Kapitel 4

„Stell dich nicht so an, es ist überhaupt nichts dabei!"

Nervös kaute Alexandra auf ihrer Unterlippe, während sie sich beeilte, mit den ausgreifenden Schritten von Matthias mitzuhalten. Natürlich hatte sie seine Einladung angenommen, mit ihm in der Cafeteria das Mittagessen einzunehmen, doch als er ihr eröffnet hatte, dass er sich da mittags immer mit ihrem Ressortleiter traf, war ihr Enthusiasmus geschwunden. Sollte sie sich wirklich als absoluter Neuling einfach so auf diese Ebene der Bekanntschaft einlassen? Sie bevorzugte es, wenn sie von ihren Chefs immer einfach nur als Chef denken konnte und nicht darüber nachdenken musste, was sie für Menschen waren oder was sie von ihr hielten. Jeder nähere Kontakt machte dieses distanzierte, professionelle Verhältnis schwieriger.

„Schön", gab sie schließlich nach: „Es ist ja nur ein Essen am Arbeitsplatz."

„Du hast echt einen Stock im Arsch", meinte Matthias, doch es klang nicht einmal böse, eher erstaunt.

Sie schnitt eine Grimasse: „Ich neige dazu, zu viel auf die Urteile anderer Menschen über mich zu geben. Ist reiner Selbstschutz, dass ich keine persönlichen Verhältnisse zu Menschen aufbauen mag, die mich irgendwann in Zukunft vielleicht mal kritisieren oder gar feuern müssen."

Er stellte sich vor sie in die Reihe zur Essensausgabe, drehte sich jedoch bei ihren Worten überrascht um: „So habe ich das noch nie betrachtet. Eigentlich müssten dann ja unsere Chefs am meisten Interesse dran haben, nicht zu dicke mit uns zu sein. Ist schließlich schwer, einen Freund zu feuern."

Alexandra sah ihn nur mit einem Genau-das-meine-ich-Blick an. Die Lautstärke der übrigen Gespräche um sie herum sorgte dafür, dass sie schreien musste, um sich verständlich zu machen. Glücklich, schnell in der Schlange vorwärts und vor allem zu ihrem Essen zu kommen, nahm sie den tiefen Teller mit Nudeln entgegen und folgte dann ihrem Arbeitskollegen, der zielstrebig auf einen noch freien Platz am Fenster zusteuerte.

Sie hatten sich kaum gesetzt, da nahm tatsächlich ihr Vorgesetzter, Philipp Baumann, ihr gegenüber Platz. Sie begrüßte ihn vorsichtig mit einem leisen Hallo, das er ebenso vorsichtig erwiderte, dann drehte er sich zu Matthias neben ihm um: „Ich sehe, du kümmerst dich gut um unseren Neuzugang?"

Mit bereits einem Löffel voller Nudeln im Mund erwiderte der: „Klar! Nicht viele finden Online cool, die muss man sich warm halten."

Grinsend registrierte Alexandra, dass es offensichtlich eine von anderen Menschen wenig geliebte Angewohnheit seinerseits war, mit vollem Mund zu sprechen; der genervte Blick ihres Chefs war eindeutig. Nachdem sie betont ihren Bissen gekaut und runtergeschluckt hatte, sich den Mund vorbildlich mit der Serviette abgewischt und einen Schluck Wasser genommen hatte, wandte sie sich mit einem neckischen Grinsen an ihren neuen Arbeitskollegen. Die Frage jedoch war ernst gemeint: „Wieso sollte man Online uncool finden? Was gibt es heutzutage bitte, das cooler als das Internet ist?"

Matthias wollte zu einer Antwort ansetzen, doch da er noch immer – oder besser: wieder – den Mund voll hatte, legte Herr Baumann ihm eine Hand auf die Schulter und übernahm das für ihn: „Die Sache ist leicht erklärt: Alle Zeitungen heutzutage kämpfen damit, dass sie in Zeiten von Twitter und Livestreams zu langsam geworden sind. Etwas Bedeutendes geschieht und die Printausgabe berichtet erst am nächsten Tag davon? Da ist es praktisch schon Schnee von gestern."

Verwirrt rollte Alexandra ihre Spagetti mit der Gabel auf: „Aber gerade darum ist es doch gut und wichtig, dass es einen Online-Auftritt gibt, der von einem eigenständigen Team gepflegt wird?"

Das Gesicht ihres Chefs wurde zu einer starren Maske: „Ja, das sehe ich auch so."

Damit war ihre Frage noch immer nicht beantwortet, im Gegenteil. Hilfesuchend wandte sie sich an Matthias, der inzwischen seine Portion aufgegessen und gesprächsbereit war: „Unterschätze mal nicht, was Existenzangst in Menschen auslösen kann. Die ganzen Anhänger der traditionellen Zeitung bibbern doch bloß, dass sie bald überflüssig werden, weil keiner mehr echte Zeitung liest und wir mit Online so einen guten Job machen."

Ehe Alexandra darauf etwas erwidern konnte, tauchte eine neue Person am Tisch auf und ließ sich ohne Einladung auf dem Stuhl neben ihr nieder. Entsetzt registrierte sie, dass es Stefan Winkler, der Ressortleiter für Politik war. Nun saß sie schon mit zwei Chefs an einem Tisch und dieser hier war ihr nicht geheuer. Seine lockere Art hatte ihr den ersten Kontakt erleichtert, aber gleichzeitig wusste sie bei ihm im Gegensatz zu Herrn Baumann nicht, woran sie war.

„Ich sehe, ihr klärt unsere unbedarfte Volontärin über die Machtverhältnisse in der Redaktion auf?", begrüßte er die Runde. In seinen Augen funkelte der Schalk, während er gemütlich die Serviette auf seinem Schoß ausbreitete – eine Geste, die Alexandra noch nie bei anderen Menschen außer sich selbst beobachtet hatte – und sich seinen Nudeln widmete.

Sie beschloss, seinen Seitenhieb zu ignorieren und stattdessen beim Thema zu bleiben: „Zeitungen werden vielleicht weniger gekauft, aber ich bezweifle, dass sie ganz verschwinden. Sie leisten was ganz anderes als Online-Content. Ich meine, wir sind die ganze Zeit mit Twitter und Co beschäftigt, richtig. Wir müssen alle News direkt aufgreifen, in eigene Artikel verwandeln und das dann über die Sozialen Netzwerke bewerben. Eine Tageszeitung ist da langsamer und das ist doch gerade gut. Mit dem Argument, dass die Schnelllebigkeit des Internets irgendwann Tageszeitungen überflüssig macht, müssen Nachrichtenmagazine, die nur wöchentlich oder gar monatlich erscheinen, doch schon längst verschwunden sein. Sind sie aber nicht, weil sie eine andere Art von Inhalt liefern: Tiefergehender, fundierter, mit mehr Zeit für Recherche."

Ein lautes Lachen ertönte neben ihr: „Sind Sie sich sicher, dass Sie in Online richtig aufgehoben sind, Frau Berger?"

Errötend blickte Alexandra zu ihrem direkten Vorgesetzten hinüber. Hatte sie jetzt etwas Falsches gesagt und ihn beleidigt? Nahm er ihre Verteidigung des klassischen Mediums persönlich? Doch ehe sie die noch immer erstarrte Maske von Herrn Baumann interpretieren konnte, lenkte Matthias ab: „Woah, Stefan, was geht? Du siezt sie?"

„Matthias!", fuhr sie ihn beschämt an. Wie konnte ein Mensch nur so direkt sein und alles offen aussprechen, was er dachte? Gerade, wenn das Siezen etwas Besonderes war, war es mehr als taktlos, das für alle offen auf den Tisch zu legen. Und sie hatte gerade wahrlich keine Lust zu erklären, dass das ihr Wunsch gewesen war.

„Ich kenne Frau Berger kaum einen Tag", erklärte derweil Herr Winkler gelassen: „Ich muss doch nicht jedem direkt das Du anbieten. Immerhin bin ich auch irgendwo ihr Chef, nicht nur Philipp hier."

Dankbar lächelte Alexandra ihn an, doch er hatte seine Augen stur auf Matthias fixiert. Als jener den Mund zu einer Erwiderung öffnete, hob Herr Winkler eine Augenbraue, was Matthias direkt zum Schweigen brachte. Dann erst warf er ihr ein verschwörerisches Zwinkern zu, das von den anderen beiden unbemerkt blieb. Vielleicht war dieser Mann doch gar nicht so übel.

„Weißt du, was das eigentliche Problem ist?", nahm Herr Winkler das Gespräch wieder auf: „Redakteure wie du."

Matthias rollte nur mit den Augen: „Jetzt kommt das wieder."

Als hätte er die Bemerkung gar nicht gehört, fuhr der Politik- Chef fort: „Du redest, als wärst du in der Gosse großgeworden. Deine Texte sind schlicht gestrickt. Du hast nicht einmal eine Ausbildung."

Alexandra presste ihre Handflächen fest auf ihre Oberschenkel, um sich davon abzuhalten, wütend auf den Tisch zu schlagen. Wenn das der übliche Umgangston hier war, würde sie nicht glücklich. Und gerade hatte sie noch gedacht, dass Herr Winkler vielleicht doch gar kein so schlechter Mensch war.

„Weißt du, Stefan", entgegnete Matthias, der äußerlich absolut unbeeindruckt von den Beleidigungen schien: „Du kannst mir das alles vorhalten, wie du willst. Meine Artikel bringen die meisten Klicks auf unsere Website. Das ist das Einzige, was zählt."

Ein Husten, aus dem ganz deutlich das Wort „Clickbait" herauszuhören war, war die einzige Antwort, die er bekam. Immer noch ohne sichtbare Regung, zuckte Matthias mit den Schultern und nickte Alexandra zu: „Bist du fertig? Die Mittagspause ist fast um."

Rasch beeilte sie sich, ihre Nudeln aufzuessen. So gerne sie normalerweise auch Streitigkeiten zwischen anderen Menschen zuschaute, das direkt am selben Tisch mitzuerleben und irgendwie zwischen den Fronten zu stehen, war ihr trotzdem unangenehm. Sie wünschte, sie wäre ihren Prinzipien treu geblieben und hätte sich geweigert, sich zu ihrem Chef an den Tisch zu setzen. So beendete die kleine Gruppe das Essen schweigend, ehe Matthias, kaum dass Alexandra aufgegessen hatte, mit einem Kopfnicken aufstand. Sie selbst verabschiedete sich höflich von ihren beiden Vorgesetzten und eilte ihm dann zur Tablettrückgabe nach.

„Ist er immer so?", fragte sie leise, als sie zurück im Büro waren.

„Stefan? Jo. Immer."

Alexandras Gesicht verfinsterte sich, während sie sich auf ihren Stuhl sinken ließ: „Er mag ja dein Chef sein, aber ich finde es trotzdem nicht richtig, dass er so mit dir redet."

Matthias schnappte sich einen Kugelschreiber und ließ ihn durch seine Finger tanzen: „Ich habe mich dran gewöhnt. Er ist halt was Besseres. Abgeschlossenes Studium, steile Karriere. Du solltest mal seine Artikel lesen. Manche meinen ja, jeder Satz aus seiner Feder wäre ein Kunstwerk."

Achselzuckend ließ er den Stift auf den Schreibtisch fallen: „Mich kümmert das nicht. Ich weiß, dass ich nicht so schreiben kann. Aber ich mach meine Arbeit und ich mach sie gut, daran kann selbst er nichts rütteln."

„Ich finde es trotzdem unfair, dass er so über dich redet", beharrte sie.

„Wenn wir unter uns sind, ist Stefan ein guter Kerl", wiegelte Matthias ab: „Wir verstehen uns eigentlich. Nur in der Gegenwart anderer ... naja, eigentlich hauptsächlich bei Frauen, da fühlt er wohl manchmal die Not, den Dicken zu markieren. Da zeigt er dann seine intellektuelle Überlegenheit und demonstriert, wie krass er drauf ist, dass er den Mumm hat, mir das ins Gesicht zu sagen! Das imponiert den meisten Frauen schon."

Alexandra rollte nur mit den Augen: „Es ist kein guter Charakterzug, sich selbst auf Kosten anderer in Szene zu setzen."

Matthias jedoch lachte nur: „Das geht schon in Ordnung. Immerhin sagt er mir das ins Gesicht. Ich weiß, dass andere genauso denken, aber die sagen das nur hinter meinem Rücken. Deine Freundin Kathi zum Beispiel."

Unwillkürlich wanderte Alexandras Blick dahin, wo ihr Schreibtisch neben jenem von Katharina stand: „Echt? Ausgerechnet Katharina?"

Er nickte bestätigend: „Sie ist eine Meisterin darin, dich ihre Verachtung spüren zu lassen, aber in Worte packte sie das nie, zumindest nicht offen. Hintenrum, ja, immer und jederzeit, wenn sie weiß, dass andere ihrer Meinung sind."

„Aber sie ist doch nun auch nicht gerade ...", setzte Alexandra an, doch sofort unterbrach sie sich. Sie wollte nicht schlecht über Katharina reden, schon gar nicht mit jemandem, den sie so kurz erst kannte. Sie hatte kein Recht, über irgendjemanden Urteile zu fällen. Seufzend schüttelte sie den Kopf: „Ist auch egal. Wollen wir weiterarbeiten?"

Nickend rollte Matthias sich vor seinen PC, rief den Artikel, an dem er gerade arbeitete, auf, und erklärte während des Schreibens, worauf er typischerweise achtete, um Texte zu verfassen, die im Internet gut gingen. Alexandra lauschte aufmerksam, stellte Fragen und ehe sie sich versah, war auch dieser Tag rum.



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