Wings (Kapitel 12 Teil 4)

Ein Erdbeben erschütterte die Wohnung und als ich die Augen aufmachte, lag ich nicht auf der Couch, sondern auf dem harten Boden eines Flugzeugs. Jemand hatte mir die Augenbinde runtergenommen, das grelle Licht blendete stark. Es war also nur ein Traum… Ein wunderschöner Traum, der nie wahr werden wird. Der Schmerz der Erkenntnis trieb mir Tränen in die Augen, ich rollte mich auf dem Boden zusammen.
Eine Frau brachte mir Essen, doch ich ignorierte sie. Ich wollte mit Alex sein und von ihm umarmt werden. Ich wollte, dass er mir sagt, dass alles nur ein böser Scherz war. Die Frau kniete sich zu mir und befreite meine rechte Hand aus den Handschellen, damit ich essen konnte. Dann schloss sie diese an eine Stange hinter mir, sodass ich mich nicht von der Stelle rühren konnte.
Nach einer Zeit gelang es mir, mich zu beruhigen. Die gekochten Kartoffeln vor mir erinnerten meinen Magen daran, dass er leer war. Hungrig zog ich den Teller zu mir, bevor jemand entscheiden konnte, mir doch kein Essen zu geben und aß die Kartoffeln mit enormer Geschwindigkeit auf.
Ich hatte noch Zeit, die Schnitte an meinem Handgelenk zu begutachten, ehe die Frau zurückkam. Zu meiner Erleichterung brachte sie nur schweigend den leeren Teller weg und ließ meine Hand unberührt.
Der Flieger setzte zum Landeanflug an. Drei Männer kamen in den Raum, zwei von denen kannte ich vom Abendessen. Der eine Unbekannte sperrte die Handschellen auf, aber nicht, um mich zu befreien, sonder um meine Handgelenke wieder gefangen zu nehmen. Als er meinen Arm berührte, zog ich die Hände eng zu mir, aber es half nichts, ich konnte mich nicht wehren. Er legte mir die Handschellen mit Gewalt an. Ich fluchte laut und schimpfte über die ganze Gruppe. Niemand schien meinen Worten allzu große Aufmerksamkeit zu schenken, die drei Männer standen geduldig an der Wand gegenüber und warteten. Ich fixierte sie und verfolgte jede einzelne ihrer Bewegungen. Mal schauten sie aus den kleinen Fenstern, mal starrten sie den Boden an und machten den Anschein, als würden sie sich langweilen. Alle drei hatten schwarze Stoffbekleidung an und sahen aus wie Ninjas oder Soldaten. Zum Glück trugen sie keine Waffen, sonst wäre ich längst in Panik geraten. Ihre schwarzen Kampfstiefel gefielen mir nicht, sie erinnerten mich an die örtlichen Rocker.
Das Flugzeug kam mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden auf. Ich war erleichtert, dass es nicht mehr abstürzen konnte. Gleichzeitig spürte ich auch, wie sich langsam die Panik in mir ausbreitete. Als sich der eine Mann zu mir bewegte, kugelte ich mich zusammen, konnte es aber nicht verhindern, dass er mir die Augenbinde wieder aufsetzte. Mich zu wehren hätte keinen Sinn gemacht, da meine Hände hinter dem Rücken gefesselt waren und ich mich wegen der Schmerzen in meinen Gliedern kaum bewegen konnte.
Nachdem der Flieger zum Stehen kam, strömten viele unbekannte Menschen in den Raum, die ich nicht sah. Hände hoben mich vom Boden. Ich versuchte zu stehen, doch meine Muskeln gehorchten mir nicht, sie waren viel zu schwach. Zwei Arme hielten mich, damit ich nicht zusammenbrach, und beförderten mich aus dem Raum.
Die schwüle Luft hatte einen anderen, unbekannten Geruch, den ich nicht kannte. Ich konnte mir nicht vorstellen, wo ich mich befand. Die Sonne erhitzte mein Gesicht, ich nahm die hellen Strahlen auch durch die Augenbinde wahr. Die Hände halfen mir den Treppen runter und hielten mich weiterhin fest. Meine Beine fühlten sich zwar ein wenig besser an, ich konnte dennoch nicht ohne fremde Hilfe stehen. Mein Magen drehte sich, als mich die Ereignisse daran erinnerten, dass er mich verraten hatte. Er, dem ich so sehr vertraut hatte.
Wir marschierten lange durch ein Gebäude. Vor und hinter mir hörte ich viele unterschiedliche Schritte.
Als wir stehen blieben, wurde eine Tür geöffnet.
»Steig ein« befahl mir jemand.
Ich erkannte die Stimme vom Boss. Die zwei Personen, die mich aufrecht hielten, halfen mir ins Auto und stiegen dann ebenfalls ein. Ich hatte den Drang, mich ganz eng an die Tür neben mir zu pressen. Eine Hand griff über meine Schulter und schnallte mich an. Ich hörte, wie die Türen von mindestens zwei weiteren Autos zugeschlagen wurden. Wir fuhren los.
Der Sitz war weich und bequem, die Fahrt war dennoch unangenehm. Meine Handgelenke waren hinter meinem Rücken mit Handschellen gefesselt und jede kleinste Bewegung tat weh, die Schnittwunden brannten stark. Die Straßen wurden mit jeder Minute überfüllter, wir mussten in einer Großstadt sein. Das Auto blieb oft bei Ampeln oder im Stau stehen, bog in kleinere und größere Straßen. Bei einer Ampel fing der Boss an, den anderen etwas zu erklären. Er sprach auf englisch und sehr schnell, mein Gehirn war zu müde, um seine Worte zu verstehen. Die Person neben ihm antwortete ihm – es war Alex. Ich musste mich zusammenreißen, um die Tränen zurückhalten zu können. Ich ertrug es nicht, seine Stimme zu hören, mit ihm in einem Raum zu sein, in dem Wissen, dass nichts mehr so sein wird wie es war. Jedes Wort verstärkte den Schmerz in meinem Magen, ich war kurz davor, mich zu übergeben.
»Nein…« flehte ich ihn an, damit er aufhört zu reden.
Das Gespräch verstummte für einige Sekunden, doch dann redeten sie weiter. Ich hielt es nicht mehr aus.
»Bitte nicht…« flüsterte ich so leise, dass ich mir nicht sicher war, ob sie mich gehört hatten. Doch das Gespräch verstummte dann aufs Neue und der Wagen hielt an.
»Wir sind da« teilte der Boss mit.
Ich rührte mich nicht, bis auf meiner Seite die Tür geöffnet wurde und ich aus dem Auto gehoben wurde. Jemand trat hinter mich und nahm mir die Augenbinde runter. Als der bekannte Duft meine Sinne erreichte, versteifte ich und hielt mich an dem Mann fest, der mich stützte. Auf keinen Fall durfte ich mich jetzt umdrehen. Ich konzentrierte mich auf die zwei Hochhäuser, zwischen denen wir uns befanden. Das Gebäude vor uns verdeckte die Sonne, wir standen in dessen Schatten.
Drei identische, schwarze Autos erschienen am Straßenende und hielten hinter dem ersten Wagen an. Sie waren groß und hatten abgedunkelte Fenster. Als alle ausstiegen, gingen wir durch einen engen Gang in das Gebäude. Trotz meiner erbärmlichen Lage bewunderte ich die Glasfassade des Haupteingangs, der sich links von uns befand, als wir den großen Empfangsraum betraten. Das Gebäude war von innen steril weiß und erinnerte mich an ein luxuriöses Krankenhaus.
Auf uns wartete schon eine große Gruppe von Männern und Frauen in weißen Kitteln, mit Namensschildern, viele von ihnen trugen Brillen. Mein Blick sprang von einem Gesicht auf das andere. Ich versuchte, mir Informationen über meine Lage zu verschaffen, doch die meisten Gesichter lächelten nur und versuchten, mich zwischen den riesigen Männern zu erblicken. Als wir vor ihnen stehen blieben, musterten sie mich mit großem Interesse.
Der Boss hielt eine Rede. Seine Sätze waren lang und aussagekräftig, die anderen hörten ihm aufmerksam zu und nickten leicht. So viel ich mitbekam, waren alle anwesende Personen Mitarbeiter dieses Instituts. Nachdem er seine Gedanken losgeworden war, bildeten sich kleinere Gruppen, die in alle Richtungen den Raum verließen.
Die wenige Personen, die mit mir im Empfangssaal blieben, kamen zum Boss. Es waren eine Frau, zwei Männer und Alex… Ich senkte den Blick, als er mir beiläufig in die Augen sah. Mir gelang es zwar, den Schmerz zu unterdrücken und mir nichts anmerken zu lassen, dennoch brannten meine Augen.
Wir gingen los, der Boss zeigte den Weg. Als ich den Blick wieder nach vorne richtete, stellte ich erleichtert fest, dass er alleinig vor mir ging. Alle anderen befanden sich hinter meinem Rücken. Wir durchschritten lange Gänge und breite Räume, meine Augen suchten einen Fluchtweg aus diesem Gebäude. Bei Gangkreuzungen warf ich einen langen Blick auf die querliegenden Gänge, mein Gehirn lief plötzlich auf Hochtouren und plante eine mögliche Flucht. Ich wusste, dass dies derzeit unmöglich war, aber ich schloss die Möglichkeit nicht aus. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich wieder fit war und fliegen konnte. Vielleicht war es schon in wenigen Tagen soweit, vielleicht erst in Wochen, aber ich musste es versuchen. Ich könnte das Vertrauen dieser Personen für mich gewinnen und sie dann irgendwie austricksen.
Meine Schritte wurden immer schwerfälliger, die Umgebung verwandelte sich in einen monotonen, grauen Fleck vor meinen Augen. Am Ende des Ganges sah ich nichts mehr, Dunkelheit legte sich über mein Sichtfeld. Ich fing an zu fallen, doch bevor ich mit dem Gesicht gegen den Boden schlug, fingen mich Hände auf und verhinderten den Sturz. In meiner Welt ging das Licht aus.

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