Kapitel 9

Kapitel 9

 

Bei Tagesanbruch reisten sie weiter. Erst mussten sie wieder die Himmelsrichtung finden, die sie direkt zum Meer führte, da sie durch ihren Walritt die Orientierung verloren hatten. Glücklicherweise hatten die Elfen Gideon und Fay an ihrer Seite, denn ohne ihren ausgeprägten Orientierungssinn, hätte sie vielleicht nicht so schnell die Richtung gefunden.

Das Wetter spielt  an diesem Tag überhaupt nicht mit und es regnete in Strömen. „Kann niemand etwas gegen dieses Wetter unternehmen“, Meleficent hatte ihre Reisefreude wieder verloren und ärgerte sich über die durchnässten Kleider. „Da müssten wir einen Wetterzauberer haben“, murmelte Fay und schlug einen anderen Pfad durch den Wald ein. „Ich glaube, es regnet, weil du meckerst“, ärgerte sie Aragon und stampfte durch den Matsch. „Nimm es zurück!“, Meleficent tat etwas, was sie noch nie getan hatte. Sie hielt bei einer Schlammpfütze an und holte eine Hand voller Schlamm heraus. „Aragon!“, rief sie dann genüsslich. Der Schattenelf drehte sich um und ein Schlammklumpen landete direkt in seinem Gesicht. „Warst du das eben?“, knurrte er und wischte sich den Schlamm von der Stirn. „Ja, und drauf bin ich stolz!“, Meleficent legte den Pfeilbogen auf die Seite, als Aragon auch Schlamm in die Hand nahm. Aragon warf den Dreckklumpen aber Meleficent war zu geschickt und dehnte die Wirbelsäule, so dass sie ein hohles Kreuz machte und Gideon hinter ihr getroffen wurde. Gideon platze den Kragen vor Wut, als tausend Spritzer sich in seinem Gesicht sammelten und wollte sich an Aragon rächen, traf aber Fay mitten ins Gesicht. „Gideon!!“, wutschnaubend drückte Fay ihrem Zwillingsbruder einen Schlammklumpen ins Gesicht.  Belustigt beobachtete Meleficent die Schlammschlacht und bemerkte dabei nicht, dass Aragon sich aus dem Hinterhalt an sie heranpirschte. Sie hörte einen Atemzug, dann drückte Aragon ihr den Matsch ins Gesicht, das sie nur noch braun vor Augen sah. „Na warte, Bursche!“, Meleficent ärgerte sich kein bisschen über die Schmutz in ihrem Gesicht, sondern hatte nur noch Rache im Sinn. Sie stellte ihm ein Bein beförderte ihn mitten in die Pfütze. Mit einer Schlammschicht am ganzen Körper verteilt, rappelte sich Aragon auf die Füsse und rannte Meleficent nach. „Warum rennst du weg Meleficent, ich möchte dir nur eine Umarmung schenken“, jauchzte er. „Fang mich doch!“, sie streckte ihm die Zunge raus und rannte um eine Scheinbuche im Kreis herum. Während Aragon folgte ihr mit ausgestreckten Armen folgte. Immer wieder konnte Meleficent von seinen Armen entkommen und genoss zum ersten Mal in ihrem Leben eine Schlammschlacht in vollen Zügen. (Obwohl, eigentlich war es ja ihre allererste Schlammschlacht)

Wäre Meleficent nicht über eine Wurzel gestolpert, hätte Aragon sie nie erwischt, doch Meleficent, die sich gerade noch vor ihrem Sturz bewahren konnte, wurde von Aragon eingeholt. Er umschlang ihren ganzen Oberkörper mit den Armen und hielt sie fest, damit sie nicht türmen konnte. Der Schlamm verteilte sich auf ihrem ganzen Körper und Aragon schien sich zu freuen. „Rache tut richtig gut“, zischte er ihr ins Ohr. „Jawohl, und jetzt sind wir quitt“, meinte Meleficent. Aragon schaute ihr tief in die Augen und begann zu lächeln. „Ja, jetzt haben wir keine Rechnung mehr offen. Bin ich froh, ich habe echt unter dir gelitten!“ Meleficent boxte ihm in die Rippen. „Blödmann, tu jetzt nicht so!“

„Wie ihr beide ausseht!“ Fay krümmte den Körper vor Lachen. „Zu deinem Geburtstag schenke ich dir einen Spiegel“, erwiderte Meleficent, denn Fay war ebenfalls von Kopf bis Fuss mit Matsch bedeckt, genau wie ihr Bruder Gideon, der sich bemühte den Schlamm aus dem Haar zu streichen. „Wo können wir uns nur waschen?“, plötzlich war er der Hochnäsige. „Ich glaube, ich höre einen Fluss hinter der nächsten Anhebung gurgeln“, Meleficent spitze die Ohren. „Na dann, nichts wie hin“, Aragon streifte seinen Umhang von den Schultern und eilte den Hügel hinauf. Auf der anderen Seite wieder hinab und hüpfte mit den ganzen Kleidern in den nächsten Wildbach. Das Wasser verfärbt sich, als alle ausser Meleficent, bis zu den Knöcheln im Bach standen und sich das Gesicht und Hände wuschen. Die Elfe stand abseits und beobachtete wie sich ihre Freunde putzen. „Kommst du nicht, das Wasser ist doch erfrischend?“, fragte Fay und drückte ihre Weste im Wasser aus. Meleficent schüttelte den Kopf, wollte antworten aber ein Wasserspritzer landete ihr auf der Nase und sie wusste, es konnte nur Aragon gewesen sein, der die Frechheit hatte, sie anzuspritzen. „Du bist doch sonst immer die, die sich nicht schmutzig machen will und jetzt möchtest du dich nicht einmal waschen?“ „Stimmt, Aragon. Ich bin die, die sich nicht gerne schmutzig macht“, gestand Meleficent. „Aber ich bin auch eine Waldelfe und eine Waldelfe, wäscht sich nie mit Wasser, ausser wenn sie es richtig nötig hätte“, danach kreuzte sie die Finger hinter dem Rücken. Ein Schimmer umhüllte ihren Körper und ihre Kleider, ihre Haare und ihr Gesicht war komplett von der Schlammschicht befreit worden, als er sich der Schimmer auflöste. „Da staunst du, was?“, Meleficent musterte den entgeisterten Gesichtsausdruck von Aragon, dem zusätzlich auch noch die Kinnlade runterklappte.

Nachdem ihre Kleider einigermassen wieder im Sonnenlicht getrocknet waren, liefen sie aus dem Wald und überquerten lange Hügelzungen. Bald drauf konnten Meleficent und Aragon die Meerwasssersalzluft riechen und  am Horizont einen Meerstrich erkennen. „Dort bei einer Klippe liegt Seestadt Bellaragt“, erklärte Aragon mit dem Finger auf den Horizont. „Müssen wir wirklich noch so weit gehen?“, maulte Fay, stürzte sich an einem Baumstamm ab und massierte die Zehenspitzen durch den Schuh. „Stütz dich auf meine Schulter Fay“, bot Gideon an. Fay lehnte ab. „So ein Schwächling bin ich auch wieder nicht!“ Mit hocherhobenem Kopf stolzierte sie an ihrem Bruder vorbei, der nur die Augen verdrehte, den Hügelkamm hinab. „Da will man mal nett sein und wird dann gleich angeschnauzt!“ Aragon legte ihm die Hand auf die Schulter und meinte: „Glaub mir, sie  möchte einfach keine Hilfe von ihrem Bruder bekommen, damit sie nicht da steht, wie eine kleine Schwester.“  Worüber Meleficent und Gideon ihm zustimmten.

Das Tor von der Seestadt Bellaragt stand sperrangelweit offen und nicht einmal ein Wächter lehnte am Torbogen, umzusehen, wer in die Stadt ein und aus passierte. „Also Tokklins sind da vorsichtiger bei der Torkontrolle“, bemerkte Meleficent. „Hier gibt es auch kaum etwas zu klauen, ausser Fisch“, Gideon schlenderte unter dem Torbogen hindurch und ein Fischgeruch wehte ihm gleich in die Nase. „Und was kann man denn bei euch klauen? Getreideprodukte?“, fragte Meleficent und legte den Kopf schief. Ernteprodukte waren schliesslich so wertlos wie Meerfisch. „Aber dafür finden wir ab und zu Bodenschätze“, sagte Fay und schaute sich auf dem Dorfplatz um. Er war anders, als Fays vertrauter Kerparabelldorfplatz. Zwar hatte es hier auch Verkaufsläden, doch es waren alles nur Fischstände, soweit das Auge reichen konnte. Die Häuser waren nicht aus Holz und Lehm gebaut, sondern aus Stein, damit die Häuser bei einer Überschwemmung standhielten. „Ich konnte den Fischgestank noch nie leiden!“, Meleficent zog sich den Umhang tiefer ins Gesicht. „Dann musst du wohl heute aufs Abendessen verzichten, denn Fisch ist das einzige, was es hier zu essen gibt“, sagte Aragon. „Armer Mensch“, Fay entdeckte einen Bettler bei einer Laterne sitzen, der vor Kälte kaum mehr sein Schimmelbrot mit Butter bestreichen konnte. „Hier gibt es offenbar Reiche sowie Arme.“ Gideon spielte auf eine Gruppe betuchter Menschen an, die den Bettlern auf der Strasse Mützen zu warfen und auf die Menschen, die Fische in einer Schubkarre transportierten und Fischernetzte flickten. „Jetzt kommt“, Aragon führte seine Freunde in eine Seitengasse. „Direkt am Meer kenne ich ein gutes Fischgastwirtshaus. Vielleicht bekommen wir noch einen Rat, wie wir den Drachen und die Hexe besiegen können.“ „Päh, Fisch“, Fay schauderte es den ganzen Rücken hinunter. „Gut, dass ich nicht die einzige hier bin, die Fisch nicht ausstehen kann“, flüsterte Meleficent ihr zu und hackte sich bei dem Arm der Freundin ein.                                                                                                                                       

„Helft mir ich habe Hunger!“, jammerte ein Bettler auf der Staumauer, als die Elfen und Tokklin an ihm vorbei schlurften. Er hatte zerlumpte Kleider an und sah so aus, als hätte er von den Fischen, die er auf der Strasse aufgelesen hatte, eine Krankheit eingefangen. Gideon und Aragon ignorierten ihn aber Fay und Meleficent blieben wegen Mitgefühl stehen. „Habt ihr etwas zu essen junges Fräulein?“, der Bettler umklammerte ihren Rockzipfel. „Lass sie gefälligst los!“, Aragon rannte herbei und stiess den Bettler mit einem Fusstritt auf den Boden. „Aragon!“, Meleficent hielt seine Faust fest, bevor er auf den Alten einschlagen konnte. „Wir haben doch noch ein Schlimmbeertörtchen, das können wir ihm wohl geben! Sieh doch wie hungrig er ist!“ „Und wovon sollten wir dann essen?“, warf Gideon ein. „Hier gibt es doch genug Essen. Wir füllen einfach unseren Vorrat auf“, erinnerte Fay ihren Zwillingsbruder. Aragon entspannte seine Faust und liess Meleficent mit einem Kopfnicken gewähren. „Hier, bitteschön, ich hoffe es schmeckt euch“, Meleficent reichte dem Bettler das Brot, der es gierig annahm und zu knabbern begann. „Danke, das werde ich euch niemals vergessen“, murmelte er mit vollem Mund. „Niemals!“

„Dreimal geräucherten Blauschwanzseehecht und einmal Tigerfisch mit Seegurkensosse, für wer von euch ist das?“, fragte die Kellnerin im Fischgastwirtshaus zum dreiköpfigen Hecht. „Für mich“, Meleficent schnippte mit dem Finger. Sie hatte sich lange dagegen gesträubt eine Mahlzeit zu bestellen aber schliesslich konnte sie Fay überreden einen den Tigerfisch zu bestellen. Aragon und Gideon schaufelten sich den Fisch förmlich mit der Gabel ins Maul, Fay nahm kleine Stücke und Meleficent stocherte im Essen herum. Das ganze Gastwirtshaus stank nach Fisch, jedoch waren hier die Gäste ruhig und zurückhaltend und das war der einzige Grund, warum sie mit ihren Freunden am Tisch sass. „Dann guten Appetit“, wünschte die Kellnerin und lächelte Aragon dabei an. „Danke Trezi“, Aragon fischte sich eine Münze aus der Hosentasche und drückte sie Trezi in die Hand. „Da, ich gebe dir etwas Trinkgeld.“ „Vielen Dank, Aragon, ich hoffe man sieht sich bald wieder“, sie umarmte Aragon zum Abschied und kokettierte noch ein wenig mit seinen Blicken. „Kennst du sie?“, wollte Fay wissen und Eifersucht flammte in ihren Augen auf. „Wir haben ab und zu früher zusammen gespielt. Der Wald der Finsternis, wo ich her komme, ist nur noch einen Einhornsprung von Bellaragt entfernt.“ Meleficent, die kaum Fisch gegessen hatte und nur mit der Gabel auf dem Tisch rumgekratzte und Löcher in die Wand starrte, wo ein Bild mit einem Schwertfisch hing, wurde es zu viel. Einhorn, Aragon, Trezi, der stinkende Fisch, einfach alles war zu viel für sie. Sie stand auf, nahm ihren Umhang und eilte zur Tür hinaus. „He, wohin denn so eilig?“, rief Aragon. „Soll ich ihr nachlaufen?“, konnte Meleficent gerade noch Gideon hören. „Lass sie, ich glaube sie braucht einfach ihren Freiraum“, entgegnete Fay, dann viel die Tür ins Schloss.

Draussen war die Sonne im Meer versunken und ein Wind zerrte an Meleficent Haaren und Kleidern. Sie stemmte den Körper gegen die Staumauer und beobachtete von oben, wie die Wellen am Felsen zerschellten. Meleficent vergrub die Hände im Gesicht. Wie sollten wir nur gemeinsam einen Drachen und eine Hexe besiegen? Sind wir wirklich genug stark für so einen Kampf?                                                                             

„Na, na, warum weinst du denn liebes Kind?“, fragte eine Stimme hinter ihrem Rücken und im nächsten Augenblick lehnte der Bettler von vorhin an der Mauer. „Ich bin kein Kind!“, grunzte Meleficent und füllte sich gekränkt. „Jetzt verstehe ich, du bist eine Elfe. Ihr seht alle noch so jung aus, dabei seid ihr älter, als eine Jahrhundertwende.“ Der Bettler nahm aus seiner Hosentasche, oder was davon noch übrig geblieben war, eine Trinkflasche hinaus, nahm en Korken ab, trank einen Schluck und präsentierte seine gelben Zähne. Ein bisschen unwohl wurde es ihr ja schon und wünschte sich in diesem Moment Aragon an ihrer Seite, als sie fragte: „Was wollt ihr von mir?“ „Dir helfen“, erwiderte er. „Dir liegt etwas auf der Seele, das sehe ich.“ Meleficent seufzte: „Kannst du mir sagen, wie ich eine Hexe namens Yjades umbringen kann und einen Drachen namens Smerogon im Schlaf beklauen kann?“ Der Bettler, der einen Schluck von seinem Whisky genommen hatte, spuckte es wieder aus. „Etwa Smerogon der Feuerbluthorndrache und Yjades die blaue Hexe??“ „Ja, kennst du sie?“, hackte Meleficent nach und stülpte den Umhang über ihren Kopf. „Es gibt da eine Prophezeiung über diesen Drachen“, murmelte der Mann. „Und die lautet, sagt es mir?“, drängte Meleficent den Bettler. Der Mann öffnete seinen Mund und holte Luft. Meleficent hielt den Atem an und wartete auf seine Worte. „Ja, tut mir leid, hab ich wohl in den Jahren vergessen. Das liegt wohl an meinen Gedächtnis.“ „Oder an der Whiskyflasche!“, brummte Meleficent. Sie nahm ihm die Flasche aus der Hand und schleuderte sie ins Meer. „He, was hast du getan! Die gehört mir schon seit zwanzig Jahren!“, wimmernd lehnte sich der Bettler über die Mauer und suchte nach seiner Flasche im Wasser, doch sie war schon am Felsen zerschellt worden. „Ihr müsst endlich damit aufhören, euch ständig zu übertrinken. Sucht euch gefälligst eine Arbeit!“, Meleficent begann an seiner Schulter zu rütteln. „Lass mich in Frieden!“, brüllte er und stiess sie von ihm weg. „Aragon hatte recht, ihr seid eine elende Ratte!“, zischte sie ihm nach. Danach machte sie kehrt und verschwand in einer Seitenstrasse, wo Gassenkatzen sich um einen Fisch zankten. Aus dem rechten Augenwinkel konnte sie sehen, dass ihr der Bettler folgte. Er hatte aus seiner Brusttasche einen Dolch geholt und schlich sich an Meleficent heran. Meleficent konnte den Hinterhalt im Metallstück ihres Pfeilbogen spiegeln sehen und als er seine Hand hob und Meleficent niederstechen wollte, schlug sie ihm den Dolch mit dem Ellbogen aus der Hand und zielte mit dem Pfeilbogen auf den Bettler. „Was wollte ihr gerade machen?“, knurrte Meleficent und verengte die Augen zu Schlitzen. „Tötet mich, mein erbärmliches Leben ist sowieso nichts mehr wert“, schniefte der Bettler und ging auf die Knie. Meleficents Herz wurde weich, trotzdem zielte sie weiterhin auf den Lumpensack. „Ich lasse euch am Leben, aber dafür zeigt ihr mir wenigstens einen Laden, wo ich Lebensmittel kaufen kann!“ Der Bettler legte den Kopf schief. „Ihr wollt mich nicht töten, obwohl ich euch vor Zorn töten wollte?“ Meleficent schüttelte den Kopf. „Nun steht auf und bringt mich zu einem Laden, wo ich Lebensmittel besorgen kann!“

„Wie heisst ihr eigentlich?“, fragte Meleficent, als sie dem Bettler folgte. „Baijak“, antwortete er und wählte eine Gasse, wo ein Junge auf der Strasse sass auf einer Kiste Schuhe polierte, unmittelbar neben einem Schuhmachergeschäft. Der Junge beobachtete Baijak und die Elfe, bis Baijak am Ende der Strasse stehen blieb und ein Schild mit glasigen Augen betrachtete. „Lebensmittel von Jack“, las Meleficent und runzelte die Stirn, als Baijak keinen Ton über die Lippen brachte. „Hast du einen Geist gesehen oder was hat es mit diesem Laden auf sich?“ Baijak schüttelte den Kopf: „Nein, aber es ist besser, wenn du jetzt alleine weiter gehst.“ Meleficent verschränkte die Arme. „Kommt nicht in Frage. Wir gehen gemeinsam. Oder lebt in diesem Laden etwa ein Monster?“ Baijak schloss die Augen. „Mein Bruder ist der Ladenbesitzer und er hat mir gedroht, wenn ich mich noch einmal mit meiner zerlumpten Kleidung über seine Türschwelle wage, dann kann ich was erleben!“ „Gut, dann söhnt euch wieder aus“, ehe Meleficent dies ausgesprochen hatte, öffnete sie die Tür und zerrte sie Baijak bereits über die Türschwelle. „Bist du noch ganz bei Trost?“, flüsterte Baijak im Laden. „Ist ja niemand hier, du Weichei.“ Meleficent schnippte sich eine Strähne aus dem Gesicht und erkundete den Laden. Eine kleine Theke stand in der Mitte mit einer Kasse und rundherum türmten sich auf den Regalen Lebensmittel auf. Meleficent wanderte zwischen den Regalen durch und suchte nach den geeigneten Lebensmitteln für die Reise. Da gab es gewöhnliche Waren, wie  Bohnendosen, Brot und Fisch, aber auch Schnecken in einem Glas in Öl getaucht und ein Gefäss mit runden Punkt. Als Meleficent näher trat, erkannte sie Augen, die in einer Flüssigkeit schwammen. Und wie sie da stand und sie betrachtete, wandten sich die Augen auf einmal zu ihr hinüber und starrten sie an. Erschrocken wich Meleficent zurück und eilte zu Baijak, der in einer Ecke kauerte, jedoch nicht den Laden verlassen hatte. „Guuuten Taaag, wie kann ich dienen?“, rief eine schrille Stimme hinter der Theke. Meleficent hörte Schritte und hinter der Theke tauchte ein Kobold auf, der gerade mal so gross war, wie Meleficents Pfeilbogen. Hinter seinen Brillengläsern schaute er die beiden Kunden neugierig an. „Ähm, wir brauchen Knallbohnen, Spargeln, Schlimmbeerenaufstrich, Brot, getrockneter Fisch und frisches Wasser“, entgegnete Meleficent nach einigen Sekunden des Schweigens. Der Kobold verbeugte sich: „Kommt sofort!“ Danach macht er kehrt und flitze wie ein Hase zwischen den Regalen herum und sammelte alles ein, was Meleficent bestellt hatte. „Und das ist dein Bruder, den hab ich mir aber etwas anders vorgestellt“, flüsterte Meleficent ihm ins Ohr. „Natürlich ist, das nicht mein Bruder. Das ist Flipin, ein Kobold, der hier arbeitet.“ Klingt fast wie Flippi, dachte Meleficent. Flippi, Gronck, Wilson, wie geht es euch nur? Wie geht es wohl dem Einhorn?                                                                                                                                                           

Ein Dorn bohrte ihr tief ins Herz und sie bekam Heimweh nach ihrem geliebten Wald, jedoch musste sie dafür das Einhorn aus den Klauen von Yjades befreien, damit sie jemals wieder in ihren Wald rückkehren konnte. „Hier bitte schöööönn!“, der Kobold kam wieder zurück und riss Meleficent aus den Gedanken. Er stellte einen Beutel mit den Produkten auf den Boden und berechnete den Preis. „Das macht dreizehn Kupfermünzen, wenn ihr so gut sein würdet.“ Meleficent nickte und fand in ihrer Tasche das nötige Geld. „Flipin, was ist hier los?“, rief eine tiefe Stimme hinter einem Vorhang, der zum Lager führte. Baijak schrak zusammen und wollte die Kurve kratzen aber Meleficent hielt ihn zurück. „Nur Kundschaft“, rief Flipin und verstaute das Geld in der Kasse. Der Vorhang wurde auf die Seite geschoben und ein grosser Mann trat zum Vorschein. Obwohl er grösser war und dunklere Haare hatte, glich er Baijak vor allem im Gesicht und liess vermuten, dass es sich um seinen Bruder Jack handelte. „Du hier?“, erst zog Jack die Augenbrauen hoch, dann aber legt er seine Stirn in tiefe Falten. „Ich habe dir verboten, auch nur einen Fuss über meine Türschwelle zu setzten, du Bettlerpack von Bruder!“ „Verzeiht, dass ich mich einmische, aber was habt ihr gegen euren Bruder?“ Meleficent ging dazwischen, als Jack seinen Bruder an seiner Faust riechen wollte. Jack zog seine Faust wieder zurück und blinzelte Meleficent erfreut ins Gesicht. „Seit ihr etwa eine Elfe?“ Meleficent nickte und wusste auch nicht so recht, was Jack an Elfen so toll fand. „Ja, aber nennt mich Meleficent, und euer Bruder ist wirklich eine sehr nette Person. Er hat mir die ganze Seestadt gezeigt und als ich nach einem Lebensmittelladen erkundete, hat er natürlich gleich eurer Laden vorgeschlagen.“ Meleficent konnte hören, wie Baijak die Luft anhielt und Jack seinen Bruder mürrisch von Kopf bis Fuss musterte. „Es scheint mir, du hast dich geändert Bruder und bist nicht mehr wie früher.“ Baijak schaute zu Boden. „Na ja, weisst du, ich habe mich ziemlich bemüht“, log er. „Tja dann,  lass ich euch zwei alleine“, murmelte Meleficent, nahm den Vorratsbeutel dem Kobold aus der Hand und stolzierte zur Tür. „Danke Baijak, wegen dir habe ich endlich mal eine Elfe in meinem Leben gesehen. Elfen bewunderte ich schon seit Jahrzehnten“, konnte sie Jack noch reden hören. „Ach übrigens“, Meleficent drehte den Kopf. „Euer Bruder, wäre bestimmt ein guter Mitarbeiter in eurem Laden und könnte Flipin ein bisschen aushelfen.“ Mit einem breiten Grinsen machte Meleficent kehrt und freute sich über Jacks Worte: „Also gut, du kannst bei mir arbeiten, aber wechsle erstmal deine Kleidung, die stinkt bis zum Himmel.“

Meleficent füllte sich glücklich, als sie mit dem Beutel auf der Schulter durch die Strasse schlenderte. Ich habe eine gute Tat getan!                                                                           

„Meleficent, warte!“ Baijak kam aus der Ladentür gehechtet und fuchtelte mit den Armen. „Ich konnte mich noch gar nicht bei dir bedanken.“ „Wofür?“, fragte Meleficent und wollte es ihm aus der Nase ziehen. „Ich habe wieder einen Job bekommen und mich wieder mit meinem Bruder versöhnt. Nur wegen dir. Mein Bruder glaubt nämlich, alle, die mit Elfen in Verbindung geraten sind, bringen etwas  Gutes. Jetzt ergibt mein Leben endlich wieder einen Sinn!“ Baijak beugte sich vor und umarmte Meleficent. Vor einer Stunde hätte sich Meleficent nicht gefallen lassen, dass ein Bettler, der auf der Strasse lebte, sie umarmt hätte, doch jetzt war es ihr völlig egal geworden. „Ich helfe gerne“, erwiderte Meleficent. „Und ich gebe dir einen Rat. Fasse niemals wieder eine Whiskyfalsche an.“ Belustigt schüttelte Baijak den Kopf. „Ich denke, es gibt nun wichtigeres in meinem Leben.“ Meleficent klopfte ihm auf die Schulter. „Vielleicht sehen wir uns eines Tages wieder. Bevor es aber soweit ist, muss ich zuerst der blauen Hexe und dem Drachen Smerogon zwei Rubinamulette stehlen. Ansonsten stirbt mein Einhorn, somit mein ganzer Wald, meine Freunde und ich  auch.“ Meleficent seufzte und winkte Baijak zum Abschied. Der Mann schaute ihr nach, während er seine Gehirnzellen anstrengte. „Meleficent!“, rief er ein zweites Mal. Hoffnungsvoll wirbelte Meleficent um die eigene Achse und riss ihre grünen Augen weit auf. „Die Prophezeiung ist mir gerade wieder eingefallen!“, er eilte zu Meleficent. „Der Feuerhorndrache, der unter seiner eigenen Asche begraben ist und sogar im Schlaf alles riechen und hören kann, kann nur getötet werden, wenn man ein Drachenschwert führt, danach ist der Drache machtloser.“ Verwirrung stieg in Meleficent auf. „Was für ein Drachenschwert?“ „Es gibt nur wenige Drachenschwerter in Pangea und du musst eines finden, damit du dem Drachen den Kopf abschlagen kannst!“ Meleficent fuchtelte mit den Händen und ihr wurde übel. „Ich soll etwas erschlagen. Ausgerechnet ich? Nein, danke. Ich bevorzuge meinen Pfeilbogen, der macht nicht so eine Sauerei wie ein Schwert!“ Baijak zuckte mit den Schultern. „Eine Drachenhaut ist dick und somit fast undurchdringbar mit Ausnahme eines Drachen-schwertes. Du kannst keine andere Wahl.“ Meleficent seufzte: „Und wo finde ich so ein Schwert?“ Wieder zuckte er mit den Schultern. „Das weiss ich nicht.“ Meleficent nickte, bedankte sich noch einmal bei Baijak und bog in eine andere Strasse ab.

 

 

 

 

 

 

 

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