Ein Funken Hoffnung

Den restlichen Nachmittag verbrachte Suma schweigend. Generell schienen auch die anderen beiden kein Interesse an einer weiteren Konversation zu haben. Seine Gedanken schweiften immer wieder ab und er versuchte krampfhafter denn je sich daran zu erinnern, was passiert war, bevor er hier gelandet war. Doch sein Geist schien völlig leer zu sein und so stumpf wie die Regeln der Firma. Ein perfektes Mitglied in einem perfekten System. Ohne Gedanken und Gefühle, ohne einem Sinn, einer Bestimmung.
Plötzlich lachte Treplew. Es war ein harsches, kaltes Lachen ohne jegliche Freude darin. Ein höhnischer Akt der Verspottung. Schließlich flüsterte er: "Wir leben so, weil wir alle von der Firma gebrochen wurden. Weil wir kaputtgegangen sind! Wir fristen unser Dasein hier, weil wir im Grunde kein Leben haben!"
Suma war zu überrascht von dem plötzlichen Sinneswandel seines Kollegen und auch Lumen starrte ihn nur verwirrt an.
Treplew ließ sich davon nicht beirren und machte munter weiter: "Sie fördern die Dummheit. Füttern die Köpfe der Kinder mit Holzwolle, damit keiner Fragen stellt. Jeder, der nicht in das System der Firma passt, landet hier! Und wenn wir nur wagen an Finn zu denken ..."
Lumen unterbrach ihn rasch: "Treplew! Wenn dich jemand hört, dann werden wir alle eingewiesen. Du weißt selbst was dort passiert!"
Da war wieder dieser Name: Finn, der verbotene Name. Suma hörte nun voller Spannung zu und bat Treplew, gegen Lumens Bedenken, weiter zu erzählen.
"Genau das meine ich", fuhr dieser fort, "Wir fürchten uns den Namen zu sagen, weil man uns dann in irgendeine Anstalt steckt und als Psychopathen einordnet!"
"Wer ist dieser Finn?", fragte Suma, entschlossen herauszufinden, was es mit diesem Namen auf sich hatte.
Lumen schüttelte traurig den Kopf: "Hört auf über Finn zu sprechen. Er ist nur eine Legende! Ein Märchen, ein Mythos, nennt es wie ihr wollt."
Treplew legte einen Finger vor seine Lippen, Mr. Angelus hatte den Raum betreten, dann zischte er: "Ich hole euch beide in der Nacht ab. Dann erzähle ich euch mehr!" Sein Blick wurde wieder hart und kalt. Lumen starrte unentwegt auf den Boden und Suma war mehr als erleichtert, als die Schicht endete.
Das Abendessen gestaltete sich sinnfrei und still wie immer: Suppe und Brot, dazu Wasser, welches einfach nur abgestanden schmeckte.
Die Sirene ertönte. Alle standen still auf, brachten das Tablett zurück und verschwanden in ihre Zimmer.
Suma fragte sich den ganzen Abend, wie Treplew sie abholen wollte. Er wartete aufgeregt, bis er schließlich einschlief.

"Ich bin Finn!"
"Wer?"
"Ich!"
"Wo bist du?"
"Nirgendwo!"
"Der Ort Nirgendwo?"
"Genau!"
Ein leichtes Beben schien die Firma zu erschüttern, dann wurde es stärker.
"Warst du das, Finn?"
"Ja! Die Verstoßenen kehren nach Zöne zurück!"
"Die Verstoßenen?"
"Ja, Wesen die lange nicht mehr durch diese Hallen streiften!"
"So etwas wie Fabelwesen?"
"Geister, und doch sind sie nicht tot! Du hast sie bereits gesehen!"
"Finn, wer bin ich?"
"Du bist der Sohn des Teufels!"
"Ha - Ha! Ich bin ein Mensch!"
"Nein, dein Vater war..."
"War was?"
"Erst wenn du angekommen bist!"
"Wo?"
"Nirgendwo!"

"Suma?", das Zischen von Treplew neben seinem Ohr ließ ihn aus diesem eigenartigen Traum hochschrecken. Treplew drückte ihm die Hand auf den Mund, bis er sich gefangen hatte. "Wie bist du … ?", wollte er fragen, aber Treplew unterbrach ihn: "Schlösser kann man knacken und ein Wachmann kann nicht zwei Ausgänge und ein kaputtes Fenster im Auge behalten. Keine Zeit für weitere Fragen, komm jetzt!"
Suma entdeckte Lumen, die aufgeregt in der Tür stand und von einem Bein aufs andere hüpfte. Sie folgten Treplew durch die stockfinsteren Gänge der Firma, in welchen er sich ohne Mühe zu orientieren schien.
Suma verkniff sich die Frage wie oft er sich in der Nacht schon nach draußen geschlichen hatte. Das dämmrige Licht des Mondes schien durch einen Riss in der Mauer des alten Gebäudes und die drei schlüpften dadurch hinaus, aber Treplew winkte ihnen sofort zu, damit sie ihm weiter folgten. Erst als sie mühsam über das Eisentor geklettert waren und einen kleinen gepflasterten Weg erreicht hatten, machte er Halt und setzte sich. Suma und Lumen taten es ihm gleich und noch bevor Treplew anfangen konnte zu erzählen platzte es aus Suma heraus: "Weißt du etwas über die Verstoßenen?"
Trotz der Dunkelheit konnte man erkennen, dass Treplew ihn mehr als misstrauisch musterte. Suma wich seinem Blick nicht aus, auch wenn seine Augen wieder zu brennen begannen.
"Wo kommst du her?", frage Treplew ihn schließlich mit einem beinah eisigen Hauch in seiner Stimme. Suma musste Lachen. Die Ironie war, dass er beinahe "Nirgendwo" gesagt hätte. Er fing sich wieder und antwortete: "Ich verfüge über keinerlei Gedächtnis."
Lumen musterte ihn nun auch kritisch: "Für jemanden der nichts weiß, stellst du viele eigenartige Fragen zu Themen, über die du nichts wissen solltest!"
"Bitte, wer ist dieser Finn?", Suma wusste sich nicht zu erklären, "Ich muss es erfahren. Ich träume von ihm!"
Ein Moment geprägt von unangenehmer bis angespannter Stille folgte. Schließlich seufzte Treplew: "Selbst, wenn du uns verarscht und für Dr. Jaseia spionierst, hast du schon zu viel gesehen, was solls also?" Lumen rieb sich die Oberarme und schien sich bei dem Gedanken daran, hier erwischt zu werden, selbst umarmen zu wollen.
"Ich lüge euch nicht an. Ich kann mich an nichts erinnern. Ich kenne nicht einmal meinen Namen, Suma stand auf der Schnapsflasche, die ich bei mir trug, als ich bei Dr. Jaseia wieder zu mir kam", Suma legte den Kopf schief, "Bitte, erzähl mir von Finn, Treplew. Ich möchte wissen, wessen Stimme ich in meinem Kopf höre! Als du mich geweckt hast, hat Finn in meinem Traum die Erde beben lassen und gesagt, ich muss nach Nirgendwo, zu den Verstoßenen ..."
Treplew seufzte erneut, dann begann er zu erzählen: "Legenden können wahr sein. In Argenshire ist es passiert. In Argenshire ist der Fluch, der noch auf Zöne liegt, durch Finn gebrochen worden. Es heißt sein Ziel ist es, alle Welten vom Bösen zu reinigen. Er wird dieses sinnlose System stürzen. Wir werden es erleben, dass weiß ich! Er wird an den Ort Nirgendwo zurückkehren und die Verstoßenen werden ihm dienen und mit ihnen wird er uns alle in eine neue Zeit führen!"
Suma war nun vollends verwirrt: "Warum sollte er dann genau zu mir sprechen?"
Lumen verdrehte die Augen: "Du bist vielleicht einfach nur ein Spinner!"
Suma gab es auf und er erzählte nun genauer von den Visionen und Stimmen, welche er gehört hatte. Von den Dingen, die er gesehen hatte und von dem Erdbeben, welches Finn ausgelöst hatte.
Plötzlich schienen sich die Ereignisse zu überschlagen: Der Alarm hinter ihnen in der Firma war ausgelöst worden. Schrille Sirenen ertönten und einige Scheinwerfer gingen an. Kaum hatten die drei den ersten Schrecken überwunden, begann die Erde unter ihren Füßen zu beben und sie wurden, durch die Wucht der Stöße, auf den Boden geworfen. Die ganze Welt schien aus den Nähten zu platzen. Der Boden riss auf und Staubwolken stiegen aus den neu entstandenen Schluchten empor.
"Was ist das?", schrie Lumen panisch, als sie sich wiederaufgerichtet hatte. Das Beben hatte an Kraft verloren.
"Ganz ruhig", Treplew war ebenfalls wieder auf den Beinen, "Es scheint ein ... Suma woher wusstest du?"
"Ruhig!", unterbrach Lumen ihn harsch, "Es wirkt, als hätte der ganze Kontinent einen fahren gelassen und du sagst ... Suma erzählte davon und es passiert ..."
Suma blickte teilnahmslos auf die Staubwolken, die durch die Schatten der Nacht wirbelten und langsam zu einem festen Umriss wurden.
"Schanolorkus!", flüsterte er. Treplew wurde sofort hellhörig und starrte in dieselbe Richtung: "Woher kennst du dieses Wort?"
"Schano-was?", fragte Lumen völlig entgeistert und starrte auf die seltsamen Wesen, die durch die Schatten nun ihre Kreise zogen. Sie wirkten immer noch körperlos, manifestierten sich aber immer mehr. Die schlangenähnlichen, weißen Körper glitten geisterhaft durch die Luft. Ihre runden Köpfe verfügten über nichts als ein Maul, aus dem lange Spitze Zähne ragten.
Sumas Augen begannen zu brennen. Sein Sichtfeld verkleinerte sich und der Schwindel kehrte zurück.

"Da sind sie!"
"Finn?"
"Ja."
"Aber warum? Ich verstehe nicht. Was sind die?"
"Du wirst verstehen!"
"Wann?"
"Wenn du dort bist!"
"Wo?"
"Nirgendwo!"
"Finn, wo ist Nirgendwo?"
"Diese Frage musst du dir selbst beantworten!"
"Finn?"
"Finn!?"

"Suma?", Treplew hatte ihn an den Schultern gepackt und schüttelte ihn "SUMA!?"
Suma sah sich um. Auf dem kleinen gepflasterten Weg und dem Eisentor hinter ihnen klebte etwas, was auf den ersten Blick auch rote Farbe sein hätte können.
Die geisterhaften Wesen, Schanolorkus, schwebten um sie herum, als Suma die rotgefärbten Zähne bemerkte, war ihm klar, dass es sich um Blut handeln musste. "Sie haben die Wachen getötet, die uns fangen wollten. Sie haben sie einfach mit Haut und Haaren gefressen, als sie dich nur angesehen haben!", flüsterte Lumen. Sie wirkte apathisch, stand wohl unter Schock. Suma starrte entsetzt auf die fliegenden Wesen, die immer dichter um ihn schwebten. Eines hielt vor ihm in der Luft und alle anderen taten es ihm gleich.
"Finn!", krächzte es, "Finn, Finn, Finn, Finn!"
"Hört auf!", brüllte Suma, "Ich kann es nicht mehr hören! Ich kann diesen Namen nicht mehr hören! Seid endlich still!"
Stille. Die seltsamen Wesen drehten noch einen letzten Kreis und verschwanden in der Dunkelheit.
"Wie hast du das gemacht?", Treplew packte Suma an den Schultern und fixierte ihn mit seinem Blick, "Wie kannst du einem Schanolorkus Befehle erteilen? Sie steuern? Du solltest nicht einmal ihren Namen kennen!"
Suma blickte sich hektisch um: "Ich war das nicht. Er war das. Er hat wieder zu mir gesprochen. Gerade eben, seine Stimme... Sie war in meinem Kopf!"
Lumen schien sich langsam wieder zu erholen: "Ich hoffe du weißt, wie verrückt das klingt? Es ist nie gut, Stimmen zu hören, die niemand sonst wahrnehmen kann!"
Treplew kratzte sich am Kinn, er schien angestrengt nachzudenken.
Suma blickte zurück auf die Firma. Die Sirenen heulten nach wie vor und es war nur eine Frage der Zeit bis mehr Wachen kommen würden.
Treplew schien denselben Gedanken zu haben, denn er deutete den beiden ihm über den Weg in den angrenzenden Wald zu folgen. Ohne ein weiteres Wort schlugen sie sich, als der Weg zu einem Trampelpfad wurde und schließlich ganz verschwand, durch das finstere Geäst. Erst auf einer kleinen Lichtung voller Moos und Sträucher machten sie Halt. Der Mond spendete nur wenig Licht, aber Suma konnte erkennen, dass Treplew sich zu ihm umgedreht hatte. Auch Lumen starrte ihn unentwegt an. Beide schienen sich Gedanken über seine letzte Äußerung zu machen.
"Warum sollte Finn genau zu dir sprechen?", fragte Treplew harsch, Lumen stimmte ihm nickend zu, "Wer bist du, dass er dich auserwählt hat?"
Suma wusste keine Antwort auf diese Frage, er starrte hinauf in den Himmel, wieder verschwamm der Mond vor seinen Augen ...

"Ich war das..."
"Finn..."
"Ja, nur ich kann diese Wesen steuern!"
"Aber was willst du von mir?"
"Komm zu mir, dann wirst du verstehen!"
"Wohin?"
"Immer dieselbe Frage ..."
"Wie soll ich Nirgendwo finden?"
"Eine bessere Frage!"
"Wie, Finn?"
"Lass dich von jenen hinführen, die verstoßen sind!"
"Verstoßene?"
"Es wird Zeit, den Schleier zu lüften und einen Blick hinter die Illusionen zu werfen!"
"Was meinst du damit?"
"Ich schenke dir das zweite Gesicht!"

"Finn?", Suma sah den Mond. Seine Augen schienen wieder zu funktionieren.
"Was meinst du jetzt schon wieder mit Finn?", fragte Treplew scharf.
Suma griff sich an den Kopf und raufte sich die Haare: "Das sagte ich bereits! Seit ich in der Firma angekommen bin, habe ich Visionen! Ich höre Stimmen, sehe Dinge, spreche mit Finn, und er sagt, ich muss zum Ort Nirgendwo kommen, um ihn zu finden!"
Treplew lachte verächtlich: "Soll das ein Scherz sein?"
Suma stampfte auf: "Es ist wahr! Er sagt die Verstoßenen sollen mich hinführen!"
Treplew schien ein Schauer über den Rücken zu fahren. Suma starrte nun ihn genauer an. Trotz der Dunkelheit schien sich sein Äußeres verändert zu haben. Lumen bemerkte seinen Blick und starrte verwirrt zwischen den beiden hin und her, ihr schien nichts aufzufallen. Suma wich plötzlich zurück: "Was?"
Treplew wirkte verunsichert, schaute zu Lumen, die sich aus der plötzlichen Verwirrung von Suma, was Treplews Anblick betraf, wohl auch keinen Reim machen konnte.
"Was bist du?", fragte Suma ihn nun direkt, "Was zum Teufel bist du?"
Von dem Bild des Mannes mit dem beinah weißen Haar schien nicht mehr viel übrig zu sein. Suma sah große schwarze Hörner auf seinem Haupt, eigenartige Zeichnungen auf seinem Hals und seine Augen glühten durch die Nacht in einem unheimlichen gelb. Sie schienen jedes bisschen Licht zu reflektieren.
"Ich schenke dir das zweite Gesicht", hörte Suma Finns Worte und begann zu verstehen, was er ihm da versprochen hatte: Klarsicht.
"Treplew, ich muss die Verstoßenen finden, damit sie mich nach Nirgendwo bringen. Und ich habe das Gefühl, dass du ganz genau weißt, wovon ich spreche!", erklärte Suma mit ernster, bestimmter Stimme. Er behielt Treplew, und vor allem seine Hörner, genau im Blick. Treplews gelbe Augen glühten auf. Zorn flackerte in ihnen: "Noch kein Mensch hat es jemals geschafft, die Verstoßenen zu finden, geschweige denn den Ort Nirgendwo zu betreten! Oder hinter die Illusion der Firma zu blicken!"
Lumen schien grenzenlos verstört über das Verhalten der beiden zu sein: "Was sieht Suma, was ich nicht sehe? Was sind die Verstoßenen?"
"Die Verstoßenen würden euch beide in Fetzen reißen!", empörte Treplew sich wütend.
"Wer bist du, dass du glaubst alles zu wissen?", schrie Suma ihn an, "Es ist so krank. Ich weiß auch nicht, was hier passiert, aber dein gehörnter Schädel ist sicher auch nicht Allwissend!"
Mit diesem Satz schien es ihm den Boden unter den Füßen wegzuziehen und er brach mitten auf der Lichtung zusammen.
Lumen eilte zu ihm: "Treplew, er ist bewusstlos, wie damals bei der Morgenbesprechung, was passiert hier? Von welchen Hörnen hat er gesprochen?"
Treplew kniete sich zu dem blonden Jungen auf den Boden und fühlte seine Stirn. Sie glühte. "Lumen, hol so viele große Äste wie du tragen kannst. Wir müssen hier verweilen. Ich werde alles erklären, aber noch ist nicht die Zeit dafür."
Lumen eilte sofort in den Wald, um zu tun, was man ihr aufgetragen hatte. Treplew musterte Suma argwöhnisch. Dieser Junge passte nicht in das Konzept dieser Welt. Er fragte sich, ob Finn ihn deswegen auserwählt hatte. Ob Finn ihn bewusst zu ihm gebracht hatte, um das Blatt in Zöne doch noch zu wenden. Nach all den Jahren der Verbitterung keimte ein Funken Hoffnung in ihm auf.

Comments

  • Author Portrait

    Absoluter Lesegenuss! Ich freue mich darauf, wie es weitergeht <3

beta
Fairy Dust

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