Wings (Kapitel 10 Teil 1)

Als mein Handy klingelte, machte mein Herz einen Sprung. Alex rief an… Endlich war er von seiner Reise zurück, ich konnte ihn bald wiedersehen. Ich folgte der Musik meines Klingeltons und fand das Handy auf meinem Bett.
»Hallo« flüsterte ich aufgeregt, ohne nachzuschauen, ob es wirklich Alex war.
»Blanka« die vertraute seidige Stimme am anderen Ende der Leitung zauberte ein Lächeln auf mein Gesicht.
»Du bist zurück« stellte ich freudig fest.
»Ja, das bin ich« bestätigte Alex. Ich nahm wahr, wie auch er lächelte.
»Wie war es?«
»Wien ist schön. Ich habe viel gelernt, es war sehr interessant. Aber lieber wäre ich mit dir verreist. Ans Meer.«
Ich stellte mir vor, wie wir Hand in Hand am Strand spazieren und im Schatten der Palmen einen Cocktail schlürfen.
»Ich hätte dich gerne begleitet« bei dem Gedanken konnte ich nicht aufhören zu schmunzeln.
»Nächstes Mal, Blanka. Dann nehme ich dich mit.«
»Das ist noch weit weg.«
»In den Sommerferien könnten wir zusammen verreisen« sagte Alex sanft.
»Hmm« ich hatte mir noch gar keine Gedanken über die Sommerferien gemacht. An einen gemeinsamen Urlaub mit Alex war jedoch nicht zu denken – meine Eltern hätten zu viel auszusetzen, schließlich kannten sie Alex nur aus Erzählungen. Wie in den letzten paar Jahren, wird auch diesen Sommer meine Hauptbeschäftigung aus verschiedenen Ausdauersportarten bestehen. Und aus den Treffen mit Alex. Zwei Monate frei zu sein war ein schöner Gedanke.
»Wann treffen wir uns?« wollte ich wissen.
»Wann ist die Feier? Am Freitag, stimmt’s?«
»Genau.«
»Heute ist Dienstag. Oh…« Alex stockte.
»Was denn?«
»Ich muss bis Donnerstag eine Seminararbeit abgeben.«
Das bedeutete, dass er bis Donnerstag keine Zeit für mich finden wird. Ich wurde sofort traurig, ließ es mir aber nicht anmerken.
»Dann sehen wir uns bis Donnerstag gar nicht?« fragte ich vorsichtig.
»Leider nicht« bestätigte er meine Vermutung.
Ich war eine Weile stumm, bis Alex das Schweigen brach.
»Tut mir leid, Liebes. Ich möchte dich nicht mit dem ganzen Unistress belasten« Alex’ Stimme klang besorgt.
»Schon gut, Mr. Anwalt« scherzte ich, um die Stimmung zu lockern.
»Mr. Anwalt… Hört sich gar nicht so schlecht an« Alex lachte herzhaft.
»Also sehen wir uns am Freitag?« wollte ich wissen.
»Freitag wäre nicht optimal… Da haben wir ja schon Pläne und am nächsten Tag fährst du ins Klassenlager« er klang verunsichert.
»Donnerstag?«
»Wir könnten Essen gehen« schlug er vor.
»Das wäre eine tolle Idee« antwortete ich begeistert.
»Um halb sieben, dort, wo alles begann?«
Das Geschäft in der Stadt. Wo ich ihn mit dem Einkaufswagen fast überfahren hatte.
»Ich werde dort sein« sagte ich.
Alex lachte und ich spürte, wie sich meine Stimmung verbesserte. Die dünne Wand, die sich während seiner Abwesenheit zwischen uns aufgestellt hatte, zerbröckelte allmählich. Er erzählte mir von seinem Aufenthalt in Wien und ich hörte ihm aufmerksam zu, ehe ich über meine schönsten Momente mit Stella berichtete. Nachdem wir uns voneinander verabschiedeten, überkam mich die Vorfreude auf unser Treffen am Donnerstag. Dass mein Blick auf den Kalender fiel, in dem der Freitag rot eingekreist war, half mir auch nicht, meine Sinne zu beruhigen. Diese Woche würde ich das Schulgebäude von innen das letzte Mal im Semester sehen, danach ging es ins Klassenlager und gleichzeitig in die Sommerferien.
Der Mittwoch verging schnell. Am Vormittag lief ich einige Runden im Park, am Nachmittag trafen wir uns mit Stella in der Schule und holten unsere Zeugnisse ab. Dieses Halbjahr, was vermutlich Alex zu verdanken war, konnte ich meine Noten verbessern. Überglücklich spazierte ich nach Hause und genoss die sanften Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Am späten Nachmittag plante ich die Tour, die ich diese Nacht vorgehabt hatte. Nach dem Einbruch der Dunkelheit stellte ich jedoch fest, dass es aus mehreren Gründen unvorteilhaft wäre, gerade heute fliegen zu gehen. Erstens wäre ich am Donnerstag erschöpft und könnte das Rendezvous mit Alex nicht in vollen Zügen genießen. Der zweite Grund – weshalb es auch schwierig wäre, das Haus unbemerkt zu verlassen – war die Anwesenheit meiner Eltern. Da sie sich ein langes Wochenende gegönnt hatten und die nächsten vier Tage nicht arbeiten würden, ging ich davon aus, dass sie sich später als üblich schlafen legen würden.
Nachdem ich nichts zu tun hatte, räumte ich den Koffer nach zwei Wochen langem Betteln meiner Mutter ein. Dabei wurde ich das Gefühl nicht los, etwas vergessen zu haben und schlichtete alles um, bis ich den Koffer wieder halb ausgeleert unter das Bett schob. Die Nervosität stieg mit jeder Minute, mein Herz klopfte wild gegen meinen Brustkorb.
Am Donnerstag sprang ich aus dem Bett, sobald mein Wecker ertönte. Ich fühlte mich fit und ausgeschlafen und war froh, dass ich vorigen Abend die Tour gestrichen hatte. Gereiztheit und schlechte Laune schienen Fremdwörter zu sein. Meine Eltern hatte ich schon am Dienstag über das Date mit Alex informiert. Sie wollten wieder wissen, wann sie ihn endlich kennenlernen durften. Ich legte den Freitag als den großen Augenblick fest, schließlich gingen mir langsam die Ausreden aus. Ich fand es besser, wenn meine Eltern ihn anfangs nicht mit peinlichen Fragen belasten und mich in unangenehme Situationen bringen. Alex selbst wollte auch eher im Hintergrund bleiben, dennoch war er es, der vorschlug, dass er mich am Freitag abholt und wir gemeinsam zur Feier gehen. Was natürlich auch bedeutete, dass er meine Eltern kennenlernen und sich mit ihnen unterhalten wird. Ich war besorgt, aber nicht, weil mir Alex peinlich war – wie hätte mir so ein charmanter, gut aussehender Junge denn peinlich sein können? Nein, ich war besorgt, dass meine Eltern peinlich werden könnten. Vermutlich wie jedes Mädchen, das daheim seinen ersten Freund vorstellt.
Am späten Nachmittag stieg ich unter die Dusche und zog mich danach so hübsch an, wie noch nie in meinem Leben. Da keine meiner Schuhen wirklich zum kurzen schwarzen Kleid passte, grub ich das einzige Paar Highheels aus dem tiefsten Winkel meines Schrankes und hoffte, dass ich seit dem letzten Gebrauch nicht vergessen hatte, wie man auf hohen Absätzen läuft. Die wichtigsten Sachen verstaute ich in einer kleinen schwarzen Tasche und ging frühzeitig los, damit ich das Gehen noch üben konnte, bevor es ernst wurde.
Spazieren auf Stöckeln war zu meiner großen Überraschung leichter als ich es in Erinnerung hatte. Es war zwar nicht die bequemste Sache der Welt, aber ich war zufrieden und fühlte mich dadurch gleich viel selbstbewusster.
Alex wartete schon auf mich, als ich beim Geschäft pünktlich ankam. Er empfing mich mit einem breiten Lächeln und großen Augen, als sein Blick von meinem schwarzen Kleid zu den Schuhen wanderte. Ich errötete, weil ich mich noch nie so vor ihm gezeigt hatte, stellte dann ein wenig beruhigt fest, dass er mindestens genauso elegant angezogen war wie ich. Er trug eine engere schwarze Hose, dazu Lackschuhe und ein weißes Hemd, seine Haare waren perfekt gestylt. Als ich stehen blieb und ihn ebenfalls anlächelte, schloss er mich sofort in die Arme und drückte mir einen Kuss auf die Wange. Sein Parfüm erreichte meine Sinne und am liebsten wäre ich in dieser Umarmung länger verweilt.
»Du schaust bezaubernd aus« flüsterte mir Alex ins Ohr. »Und die Schuhe stehen dir gut. Die sind so richtig… Sexy.«
Ich lachte los und wurde gleichzeitig wieder rot. In Gedanken gab ich mir eine Ohrfeige, weil ich mich gerade so aufführte wie eine Zwölfjährige. Ich musste mich zusammenreißen und erwachsener rüberkommen. Schließlich war ich Alex’ Freundin und mir durften seine Komplimente nicht peinlich sein.
»Du schaust auch gut aus« sagte ich dann schnell. Doch das Wort „gut“ beschrieb nicht mal annähernd Alex’ Aussehen. Er sah verdammt attraktiv aus. Ich blickte in seine Augen und wir waren uns so nahe, dass ich dachte, unsere Lippen würden sich gleich berühren, doch Alex zog sich zurück. Enttäuscht wandte ich den Blick ab.
»Gehen wir« sagte er. »Ich habe eine Überraschung.«
»Wohin gehen wir?«
»Das ist die Überraschung« er nickte den Kopf zur Seite und griff in die rechte Tasche seiner Hose, aus der ein schwarzes Satintuch hervornahm. »Darf ich deine Augen verbinden?«
Seine unwiderstehliche Art verwandelte meine Enttäuschung in Vorfreude. Ich sah mich um, überall waren Menschen. Ganz viele Menschen. Fragend schaute ich wieder in Alex’ grünen Augen.
»Na und? Es geht die nichts an. Du siehst sowieso nichts und mir sind sie schlicht egal« erklärte er mit gespielter Gleichgültigkeit. »Das nennt sich Verführung. Wer das Wort nicht kennt, der tut mir echt leid.«
Alex brachte mich wieder zum Lachen, aber diesmal war es auch angebracht. Er wartete grinsend darauf, dass ich ihm die Erlaubnis gab.
»Also eigentlich hast du recht« sagte ich. »Dann bin ich gespannt, wohin du mich hinführst…« deutete ich auf mein Einverständnis.
»Du bist die Beste« er gab mir einen Kuss und bat mich dann, mich umzudrehen, damit er meine Augen verbinden konnte.

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