"Typisch für dich"

Kais Geburtstag sollte in der Tat eine große Sache werden. Obwohl unsere Mitschüler ihn nicht besonders mochten, hatten sie alle zugesagt und so fand ich mich bereits am Ende der Woche in Kais Haus wieder, um bei den Vorbereitungen zu helfen.

Als Gastgeber konnte ich ihn mir kaum vorstellen und so, wie es aussah, war das auch eher Rays Part. In der Küche stand bereits das aufgebaute Buffet und er war eifrig damit beschäftigt, den Alkohol im Kühlschrank zu verstauen.

Kaum, dass wir mit allem fertig waren und die Zeit zum Sitzen fanden, kamen auch schon die ersten Gäste. Unter ihnen war natürlich auch Thalia, völlig übertrieben gekleidet. Sie schien noch immer nicht einzusehen, dass Kai sie nicht beachtete. Das tat er auch an diesem Tag nicht, grüßte sie nur knapp, als sie das Haus betrat und verweigerte sogar die Umarmung, die sie ihm aufdrängen wollte.

Im Laufe der Zeit teilten sich unsere Mitschüler in ihre üblichen Gruppen auf. Nur Jess, der noch nicht wirklich dazugehörte, stand einige Minuten etwas zurückhaltend in der Wohnzimmertüre, bis er schließlich von Robin aufgefordert wurde, sich zu ihm zu stellen.

Die beiden schienen sich auf Anhieb gut zu verstehen, waren rege in ein Gespräch vertieft. Mir war es gleich, denn ich wunderte mich viel mehr darüber, dass er überhaupt erschienen war. Er wohnte erst wenige Tage in Spellington, kannte beinahe niemanden. Kai hatte ihn nicht besonders herzlich in Empfang genommen. Was also wollte er auf seinem Geburtstag?

Ich bekam am Rande mit, wie Kai Ray zuraunte, dass er die Türe nun geöffnet lassen würde, weil es ihm zu blöd sei, immer wieder hinzugehen, wenn es klingelt. Ray grinste bloß. Ihm war sehr wohl klar, dass sein bester Freund keine große Lust auf diese Feier hatte, aber wir konnten beide auch zufrieden feststellen, dass Kai sich gut benahm und sich sogar in das ein oder andere Gespräch verwickeln ließ.

Ich hielt mich in der Küche versteckt, gemeinsam mit Enya, die es vorzog, nicht allzu weit entfernt vom Alkohol zu sein. Auch sie gehörte eher zur verschlossenen Sorte Mensch und mochte solch große Ansammlungen nicht besonders. Sie schien sich wohl schon den ganzen Abend zu fragen, wieso sie überhaupt gekommen war, denn auch sie fand Kai bestenfalls merkwürdig. Ihr Blick ließ sogar eher darauf schließen, dass sie ihn nicht mochte.

Gemeinsam tuschelten wir leise über Thalias grauenvolles Kleid, als ich im Hintergrund bemerkte, wie jemand verunsichert den Flur betrat.

„Lukasz?“

Er strahlte, als er mich entdeckte und kam gleich auf mich zu. Es schien fast so, als würde er sich bei uns in Sicherheit bringen wollen, bevor er überhaupt jemanden zu Gesicht bekam. „Ein bekanntes Gesicht.“

„Sind sie dir nicht alle bekannt?“ Ich schmunzelte. „Dein Café liegt schließlich direkt an der Schule.“

„Schon, aber die meisten Leute reden gar nicht mit mir“, wies er mich verwundert darauf hin, als ihm wohl auch Enyas distanzierter Blick auffiel.

„Du arbeitest im Café?“ Sie gehörte offenbar zu den genannten Leuten.

„Siehst du?“ Luk lachte und ein Hauch von Verzweiflung schwang darin mit. „Ich bin anscheinend völlig unsichtbar.“

Ich stellte die beiden einander vor und Enyas Gesichtsausdruck wurde sanfter. Sie grinste sogar.

„Lukasz, wie Lukasz` Café. Klar, macht Sinn.“

Sie ließ uns zurück und ich zog Luk mit ins Wohnzimmer, um auf Van zu deuten. Er brauchte Anschluss und musste ja nicht unbedingt mir den gesamten Abend am Rockzipfel hängen. Van klopfte ihm gleich erfreut auf die Schulter und ich lächelte zufrieden, weil Luk nun gut untergebracht war.

Mein Kontakt zu Lukasz war damals zuerst immer nur sporadisch. Meist sahen wir uns im Café, doch seit einigen Tagen sah ich ihn auch außerhalb. Wir verstanden uns sehr gut und sogar Kai schien ihn auf Anhieb zu mögen, was bei ihm nahezu an ein Wunder grenzte.

„Kai!“ Jess stand vor dem Wohnzimmerschrank und hielt einen Bilderrahmen in der Hand. „Wer is’n das?“

Der schenkte ihm nur kurz seine Aufmerksamkeit und wies ihn an, das Foto wieder hinzustellen. Ich näherte mich Jess nur langsam, um ihn von eventuellen Dummheiten abzuhalten, da Kai ohnehin schon genervt genug war. Jess brauchte nicht auch noch Öl in das Feuer zu gießen.

Zumindest folgte er Kais Anweisung, hob dann aber plötzlich ein weiteres Bild hoch. „Und zu wem gehören die?“

Ich war inzwischen nah genug, um Rays Eltern darauf zu erkennen und als mein Blick ihn streifte, sah ich, dass er nur erstarrt dastand, in die Leere starrend. Noch immer war der Verlust ein heikles Thema für ihn.

Ohne zu zögern, ging ich die letzten Schritte auf Jess zu und riss ihm das Foto unwirsch aus der Hand. „Gehörten, du Idiot!“ Ich sprach leise, aber mein Unmut war kaum zu ignorieren. „Das sind Rays verstorbene Eltern.“

Jess‘ Lächeln erstarb. Mir wurde plötzlich klar, was ich da ausgesprochen hatte. Rays verletzter Blick und Jess` arrogantes Gehabe hatten mich in Rage gebracht und mir war rausgerutscht, was ich für mich hätte behalten sollen.

„Das war nicht nett von mir.“ Jess blickte mich schuldbewusst an. „Entschuldige, bitte.“

Ich seufzte und schüttelte den Kopf. „Wenn du ein Arsch sein willst, dann such‘ dir dafür einen anderen Ort.“

Jess lehnte sich lässig an der Wand an und trank einen großen Schluck aus seiner Bierflasche. „Ich habe eine Frage an dich.“ Er sprach ziemlich leise, als würde er nicht wollen, dass es jemand mitbekam. „Du kannst sie mir bestimmt beantworten.“

Ziemlich genervt stellte ich das Bild zurück an seinen Platz, verschränkte die Arme vor der Brust und starrte ihn an.

„Wie alt ist Ray?“ Jess lächelte leicht, als ich ihn nur abweisend anfunkelte. „Wenn das auf dem Bild seine verstorbenen Eltern sind und er hier mit Kai wohnt, von dessen Eltern es auch keine Spur gibt, drängt sich mir die Frage auf, wer hier verantwortlich ist.“

„Kai“, antwortete ich kühl. „Es ist sein Haus.“

„Hm.“ Jess nickte. „Sie sind beide nicht einundzwanzig.“

„Du bist auf einer Geburtstagsparty“, bemerkte ich brüsk. „Kai ist einundzwanzig.“

„Gut.“ Jess schien nicht lockerzulassen. „Aber die Allgemeinheit hier ist wie alt? Du bist siebzehn?“

„Achtzehn.“

Ich wusste genau, worauf er hinauswollte. Wie sehr wünschte ich mir in diesem Augenblick, dass er es einfach vergessen würde.

„Ray ist nicht einundzwanzig und somit auch nicht volljährig.“ Jess‘ Blick wanderte zu ihm.

„Vielleicht hat er sich nur etwas später für das Abitur entschieden?“ Ich hoffte, ihn irritieren zu können.

„Kai hat das offensichtlich, ja.“ Jess beugte sich zu mir. „Aber nicht Ray und ich sehe in deinen Augen, dass ich Recht habe. Ist es nicht so?“

Ich starrte ihn bloß an und versuchte dabei unfreundlich auszusehen, doch es beeindruckte ihn nicht. „Was willst du, McKeown?“

Er hielt meinem Blick stand, blinzelte nicht mal. Er wusste es und ich konnte es nicht rückgängig machen. Die Frage war nur, was er mit dieser Information nun anfangen wollte.

„Nichts.“ Jess lächelte wieder freundlich, wich aber nicht zurück. „Ich wollte nur wissen, ob ich richtig liege.“

„Und?“ Ich konnte nicht lockerlassen. Es war mir rausgerutscht und nun musste ich die Sache wieder geradebiegen.

Nichts.“ Jess lachte leise und legte die Hand behutsam auf meine Schulter. „Was soll denn deiner Meinung nach jetzt passieren?“

„Du findest heraus, dass Ray gar nicht hier sein dürfte und sagst nichts mehr dazu?“ Das wollte ich wirklich nicht glauben.

„Es ist meine erste Woche hier, Douphne.“ Sein Lächeln verschwand und er sah mich ernst an. „Ich kenne Ray nicht, doch er macht einen netten Eindruck auf mich. Wieso sollte ich also infrage stellen, was hier läuft? Kai scheint für ihn Sorge zu tragen und wenn das funktioniert, wieso sollte ich mich dann einmischen?“

Verwundert sah ich ihn an. „Du meldest es also nicht?“ Mir gefiel nicht, in welche Richtung sich das Ganze entwickelte.

„Es ist jetzt unser Geheimnis.“ Jess hielt zwei Finger in die Luft. „Das verspreche ich dir.“

„Wieso habe ich das Gefühl, dass dein Schweigen einen Preis hat?“ Ich war verunsichert, traute ihm nicht.

„Nur einen kleinen“, bemerkte Jess nun und grinste. „Ich könnte einen Freund in diesem Dorf gebrauchen. Es ist immer so schwer, neue Freundschaften zu schließen, findest du nicht auch? Naja, du weißt es ja selbst.“

Sein Blick wanderte zu Kai. Der sah in diesem Moment zu uns herüber. Ich lächelte schnell, als ich seinen fragenden Gesichtsausdruck bemerkte und er wandte den Blick wieder von uns ab.

„Ich denke, dass mein Leben hier etwas leichter wird, wenn ich einen Kumpel habe.“

Energisch schüttelte ich den Kopf, sah Jess geradewegs in die Augen. „Kai wird nicht dein Freund. Das kannst du vergessen.“

„Das ist mir völlig klar.“ Jess lachte herzlich. „Ich will, dass du mein Kumpel bist.“

Überrascht sah ich ihn an, denn damit hatte ich nicht gerechnet. „Das ist nichts, was man mit einem Knopfdruck einfach anstellen kann.“

„Natürlich, du hast Recht.“ Jess legte den Arm um mich und zog mich an sich. „Du könntest ja für den Anfang einfach nett Hallo sagen, wenn du mich siehst. Das wäre schon ein Fortschritt, oder?“

Mir blieb wohl kaum eine Wahl. Ich war mir nicht sicher, ob er mich wirklich erpressen wollte oder ob er meine Loyalität zu Ray einfach schamlos ausnutzte, doch ich konnte kein Risiko deswegen eingehen.

„Immer nett, neue Freunde zu finden.“ Ich konnte selbst hören, dass meine Stimme kühl klang und zwang mich deshalb, zu lächeln.

„Douphne?“

Jess zog seinen Arm zurück und ich drehte mich überrascht um. Ziemlich erschrocken nahm ich wahr, dass Ian hinter mir stand. Mein Blick streifte hektisch die Umgebung. Kai schien ihn noch nicht bemerkt zu haben, denn er stand mit dem Rücken zu uns. Robin und Ray bemerkten ihn allerdings und Ray löste sich aus seiner Gruppe, um sich zu uns zu stellen.

„Was tust du hier?“ Ich wandte mich an Ian. „Es ist Kais Geburtstag.“

„Ich weiß“, bemerkte dieser hastig und hielt eine Flasche Whiskey hoch. „Ich habe ein Geschenk.“

Er lächelte unsicher und wartete auf meine Reaktion. Stattdessen meldete sich nun aber Ray zu Wort.

„Ich habe ihn eingeladen.“

„Ian, stell‘ die Falsche einfach in die Küche“, wies ich ihn an und kaum war er verschwunden, wandte ich mich leise an Ray. „Bist du verrückt geworden? Hast du vergessen, was beim letzten Mal passiert ist?“

„Aber du hast ihn vermisst.“ Ray lächelte liebevoll. „Du hast es in den Ferien erwähnt und deshalb habe ich ihn gefragt, ob er kommt. Er und Kai sollten die Chance bekommen, ihre Differenzen auf Eis zu legen.“

Ich konnte ihn nur ungläubig anstarren.

„Warst du es nicht, der mir erzählt hat, dass Kai ihm gedroht hat?“ Ich spürte die Anspannung in meinem Körper und machte mir Sorgen. „Dass er ihm alle Knochen brechen wird, wenn er nochmal in meine Nähe kommt?“

„Komm‘ schon.“ Ray versuchte, mich zu beruhigen. „Das wird er natürlich nicht tun.“

„Solange du dir da sicher bist“, murmelte ich, als Ian sich wieder zu uns stellte.

Ray hatte eigentlich nichts falschgemacht. In der Tat hatte ich Ian in den Ferien erwähnt, weil er mir fehlte und ich es nicht gut fand, wie sich unsere Wege getrennt hatten. Ray meinte es nur gut, doch Kai war einfach unberechenbar und ich fürchtete mich vor seiner Reaktion.

Jess nutzte den Moment, als Ray und Ian sich kurz unterhielten, und beugte sich zu mir. „Deswegen will ich nur einen Kumpel.“ Er flüsterte es mir ins Ohr. „Ist doch anstrengend, wenn man zwei hat, die sich nicht leiden können.“

Er grinste und machte sich scheinbar einen Spaß daraus, bis ihm meine Anspannung auffiel. Sanft strich er mir mit der Hand über den Rücken, ließ sie dort ruhen.

„Locker bleiben.“ Er wandte sich lächelnd an Ian. „Ich bin Jess, ein Freund von Douphne.“

Der stellte sich ebenfalls höflich vor, doch er schien nicht genau zu wissen, was er sagen sollte. Ray starrte mich verwundert an, als ihm auffiel, dass Jess‘ Hand auf meinem Rücken lag.

Jess sah zu Kai, dann wieder zu Ian und klopfte ihm auf die Schulter. „Nett, dich kennengelernt zu haben.“

Dann ließ er uns zurück und stellte sich zu Robin.

„Muss ich das verstehen?“ Ray musterte mich kritisch.

„Offenbar schließe ich schnell Freundschaften?“ Ich lächelte dezent und war froh, dass er sich mit dieser Antwort zufriedengab und Ian und mich schließlich alleine zurückließ.

Dieser griff augenblicklich nach meiner Hand. „Freust du dich?“

Ich beäugte ihn misstrauisch und zuckte mit den Schultern. „Da bin ich mir nicht wirklich sicher.“

Das stimmte, denn mir war die Gesamtsituation nicht geheuer.

Ian nickte einsichtig und sein Händedruck wurde intensiver. „Es tut mir leid, dass ich dich so angefahren habe beim letzten Mal. Du hättest mir sagen können, was Ma…“

„Nein!“, ermahnte ich ihn leise, aber eindringlich. „Rede nicht mit mir darüber. Nie wieder und vor allem nicht hier, hörst du? Ich habe es hinter mir gelassen und werde es nicht wieder aufgreifen, weil du ein schlechtes Gewissen hast. Es ist alles in Ordnung.“

Ich wollte die Sache mit Matt wirklich nicht wieder zum Thema machen.

„Ist zwischen uns denn auch alles in Ordnung?“ Ian warf mir einen traurigen Hundeblick zu.

Natürlich wollte ich ihm verzeihen, denn ich mochte ihn. Eifersucht war schließlich keine Straftat.

„Schmeißt du mir wieder wüste Behauptungen an den Kopf?“ Ich musterte ihn kritisch.

„Bevorzugst du immer no… Ray hat mich eingeladen.“

Irritiert sah ich ihn an, bis mir klarwurde, weswegen er plötzlich so nervös reagierte.

„Das habe ich inzwischen auch erfahren.“ Kai klang kühl, stellte sich neben mich und ließ die Hände in den Hosentaschen verschwinden.

Ian nickte etwas unsicher und deutete dann auf die Küche. „Ich habe dir Whiskey mitgebracht.“

„Das wäre nicht nötig gewesen.“ Kai klang sehr distanziert und schien noch angespannter zu sein, als ich es wegen Jess gewesen war.

Für einen kurzen Augenblick überlegte ich, ihm die Hand beruhigend auf den Rücken zu legen, doch da es mir nicht geholfen hatte, würde es wohl bei ihm erst Recht keinen Sinn ergeben.

Kai und Ian hatten definitiv unüberwindbare Differenzen. Der Grund war ich, das war mir klar, doch ich konnte auch nichts daran ändern. Ian stand unter dem Verdacht, ein Mädchen vergewaltigt zu haben und deshalb duldete Kai ihn nicht in meiner Nähe.

Ian hatte mir die Sache erklärt und es klang auch plausibel, deshalb glaubte ich ihm, dass nichts an der Geschichte dran war. Kai ließ sich allerdings nicht überzeugen und hielt mich für naiv.

„Ich bin hier, um mich zu entschuldigen“, fuhr Ian unbeirrt fort. „Bei unserem letzten Aufeinandertreffen habe ich mich aufgeführt, wie ein Vollidiot.“

„Was du nicht sagst“, bemerkte Kai trocken.

Die Spannung in der Luft war deutlich zu spüren, doch bisher gab es keine Anzeichen von bevorstehender Gewalt.

„Es ist doch nett, dass er deswegen extra hergekommen ist, nicht wahr?“ Ich ging einen Schritt auf Kai zu und legte meine Hand an seinen Arm, um ihn zu beschwichtigen.

Vielleicht würde es ja doch etwas bringen. Ich hoffte es wirklich, hätte es aber vermutlich besser wissen müssen.

„Wenn er deswegen hier ist, dann hat er ja geschafft, was er wollte.“ Kai sah mich an und klang etwas freundlicher dabei. „Dann kann er jetzt wieder gehen.“

Ich senkte den Blick. Mir war klar, dass er von Ians Anwesenheit nicht begeistert war.

Kai schien zu erwarten, dass er nun kommentarlos verschwinden würde, doch das tat er natürlich nicht. Es schien nur noch ein falsches Wort zu fehlen, dann würde einer der beiden seinen Anstand verlieren.

„Ich bin natürlich auch wegen Douphne hier.“ Ian klang nun wieder etwas selbstbewusster. Er wollte Kai offenbar dazu bewegen, bleiben zu können. „Nicht nur, um mich zu entschuldigen.“

„Siehst du und das habe ich mir schon gedacht.“ Kai klang plötzlich erheblich unfreundlicher. „Du verschwindest jetzt.“

Es klang wie die letzte Chance, die er ihm gab und es schien mir durchaus angebracht, der Aufforderung einfach nachzukommen. Immerhin war es Kais Geburtstag und wenn er ihn nicht dahaben wollte, war das sein gutes Recht.

„Nein!“

Ich zuckte zusammen, als ich es Ian entschlossen sagen hörte. Mir war sofort klar, dass es ein Fehler war.

„Wie bitte?“ Kais Stimme klang gereizt.

„Ich gehe nicht.“ Ian sprach es entschieden und laut aus. Auch er war plötzlich weit davon entfernt, nett zu ein. „Was ist dein Problem? Ich habe mich entschuldigt, bei dir und auch bei Douphne. Ich habe dir ein Geschenk mitgebracht und mich nett verhalten! Wieso wirfst du mich trotzdem raus?“

Die Stimmung im Raum veränderte sich schlagartig und die Musik verstummte. Auch die anderen bekamen das laute Wortgefecht mit und ihre Neugier war geweckt. Ray sah mich an und verstand, dass er einen Fehler gemacht hatte. Dass es aber ausgerechnet Ian war, der es wirklich darauf anlegte, Streit zu provozieren, übertraf meine Befürchtungen.

„Ich wurde eingeladen“, bestand er darauf.

„Nicht von mir“, erwiderte Kai.

„Vielleicht kannst du deinen Groll gegen mich für einen Moment vergessen.“ Ian wurde wütend. „Denn vielleicht solltest du mal damit aufhören, dich wie Douphnes Retter aufzuspielen. Sie muss nicht vor mir beschützt werden. Ich bin nicht Matt!“

Es war Robin, der plötzlich hervortrat und ihn ansprach. „Es wird Zeit, dass du verschwindest.“

Es war kaum zu glauben, dass der Vorfall auf der Klassenfahrt dafür sorgte, dass er so loyal zu Kai hielt. Ian ignorierte ihn allerdings.

„Spiel‘ dich nicht wie ihr Freund auf!“ Er starrte Kai wütend an. „Der bist du nicht! Es war nicht schwer, herauszufinden, wer du bist! Und noch leichter war es, deinen Ruf zu überprüfen! Wenn sich also jemand von Douphne fernhalten sollte, dann wohl du. Bevor sie auf deiner netten Liste die Nächste ist!“

„Das denkst du, ja?“ Kai lachte bloß abfällig.

„Du hast hier eine hübsche Frau vor dir“, wies Ian ihn aufgebracht darauf hin. „Willst du etwa so tun, als wäre dir das bisher nicht aufgefallen?“

„Meinst du, das weiß ich nicht?“ Kai starrte ihn an und in seinem Blick lag pure Verachtung für sein Gegenüber. „Ich habe Augen im Kopf!“

„Und trotzdem willst du jetzt behaupten, dass dich ihre Nähe kaltlässt?“ Ian schrie schon beinahe. „Ausgerechnet dir soll das egal sein?“

Ich hielt mir fassungslos die Hände vor die Augen. Es war klar, dass Ian leicht herausfinden konnte, wo Kai herkam und wie er gelebt hatte, doch das jetzt auf seinem Geburtstag gegen ihn zu verwenden, war einfach nicht in Ordnung.

„Ian …“

„Douphne, kennst du ihn überhaupt?“ Er unterbrach mich herrisch. „Du weißt nicht, wofür er bekannt ist. Er ist nicht an einer Freundschaft mit dir interessiert und erst recht nicht an einer Beziehung. Er …“

„Ich weiß ganz genau, wovon du sprichst“, ermahnte ich ihn und versuchte, beruhigend auf ihn einzuwirken. „Ich kenne diese Geschichten und ich weiß, wo er herkommt. Ich war in den Ferien mit ihm dort.“

Ian schien völlig perplex zu sein.

„Und du gibst dich immer noch mit ihm ab?“ Er wurde noch lauter.

Ich erkannte ihn gar nicht wieder, so aufgebracht war er. Dann ging er plötzlich auf Kai zu und ich schoss vor, um dazwischen zu gehen.

Ian ging offenbar nun davon aus, dass ich Kais neueste Eroberung war und er schien sich von dem Gedanken nicht abbringen lassen zu wollen.

Ich griff fest an seinen Arm, um ihn zurückzuhalten. „Ian!“

„Sei still!“ Er packte mich grob am Handgelenk und stieß mich von sich, als mir bereits ein erschrockener Laut entfuhr, der den leichten Schmerz wiederspiegelte, den er mir damit zugefügt hatte.

Ich starrte ihn bloß an, hielt mir den Arm. Das hatte wehgetan. Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen, doch ich wusste, was passieren würde, konnte es in Kais Augen sehen.

Ian war zu weit gegangen und ich wusste wirklich nicht, was in ihn gefahren war. Er war eifersüchtig, das war mir klar. Doch, dass er sich darin verrennen würde, schockte mich.

„Wieso hast du ihr auf der Klassenfahrt geholfen, he?“ Ian schrie Kai an, völlig in Rage. „Nur, damit du dich selber an sie ranm…“

Weiter kam er nicht.

Kai schlug ihm mit der Faust geradewegs in das Gesicht und brachte ihn somit zum Schweigen. Blut lief Ian über das Kinn und er starrte sein Gegenüber wütend an. Sein Blick konnte allerdings nicht ansatzweise mit dem von Kai mithalten.

„Ich habe dich gewarnt!“ Kai brüllte ihn an, angespannt, den Blick voller Hass. „Ich habe dir gesagt, was passieren wird, wenn du wieder aufkreuzt und sie nicht in Ruhe lässt! Trotzdem habe ich dich ruhig gebeten, zu verschwinden!“

Ian antwortete nicht, warf sich stattdessen auf ihn und es folgte ein Schlagabtausch, bei dem ich nicht sehr gut folgen konnte. Beide landeten Treffer in die Rippen des anderen. Schläge in den Magen und in die Gesichter wurden verteilt. Es endete damit, dass Kai die Oberhand gewann. Ian lag auf dem Boden, Kai kniete über ihm. Immer wieder schlug er auf ihn ein. Selbst, als Ian nachgab und keine Gegenwehr mehr leistete.

„Kai“, rief ich. „Es reicht jetzt! Ihr habt beide klargemacht, was ihr denkt. Jetzt ist genug!“

Er reagierte nicht, verpasste Ian nur einen weiteren Schlag auf den Kopf. Robin und Luk eilten herbei, griffen Kai an den Armen und verschafften Ian so die Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Kai wehrte sich und versuchte, sich ihrem Griff zu entziehen, um erneut auf Ian loszugehen.

Der kam nur schwer wieder auf die Beine, doch als er stand, warf er mir einen Blick zu.

„Wenn so einer dein Freund sein soll …“, brummte er und wischte sich mit der Hand Blut aus dem Gesicht. „Bitteschön. Hoffentlich bist du stolz auf die Wahl, die du getroffen hast.“

„Nicht er hat angefangen“, ermahnte ich ihn wütend und deutete auf meinen Arm, der leicht pochte.

„Aber er war der, der nicht aufhören konnte, als es zu Ende war.“ Ian wies Van ab, der ihn nach draußen bringen wollte und verschwand.

Zurück blieb eine schweigende Meute, fassungslos und sprachlos über die Geschehnisse. Mein Blick fiel auf Kai. Der wiederrum kochte noch immer vor Wut, doch das war nichts Neues.

Luk brachte ihm ein Taschentuch für seine blutende Lippe, während er sich etwas beruhigte und versuchte, die Blicke der entsetzten Mitschüler zu ignorieren. Was auch immer diese Party beweisen sollte; Es war nach hinten losgegangen.

„Alles klar?“ Ray klang schuldbewusst, immerhin hatte er Ian eingeladen.

„Hab‘ schon Schlimmeres erlebt“, gab Kai bloß zurück und unsere Blicke trafen sich.

Die Wut stand ihm noch immer in das Gesicht geschrieben, doch sie galt nicht mir, das wusste ich.

„Hauptsache, du fühlst dich jetzt besser.“ Ich spürte allerdings Wut auf ihn. Auf alle beide.

Sie hatten sich aufgeführt, wie Raufbolde. Ich hasste es, dass alle um uns herum Kai nun ansahen, als wäre er der furchtbarste Mensch in ganz Spellington.

Ich bemerkte auch Jess‘ Blick, der vermutlich geschockt war. Wenn es aber wirklich so war, dann ließ er es sich nicht anmerken. Er starrte Kai einfach nur an und sein Gesicht zeigte keine Regung.

Kai wirkte irritiert. „Nein, ich fühle mich nicht besser.“

„Konntest du dich nicht einfach zusammenreißen?“ Ich fuhr ihn an, fassungslos. „Dir macht sowas Spaß, nicht wahr?“

„Nei…“

„Bestimmt, weil sonst wäre dir vielleicht mal etwas anderes eingefallen, als wieder nur die Fäuste zu benutzen!“

„Das stimmt nicht“, setzte Kai sich zur Wehr.

„Gib’s doch zu und red‘ dich jetzt nicht raus“, ermahnte ich ihn. „Es steht dir ins Gesicht geschrieben! Du liebst es, Dinge so zu regeln!“

„Sei still!“ Er kam auf mich zu und baute sich vor mir auf, doch ich wich nicht zurück und starrte ihm wütend entgegen. „Du hast Recht! Ich bereue es nicht, weil er es nicht anders verdient hat! Dem Kerl seine Grenzen aufzuzeigen, hat mir sogar Spaß gemacht! Ich wollte mich aber nicht beweisen, Douphne! Ich konnte nicht tatenlos zusehen, wie er dich verletzt!“

Ich stöhnte genervt auf und verschränkte die Arme. „Du kannst mir nicht erzählen, dass du das alles immer für mich tust! Du hast genug Differenzen mit genügend Leuten! Schieb‘ mich doch nur ein einziges Mal nicht als Grund vor!“

Kai starrte in die Menge. Sein Blick sollte sie wohl alle in die Flucht jagen, doch niemand rührte sich.

„Du siehst anscheinend nicht, was für Idioten sich an dich ranmachen!“ Er klang um einiges wütender, als ich. „Du denkst, dass du ihm vertrauen kannst, weil er dir eine dumme Geschichte aufgetischt hat? Wieso glaubst du ihm dieses Märchen? Gerade du, gerade nach …“

Er hielt inne, wollte die Sache mit Matt nicht laut aussprechen.

„Und du meinst, dass du Menschen wie Ian besser einschätzen kannst, als ich?“ Ich schüttelte leicht den Kopf.

„Ja, genau das denke ich.“ Kai sprach immer noch sehr laut. „Denk‘ mal darüber nach. Seit Alex weg ist, bist du nicht mehr dieselbe. Ich meine damit jetzt nicht diesen kühlen und trotzigen Blick, mit dem du mich jetzt gerade ansiehst, aber du hast etwas verloren. Deine weibliche Intuition, oder wie ich es nennen soll.“

Das war einer dieser Momente, in denen ich daran zweifelte, dass es eine Zukunft für uns gab.

„Fein.“ Ich murmelte es nur noch. „Dann muss ich mich ja nicht mehr um irgendwas bemühen. Wenn du sagst, dass es so ist, dann muss es ja stimmen, denn du kennst die Menschen besser, als ich. Nur wer in diesem Raum, außer dir, ist wohl in der Lage, mich zu erleuchten und mir zu sagen, ob du es überhaupt Wert bist, dass ich mich so reinhänge?“

Ich verließ den Raum und verschwand nach oben, um der Situation aus dem Weg zu gehen. Ich wusste nicht, ob ich wütend oder traurig sein sollte. Meine Aussage war dementsprechend gemein gewesen, doch ich war verletzt von seinen Worten und wollte es ihm zeigen.

Kai sah Ray an, doch der stand nur mit verschränkten Armen vor ihm. „Worauf wartest du?“ Er sah ihn fordernd an. „Beweg‘ sofort deinen Arsch nach oben und entschuldige dich!“

Dieses eine Mal schien Kai seinen Fehler selber einzusehen und folgte mir beinahe intuitiv, noch bevor Ray den Satz ganz aussprechen konnte.

„Du störrische …“ Er sprang einen Schritt zurück, als ich ihm die Türe vor der Nase zuschlug. „Hey, verdammt! Das ist mein Zimmer, als sperr‘ mich gefälligst nicht aus!“

Er stieß die Türe auf und schloss sie hinter sich, während er tief durchatmete. Ich saß auf seinem Bett und starrte bloß auf meine Hände.

Kai kam auf mich zu, doch ich wich ein Stück zurück und wies ihn mit der ausgestreckten Hand an, Abstand zu halten.

„Was?“ Er klang verständnislos. „Ich darf nicht näherkommen? Hast du etwa Angst vor mir?“

Es war eine gute Frage. Jeder Mensch in der unteren Etage hatte wohl in diesem Augenblick Angst vor ihm. Jeder bei klarem Verstand, der Kais Ausbruch mit eigenen Augen gesehen hatte.

Vermutlich war ich aber nicht bei klarem Verstand. Ich fürchtete mich nicht vor Kai, auch nicht in diesem Augenblick. Obwohl er die Kontrolle über sich verloren hatte.

„Streiten kann nicht alles sein, was wir können“, bemerkte er ruhig. „Also lass uns versuchen, das ruhi…“

„Magst du mich?“

Ich überrumpelte ihn mit dieser Frage, das konnte ich ihm sofort ansehen. Aber ich wollte eine Antwort, musste es einfach wissen. Ich brauchte einen Grund, weiterhin zu ihm zu stehen und ihn nicht fallenzulassen.

„Darauf werde ich dir nicht antworten.“ Kai schüttelte den Kopf, klang aber nicht so kühl dabei, wie sonst.

„Typisch für dich!“ Ich sprang vom Bett auf und versuchte, an ihm vorbeizueilen, doch er stand vor der geschlossenen Türe und versperrte mir den Weg.

Ich starrte ihn trotzig, wie er es nannte, an und wollte die Arme wütend verschränken, als ich zusammenzuckte, weil mir das Handgelenk wehtat.

Kai seufzte, griff vorsichtig danach, sah es sich an. „Ich finde, das hier ist Antwort genug. Du erkennst sie nicht, aber ich bin kein Mensch, der gerne über solche Dinge redet.“

Erst da dämmerte es mir. Kai hatte die Kontrolle verloren, aber erst, nachdem Ian mich grob gestoßen hatte.

„Du bist deswegen wütend geworden.“ Ich sah auf meinen Arm, den er noch immer leicht in seiner Hand hielt.

Kai nickte langsam. „Wenn du mir völlig egal wärst, oder ich dich nicht leiden könnte, dann wäre mir das hier egal gewesen. Es gab genug andere Leute im Raum, die dich verteidigt hätten.“

„Aber du bist ihnen zuvorgekommen“, bemerkte ich einsichtig und unsere Blicke trafen sich. „Aber kannst du nicht trotzdem …“

Kai gab sich Mühe, ruhig zu bleiben, als er mich unterbrach, doch besonders gut gelang es ihm nicht. „Dir soll sowas nicht passieren! Ich habe genug erlebt! Mein Leben war die letzten Jahre nicht einfach, Douphne! Du kannst mich nicht einfach für ein Arschloch halten, weil ich einige Menschen hier nicht leiden kann! Ich habe Tag für Tag in meinem verfluchten Zimmer gesessen und darauf gewartet, dass der Mann, der mich lieben sollte, mich schlägt! Mir hat niemand geholfen, denn alle hatten Angst vor meinem Vater! Wenn ich sehe, wie sich Ian, ein Fremder mit einer schlechten Vorgeschichte, in deiner Nähe aufhält und ich jetzt auch noch feststellen muss, dass er fähig ist, dich grob zu behandeln, dann weiß ich nicht, wozu er vielleicht noch in der Lage ist. Ich kann einfach nicht zulassen, dass du ein Risiko bei diesem Kerl eingehst. Ich hatte niemanden, der mich beschützt hat, als ich Schutz gebraucht hätte. Dadurch bin ich zu dem geworden, der ich jetzt bin. Ich habe meine Angst verloren, aber du hast Angst, also lass‘ mich dir helfen, wenn ich es vor dir merke!“

Ich lächelte leicht. „Du merkst vor mir, wenn ich Angst habe? Wie soll das gehen?“

Kais Blick war ernst und er starrte mich eindringlich an. „Heute habe ich es in deinen Augen gesehen. Auch, wenn es nur für einen kurzen Moment war, aber du hattest Angst vor Ian, als er dich gepackt hat.“

„Ich hatte auch schon Angst vor dir, wenn du mich so gepackt hast.“ Ich mied seinen Blick nicht, sah ihm sanft in die Augen.

Kai seufzte erneut. „Aber habe ich dir jemals wehgetan?“

Nein, das hatte er nicht. Ich stand da, sah auf meinen Arm, dann wieder zu ihm. Vermutlich hatte er Recht. Ich verstand seine Beweggründe und freute mich sogar ein bisschen über die wohl wichtigste Information aus diesem Gespräch. Kai mochte mich. Keine Ahnung, wie das genau in der Zukunft aussehen sollte, aber er mochte mich.

Ich lächelte zufrieden und entzog ihm meinen Arm. „Jeder hat doch zwischendurch mal vor etwas Angst, oder nicht? Du bist da bestimmt keine Ausnahme, Kai.“

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