Engel und Geheimnisse

Auf der Fahrt nach Hause ist Nolan sehr still. Und als ich ihn frage was er hat antwortet er mir nicht. Stur starrt er die ganze Zeit geradeaus und ignoriert mich.

Er bringt mir Wortlos meine Tasche auf mein Zimmer und sagt dann noch in strengem Ton: „Denken sie gar nicht erst dran das Zimmer zu verlassen. Wenn sie etwas brauchen schreien sie einfach so lange bis jemand kommt, kapiert?“

„Und wenn mich niemand hört?“

„Dann werden sie verhungern klar?“ Keine Ahnung was er für ein Problem hat. Als ob ich die ganze Zeit gehorchen würde.

„Wo gehen eigentlich die Anderen zur Schule?“

„Welche anderen?“

„Meine Adoptivgeschwister.“

„Die haben Privatunterricht.“

„Warum ich nicht? Und warum stellst du sie mir nicht vor?“

„Sie haben es nicht nötig. Und ihr Vater hat mir nicht gesagt, dass es nötig ist, sie ihnen vorzustellen.“

„Wann erklärst du mir endlich wie die Mädchen das gemacht haben?!“

Er runzelt die Stirn sieht mir in die Augen und sagt:

„Sie sind noch nicht so weit.“

„Was meinst du damit!? Ich bin noch nicht so weit?“

„Ich meine damit, dass sie noch nicht so weit sind. Am Besten vergessen sie einfach was passiert ist und fangen von vorne an. Das wäre an Besten für sie.“

„Nein das ist nicht das Beste! Das hat dir mein Stiefvater nur eingeredet! Und das nur, weil er nicht will, dass jemand die Wahrheit erkennt!

Wenn ich so etwas könnte, dann wäre er schon längst eingesperrt! Verstanden!?“

Er sieht mich eine Zeit lang einfach nur entsetzt an, aber mit der Zeit schleicht sich die Neugierde in seinen Blick.

„Was meinen sie damit? Was hat er ihnen angetan?“

Endlich kann ich es jemanden erzählen. Endlich hört mir jemand zu.

„Er hat mir meine Mutter genommen.“

„Wie kann er ihnen ihre Mutter wegnehmen?“

„Er hat es getan. Als ich zehn Jahre alt war hat er sie umgebracht!“

„Nein ich kenne Bob so etwas würde er nie tun!“

„Aber das ist noch nicht alles.

Weißt du noch, als wir hier angekommen sind? Da hast du mich gefragt warum ich DA gewesen bin... Ich war wegen IHM da. Er hat mich beschuldigt sie umgebracht zu haben!

Mich, ein zehnjähriges Mädchen und das nur, weil ich durch das Schlüsselloch in meiner Tür gesehen habe! Drei ein- halb Jahr bin ich da gewesen. Drei Jahre konnte ich mich nicht einmal rühren, weil sie mir Schlafmittel gegeben haben.

Dann ist er gekommen und hat mich wieder zu sich geholt! Wie soll ich da reagieren? Soll ich Luftsprünge machen?! Ich hasse ihn und ich werde ihn zur Rechenschaft ziehen!“

Wow, ich habe gerade meinen ganzen Frust an Nolan ausgelassen. Sein Gesicht ist während meinem Vortrag immer verschlossener, aber auch trauriger geworden.

Am Ende sagt er gefühlskalt:

„So etwas kann und will ich nicht glauben. Er würde so etwas nie tun!“

„Aber mir traust du den Mord an meiner Mutter zu?!“

„Nein... ich meine... Ich weiß nicht was ich von ihrer Geschichte halten soll.“

„Es ist die Wahrheit!“

Es macht mich traurig das Nolan mir nicht glaubt, aber ich muss zugeben, wenn ich so darüber nachdenke klingt die Wahrheit nicht sehr glaubwürdig.

Traurig sage ich:

„Glaub, was du glauben musst. Aber bitte, erzähl mir wie die Mädchen das getan haben!“

„Ich kann nicht... Bitte lassen sie mich erst einmal das Gehörte verdauen!“

 Damit dreht er sich um und rennt schon fast aus dem Zimmer. So aus der Fassung habe ich ihn noch nie gesehen.

Vielleicht, wenn er mir glaubt, werde ich schon bald wissen wie die Mädchen das gemacht haben. Und was dieses ganze Haus soll. Was Bob von mir will.

Aber jetzt muss ich erst einmal das Problem mit dem Umziehen lösen. Mit einem gebrochenen Knöchel ist das gar nicht mal so einfach.

Damit mein Knöchel ein wenig Platz hat, ziehe ich mir ein Paar kurze, bequeme Boxershorts an.

Danach setze ich mich ins Wohnzimmer auf das Sofa und schalte den Fernseher ein.

 Leider kommt nichts wirklich Fesselndes, also schalte ich ihn wieder aus und lege mich in mein Bett.

Ohne es wirklich zu merken oder zu wollen schlafe ich ein.

Ich wache erst auf, als ich merke das jemand neben meinem Bett steht.

Zuerst denke ich, es ist Nala die mich für die Schule wecken will, aber es ist weder Nala noch ist es Nolan.

Es ist das Mädchen das mich gegen die Wand geschleudert hat.

Zuerst bin ich kurz davor zu schreien. Aber ihr Blick sagt mir, dass sie mir nichts tun will.

Zumindest jetzt nicht.

„Mein Name ist Helia. Es tut mir leid was ich getan habe. Ich wollte dich nicht angreifen, es passiert bloß manchmal, wenn stärkere Engel ankommen. Dann verliere ich schnell die Kontrolle. Es tut mir wirklich leid.“

„Wie hast du das gemacht? Und was hat es mit diesen Engeln auf sich?“

Zuerst scheint sie es mir nicht sagen zu wollen doch dann meint sie:

„Nun ich denke das bin ich dir Schuldig. Eigentlich bin ich ja ein Luftengel, aber ich arbeite daran, dass ich durch meine Gedanken Dinge erschaffen oder bewegen kann. Papa hat es mir verboten, aber ich übe trotzdem.“

Ich bin total verwirrt, wovon redet sie da? „Aber was hat das mit deinen Kräften zu tun?“

„Na weil ich ein Luftengel bin, fällt es mir leichter etwas zu tun, dass auch nur entfernt mit Luft zu tun hat. Also habe ich die Blitze erzeugt und über Luftströme weitergeleitet.

Das hört sich schwer an, aber das ist es eigentlich gar nicht...“

Und so redet sie immer weiter, ich erfahre ziemlich viel über die Engel oder eher gesagt was sie können.

Zum Beispiel, das es vier verschiedene Arten von Engeln gibt. Feuerengel, Wasserengel, Erdengel und Luftengel.

Und, dass jeder Engel eine bestimmte Fähigkeit hat, die nur er hat und niemand sonst.

Als sie mit ihrem Vortrag fertig ist, sieht sie zur Uhr und schreckt auf.

„Oh mein Gott, es ist ja schon nach Mitternacht ich sollte mich lieber beeilen. Also, ich hoffe du verzeihst mir.“

Sie rennt aus meinem Zimmer und schließt leise die Tür.

In mir kommt Neugierde hoch, was wenn ich das auch kann? Vielleicht hat mich Bob ja deswegen hergebracht. Dinge mit meinen Gedanken zu manipulieren wäre schon genial. Das muss ich ausprobieren.

Ich setzte mich auf, soweit ich kann, ohne mir weh zu tun und konzentriere mich auf meine Hose, die am Boden liegt.

Ich stelle mir vor, dass sie schwebend zu mir kommt.

Am Anfang passiert gar nichts und auch beim fünften Versuch passiert nichts. Als ich schon Kopfschmerzen habe und aufgeben will, klappt es.

Ich kann es nicht fassen, es klappt! Wie an einer unsichtbaren Schnur kommt die Hose zu mir. Unglaublich!!

Moment, das heißt ich bin auch ein Engel!

Ich verstehe immer noch nicht alles. Aber wie kann es sein, dass ich übernatürliche Kräfte habe ohne es zu wissen? Hat das alles wirklich mit Bob zu tun? Hat er mir und den anderen diese Kräfte gegeben? Aber warum? As will er!?

Und warum zum Teufel wollen mich die anderen Engel dann umbringen!?

Die Hose schwebt immer noch in der Luft und langsam werde ich davon müde. Es ist, als würde es mir meine Kraft entziehen.

Mein Knöchel pocht schmerzhaft, aber die Hose schwebt immer noch. Wie bekomme ich sie wieder runter?! Als ich kurz davor bin umzukippen, stürmt Nolan herein und schreit mich an, ich solle sofort damit aufhören.

Aber ich kann nicht, verzweifelt versuch ich die Hose wieder auf den Boden zu kriegen, aber erst als ich ohnmächtig werde, sinkt auch die Hose hinunter.

Am nächsten Morgen werde ich wieder von Nala geweckt, als wäre nichts passiert.

Heute weckt sie mich früher, logisch, da ich mit einem kaputten Knöchel nicht so schnell bin wie sonst.

Nala trägt mir auch meine Tasche runter in die Küche und dann zum Auto.

Wie ich befürchtet habe, fahren wir wieder mit der Luxuskarre.

Er scheint das Auto echt zu mögen.

Wie ein Gentleman öffnet er mir die Tür.

Aber heute sagt auch er nichts. Nicht einmal obwohl ich zu spät bin.

Als wir losgefahren sind, fragt er:

„Warum hast du das gemacht?“

„Was?“

„Das gestern Abend! Ich habe mir scheiß Sorgen um dich gemacht!“

Okay eigentlich bin ich ja echt auf alles gefasst gewesen, bloß nicht auf das. Ich dachte ich sein nur irgendjemand für ihn. Aber dass... das wirft mich jetzt doch aus meiner `ich bin ihm egal´ Bahn.

„Äh... ich... ich...“

„Was!?“

„Ich wollte nur ausprobieren ob ich es auch kann!“

„Was denn bitte? Was du da gestern abgezogen hast war lebensgefährlich!“

„Das wusste ich doch nicht! Helia hat davon nichts gesagt!“

„HELIA!?“

Scheiße, warum habe ich das gesagt? Auch egal, jetzt ist es zu spät.

Jetzt weiß er es. Aber dann kann ich ihn ja auch alles Fragen.

Auf mein Gesicht legt sich ein verschlagenes Lächeln, dass ihn aus seinem wütenden Schwall von Wörtern reißt und er mich direkt ansieht.

„Was haben sie?“

„Ich habe nur nachgedacht.“

„Worüber wenn ich fragen darf?“

„Wenn du jetzt weißt, was ich getan habe, dann weißt du, dass ich es jetzt weiß!

Das heißt du kannst mich jetzt einweihen!“

„Nein.“

„WAS!?“

„Ich kann sie nicht einweihen, egal wie viel sie bereits wissen, sie sind noch nicht so weit. Sie würden sich nur umbringen!“

„Von wegen! Gestern bin ich doch auch nicht gestorben, oder!?“

„Aber nur, weil ich und Nala rechtzeitig da waren!“

„Nala war da?“

„Ja, sie ist noch vor mir ins Zimmer gegangen. Haben sie, Sie denn nicht gesehen?“

„Nein, ich habe nur gesehen wie du ins Zimmer gerannt bist und dann bin ich auch schon ohnmächtig geworden.“

„Das ist wirklich merkwürdig, finden sie nicht auch?“

Sein Ärger ist wohl schon verraucht. Bis wir in der Schule sind reden wir nicht mehr sehr viel. Oder besser gesagt gar nicht mehr. Jeder Versuch von mir das Gespräch erneut anzukurbeln geht schief.

Auf dem Parkplatz vor der Schule sagt er noch schnell:

„Sagen sie in der Schule lieber nichts über dieses Thema. Zu niemanden nicht einmal mir, verstanden?!“

Ich nicke nur einmal und dann bleibe ich doch noch stehen und frage:

„Und wer trägt jetzt meine Tasche?“

Nolan lacht endlich mal wieder und nimmt meine Tasche.

Er begleitet mich zu meiner Klasse und stellt die Tasche auf meinem Platz ab.

Danach bedanke ich mich und er begibt sich in seine eigene Klasse.

Zum Glück lassen mich alle in Ruhe, selbst Lukas, was mich ziemlich überrascht. Bin ich gestern doch zu unfreundlich gewesen?

Bevor ich zu ihm gehen kann, kommt unsere Mathelehrerin rein und wir fangen mit dem Unterricht an.

Ich bin also fast zu spät gekommen, oh Mann ich muss also noch früher aufstehen.

In den ersten beiden Stunden haben wir also Mathe, danach haben wir zum Glück unsere erste große Pause.

Was sage ich da? Zum Glück? Am liebsten würde ich gleich mit Politik weitermachen, denn ich sehe schon vor mir, was Kevin von mir will.

Kevin steht genau vor meinem Tisch und hält meine Tasche demonstrativ in seiner Hand.

Was fällt diesem Schnösel eigentlich ein?

Aber das ist ja noch nicht das Beste, nein, er muss damit ja auch noch direkt auf eines unsrer Klassenzimmerfenster zugehen.

Zu meinem Pech kann ich nichts machen und als ich aufstehen will, kommt einer seiner ach so coolen Kumpels und nimmt mir meine Krücken weg.

So also, kann ich nichts weiter machen als zu zusehen.

Eigentlich hoffe ich ja, dass mir jemand hilft, aber niemand schaut auch nur in meine Richtung.

Als ich Lukas ansehe, begegne ich seinem ängstlichen Blick, aber nur für sehr kurze Zeit, denn er sieht schnell wieder weg.

Kevin merkt, dass er meine Aufmerksamkeit verloren hat und ruft:

„Ey du Schlampe sieh gefälligst her!“

Als ich auch darauf nicht reagiere, kommt wieder einer seiner Kumpels zu mir, hebt mich hoch und...

„LASS SIE SOFORT LOS!“

Kevin, ich und sein Kumpel sind gleichermaßen erschrocken. Aber am Ende bin nur ich noch erleichtert.

In der Tür stehen Nolan und Marco.

Kevin grinst böse und sagt gelassen:

„Ja, Tim lass sie runter!“

Und so, wie er das gesagt hat, fängt auch Tim an zu grinsen.

Ohne Vorwarnung knalle ich volle Kanne auf meinen kaputten Knöchel.

Ich kann nicht anders als vor Schmerz aufzuschreien.

Nolan läuft zu mir und will mir aufhelfen, aber Tim stellt sich ihm in den Weg.

Marco geht währenddessen zu Kevin und versucht ihm meine Tasche abzunehmen.

Mein Knöchel pulsiert regelrecht vor Schmerzen und ich werde fast ohnmächtig.

Aber nur fast.

Als Tim Nolan dann auch noch eine reinhaut, geht es wirklich zu weit.

Ohne zu wissen wie, stehe ich auf.

Die ganze Klasse starrt uns mittlerweile an. Sollen doch alle sehen, wie ich Kevin und Tim eine reinhaue. Aber bevor das passieren kann höre ich etwas, was mich ablenkt.

Das Klingeln einer Glocke.

Warum auch immer, bücke ich mich nach meinen Krücken und humple aus der Klasse.

Hinter mir versuchen Nolan und Marco aus dem Klassenzimmer zu kommen, aber Tim und Kevin versperren ihnen den Weg.

Kevin ruft laut, damit ich es ja auch gut höre:

„Was habt ihr denn?! Lasst sie doch heulen, wenn sie will!“

Aber ich will nicht heulen. Ich will wissen, was dieses anziehende Geräusch macht.

Oder eher wer es macht.

Das Geräusch führt mich nach oben, immer weiter nach oben.

Als ich auf dem Dach der Schule angekommen bin hört das Geräusch auf.

Ich will schon wieder umdrehen und wieder runtergehen als hinter mir jemand sagt:

„Du gehst nirgendwo hin, kleiner Engel!“

Ach du meine Scheiße, ich kenne diese Stimme.

Das letzte Mal als ich sie gehört habe, hat sie vor Qualen geschrien! Diese Person kommt aus dem Irrenhaus.

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beta
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