Harsche Lande 1/2

Mit wärmenden Pelzen behangen ritten sie durch karge Ebenen und mit nadelspitzen Hügelkuppen gespickten Schluchten. Mit jedweder Bewegung knisterten und knarzten ihre vor eisiger Kälte starr gefrorenen Fellumhänge. Energisch riss das silberne Wolfskopfbanner im schneidigen Wind knatternd an der geführten Standarte.
Auf einem tiefblauen Hintergrund zierte ein stilisierter Wolfskopf in silbrigen Farben. Gekettelt in schwarzer Umrandung tanzte darunter, in selber Manier und gleicher Färbung ein zusätzlicher Wimpel mit zwei sich überkreuzenden Partisanen. Das Zeichen des führenden Oberhauptes der Ost-Thulenischen Herrschaftsgebiete und seiner Leibgarde.
Obwohl es in ihrem Heimatland sowohl Sommer als auch Wintermonate gab, galten die wärmeren als die Gefährlicheren. Niemand reiste in dieser Zeit von Nord nach Ost oder umgekehrt. So zumindest, solange es sich vermeiden lässt. Seit Anbeginn der Zeitrechnung und der Einigung aller bekannten Stämme gab es nur diesen einen Weg. Jener durch die Sichelschlucht.
Schnee und Eis schmolzen und vereinte sich von kleinen Rinnsalen zu schlüpfrigen Bächen. Nahe eines sichelförmigen Geländeeinschnittes, welcher das Land in Gänze unterteilte, wehten die steten Winde des Nordens und diese gefroren, was ihr Odem berührte.
Mit Gierigen und Krallen wie nadelspitze Dornen verfingen diese sich in allem, was sich bewegte und versuchte sich seinem Zugriff zu entwinden. Schmelzwasser ergoss sich in vielen spärlichen Katarakten in die Schlucht und gefror zu bizarren Skulpturen. Die Kleinsten, immer noch fingerdick, bohrten sich ungehemmt selbst durch gehärtetes Leder und kosteten so manch Unbedarften das Leben. Die größten jener eisigen Variationen glichen brückengleicher Ausmaße und eine dieser war besetzt.
Für Unwissende war das Aufgebot von meist fünfundzwanzig Mannen trotz ihrer der Winde abhaltenden Bekleidung nahezu unsichtbar.
Hin und wieder lösten sich einzelne Tropfen aus niederfallender Rinnsale und gefroren alsbald zu scharfkantigen Geschossen. Wer sich in der Schlucht nicht schützend verhüllte, würde unausweichlich und geringstenfalls einem dieser schmerzhaften Begegnungen Bekanntschaft zollen.
»Aey. Was führt den Prot-Chon zu diesen Tagen ins nördliche Land«, gellte es aus unbestimmter Richtung. Ein nachhallendes Echo wiederholte die Frage in seltsam verzerrendem Laut.
»Behey. Wir sind auf Geheiß der Burchan-Amrag auf dem Weg nach Chokval.«
»Es muss dringlich sein, wenn die göttliche Herrscherin dieser Tage den Herrn der Wölfe zu sich ruft.«
»So dem Anschein nach.«
»Aey, Togrel. So reitet vorsichtig, die Winde wehen ungewöhnlich kalt.«
»Behey. Danke der Warnung.«

Fünfzig Reiter passierten in schützende Felle gehüllt und eisverkrustet eine natürliche Barriere des Landes Thule. Diese verband das östliche mit dem nördlichen Reich welche zusammen das thulenische Großreich unter der allgemeinen Herrschaft der Burchan-Amrag - der göttlichen Herrscherin - bildeten.
Aus dieser Schlucht, der Sichelschlucht, drangen vor ungezählten Jahren die ersten Blauhäute oder Blaubluter, wie sie jene der südlichen Länder nannten. Einst auf mächtigen Wölfen fielen sie in angrenzende Ländereien ein; plünderten, mordeten und brandschatzten. Im Nachhinein beschränkte sich Thule nicht mehr auf derlei Abenteuer, sie besetzten benachbarte Landstriche und knechteten das Volk. Anstatt es zu morden und zu meucheln, vergingen sie sich an Frauen wie Männern. Im nördlichsten Reich des bisweilen bekannten Landes galt zwischen den Geschlechtern ausgewogene Gleichberechtigung und so war es ihnen nicht fremd, dass beide Waffen in den Händen führten. So manche, der ihren verbrachte zeit ihres Lebens im Dienste verschiedenster Ehren- wie Leibgarden.

Eine Meute silbrig grauer Wölfe begleitete die Reisenden, dienten ihnen ungeachtet dessen jedoch nicht zur Treibjagd. Sie erweiterten das berittene Kontingent des Ostens und zählten nicht minder, ihre Gewichtung als Begleiter. Als Weggefährten wurden diese nicht nur wertgeschätzt, sie genossen gar eine Art der Verehrung. Gemeinhin galten diese Tiere als eigenständige Individuen und unterwarfen sich ausschließlich dem Prot-Chon und seiner Leibgarde.
Die Scrawt ähnelten jenen Wölfen der südöstlichen Ländereien, wo weitläufige und bewaldete Hügelketten ihnen eine Heimat und hinreichend Nahrung boten. Einzig ihre muskulöse Statur und enorme Körpergröße überschattete deren Dasein. Die größten ihrer Art wären kräftig und ausdauernd genug einen thulenischen Leibgardisten zu tragen. Gleichwohl die Mutigsten der Garde es sich zutrauten würden, gewährte keines dieser aufgeweckten Tiere wie ein Pferd bestiegen zu werden.
In unregelmäßigen Generationsabständen fühlte sich eines jedoch erwogen eben dieses einem Erwählten zu gestatten. Mittlerweile verging so mancher Wurf und kein Scrawt unterwarf sich diesem Vorhaben, auch nicht für Togrel. Dieser gewahrte sich biederen Wissens so ihren Beistand als wertvolles Gefolge, gleichwohl er wusste und mit eigenen Augen sehen durfte, wie ausgerechnet einem Kleinkind diese Gewogenheit widerfuhr.

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