieser Gedanke absurd war. „Denkst du etwa, dass sich nach 10 Jahren noch jemand an mich erinnern wird?“

„Das kommt ganz auf dich an.“

„Tsss“, winkte der Fußballer ab.

„Hör wenigstens auf zu saufen. Zumindest in aller Öffentlichkeit“, riet Sasha und ihr Gespräch wirkte, als wären sie gute Freunde. Denn Igor hörte ihm tatsächlich zu. „Stellt dir mal vor, ich würde so meine Arbeit machen. Einfach einen Psychopathen mit einer Bombe durchlassen.“ Sasha hielt inne. „Du und ich, wir verteidigen unser Heimatland.“

„Wirklich?“, fragte Igor mit hochgezogenen Augenbrauen. Unwillkürlich begann er zu schmunzeln. Amüsiert kräuselten sich seine Lippen.

„Wirklich!“, bestätigte Sasha und konnte sein eigenes Grinsen kaum unterdrücken. Seine Augen glänzten. Er hatte Igor schon vorher gemocht. Obwohl er von seiner Leistung enttäuscht gewesen war, so waren seine beißenden Neckereien nichts anderes, als ein Ausdruck seiner Sympathie. Um andere Idioten bemühte er sich nicht so sehr. Sie waren nicht einmal seinen Ärger wert. Aber Igor war etwas Besonderes. Obwohl Sasha ihn nicht privat kannte.

„Ja, unsere Heimat“, wiederholte Sasha. Beide begannen zu lachen. Begeistert von dem hellen Lachen des Fußballers, gönnte Sasha sich einen kurzen verstohlenen Moment, um den anderen zu mustern.

Der Brünette wirkte nicht mehr abgeschlagen und müde. Seine Augen glänzten und er wirkte zufrieden. Selbst seine Wangen hatten ihre natürliche Farbe zurück.

„Wenigstens spreche ich nicht fürs Leben und die Sicherheit anderer“, lachte Igor. „Du hast den wichtigeren Job von uns beiden.“

„Findest du? Denk mal darüber nach, was man über Fans sagt-.“ Unvollendet ließ Sasha den Satz im Raum stehen. Er fuhr fort, als er merkte, dass Igor echtes Interesse daran hatte, zu erfahren, was er meinte.

„Wir fiebern. Fiebern, Igor. Von zu hohem Fieber kann man sterben“, fuhr Sasha ernst fort. Ihm war wichtig, dass Igor seine Wut verstand. Denn sie war authentisch. Durchdringend beobachtete Igor Sashas Gesicht.

„Weißt du, welch Freude es ist, wenn du ein Tor schießt? Oder gewinnst?“, Sashas Stimme war leise. „Wir singen die Hymne, hissen die Flaggen, dann weinen wir und besaufen uns die ganze Nacht vor Freude.“

Igor schluckte schwer. Sasha wich nicht eine Sekunde seinem Blick aus. Eine Kellnerin, die an ihren Tisch trat, brach den stillen Kontakt zwischen ihnen.

„Musst du nicht arbeiten, Sasha?“, fragte sie, warf Igor einen vielsagenden Blick zu und stellte die zwei Gläser Cola in die Mitte.

„Ich esse grade mit einem Freund“, winkte der Blonde ab und fuchtelte mit der Hand in der Luft, als wollte er eine lästige Fliege verscheuchen.

„Ah“, Igor verschränkte die Arme, als die Frau ging, und machte die Sache mit den Augenbrauen, die Sasha so witzig fand. „Jetzt sind wir also schon Freunde?“

„Selbstverständlich“, erwiderte Sasha selbstbewusst. „Trotz meiner Kommentare sitzt du mir gegenüber und wir essen aus einem Teller.“

„Ich hatte Hunger.“

„Quatsch, du hast eine Wette verloren.“

„Das auch.“ Igor prustete wieder los. „Du hast eine komische Art Zuneigung zu zeigen.“

„So wie du das sagst, klingt es, als wäre ich in dich verliebt.“

„Na, bist du es denn nicht? Das ganze Gerede übers Fan-Dasein, Fieber und Sterben. Klingt für mich nach heftigen Gefühlen.“

„Selbstverständlich habe ich Gefühle für dich.“

„Na, klar. Wer hat die nicht?“

„Doch so arrogant, wie ich erwartet hatte.“

„Du bist echt ein seltsamer Typ, Sasha“, Igor amüsierte sich köstlich. Wohlige Wärme breitete sich in seinem Bauch aus. Er fühlte sich gut. Sehr gut sogar. „Eins muss ich dir lassen, du bist immer für eine Überraschung gut.“

Ein spitzbübisches Lächeln stahl sich auf Sashas Gesichtszüge und ließ die Grübchen um seine Mundwinkel deutlich hervortreten. Igor fand diesen Zug sehr angenehm. Er nahm Sasha etwas von der gelangweilten Haltung, die jeder Flughafenangestellte verinnerlichen musste.

Der Blonde sprang von seinem Hocker, deutete eine Verbeugung an und streckte dabei theatralisch seinen Arm zur Seite aus. Das jedoch erwies sich als schwerer Fehler. Mit dem Schwung seines Armes fegte er die Colagläser vom Tisch. Und das ausgerechnet in Igors Richtung.

Sintflutartig ergoss sich die braune Flüssigkeit über den Tisch. Reflexartig hob Igor die Hände in die Luft, als würde ihm jemand eine Waffe vorhalten, aber das war auch keine gute Idee. Sekunden später spürte er eine unangenehme Nässe zwischen den Beinen. Mit großen Augen starrten sich die beiden Männer gegenseitig an.

„Verdammt“, fluchte Igor.

Wer hätte das gedacht? Wundern tat Igor sich nicht darüber. Er hätte es vorhersehen müssen. In Sashas Nähe war das Unglück nicht weit.

„Opala“, sagte Sasha und starrte dem Fußballer in den Schritt. „Und was machen wir jetzt?“

Comments

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    Ach je, Sasha ... Ich habe mich immer noch nicht entschieden, ob ich ihn nun mag oder nicht. Er ist ein wirklich anstrengender, aber gelungener Charakter, den ich zu Beginn völlig falsch eingeschätzt habe. Erst nach und nach begreift man als Leser, dass seine Gemeinheiten in den ersten Kapiteln keine sind, sondern einfach seine ganz normale Art. Wobei dieses "normal" haarsträubend ist. Dem Mann fehlt vieles, was ein soziales Wesen ausmacht: Empathie, Taktgefühl und Scham zum Beispiel. Dafür hat er ein wirklich beängstigendes Selbstbewusstsein (was aus seiner fehlenden Empathie resultiert) und einen verdammt hohen Fremdschäm-Faktor. Zumindest geht es mir so. Genau daraus zieht eure Geschichte aber ihre absurde Situationskomik. Wäre ich Igor, wäre ich längst verzweifelt. Hier auf dem Papier (bzw. Bildschirm) ist ein Typ wie Sasha und seine Art durchaus amüsant. Im wahren Leben möchte ich so einem Menschen aber lieber nicht begegnen. ;)

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