Kapitel 5

Unsicher schlängelte Alexandra sich durch die Menschenmenge. Es war nicht einmal so, dass sie Probleme mit großen Ansammlungen von Menschen gehabt hätte, aber sie war neu und sie hatte keine Ahnung, wie diese monatlichen feucht-fröhlichen Firmenabende in der nahe gelegenen Bar ablaufen sollten. Gab es einen Verhaltenskodex? Sollte sie sich an bestimmte Gruppen halten? Würde man es ihr vorwerfen, wenn sie schon nach einer Stunde wieder ging?

Nachdem sie zehn Minuten vergeblich nach einem bekannten Gesicht – oder besser: nach Matthias – gesucht hatte, gab Alexandra schließlich auf und ließ sich direkt an der Bar nieder. So konnte sie immerhin alleine für sich sein und trotzdem Anwesenheit zeigen. Für heute würde sie einfach nur beobachten, wie die restlichen Mitarbeiter sich verhielten, und nächsten Monat war sie dann gewappnet, dieses wichtige Socializing-Event, wie es im Manager-Sprech hieß, aktiv wahrzunehmen.

An einem großen runden Tisch einige Meter von ihr entfernt saß Katharina, umgeben von diversen männlichen Kollegen. Sie unterhielt sich eifrig, wandte sich mal diesem, mal jenem zu, und es war selbst über diese Entfernung zu sehen, dass alle Männer an ihren Lippen hingen. Nachdenklich stützte Alexandra ihr Kinn auf einer Hand ab. Wie häufig kam es schon vor, dass eine attraktive, junge Frau nicht nur Single war, sondern sich auch für Videospiele interessierte und Bier trank? Das war vermutlich der Inbegriff einer wahrgewordenen, männlichen Fantasie.

An einem Nachbartisch hingegen spielten sich ganz andere Szenen ab. Joana, die schüchterne Frau aus der Kulturredaktion, saß zusammen mit einer bunt gemischten Truppe, direkt neben ihr kein anderer als Philipp Baumann, dem Ressortleiter für Online. Die Männer in der Runde schienen darum bemüht, mit Joana zu reden, und Alexandra konnte auch sehen, dass sie alle Fragen freundlich beantwortete. Doch sie wirkte lange nicht so frei und glücklich über diese Aufmerksamkeit wie Katharina. Joana war tatsächlich eine Schönheit mit ihrem langen, vollen Haar und der perfekten Figur, dennoch hatte Alexandra nicht den Eindruck, dass sie auch nur das geringste Interesse an den Männern hatte, die so eifrig auf sie einredeten. Die Körperhaltung verriet vielmehr, dass sie Aufmerksamkeit von dem einzig schweigsamen Mann am Tisch wollte: dem ebenso zurückhaltenden wie starren Herrn Baumann.

Grinsend fragte Alexandra sich, ob da eventuell gegenseitige Zuneigung vorhanden war, die aber nie ausgesprochen wurde. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein korrekter, immer in Hemd auf Arbeit erscheinender Chef wie Herr Baumann plötzlich einer Frau gegenüber romantisch werden würde. Und Joana wirkte wie die Art von Frau, die zwar in allen Lebenslagen unabhängig und zielstrebig war, in der Liebe aber doch darauf wartete, dass der Mann ganz traditionell den ersten Schritt machte.

„Was ist denn so lustig?“

Entsetzt wirbelte Alexandra herum. Unbemerkt von ihr hatte ausgerechnet Herr Winkler auf dem Barhocker neben ihr Platz genommen. Schnell zwang sie ihre Gesichtszüge in einen neutralen Ausdruck: „Herr Winkler, guten Abend. Ich habe Sie gar nicht bemerkt.“

„Das habe ich gesehen“, entgegnete er, ehe er einen tiefen Schluck aus seinem Bierglas nahm: „Also, was ist so lustig?“

Hastig suchte Alexandra nach den richtigen Worten: „Ich habe nur die Menge beobachtet. Es ist ganz interessant, Kollegen außerhalb des Arbeitsplatzes zu sehen.“

Er folgte ihrem Blick zu dem Tisch mit Katharina und nickte: „Mhm. Ja, ich verstehe, was Sie meinen. Irgendwie wundert es mich auch gar nicht, dass Sie eher so der beobachtende Typ sind.“

„O…kay? Ist das jetzt etwas Schlechtes?“

Ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht und augenblicklich erinnerte Alexandra sich daran, dass ihr Chef auf seine Art wirklich gefährlich gut aussah. Hier, ein Bierglas in der Hand, lässig an die Bar gelehnt, ihr offen zugedreht, erschien er wie in seinem Element. Niemand, der ihn nicht kannte, würde vermuten, dass er eine leitende Position in einer großen Tageszeitung innehatte. Seine schwarzen Haare waren im Laufe des langen Arbeitstages noch wirrer geworden und sein Drei-Tage-Bart war deutlich zu sehen.

„Nichts Schlechtes, im Gegenteil“, riss seine Erklärung Alexandra aus ihren Betrachtungen: „Wenige Menschen nehmen sich mal die Zeit, ein bisschen Distanz einzunehmen und einfach zu beobachten. Menschen, gerade in großen Ansammlungen, verwandeln sich gerne in Karikaturen ihrer selbst und handeln … dumm.“

„Ich würde es nicht als dumm bezeichnen“, widersprach sie: „Es ist vermutlich irgendwie in uns allen drin, dass wir Teil der Gruppe sein wollen. Also versuchen wir uns so zu verhalten, wie wir denken, dass es erwartet wird. Am Arbeitsplatz ist klar, was erwartet wird, da ist es leicht, seine Rolle zu haben. Aber hier? Hier will jeder gleichzeitig ganz anders sein und dazu gehören.“

„Und Sie nicht?“

Die Frage klang aufrichtig und genau das warf Alexandra aus der Bahn. Sie hatte es noch nie erlebt, dass jemand sich so für das Beobachten sozialer Gruppen interessierte wie sie selbst. Abgesehen von ihrer Zeit im Studium, wo sie soziologische Kurse hatte belegen müssen und auf Menschen getroffen war, die krampfhaft versuchten, Gruppen von Menschen in ihre vorgefertigten Schemata zu pressen und mit Hilfe von aufwändigen Formeln über Mittelwert und Standardabweichung irgendwelche Erkenntnisse zu gewinnen. Das war jedoch nicht ihre Art der Beobachtung. Sie wollte gar nicht irgendetwas berechnen oder wissenschaftliche Belege für eine Theorie finden. Sie wollte einfach nur beobachten.

„Ich bin da nicht anders“, sagte sie schließlich: „Aber ich habe mich schon immer schwer damit getan, mich in solche Gruppen zu integrieren, also sitze ich lieber hier und schau zu. Das kann sehr unterhaltsam sein.“

„Darf ich Ihnen einen Drink bestellen?“, fragte Herr Winkler plötzlich aus dem Nichts heraus.

Überrascht lief Alexandra rot an, doch da sie nicht vorhatte, ihre Verwirrung offen zu zeigen, gab sie trocken zurück: „Getränke heute Abend gehen doch eh auf die Kosten der Firma.“

Schmollend zog er eine Schnute: „Sie sind so unromantisch. Die Geste zählt doch.“

Erleichtert, dass ihr Chef nur im Scherz mit ihr sprach, erwiderte sie: „Tut mir leid, mir war nicht bewusst, dass das hier romantisch sein soll.“

Und ehe sie sich aufhalten konnte, fügte sie hinzu: „Ich wette, Katharina wäre nicht begeistert davon, wenn irgendetwas Romantisches hier passieren würde.“

Sofort schlug sie ihre Hände vor dem Mund zusammen. Warum hatte sie das gesagt? Jetzt klang sie ja wirklich wie die eifersüchtige Frau, als die Katharina sie hingestellt hatte. Unsicher schielte sie zu ihrem Chef, doch der schien ihr die Frage nicht übel zu nehmen. Mit einer kurzen Handbewegung bestellte er sich ein neues Bier.

„Ach, Kathi ist da nicht so“, wiegelte er ab: „Außenstehende denken zwar, dass wir ständig miteinander flirten, aber in Wirklichkeit ist da gar nichts. Wir albern nur rum, völlig ohne Hintergedanken.“

Ungläubig hob Alexandra die Augenbrauen. Dachte er das wirklich? War Katharina etwa die Einzige, die dachte, dass sie früher oder später in einer Beziehung mit ihm enden würde? Oder hatte sie in ihrem Interesse an ihm übertrieben, um anzugeben?

Offensichtlich waren ihre Gedanken ihr deutlich ins Gesicht geschrieben, denn ihr Chef lehnte sich weiter zu ihr und betonte: „Da ist wirklich nichts zwischen uns. Ich weiß, dass alle über uns reden, das macht es ja so lustig. Es ist nur ein netter Zeitvertreib.“

„Mhm“, machte Alexandra unbestimmt und nahm einen Schluck von ihrem alkoholfreien Cocktail.

„Viel spannender ist doch die Beziehung von Joana und Philipp“, sagte Herr Winkler leise und deutete auf den Tisch, den sie zuvor beobachtet hatte: „Haben Sie die beiden schon bemerkt?“

Unschlüssig, ob sie ausgerechnet mit ihm über andere lästern sollte, nickte sie nur und zuckte mit den Schultern.

„Schauen Sie hin“, forderte ihr Chef sie auf: „Die zwei tanzen schon ewig umeinander herum. Ich kann es Philipp gar nicht verübeln, Joana ist wirklich eine tolle Frau. Aber er hat keinen Arsch in der Hose und sie ist viel zu höflich.“

„Sie sind wirklich ganz anders als jeder andere Chef, den ich jemals kennengelernt habe“, antwortete Alexandra. Sie hatte keine Ahnung, wie sie dieses Gespräch weiter führen sollte. Wie konnte er so locker mit ihr über andere Kollegen plaudern, obwohl er sie kaum kannte und er ihr Boss war? Kümmerte ihn das wirklich nicht?

„Okay, genug jetzt damit“, sagte er plötzlich streng und richtete sich auf: „Ich verstehe vollkommen, warum Sie mich Siezen wollen am Arbeitsplatz. Ich respektiere das. Aber hier? Der Sinn hier ist, dass wir uns alle mal locker machen. Ich bestehe darauf, dass Sie mich Stefan nennen und ich Sie mit Alexandra anreden darf.“

Ihre Kehle schnürte sich zu. Was sollte sie darauf sagen? Ihr Chef hatte ihr mehr oder weniger eine Anweisung erteilt und auch, wenn sie gerade nicht mehr in der Redaktion waren, er war immer noch ihr Chef. Sie rieb sich ihre schwitzende Hände am Rock ab: „Das würde aber den ganzen Sinn zerstören. Es geht doch gerade darum, sich nicht auf eine … persönliche Ebene zu begeben.“

„Sie werden wohl nicht gerne mit Ihren Kollegen intim?“, hakte er nach und zu ihrem Entsetzen rückte er ihr dabei ein Stück näher.

Völlig überfordert von diesem mehr als unpassenden Kommentar, starrte Alexandra ihren Chef einfach nur an. Sie konnte nicht glauben, dass er das gerade tatsächlich gesagt hatte. Wegen so etwas könnte sie ihn anzeigen, das war schon deutlich im Bereich der sexuellen Belästigung.

Als wollte er sie nur noch mehr verwirren, brach er schließlich in schallendes Gelächter aus und musste sich tatsächlich an der Bar festhalten, so heftig schüttelte ihn das Lachen. Verärgert und ungeduldig wartete sie, bis er wieder zu Luft kam. Spielte er mit ihr? War hier irgendwo eine versteckte Kamera? War es vielleicht üblich in dieser Redaktion, Neulinge beim ersten geselligen Abend so völlig aus der Fassung zu bringen?

„Sie sind einfach viel zu steif“, erklärte er schließlich schnaufend: „Ich habe ganz offensichtlich einen Scherz gemacht. Lachen Sie.“

Als Alexandra stur ihre finstere Miene behielt, seufzte er tief. Er fuhr sich durch sein eh schon wildes Haar und erklärte: „Schauen Sie. Ich mag in der Hierarchie über Ihnen stehen und für den Flur als Aufpasser zuständig sein. Aber ich kann das trennen, glauben Sie mir. Wenn Sie während der Arbeitszeit die höfliche Ebene wahren wollen, dann mache ich das gerne mit. Ich verstehe und respektiere das. Sie scheinen auch selbst viel besser als die meisten Ihrer Kollegen zu verstehen, dass wir am Ende des Tages alle Arbeitnehmer sind, die professionell zusammen arbeiten müssen. Daran ändert sich nichts, wenn wir nach Dienstschluss zum Du übergehen.“

Alexandra wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Je mehr er sagte, umso dümmer kam sie sich vor, auf dem Siezen zu bestehen. Es hatte ihr immer ein Gefühl der Sicherheit gegeben, wenn sie dank dem Du oder Sie genau wusste, woran sie bei ihren Kollegen und Vorgesetzten war. Konnte sie abends bei geselligen Runden mit Stefan locker plaudern, um dann tagsüber wieder professionell mit Herrn Winkler zu arbeiten? Sie würde sich doch nur selbst ein Bein stellen, wenn sie das Duzen als Grund nahm, um mit ihm tatsächlich auf so etwas wie einer freundschaftlichen Ebene zu kommunizieren, nur um dann irgendwann später aufgrund genau solcher Annäherungen Probleme am Arbeitsplatz zu bekommen.

Aber ganz offensichtlich war ihm da nicht beizukommen. Alexandra seufzte tief. Nun gut, sie würde einwilligen, aber das bedeutete nicht, dass sie nicht innerlich von ihm immer noch als Herrn Winkler denken würde. Sie würde einfach umso mehr darauf achten müssen, in ihm immer nur den Chef zu sehen.

Mit einem Lächeln reichte sie ihm die Hand: „Na schön, Sie haben mich. Ich bin Alexandra.“

Breit grinsend riss er eine Faust zum Zeichen seines Sieges hoch, während er mit der anderen ihre Hand schüttelte: „Und, tat das jetzt weh?“

Ihr Lächeln erstarb: „Ich dachte, Sie … du hättest verstanden, warum ich mich so gerne ans Siezen halte.“

Er nickte versöhnlich: „Das tu ich auch, gar keine Frage. Ich sehe das nur einfach anders. Und als dein Chef habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, dich zu bekehren.“

Gegen ihren Willen musste Alexandra grinsen: „Viel Spaß dabei. In der Redaktion werde ich das Sie niemals aufgeben, darauf kannst du dich verlassen.“

„Wir werden sehen“, murmelte er leise in sein Bierglas hinein.

Stille trat ein zwischen ihnen, während beide ihre Blicke über die übrigen Anwesenden gleiten ließen. Alexandras Blick blieb an Matthias hängen, der in der Nähe des Ausgangs stand und hektisch in sein Handy sprach. Ganz offensichtlich stritt er sich mit dem Gesprächspartner und war mehr als frustriert.

Stefan war ihrem Blick gefolgt: „Sieht so aus, als ob Matthias mal wieder aufgeflogen ist.“

„Aufgeflogen?“, hakte Alexandra mit erhobenen Augenbrauen nach.

Stefan nahm einen tiefen Schluck von seinem Bier: „Er ist unser Frauenheld. Und nicht sonderlich gut darin, seine Affären geheim zu halten. Irgendwann finden die Frauen, die alle gleichzeitig was mit ihm haben, das immer raus.“

Sie richtete sich auf ihrem Barhocker auf: „So hätte ich ihn eigentlich nicht eingeschätzt.“

„Was?“, lachte Stefan: „Er schreit doch förmlich Frauenheld.“

Unwillig verzog Alexandra den Mund: „Nein, eigentlich schreit er netter Kerl, der gerne für andere da ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er seine Freundin betrügt.“

„Ach was, Freundin“, schüttelte Stefan den Kopf: „Zusammen ist er nie mit einer von denen.“

„Dann verstehe ich das Problem nicht. Wenn er keiner von den Frauen Exklusivität versprochen hat, warum werden sie dann wütend auf ihn?“

Nun war es an Stefan, überrascht zu schauen. Er drehte sich mit seinem ganzen Oberkörper zu ihr um, als er fragte: „Dich würde das nicht stören? Du schläfst mit einem Kerl und findest danach raus, dass er noch mit anderen schläft?“

Alexandra errötete. Sie wollte nun eigentlich nicht unbedingt über ihr eher spärliches Liebesleben reden, doch um ihr Argument zu stärken, nickte sie: „Natürlich. Wenn ich von Anfang an weiß, dass er keine feste Beziehung im Sinn hat, kann ich ihm das nicht vorwerfen. Wenn er natürlich vorgibt, in mich verliebt zu sein und eine Beziehung zu wollen, nur um mich ins Bett zu kriegen, dann ist das was anderes. Aber so schätze ich Matthias nicht ein.“

„Das habe ich noch nie von einer Frau gehört“, kommentierte Stefan nachdenklich.

„Dann hast du vielleicht noch nie ernsthaft mit einer Frau geredet!“, konterte Alexandra und blickte ihm direkt in die Augen.

Ein schräges Lächeln erschien auf seinen Lippen: „Touché. Ich gebe zu, ich bevorzuge es normalerweise, andere Menschen aus der Entfernung zu beobachten, anstatt mit ihnen zu reden.“

„Also bist du auch der beobachtende Typ, mh?“, meinte sie neckend: „Kein Wunder, dass das nicht als Vorwurf gemeint war. Aber wenn man mit anderen Menschen nicht spricht, kann man noch so viel beobachten, man erfährt nie wirklich, was in ihnen vorgeht.“

Daraufhin rollte Stefan nur mit den Augen, während er sich wieder so umdrehte, dass er zu Matthias schauen konnte. Abfällig meinte er: „Mit manchen Menschen muss man nicht reden, um zu wissen, wie sie ticken.“

Alexandra spürte Wut in sich aufsteigen. Matthias hatte noch gesagt, was für ein guter Kerl Stefan angeblich sei, und dass er ihm wenigstens ins Gesicht sagte, was er von ihm hielt. Das mochte zwar besser sein, als zu lästern, aber wenn man sich nie die Mühe machte, jemanden wirklich kennen zu lernen, dann war das immer noch nicht richtig. Sie trank den letzten Rest ihres alkoholfreien Cocktails, dann stellte sie das Glas mit einem lauten Klirren zurück auf die Bar: „Ich finde, das ist ziemlich anmaßend. Du denkst schlecht von Matthias, ohne je mit ihm wirklich geredet zu haben?“

Stefan stellte sein inzwischen leeres Glas ebenfalls ab: „Du tust ja gerade so, als ob du ihn sooo gut kennst. Du bist gerade mal eine Woche in der Redaktion, woher willst du wissen, wie er tickt?“

Langsam wurde sie wirklich wütend: „Zufällig war er bisher der Einzige, der sich wirklich mit mir unterhalten hat. Oder meine Fähigkeiten ernst genommen hat. Also habe ich ihn auch ernst genommen und ihm zugehört. Er ist kein schlechter Kerl.“

Ein trockenes Lachen erklang: „Mir scheint, du bist nur verärgert, weil ich dir erzählt habe, dass er was mit mehreren Mädels am Laufen hat. Was, hattest du dich besonders gefühlt, weil er nett zu dir war?“

„Bitte?“

Schockiert starrte Alexandra ihren Chef an. Seine Worte hatten so ätzend geklungen, als ob er sie mit voller Absicht verletzen wollte. Woher nur kam seine Verachtung für Matthias? Und wieso griff er sie deswegen an? Sie schüttelte den Kopf. Gerade hatte sie gedacht, dass sie mit ihm tatsächlich ein vernünftiges Gespräch führen konnte auf einer Ebene, die nur mit wenigen Menschen möglich war. Gerade hatte sie angefangen, sich in seiner Gegenwart wohl zu fühlen. Stefan mochte ja gut aussehen, charmant und intelligent sein, aber seine herablassende Art ging ihr extrem gegen den Strich.

„Ich glaube, ich gehe jetzt besser“, presste sie angespannt zwischen den Zähnen hervor. Es hatte keinen Sinn, sich die Laune verderben zu lassen, wenn sie die Situation einfach verlassen konnte. Das war generell die beste Strategie, wenn irgendeine Situation zu anstrengend wurde: einfach gehen.

Stefan schaute mit grimmiger Miene zu, wie sie ihren Mantel nahm und sich warm einpackte, ehe sie ohne Blicke nach links und rechts auf den Ausgang zusteuerte. Sie war gerade durch die schwere, alte Holztür getreten, da legte sich eine Hand auf ihre Schulter.

„Okay, hey, hör mal“, fing Stefan an, der ihr offenbar in letzter Sekunde nachgelaufen war: „Mein letzter Kommentar war vielleicht nicht angebracht.“

„Nicht angebracht?“, fauchte sie: „Das war sowohl mir gegenüber als auch Matthias gegenüber total unfair.“

Er ließ seine Hand sinken: „Ja, okay, das gebe ich ja zu. Tut mir leid, ich sollte sowas nicht sagen. Ich war nur … überrascht davon, wie vehement du ihn verteidigt hast.“

„Ich bin einfach kein Fan davon, schlecht über andere Leute zu reden. Vor allem, wenn sie nicht da sind“, sagte Alexandra fest.

„Ja, schon klar“, nickte er: „Vermutlich sollte ich mir daran ein Beispiel nehmen.“

„Insbesondere als Chef solltest du das, ja“, stimmte sie ihm zu, doch sie war bereits wieder versöhnlicher gestimmt. Er hatte seinen Fehler zugegeben, das konnte auch nicht jeder.

„Okay, okay, ich werde in deiner Gegenwart nie wieder schlecht über irgendjemanden reden“, versprach er, doch seine Augen funkelten dabei schalkhaft.

Schnaubend verschränkte sie die Arme vor der Brust: „In meiner Gegenwart?“

„Hey, du kannst nicht von mir verlangen, alle meine Hobbys aufzugeben! So gut kennen wir uns nun auch wieder nicht, dass ich gleich mein Leben für dich ändere.“

Wenn sie es nicht besser gewusst hätte, hätte Alexandra gedacht, dass er mit ihr flirten wollte. So jedoch erkannte sie seine Aussage als genau das, was sie war: eine lahme Ausrede, um weiterhin lästern zu können, nur eben nicht mehr vor ihren Augen. Sie rollte mit den Augen.

„Alles klar, Herr Winkler“, erwiderte sie trocken: „Dann sehen wir uns morgen. Vergessen Sie bis dahin bitte nicht meinen Nachnamen.“

„Niemals, Frau Berger“, gab Stefan lachend zurück, ehe er sich wieder in die Wärme des Lokals zurückzog.

Endlich allein, atmete Alexandra tief die kalte Nachtluft ein. Der Abend war in Ordnung gewesen, auch wenn das Gespräch mit Stefan sie viel Energie gekostet hatte. Sie konnte das schaffen. Sie würde das schaffen. Sie würde nicht wieder weglaufen, sondern sich den Realitäten des Erwachsenseins stellen und diese Arbeitsstelle behalten. Sie würde die Energie investieren, um sich der sozialen Gruppe am Arbeitsplatz anzuschließen. Wenn sie sich Mühe gab, würde sie in ein paar Wochen vielleicht sogar ganz natürlich und entspannt mit all ihren Kollegen plaudern können.

Sogar mit Katharina.

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beta
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