Kapitel 1

Vorsichtig näherte sich Tiberius dem Palast des Elbenkönigs , der mitten im sagenumwobenen Düsterwald lag.
Mühelos sprang er durch die Baumkronen und entdeckte schließlich ein sehr hohes Tor, dessen steinerne Flügel weit offen standen. An seinen Flanken waren zwei Wachposten mit Helm, Schild und Lanze positioniert. Ihre Montur erinnerte ihn an seine untergegangene Epoche und an die Zeit als Sterblicher.

Geduldig wartete der Vampir in einer Baumkrone, von wo er das Tor im Blickfeld hatte, bis es vollkommen dunkel sein würde und die Wachen das Tor vermutlich schließen würden.
Dank des dichten Blätterwerks hier, war er schon vor Sonnenuntergang von seiner Schlafstätte aufgebrochen. Die Bäume hielten das meiste Licht ab.
Er stellte fest, dass die beiden Wachen am Tor, sich die ganze Zeit nicht rührten. Sie standen kerzengerade in voller Rüstung ohne ihr Gewicht einmal zu verlagern. Nun, es waren Nun, es waren ja auch keine Menschen. Er wusste so gut, wie nichts über diese Elbenwesen. Nur, dass sie unsterblich waren, aber trotzdem getötet werden konnten.

Schließlich senkte sich allmählich die Dunkelheit über den Wald und Tiberius machte sich bereit.
Die Wachen rührten sich endlich, gingen hinein und die schweren Torflügel begannen sich knirschend zu schließen.
Blitzschnell huschte Tiberius nach unten vor das Tor und dann unbemerkt hinter den Wachen hindurch. Er wartete innen noch neben den sich schließenden Flügeln ab, bis sie mit einem dumpfen Knall zugefallen waren. Währenddessen marschierten die Wachen weiter durch den Gang, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Tiberius folgte ihnen kurz darauf und schon bald mündete der Höhlengang in einer riesigen Halle. Überall führten schmale Wege, wie Brücken hindurch und Wendeltreppen schraubten sich nach oben und unten. Nirgends gab es ein Geländer. Die Elben schienen sehr trittsicher und schwindelfrei zu sein.
Die Höhe und Weitläufigkeit des Innern beeindruckte den Vampir, denn von außen würde man diese Pracht nicht erwarten.
Die Architektur dieser Wesen gefiel ihm. Es hatte ein wenig was Gotisches an sich. Dieses in die Höhe streben und die Verzierungen an den Pfeilern und die Ornamente überall. Wie in den gotischen Kirchen.
Nachdem er genug bewundert hatte, erinnerte er sich wieder an den Grund seines Kommens. Er wollte zu diesem mächtigen König der Elben.
Sein feines Gehör schnappte etwas von den Wachen auf. Stimmen, dass der König sich in seine Gemächer zurück ziehen würde. Dabei fiel sein Blick auf eine Art Thron.
In der Halle befand dieser sich, wie auf einer Art Insel mitten im Raum und darauf zu führte eine lange Brücke. Ein Sessel aus einem Baum gehauen, thronte auf einer Wendeltreppe umrahmt aus einer Mischung aus Geäst und Geweih.
Tiberius stieg neugierig die Treppe empor und setzte sich nieder. Von hier oben hatte der König also einen sehr guten Überblick.
Als er leise Herzschläge und Schritte vernahm, sprang er schnell hinunter und setzte seinen Weg in irgendeinen Gang fort.
Der Vampir öffnete nun seinen Geist, um alles in seinem Umfeld wahrnehmen zu können. Sogleich erhob sich ein flüsterndes Durcheinander von allerlei Stimmen, Tiberius schloss die Augen und konzentrierte sich allein auf den König.
Kurz darauf sah er vor seinem inneren Auge einen Gang, eine kunstvoll verzierte Tür und gleich darauf ein prächtiges Gemach. Nun wusste er, wo der Elbenkönig sich befand und machte sich sogleich auf den Weg dorthin.

Nach kurzer Zeit war er bereits am Ziel. Tiberius spähte vorsichtig um die Ecke in den Gang hinein, den er vorhin in Gedanken gesehen hatte. Zwei Wachen hatten sich an einer der Türen positioniert. Daraus folgerte er, dass dies das Gemach des Königs sein musste.
Blitzschnell schritt Tiberius auf die Wachposten zu und schlug kurzerhand beide nieder. Er war so schnell gewesen, dass die Elben nur kurz einen Schatten wahrgenommen hatten.
Nun stand er vor der geschlossenen Tür, die er aus den vorigen Gedankenbildern schon kannte und lauschte zuerst.
Von Drinnen drangen langsame Herzschläge und ruhige Atemzüge heraus. Der König schlief wohl bereits. Tiberius empfing auch keine Gedanken mehr von ihm. Umso besser.
Ein zufriedenes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er war seinem Ziel so nah, würde endlich erfahren, ob die Legende wahr war.
Lautlos öffnete er die Tür, huschte hinein und schloss sie wieder leise.
Die Herzen der Elben schlugen langsamer als Menschliche und diese Wesen verströmten einen lieblichen Duft. Der Raum hier war erfüllt von dem Geruch des Königs und er entlockte Tiberius ein Knurren. Die Vorfreude stieg.
Das Objekt seiner Begierde saß in einem hohen Lehnstuhl, bekleidet mit einem silbrigen, seidenen Mantel und wandte ihm nun erschrocken sein ebenmäßiges Gesicht zu. Die hellgrauen Augen musterten Tiberius kurz und der König setzte an: "Wa..." Weiter kam er nicht. Unsichtbare Finger schnürten Thranduil kurz die Kehle zu und der andere sagte: "Es wird dir nichts nützen, deine Wachen zu rufen. Sie können dich vor mir nicht beschützen." Dabei lächelte er und entblößte seine spitzeren Eckzähne. Der Druck an Thranduils Kehle verschwand.
Der König betrachtete den Eindringling eingehend. Er hatte ebenfalls graue Augen, aber schwarzes kurzes Haar und er war kein Mensch, so viel stand fest und auch kein anderes Wesen aus Mittelerde. Er spürte, dass sein Gegenüber gefährlich war und anscheinend sehr mächtig, mit telekienetischen Kräften.

Tiberius seinerseits musterte Thranduil ebenso. Die Haare des Elbs waren sehr lang, schienen so seidig, wie die seiner Art zu sein und genauso hellblond, wie die seines Liebhabers Magnus. Seine Haut war ebenfalls blass, makellos und ebenmäßig. Dieser Elb war ohne Zweifel sehr schön, hatte etwas Weibliches an sich, wie die elbischen Männer im Allgemeinen. Wahrscheinlich durch die feinen Gesichtszüge. Tiberius fand noch mehr äußerliche Gemeinsamkeiten ihrer beiden Rassen. Hohe Wangenknochen, markantes Kinn und keinen Bartwuchs. Auch auf dem Teil der Brust, die aus dem Ausschnitt des Morgenmantels hervor lugte, waren keine Haare zu sehen.
Der König fragte: " Wer bist du und was willst du von mir?"
„Mein Name ist Tiberius und ich bin ebenfalls ein Unsterblicher. Allerdings auf eine andere Art. Da ich es ungehörig empfinde, über dich herzufallen, wollte ich dir einen fairen Handel vorschlagen. Du lässt mich dein Blut kosten und dafür bekommst du einige Schlucke von meinem."
Thranduil fuhr aufgebracht aus seinem Stuhl hoch und durchbohrte den Anderen mit seinem Blick: "Du wagst es...mein Blut zu fordern." Der König war fast sprachlos über so viel Unverfrorenheit. Am liebsten würde er diesen Kerl einen Kopf kürzer machen, aber er war klug genug, um zu wissen, dass dieses Wesen ihn leicht darin hindern konnte. Diese unsichtbare Kraft vorhin, war sehr beängstigend gewesen.
Tiberius blieb unbeirrt stehen, als der Elb nun vor ihm stand. Er war sehr groß, überragte ihn um fast einen Kopf. Der schlanke, lange Hals des Königs war genau in seinem Blickfeld und Tiberius starrte auf die Sehne an der Halsbeuge, die sich unter der glatten Elbenhaut spannte. Der betörende Duft Thranduils schürte seine Gier, aber er war alt genug, sie im Zaum zu halten. Unbeirrt fuhr er fort: „Es ist sehr mächtig und ich könnte mir vorstellen, dass es deine Sinne noch verstärken würde." Er wusste nicht zu was die Elben fähig waren und blieb auf der Hut.
Als er aufblickte durchdrangen ihn die Augen des Königs. Er konnte sich gut vorstellen, dass dieser Blick Thranduils Untergebene einschüchterte, aber nicht ihn. Tiberius wusste, dass der Elb seine Angst hinter dieser Maske versteckte.

Thranduil dachte fieberhaft nach, wie er hier heil heraus kommen könnte. Dieser Dämon wollte sein Blut. Immerhin nicht umsonst, aber würde dessen Blut ihn ins Unglück stürzen?! Ihm blieb wohl keine Wahl, als auf den Handel einzugehen, wenn er überleben wollte. Mit fester Stimme und ernstem Gesicht fragte er: "Du wirst mich nicht töten?"
Tiberius hob seine Hand und fuhr begehrlich über Thranduils Brust " Wie schon gesagt, das hatte ich niemals vor. Ich möchte dein sehr langes Leben nicht einfach auslöschen und es wäre die reinste Verschwendung, dein kostbares Blut auf einmal zu trinken."
Die Augen des Königs weiteten sich entsetzt, da der Dämon ihn einfach mit seinen kühlen Fingern berührt hatte. Jedoch fühlten sie sich sehr zart an.
Der Andere bemerkte die Reaktion und schmunzelte nur. Das war wohl einer der größten Unterschiede ihrer Arten, dass Elben wenig lüstern waren.
„Ja, diese über 6000 Jahre beeindrucken mich sehr. Dagegen bin ich noch jung. Gerade einmal 2000 Jahre dauerte meine Existenz bis jetzt. Unter den Meinen bin ich damit einer der Ältesten und Mächtigsten. Ich herrsche in meiner Welt über eine sehr große Stadt und bis vor Kurzem noch über das ganze Land." Tiberius lächelte breiter: "Wenn du so willst, bin ich ebenfalls ein König."
Thranduil fragte weiter: "Und wenn ich dir verweigere, was du verlangst?"
Das Gesicht des schwarzhaarigen Unsterblichen kam noch näher. Mit einem breiten Lächeln, das seine spitzen Eckzähne entblößte, fragte er: "Wie willst du es verhindern? Ich kann mit dir tun, was mir beliebt."
Dieses Raubtiergebiss so dicht vor sich zu haben, kostete den König all seine Beherrschung nicht zurück zu weichen und den Dämon weiterhin furchtlos anzublicken. Der lächelte immer noch: "Gebe dir keine Mühe, Thranduil. Ich durchschaue deine Maskerade. Ich kann in deine Seele sehen. Du kannst mich nicht belügen." Dann wandte sich der Dämon plötzlich ab und ging einige Schritte in dem großen Raum umher. Er betrachtete das Wasserbecken an einer Seite des Bodens und es erinnerte ihn an sein eigenes römisches Bad im Keller seines Palazzos.
Thranduil wollte diese Chance nutzen, griff so schnell er es vermochte nach seinem Dolch, der in der Nähe lag und schleuderte ihn auf den Fremden.
Tiberius schmunzelte nur, aber um dem König seine Ausweglosigkeit zu demonstrieren, ließ er sich von der Waffe treffen. Die Klinge bohrte sich bis zum Griff in seinen Rücken.
Thranduil registrierte seinen guten Wurf siegessicher, doch der Andere blieb umgerührt stehen.
Langsam wandte sich Tiberius nun zu dem Elb um, griff über seine Schulter und zog den Dolch mit einem Ruck heraus. Er warf die Waffe vor Thranduils Füße, wo sie klirrend aufkam. Der Elb starrte fassungslos auf die blutige Klinge am Boden und dann zu Tiberius. Der stand ohne Anzeichen von Schmerz und Schwäche einfach da und blickte ihn überlegen an. Er hatte ihm die Klinge doch in die Lunge gejagt. Der Elb flüsterte: "Was bist du nur?" Tiberius erwiderte: " In meiner Welt nennt man uns „Vampire". Doch wir selbst nennen uns nur Unsterbliche. Die Wunde ist bereits verheilt. In meinem Alter geht das sehr schnell."
Er stand plötzlich wieder vor Thranduil mit dem blutigen Dolch in der Hand.
Nun wich der König jedoch zurück.
„Keine Angst. Ich will dir nur zeigen, wie schnell meine Wunden heilen." Tiberius durchbohrte mit der spitzen Klinge seine Handfläche und ließ den Dolch stecken. Fast schwarzes Blut lief aus dem Stich über seine Hand bis zu seinem Unterarm. Der Elb beobachtete es neugierig. Dann zog der Vampir den Dolch wieder heraus und vor Thranduils Augen versiegte die Blutung sofort, die Wunde wurde schmaler und wenige Augenblicke später, war nichts mehr zu sehen. Die Hand war wieder makellos. Der König konnte nicht leugnen, dass er es faszinierend fand.

Inzwischen kamen die bewusstlosen Wachen wieder zu sich. Sogleich stürmten sie besorgt in die Gemächer des Königs. Als sie den Fremden dort erblickten richteten sie sofort ihre Lanzen auf ihn und stürmten vor. Eine Druckwelle schleuderte sie zu Boden und als sie sich aufrichten wollten, konnten sie sich nicht mehr rühren.
Thranduil sah, wie Tiberius die beiden mit einem stechenden Blick anstarrte. Er hielt sie mit seiner unsichtbaren Kraft am Boden.
„Schick sie hinaus!", befahl der Unsterbliche. Der König gehorchte: "Geht und lasst uns allein. Bewacht weiterhin die Tür."
Nun verschwand diese unheimliche Kraft, sie rappelten sich auf, verneigten sich kurz vor Thranduil und kehrten auf ihren Posten zurück.



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