Erinnerungen


Es war gerade kurz vor sieben Uhr. Also noch drei Stunden Zeit. Mist ... Ich hätte mir was zum Lesen mitnehmen sollen. Wo war ich bloß mit meinen Gedanken gewesen? Bei Mom. Sie war erst vor knapp zwei Wochen gestorben. Es war ganz natürlich, dass ich nicht ganz Herr meiner Sinne gewesen war. Ich schloss die Augen und sah mich wieder in der Leichenhalle.      

 Es war kalt und roch ganz eigenartig. Das grelle Licht lies den Raum nur noch abstoßender wirken. Er war steril Weiß gehalten. Nur die zwei Säcke, einer rot und der andere gelb, waren Farbtupfer, die gänzlich fehl am Platz wirkten. Ich wollte gar nicht wissen, was in diesen Beuteln war. Gegenüber der metallischen Eingangstür war eine große Wand mit eingearbeiteten weißen Türen. Da drin waren die Leichen. Das wusste ich von den vielen Crime-Serien, die ich ab und an mit meinen Freunden ansehen musste. An einer Tür war ein Mann mit weißem Kittel beschäftigt. Er fluchte leise und war ganz und gar in seiner Arbeit vertieft. Anscheinend erwartete er mich noch nicht. Eigentlich sollte ich auf eine Kommissarin Soundso warten ... Aber ich konnte nicht. Ich wollte nicht. Wenn meine Mom wirklich hinter einer dieser schweren weißen Türen lag, wollte ich sie zuerst allein sehen, ohne eine fremde Person, die mich mitleidig ansah. Um den Mann auf mich aufmerksam zu machen, räusperte ich mich zaghaft. Abrupt drehte er sich um. Bestimmt hatte er sich erschreckt. Leichen machten normalerweise keine Geräusche. Ob ich auch so schreckhaft wäre? Ich musterte kurz meinen Gegenüber. Er war um die Vierzig. Sein Kurzhaarschnitt war mit grauen Strähnen durchzogen. Der weiße Kasack hing über die ebenso weiße Hose. Eine Nummer größer hätte er schon sein können, denn sein Bauch brachte das Oberteil ganz schön zum Spannen. Doch der Mitarbeiter musterte auch mich. Ich hatte meine langen Haare hoch gesteckt und trug einen schwarzen Hosenanzug. In meiner linken Hand hielt ich die Aktentasche von meiner Mom, wo alle wichtigen Dokumente verstaut waren. "Für den Notfall", hatte sie gesagt, als sie ihn mir zeigte. Ich sollte ihn mitnehmen, wenn ihr irgendetwas passieren sollte. Und dieser Fall war eingetreten. Meine Augen brannten vor unterdrückten Tränen. Ob er es merkte? Seine Musterung hörte auf, bevor es unangenehm wurde.

"Sie müssen die Psychiaterin sein. Man hat mir schon Bescheid gesagt. Wollen sie die Leiche sehen, bevor das Kind kommt?"

Verwundert sah ich ihn an. Er hielt mich doch wirklich für einen Erwachsenen. Das bedeutete aber auch, dass jeden Moment eine Psychotante kommen würde. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Meine Mutter war Psychotherapeutin. Wenn sie sich mit ihren Kollegen bei uns zum Kaffee traf, fühlte ich mich, als ob ich eine Therapiestunde hatte. Psychiater sollten noch einen Zacken schärfer mit ihren Analysen sein. Ich schüttelte den Gedanken ab.

"Ja. Können wir die Verstorbene beruhigt dem Kind zeigen?", fragte ich den Mitarbeiter.

Die Frage stellte ich eher zu meiner Beruhigung. Nebenbei hoffte ich aber auch, dass sie die Meinung des Mannes festigte, dass ich die Psychiaterin sei. Er zuckte mit den Schultern und drehte sich zu den Türen um.

"Die Leiche..."

Ich zuckte unwillkürlich zusammen.

"... sieht gut aus. Nicht aufgedunsen oder so."

In meinen Hals bildete sich ein schwerer Kloß, den ich nur mühsam hinunter schlucken konnte. "Wie ist sie gestorben?"

Ich kannte die Antwort schon, bevor er sie beantwortet hatte. Ertrunken. In der Spree. Sie wich einem Fahrradfahrer aus und rutschte über den eisigen Boden direkt in den Fluss. Es war eiskalt und ihre Sachen sogen sich sofort mit Wasser voll. Die Strömung war nicht stark, aber genug, um sie mit zuziehen. Mom sah noch, wie die Passanten am Ufer zu ihr gelangen wollten, aber schnell aufgeben hatten, weil es so rutschig war und auch sie drohten ab zu rutschen. Die Kälte war zuerst das Schlimmste. Plötzlich knallte etwas Hartes an ihren Hinterkopf. Sie wurde benommen. Wahrscheinlich eine Eisscholle. Für einen Moment ging sie unter und kam gleich wieder hoch. Vor ihren Augen blitzen bunte Punkte auf. Ihr Herz kämpfte mühsam ums Überleben. Die Sachen zogen sie unter Wasser. Die Panik wurde immer schlimmer. Ständig schluckte sie Wasser. Und dann eine erneute Eisscholle. Es war wie in einem schlimmen Film. Sie war darunter und stemmte sich gegen sie. Doch das einzige Resultat war, dass sie sich selbst nach unten drückte. Ihr Herz hämmerte krampfhaft gegen die Brust. Aufgeben - das ging durch ihren Kopf. Die Kräfte schwanden. Aufgeben. Wieder und wieder ging das Wort durch ihren Kopf. Durch meinen Kopf, denn in diesem Moment war ich sie. Dachte, was sie dachte und spürte, was sie spürte. Das Wasser war so verschmutzt, dass sie das Ende der Eisscholle nicht sehen konnte. Und dann... war es zu spät. Sie hatte keine Luft mehr. Es drehte sich alles. Orientierungslos. Wo war oben? Wo war unten? Und dann atmete sie im letzten Todeskampf ein. Wasser flutete ihre Lungen. "Amalia - Ich liebe dich!" Das waren ihre letzten Gedanken bevor sie ohnmächtig und alles um mich herum dunkel wurde. Dann ging alles ganz schnell. Ohne Sauerstoff versagte das Herz und in einem letzten krampfhaften Schlag hörte auch es auf zu arbeiten.

"Ertrunken. In der Spree. Für weitere Infos müssen sie den Doktor fragen. Ich bin nur für die Leichen zuständig."

Die Worte des Mannes holten mich aus den Gedanken meiner Vision zurück. Ich war wie betäubt.

"Wollen sie sie nun sehen?"

Anscheinend nickte ich, denn der Mitarbeiter öffnete die Tür in der Mitte und zog langsam die Leiche, meine Mom, heraus. Sie war noch in ein Laken eingewickelt, doch ihre Umrisse zeichneten sich ab. Erwartungsvoll sah mich der Mann an. Ich nickte erneut um ihn zu zeigen, dass ich bereit war. Langsam befreite er meine Mutti von dem Tuch. Ich zog scharf Luft ein. Da lag meine Mom. Ihre blonden Haare waren verklebt, doch anscheinend wurde versucht alles Fremde von ihr zu entfernen. Ihre Augen waren geschlossen. Der Mund entspannt. Man könnte meinen, dass sie einen friedlichen Tod gehabt hatte. Doch ich wusste es besser. Es war kein friedlicher Tod. Ich schob ihren Pony beiseite. Sie war so kalt und bleich. An ihren Hals waren kleine dunkle Flecke zu sehen - wie Blutergüsse, aber doch anders. Globaler. Totenflecke nannten die Ärzte das, glaubte ich zu wissen.

"Was machen sie da?"

Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich die Wange meiner Mutter streichelte. Das musste für ihn ganz schön nekrophil gewirkt haben. Schließlich dachte er, dass ich die Psychiaterin war und nicht die Tochter. Mom ... Mami. Tränen schossen mir in die Augen und ich musste sie schließen, um nicht zu weinen. Nicht hier und nicht vor diesem Mann. "Was machen sie da?" Die gleiche Frage, aber diesmal von einer anderen Person. Langsam drehte ich mich um. Es waren zwei Frauen. Beide in schwarzer Zivilkleidung. Die Frau mit dem strengen roten zurück gebundenen Zopf erkannte ich sofort. Dr. Katrin Heger. Die beste Freundin von meiner Mom. Die Psychiaterin. Die andere war die Kommissarin. Als Katrin mich erkannte wurde sie blass.

"Ami...", flüsterte sie leise.

Ich sah wieder zu meiner Mom. Noch einmal streichelte ich ihre Wange.

"Was geht denn hier vor? Lassen sie mal die Leiche in Ruhe! Wie krank ist das denn?"

Die Stimme des Mitarbeiters klang fassungslos, doch ich ignorierte sie.

"Das ist die Tochter der Verstorbenen", sagte Frau Heger sanft.

"Oh. Sie sagte, dass sie die Psychiaterin sei."

Der Mann beruhigte sich sofort und in seiner Stimme schwang Mitleid mit. Ich räusperte mich und das Geräusch schien Sekunden in den totenstillen Raum zu schallen. Sie wollte die Hand auf meine Schulter legen, doch ich versteifte mich instinktiv. Nicht anfassen! Bitte! Scheinbar spürte sie meine Abwehr und ließ ihre Hand wieder sinken.

"Ami ... warum hast du nicht auf uns gewartet?"

Es war kein Vorwurf. Eine einfache Frage. Doch ich hörte die Besorgnis in ihrer Stimme.

 Was dann alles passierte ging an mir vorbei. Die erste Woche wohnte ich bei Katrin. Sie organisierte die Beerdigung und kümmerte sich um alle Formalitäten, während ich mich um mich selbst bemühte. Ich weiß noch, dass wir zwei einen Abend vor dem Begräbnis vor dem Kamin saßen. Keiner sagte ein Wort. Kurz vor Mitternacht kam Luise, ihre kleine Tochter, schlaftrunken zu uns. Sie sah zuerst zu ihrer Mutter und dann zu mir. Langsam kam sie auf mich zu und sagte:

"Nur weil du keine Mutter mehr hast, bekommst du meine nicht. Such dir eine neue Mutter. Deine hast du ja nicht lieb gehabt, sonst würdest du weinen. Ich habe nämlich meine Mami lieb. Und wenn du sie mir weg nimmst, dann weine ich!"

Da schnappte sich Katrin ihre Tochter und ging mit ihr hoch in ihr Zimmer. Nach einigen Minuten kam sie ohne Anhang wieder. Sie seufzte und wollte sich für das Benehmen entschuldigen, doch ich winkte ab. Kinder in ihrem Alter seien halt ehrlich. Danach verstummte unser Gespräch. Etwa eine Stunde später fragte Katrin vorsichtig an, warum ich eigentlich nicht um Susanne, meine Mutter, weine. Ich zuckte mit den Schultern. Darüber wollte ich nicht reden. Ich wollte überhaupt nicht reden, an und für sich nie wieder. Warum weinte ich nicht? Ja warum? Vielleicht, weil ich schon vor ihren Tod genug um sie geweint hatte. Seit sechs Jahren hatte ich es gewusst. Seit sechs Jahren weinte ich deshalb. Zuerst bei meiner Mom. Ich flehte sie an die Spree zu meiden. Doch sie sah mich immer wieder nur betrübt an. Schließlich schickte sie mich zur Therapie. Dort weinte ich auch zuerst. Immer wieder erzählte ich dem "netten Mann für deine Seele" meine Todesvisionen. Ich musste sie erzählen, aufmalen und letztendlich jede Menge Tabletten dagegen nehmen. Und das war die Hölle auf Erden gewesen.

Oft saß ich Stunden in meinem Zimmer ohne mich einen Millimeter bewegen zu können, während in meinem Kopf immer wieder die vergangen Visionen tobten. Ich bekam Schlafstörungen, Panikattacken und Tobsuchtsanfälle. Fressanfälle wechselten sich mit Hungerstreik ab. Meine Mutter war verzweifelt, ich war verzweifelt. Keiner glaubte mir. Mein Zustand verschlechterte sich soweit, dass ich in die Psychiatrie kam. Und dort lernte ich Jonas kennen. Jonas war fünfzehn, ich gerade zwölf geworden. Er habe eine gut eingestellte "paranoide Schizophrenie" sagte er mir und lachte darüber. Ich verstand kein Wort, doch mochte ihn. Jonas und ich freundeten uns schnell an. Wo er war, war ich auch. Jonas. Mein Held. Er zeigte mir damals, wie ich die Tabletten so in meinem Mund verstecken konnte, dass niemand bemerkte, dass man sie nicht nahm. Ohne die Tabletten ging es mir bald besser. Die Ärzte klopften sich gegenseitig auf die Schulter und gratulierten sich über ihre tolle Therapie. Nicht einer rechnete damit, dass es nicht ihr Verdienst war. Viele der jungen Patienten nahmen ihre Tabletten nicht, besonders die, die anscheinend öfters da waren. Von ihnen lernte ich, mich zu verstellen. Fröhlichkeit zu heucheln, wenn es mir schlecht ging. Lügen ohne Scham. Todesvisionen? Ich? Niemals! Es waren die besten Ratschläge, die sie mir erteilen konnten. Bald war ich laut den Psychiatern soweit genesen, dass ich entlassen werden konnte. Regelmäßige Therapiegespräche blieben mir aber dennoch erhalten. Am vorletzten Abend vor meiner Entlassung, saßen Jonas und ich draußen im Psychiatriegelände unter einer Trauerweide. Er gab mir einen Kuss, meinen Ersten. Ich sah und fühlte seinen Tod. Wie er als Jugendlicher von einem Hochhaus sprang und fest davon überzeugt war, dass er fliegen könne. Das war das einzige Mal, dass ich nach einer Vision glücklich war. Jonas würde glücklich sterben. Damals dachte ich, dass alle Patienten eigentlich gesund wie ich waren, nur fälschlicherweise mit Medikamenten vollgestopft. Später erkannte ich, wie falsch ich mit meiner Meinung lag und wie krank Jonas wirklich war. Er würde sich wegen seiner Psychose und die Stimmen, die er ständig gehört hatte, in den Tod stürzen.        

Heiteres Lachen holte mich aus meinen Gedanken zurück. Anscheinend war etwas sehr lustig vor meiner Tür. Als ich sie öffnete war niemand mehr zu sehen. Ich seufzte entnervt. Am Ende des Ganges fiel mein Blick auf die große Digitaluhr. Ach her je! 09.52 Uhr. Ich würde zu spät zur Sitzung kommen. Wie von der Tarantel gestochen schnappte ich mir die Schlüssel, knallte die Tür hinter mir zu und rannte los. Erst draußen erinnerte ich mich wieder daran, dass Winter war und ich keine Jacke trug. Um eine zu holen war es zu spät. Zähne zusammen beißen und los. Dreimal wäre ich fast ausgerutscht und kurz vor Haus A dann wirklich. Aua! Das waren Schmerzen. Ich lag auf dem Boden wie ein auf den Rücken gefallener Maikäfer. Mühsam drehte ich mich um und versuchte einigermaßen aufzustehen. Dies war leichter gesagt als getan. Mehrmals fiel ich wieder auf die Knie bis ich dann einigermaßen wieder Halt fand. Wieso war ich auch so überstürzt los gerannt? Bibbernd erreichte ich mein Ziel. Morgen würde ich bestimmt mit Nierenschmerzen ins Krankenhaus eingeliefert werden. Mit Dreck in den Haaren und nassen Hintern klopfte ich an Zimmertür 10. Ich wurde gleich herein gerufen. Noch einmal tief durch atmen und rein in die Höhle des Löwen.              

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